Die Adventszeit und der Sägemehl-Ofen
Die Adventszeit – als Kinder zuhause hatten wir sie als etwas Besonderes erlebt; da waren schon Heimlichkeit und eine gewisse Vorfreude auf das Weihnachtsfest, auf die Geschenke, die uns erwarteten. Große Gaben hatten wir in der Nachkriegszeit dabei nicht im Sinn, es waren vielmehr die Kleinigkeiten, die unser Herz erfreuten; vielleicht ein Stück Schokolade, vielleicht ein leckeres Plätzchen, das die Mutter oder Oma heimlich gebacken hatte... Und nun in Haigerloch? Da fiel einiges von der adventlichen Stimmung zuhause weg: Wir gingen fromm zu Gebet und Messe und am Nachmittag saßen wir dann nach der Erholung im Studiensaal und machten unsere Hausaufgaben. Im Kachelofen loderte das Feuer und wärmte uns. Das tat gut, besonders, wenn wir zwischendurch einen Blick aus dem Fenster wagten und auf die weiße Landschaft schauten, die sich um das Missionshaus herum ausgebreitet hatte. Und in der Erholungszeit, die Stunde nach dem Mittagessen oder die dreiviertel Stunde nach dem Abendessen, da konnte man dann Schlitten oder Ski fahren oder einen Schneemann im Hof bauen. Das brachte ein bisserl Abwechslung.

Abb. 3: Die Abfahrt auf dem Annaweg brachte ein besonderes Vergnügen, denn man hatte einen weiten Weg bis hinter den Stall. Wie an anderer Stelle berichtet, gab es auf dem Weg für Missionsschüler „gefährliche“ Erlebnisse.
Und dann stand ja der Nikolaustag an; da hatten wir Gedichte verfasst über unsere Mitschüler und
diese über den Superior dem heiligen Mann zum Vorlesen bei seinem Besuch im Speisesaal zukommen
lassen. Und man war gespannt, was der fromme Heilige alles über die Knaben wusste. Es gab ein süßes
Getränk aus den Bembeln, die sonst mit Wasser gefüllt auf den Tischen standen. Und manche Mitschüler
brachten auch etwas Gebäck mit, das ihnen die Eltern in einem Päckchen zum Nikolausfest
geschickt hatten. Ich erinnere mich noch an den Beginn eines kleinen Versleins, das ein Mitschüler
über mich verfasste:
„Da steht der Hajo groß und schlank und arbeitet an der Hobelbank
und macht dabei viel Dreck
für sein geplantes Orgelwerk…“
Ja, damals war ich schon gerne in der Werkstatt, die sich im Nebengebäude, hinter der ehemaligen
Waschküche befand. Obendrüber waren die Zimmer der Hausangestellten, der Küchenmädchen. Der Werkraum
war
nicht allzu groß; an einer Seite stand ein großer Tisch, die Hobelbank und an der Wand hing eine
Kiste
mit Werkzeugteilen; ein Hammer, ein Schraubenzieher und noch ein wenig Krimskrams. Für jeden
Handwerker
wäre das Ganze eine Zumutung gewesen, aber für uns Pennäler schien das ein oder andere doch
brauchbar.
Wenn man den Raum betrat, dann stand rechts ein spezielles Gebilde; eine runde, silberne Eisentonne,
die
oben mit einem abnehmbaren Runddeckel abgedeckt war. An der Wandseite kam ein Ofenrohr heraus, das
nach
oben in die Wand führte. Und ganz unten war ein kleines eisernes Behältnis, einem Kästchen ähnlich,
das
sich vorn öffnen ließ. Dieses Gebilde war der Sägemehlofen. Offensichtlich hat diesen eine gute
Seele
der Umgebung den Missionaren zum Gebrauch überlassen, weil er einem neuen Wärmegerät in der eigenen
Werkstatt weichen musste. Die Wärmeerzeugung setze eine gewisse Vorbereitung voraus. In die Mitte
des
eisernen Zylinders setzte man einen Rundstab ein gerade gewachsener Ast von etwa 10 cm Durchmesser,
drumherum wurde Sägemehl eingefüllt und festgestampft. Dann wurde der Stab entfernt und es stand da
nun
ein dicker Sägemehlzylinder. Unten in dem kleinen Kästchen wurde mit Papier und Anbrennholz ein
Feuer
entfacht. Der Rauch und die Hitze strömt nun durch des Mittelloch nach oben, wo das Ofenrohr
angebracht
war. Dabei wurde das Sägemehl angebrannt und es klimmte an. Nach einer Zeit wurde die
Ofenverkleidung
außen warm und gab die Wärme an die Umgebung ab, sodass das Arbeiten im Raum erträglich wurde. Woher
das
Sägemehl kam, weiß ich nicht mehr genau zu sagen, einiges kam aus dem kleinen Holzschuppen rechts
vom
Nebengebäude. Hier wurde das Holz für die Öfen in den Patreszimmern gesägt und geschnitten.
