Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Die Adventszeit und der Sägemehl-Ofen

Die Adventszeit – als Kinder zuhause hatten wir sie als etwas Besonderes erlebt; da waren schon Heimlichkeit und eine gewisse Vorfreude auf das Weihnachtsfest, auf die Geschenke, die uns erwarteten. Große Gaben hatten wir in der Nachkriegszeit dabei nicht im Sinn, es waren vielmehr die Kleinigkeiten, die unser Herz erfreuten; vielleicht ein Stück Schokolade, vielleicht ein leckeres Plätzchen, das die Mutter oder Oma heimlich gebacken hatte... Und nun in Haigerloch? Da fiel einiges von der adventlichen Stimmung zuhause weg: Wir gingen fromm zu Gebet und Messe und am Nachmittag saßen wir dann nach der Erholung im Studiensaal und machten unsere Hausaufgaben. Im Kachelofen loderte das Feuer und wärmte uns. Das tat gut, besonders, wenn wir zwischendurch einen Blick aus dem Fenster wagten und auf die weiße Landschaft schauten, die sich um das Missionshaus herum ausgebreitet hatte. Und in der Erholungszeit, die Stunde nach dem Mittagessen oder die dreiviertel Stunde nach dem Abendessen, da konnte man dann Schlitten oder Ski fahren oder einen Schneemann im Hof bauen. Das brachte ein bisserl Abwechslung.



Skifahrt
Abb. 1: Skifahren war für viele Schüler selbstverständlich, hier am Hang hinter dem Stall. Wir als Städter aus Frankfurt taten uns da etwas schwer.
Skifahrt
Abb. 2: Manche Schüler waren damals schon kleine Profis. Ich erinnere mich an eine Biologiestunde, die wir als Skiwanderung absolviert hatten. Wenn ich mich recht erinnere, hieß der oben abgebildete Skifahrer Fend.

Schlittenfahrt

Abb. 3: Die Abfahrt auf dem Annaweg brachte ein besonderes Vergnügen, denn man hatte einen weiten Weg bis hinter den Stall. Wie an anderer Stelle berichtet, gab es auf dem Weg für Missionsschüler „gefährliche“ Erlebnisse.



Und dann stand ja der Nikolaustag an; da hatten wir Gedichte verfasst über unsere Mitschüler und diese über den Superior dem heiligen Mann zum Vorlesen bei seinem Besuch im Speisesaal zukommen lassen. Und man war gespannt, was der fromme Heilige alles über die Knaben wusste. Es gab ein süßes Getränk aus den Bembeln, die sonst mit Wasser gefüllt auf den Tischen standen. Und manche Mitschüler brachten auch etwas Gebäck mit, das ihnen die Eltern in einem Päckchen zum Nikolausfest geschickt hatten. Ich erinnere mich noch an den Beginn eines kleinen Versleins, das ein Mitschüler über mich verfasste:

„Da steht der Hajo groß und schlank und arbeitet an der Hobelbank
und macht dabei viel Dreck
für sein geplantes Orgelwerk…“

