Es war mal widder schee – Klassentreffen in Beuron
von Hajo Stenger
Eigentlich viel zu früh für Pensionäre: morgens 5 Uhr. Aber das hatte natürlich einen Grund, denn
Mechthild und Hajo wollten zum Klassentreffen nach Beuron aufbrechen. Die Entfernung ist zwar nicht
weit, nur ca. 300 km, aber die Straßen- und Verkehrsverhältnisse sind nicht einfach berechenbar.
Daher war es geboten, im Morgengrauen im Selztal aufzubrechen und in Richtung Süden zu starten. Noch
waren nur wenige Autos auf der Autobahn unterwegs, aber mit aufgehender Sonne wurden zunehmende
PS-Reiter aufgerüttelt und am Alzeyer Kreuz merkten wir, dass der deutsche Autobahnverkehr schon
erwacht war. Trotzdem ging es gut voran. Glücklicherweise ist diese Autostraße durch eine
Geschwindigkeitsbegrenzung reguliert, sodass die großen PS-Ritter ihre Karossen nicht ausreizen
konnten. Viel wichtiger aber war, dass keine Staus auftraten, die die Lust am Fahren minimiert
hätten.
An einer Raststätte wurde dann nach etwa 150 km die kleine Provianttasche geöffnet und in aller
Gemütsruhe einige Kalorien nachgelegt. Über Neustadt kamen wir zunehmend unserem Ziel näher,
allerdings mussten zwei schwierige Klippen überwunden werden: Pforzheim und Stuttgart. Wir hatten
zwar gehofft, dass der Spruch DIE SCHWABEN KÖNNEN ALLES auch auf den Verkehr in dieser Region
zutrifft, aber wir mussten feststellen, dass diesem Dictum der Nachsatz fehlt MIT AUSNAHME VON BAHN-
UND STRASSENVERKEHR. Was die Bahn angeht, braucht man nur an den Stuttgarter Bahnhof zu denken und
was die Straßen angeht, sind die miserablen Verkehrs- und Bauverhältnisse rund um Pforzheim und
Stuttgart einmalig außergewöhnlich. Geduld ist das einzige Epitheton, was hierher passt. Trotz allem
hat es unser Navi geschafft, uns den richtigen Weg zu weisen und wir strahlten auf, als wir endlich
auf der BAB 81 in Richtung Singen waren. Jetzt schien die Sonne wieder beglückend am Himmel und wir
konnten die Schönheiten des Schwabenlande bewundern. In Empfingen sollten wir die Autobahn verlassen
und uns auf Landstraßen begeben. Schließlich kamen wir an Bittelbronn und Haigerloch vorbei. Die
Anzeigenschilder weckten Erinnerungen: In Bittelbronn gab es die Orgelbauwerkstatt Stehle, die bei
mir den Orgelvirus entzündet hat, und die Bedeutung von Haigerloch ist für mich quasi ein
Existenzial. Ab Balingen begann die eigentliche Bergtour: Über kurvenreiche Strecken schlängelte
sich der Weg langsam, aber sicher ins Donautal. Und damit es nicht langweilig wird, gab es immer
wieder kleine Baustellen, Straßensperren und Umleitungen, sodass unser Navi wiederholt kurz in
Verwirrung geriet und seinen Dienst einstellte. Trotzdem irgendwann erschien der Name Beuron auf
einem Hinweisschild und wir wussten, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Endlich gegen 11 Uhr
erblickten wir den Kirchturm des Klosters und waren froh, dass wir unbeschadet das Ziel erreicht
hatten.
Am offiziellen großen Parkplatz sind wir vorbeigefahren und bemerkten rasch die vielen nummerierten
Parkflächen in der Nähe des Klostereingangs. Da die meisten frei waren, nutzen wir die Gelegenheit,
hier unser Auto abzustellen. Ein kurzes Gespräch an der Pforte machte uns klar, dass wir zu früh
waren und wir sollten bis 14 Uhr wie vereinbart warten. Nachdem wir unseren Organisator Günther
Konstanzer angerufen hatten, bekamen wir den Hinweis, dass es sinnvoll ist, im Gasthof Pelikan zu
Mittag zu essen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war der Eingang und wir befanden uns in
einer absolut leeren Wirtschaft. Glücklicherweise trafen wir auf eine nette, junge Bedienung, die
uns versicherte, dass der Koch in der Küche bereitstehe, um unseren Hunger zu stillen. Wir
bestellten neben erfrischenden Getränken Flammkuchen und Käsespätzle und stellten schnell fest, dass
sich nicht nur der Gastraum, sondern auch die Außenplätze zunehmend mit Gästen füllten. Schließlich
kam eine Gruppe an den Nachbartisch, die von einem Klosterbruder bereichert wurde. Wie üblich stand
nach dem Mittagessen der erholende Mittagsschlaf an. Wir holten eine Decke aus dem Auto und legten
uns auf eine schattige Wiese unweit des Restaurants. Dass wir hier nach der weiten Autofahrt
einschlafen werden, war bei der unbequemen Unterlage nicht gerade selbstverständlich und wenn nicht
das Telefon dank eines Anrufs von Günther geklingelt hätte, hätten wir einige Stunden in
horizontaler Lage verbracht. Nun war es so weit: Das Klassentreffen konnte beginnen. Neben Günther
Konstanzer und Frau Christel, sowie P. Albert Schrenk standen Gustl Teichmann mit seiner Frau
Brigitte in der Nähe des Klostereingangs. Nach dem großen, herzlichen Begrüßungshallo verkündete
Günther, der wieder einmal alles organisiert hatte, die nächsten Handlungsanweisungen. Wir gingen
über die Pforte in das Gästeempfangsbüro und holten dort unsere Zimmer- und Hausschlüssel ab. Dann
bezogen wir unsere Räumlichkeiten und versammelten uns zum Nachmittagskaffee im Gästespeisesaal.