Damals in der Adventszeit wurde dieser Raum öfter als sonst genutzt: Manche Knaben bastelten sich
für
zuhause eine Krippe, bestehende aus Geäst und Moos. Beides fand sich unweit des Missionsgeländes,
entweder oberhalb des Annawegs oder hinten am Stall vorbei außerhalb im kleinen Wäldchen. Einige
wenige
der höhlenartigen Krippen fanden dann den Weg in das eigene Heim. Das war freilich nur möglich, wenn
man
von den Eltern mit dem Auto abgeholt wurde. Ein solches Machwerk über die Schwäb‘sche Eisenbahne in
die
eigenen vier Wände zu transportieren, war nahezu unvorstellbar. Ich meine, einigen Knäblein ist dies
trotzdem gelungen.
Ansonsten gab es immer mal wieder einen Auftritt für unseren Chor des Missionshauses bei einem
Adventsgottesdienst in einer der drei Haigerlocher Kirchen. P. Schröter zog dann als Musikus mit den
Schülern zum großen Auftritt in das jeweilige Gotteshaus. Und die Leute bewunderten die
Missionsknäblein, die so wunderschön singen konnten und die Herzen der Zuhörer erfreuten. Und wenn
der
in weiß gewandete Pater dann die Schüler gekonnt dirigierte, kam man sich wie im Himmel vor, wo ein
himmlisch weiß gekleideter Engel die holden Heerscharen zum göttlichen Gesang anregte. Und so
manches
Tränchen ist dann still und scheinbar unsichtbar herabgetropft und man kam damit der ewigen
Glückseligkeit ein Stückl näher. Und es war auch üblich, dass bei einem dieser musikalische Events
Meister Schröter in die Orgeltasten griff und so die Zuhörer verzauberte. Und für manchen kam dann
ein
Stück Himmel auf Erden. Das war in der damaligen Zeit auch bitter nötig, denn der zweite Weltkrieg
mit
all seinen Schrecken und Nöten lag erst ein gutes Jahrzehnt hinter uns und der Wiederaufbau hatte
noch
nicht alle Menschen erreicht.

Ob bei uns heute die Vorweihnachtszeit etwas von dem damaligen Zauber verloren hat, weiß ich nicht.
Sicher ist, dass heute vieles anders ist. Die altehrwürdigen Lieder und Gesänge sind noch
verblieben,
werden aber von vielen englisch/amerikanischen Songs und Chören zunehmend in die Enge getrieben.
Gottesdienst, in denen die traditionellen Lieder vorkamen, sind heute selten geworden. Allenfalls
sind
es die Weihnachtsfeiern der Senioren, bei denen die Lieder von früher erklingen. Wie ich es erlebe,
werden in manchen Kirchen keine Krippen mehr aufgebaut, sei es, dass es keine Küster oder Helfer
mehr
gibt, sei es, dass die Kirchen nicht mehr geöffnet sind, weil keine Gottesdienste mehr dort
stattfinden.
In unserer Familie wird zwar noch viel in alter Tradition gefeiert, aber die Kinder oder besser
gesagt
die jungen Erwachsenen haben anderes im Kopf. Und „weiße Weihnachten“ ist heute auch zur Seltenheit
geworden, wenigstens in unserer Region.
Schön ist, wenn dann wenigstens die Erinnerung an Haigerloch und die dortige Adventszeit aufkeimt.
Damals war es doch irgendwie schön, heute hat diese Festzeit einen anderen Charm, ist aber trotzdem
auch
schön, halt nur anders.
Stadecken, am Nikolaustag 2025
Hajo Stenger