Ja, damals war ich schon gerne in der Werkstatt, die sich im Nebengebäude, hinter der ehemaligen Waschküche befand. Obendrüber waren die Zimmer der Hausangestellten, der Küchenmädchen. Der Werkraum war nicht allzu groß; an einer Seite stand ein großer Tisch, die Hobelbank und an der Wand hing eine Kiste mit Werkzeugteilen; ein Hammer, ein Schraubenzieher und noch ein wenig Krimskrams. Für jeden Handwerker wäre das Ganze eine Zumutung gewesen, aber für uns Pennäler schien das ein oder andere doch brauchbar. Wenn man den Raum betrat, dann stand rechts ein spezielles Gebilde; eine runde, silberne Eisentonne, die oben mit einem abnehmbaren Runddeckel abgedeckt war. An der Wandseite kam ein Ofenrohr heraus, das nach oben in die Wand führte. Und ganz unten war ein kleines eisernes Behältnis, einem Kästchen ähnlich, das sich vorn öffnen ließ. Dieses Gebilde war der Sägemehlofen. Offensichtlich hat diesen eine gute Seele der Umgebung den Missionaren zum Gebrauch überlassen, weil er einem neuen Wärmegerät in der eigenen Werkstatt weichen musste. Die Wärmeerzeugung setze eine gewisse Vorbereitung voraus. In die Mitte des eisernen Zylinders setzte man einen Rundstab ein gerade gewachsener Ast von etwa 10 cm Durchmesser, drumherum wurde Sägemehl eingefüllt und festgestampft. Dann wurde der Stab entfernt und es stand da nun ein dicker Sägemehlzylinder. Unten in dem kleinen Kästchen wurde mit Papier und Anbrennholz ein Feuer entfacht. Der Rauch und die Hitze strömt nun durch des Mittelloch nach oben, wo das Ofenrohr angebracht war. Dabei wurde das Sägemehl angebrannt und es klimmte an. Nach einer Zeit wurde die Ofenverkleidung außen warm und gab die Wärme an die Umgebung ab, sodass das Arbeiten im Raum erträglich wurde. Woher das Sägemehl kam, weiß ich nicht mehr genau zu sagen, einiges kam aus dem kleinen Holzschuppen rechts vom Nebengebäude. Hier wurde das Holz für die Öfen in den Patreszimmern gesägt und geschnitten.
Damals in der Adventszeit wurde dieser Raum öfter als sonst genutzt: Manche Knaben bastelten sich für zuhause eine Krippe, bestehende aus Geäst und Moos. Beides fand sich unweit des Missionsgeländes, entweder oberhalb des Annawegs oder hinten am Stall vorbei außerhalb im kleinen Wäldchen. Einige wenige der höhlenartigen Krippen fanden dann den Weg in das eigene Heim. Das war freilich nur möglich, wenn man von den Eltern mit dem Auto abgeholt wurde. Ein solches Machwerk über die Schwäb‘sche Eisenbahne in die eigenen vier Wände zu transportieren, war nahezu unvorstellbar. Ich meine, einigen Knäblein ist dies trotzdem gelungen.
Ansonsten gab es immer mal wieder einen Auftritt für unseren Chor des Missionshauses bei einem Adventsgottesdienst in einer der drei Haigerlocher Kirchen. P. Schröter zog dann als Musikus mit den Schülern zum großen Auftritt in das jeweilige Gotteshaus. Und die Leute bewunderten die Missionsknäblein, die so wunderschön singen konnten und die Herzen der Zuhörer erfreuten. Und wenn der in weiß gewandete Pater dann die Schüler gekonnt dirigierte, kam man sich wie im Himmel vor, wo ein himmlisch weiß gekleideter Engel die holden Heerscharen zum göttlichen Gesang anregte. Und so manches Tränchen ist dann still und scheinbar unsichtbar herabgetropft und man kam damit der ewigen Glückseligkeit ein Stückl näher. Und es war auch üblich, dass bei einem dieser musikalische Events Meister Schröter in die Orgeltasten griff und so die Zuhörer verzauberte. Und für manchen kam dann ein Stück Himmel auf Erden. Das war in der damaligen Zeit auch bitter nötig, denn der zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken und Nöten lag erst ein gutes Jahrzehnt hinter uns und der Wiederaufbau hatte noch nicht alle Menschen erreicht.


Programm
Abb. 4: Das Programm des vorweihnachtlichen Musizierens in der Haigerlocher Schlosskirche. Hier ist, wie damals noch üblich, P. Schröter als Hochwürdigster Herr aufgeführt..

Ob bei uns heute die Vorweihnachtszeit etwas von dem damaligen Zauber verloren hat, weiß ich nicht. Sicher ist, dass heute vieles anders ist. Die altehrwürdigen Lieder und Gesänge sind noch verblieben, werden aber von vielen englisch/amerikanischen Songs und Chören zunehmend in die Enge getrieben. Gottesdienst, in denen die traditionellen Lieder vorkamen, sind heute selten geworden. Allenfalls sind es die Weihnachtsfeiern der Senioren, bei denen die Lieder von früher erklingen. Wie ich es erlebe, werden in manchen Kirchen keine Krippen mehr aufgebaut, sei es, dass es keine Küster oder Helfer mehr gibt, sei es, dass die Kirchen nicht mehr geöffnet sind, weil keine Gottesdienste mehr dort stattfinden. In unserer Familie wird zwar noch viel in alter Tradition gefeiert, aber die Kinder oder besser gesagt die jungen Erwachsenen haben anderes im Kopf. Und „weiße Weihnachten“ ist heute auch zur Seltenheit geworden, wenigstens in unserer Region.
Schön ist, wenn dann wenigstens die Erinnerung an Haigerloch und die dortige Adventszeit aufkeimt. Damals war es doch irgendwie schön, heute hat diese Festzeit einen anderen Charm, ist aber trotzdem auch schön, halt nur anders.

Stadecken, am Nikolaustag 2025

Hajo Stenger