Günther empfahl eine kleine Wanderung zur ca. 3 km entfernten St. Maurus Kapelle. Das fand
allgemeine Zustimmung und so machten wir uns auf den Weg. Streckenweise brannte die
Nachmittagssonne, aber schon sehr schnell kamen wir auf schattige Waldwege. Gut, dass einige ihre
Wanderstöcke dabeihatten. Andere Wanderer waren kaum zu sehen. Schließlich gelangten wir auf den
offiziellen Donauradweg. Hier wurden bei Mechthild und Hajo Erinnerungen an ihre Radtour nach Beuron
und ins Donautal mit dem Flötenkreis im Jahr 2002 wach.
Nach etwa einer Stunde erreichten wir die St. Maurus Kapelle oberhalb des Radweges. Hier waren
gerade 2 Brüder von Beuron beschäftigt, die Kapelle für den Gedenkgottesdienst zum Fest des Heiligen
Maurus am nächsten Tag herzurichten. Sie ist im besonderen Beuroner Kunststil als Erstlingswerk
gebaut und ausgemalt. Desiderius Lenz – übrigens ein gebürtiger Haigerlocher – hat hier christliche,
byzantinische und altägyptische Element zu einer eigenen Harmonie zusammengeführt. Der Bau war 1871
eingeweiht worden. Einige von uns machten sich auf dem Fußweg zurück, während andere dort warteten,
bis Günther sie später mit dem Auto abholte. Zum Abendessen waren wir wieder komplett zurück im
Kloster, anschließend saßen noch einige zusammen und erzählten aus früheren Tagen.
Der Samstag begann um 8.00 Uhr mit dem gemeinsamen Frühstück. Günther schlug eine kurze Autofahrt
zum Berggasthof Knopfmacher vor. Dies wurde allgemein begrüßt und so starteten wir alsbald. Dabei
durften die Regenschirme nicht fehlen, denn der Himmel war noch wolkenverhangen und die ersten
Regentropfen fielen. Und als wir nach kurzer Fahrt die PKWs verließen, mussten wir rasch ins
Gasthaus huschen, weil der Regen nun an Dynamik gewonnen hatte. Was machen wir nun? – Es bot sich
ein kleiner Frühstücksimbiss mit Tee und Schokotrunk an. Schließlich konnten wir trockenen Fußes zum
Aussichtspunkt hoch über dem Donautal gehen. Der Ausblick hat sich echt gelohnt: Die Sonne begann zu
strahlen und im Tal tauchten in der Ferne die Klostergebäude auf. Da es inzwischen schon gegen
Mittag ging, mussten wir den Heimweg antreten, um pünktlich wieder in den heiligen Hallen zu sein.
Hier warteten leckere Spagetti in Olio auf uns. Die anschließende Mittagspause konnte nur zeitlich
begrenzt ausfallen, denn um 14.00 Uhr stand die Kirchenführung auf dem Programm. Der Pater
erläuterte zunächst die lange Geschichte des Klosters und erklärte die barocken Gemälde der Kirche,
die vor etwa 1000 Jahren von Augustiner Patres grundgelegt wurde. Das heutige Gebäude stammt aus der
Barockzeit und hat auch die entsprechende Ausstattung. Dabei fällt das Altarbild gravierend aus dem
Rahmen. Es zeigt die Krönung Mariens und ist im Beuroner Kunststil gemalt. In den zwanziger Jahren
hatte die Ausführung zu einem Aufstand im Konvent geführt, denn viele Brüder wollten den
Barockaufbau erhalten, während andere das neue Bild präferierten. Man hatte dann daran gedacht, im
neuen Malstil die gesamte Kirche auszustatten. Dazu ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Nur die
marianische Seitenkapelle ist noch umgestaltet worden. Als Höhepunkt durften wir auf der großen
Klais-Orgel der Kirche spielen.
Nach diesem bemerkenswerten Kunstgenuss gingen wir zum Kaffee in den Speisesaal. Hier war Mechthild
mit ihrem ehemaligen Klassenkameraden Bruder Jakobus OSB, der als Einsiedler in einer Eremitage ca.
30 km vom Kloster entfernt lebt, im Gespräch vertieft. Außerdem war inzwischen Alfred Epple, unser
Klepfermeister, eingetroffen und bereicherte uns mit seinem Besuch. Im Lauf der Gespräche ergab sich
eine intensive Diskussion über die Frage, wie es zu dem Ausdruck „Klepfer“ für die Missionsschüler
gekommen war. Alfred hat die Thematik aufgegriffen und berichtet auf unserer Homepage darüber. - Das
Wetter war gut, sodass sich ein Spaziergang durch die Obstanlage des Klosters lohnte. Um 18 Uhr
wallten wir dann in die Kirche zur Vesper und nahmen am lateinischen Chorgesang der Mönche teil.
Da
Bismarckheringe nicht jedermanns Geschmack sind, hat uns dankenswerterweise der Küchendiener noch
die Suppe vom Nachmittag auf unseren Tisch gestellt, was uns sehr erfreut hat.
Der Sonntag begann wieder um 8.00 Uhr mit dem opulenten Frühstück: Während die Süddeutschen um 8.45
Uhr zur Messe in die Kirche gingen, mussten sich Mechthild und Hajo schon wieder auf den Weg in
Richtung Mainz machen. Es war in der Tat wieder einmal schön und herrlich, in vertrauter Runde die
alten Zeiten neu aufleben zu lassen.
6.9.2026
Hajo Stenger