Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Blick zurück

Ein langer Blick zurück

von Raimund Pousset

Nihil est annis velocius. - Nichts Schnelleres gibt es als die Jahre, sagt uns Ovid. Wirklich ganz zu recht, wenn wir uns bei unserem Treffen am 21. Juni 2014 umschauen werden. War’s nicht erst gestern, dass das Fress-Paket von zu Hause ankam, dass die Griechisch-Arbeit geschrieben und das Fußballspiel verloren wurde? Ich habe das Missionshaus nach vier Jahren im Herbst 1963 verlassen. Die Beatles gingen kurz drauf auf ihre World-Tour und aus dem Radio tönte täglich der Beat, der Aufbruch und Freiheit versprach: „Sie liebt Dich…“ und: „Komm, gib mir Deine Hand …“. Das war jetzt vor 50 Jahren; ich wurde „nach Hause“ entlassen, wie es im dicken Schülerverzeichnis von Pater Superior handschriftlich notiert ist. Für manche von uns sind es auch etwa 50 Jahre, dass wir einander nicht gesehen haben, nachdem wir doch viele Jahre Liebe und Leid, Singen und Silentium oder Büffeln und Bolzen miteinander geteilt habe. Dass wir den Beginn der „Odyssee“ Homers pauken mussten (und vielleicht sogar erinnern?): „Ἄνδρα μοι ἔννεπε …“1 . Oder die ThermopylenInschrift wahlweise auf Griechisch oder Latein zitieren konnten – oder gar heute noch können. In Griechisch: „Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν ...“ 2 und in Latein: „Dic, hospes, Spartae Spartae te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur .“

Weit weg von allem Griechisch und Latein platzte dann im Frühjahr 2014 die schöne Einladung von P. Franz Pfaff, selbst ein alter Missionsschüler, zum 111. Jubiläum des Missionshauses. Er hatte gesehen, dass etwas getan werden musste, denn, wie Molière sagt: „Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“. In Vorbereitung auf diesen Festtag gingen mir drei Fragen durch den Kopf:

  • „Was zieht mich ins Missionshaus nach Haigerloch?“
  • „Was haben wir gemeinsam von Haigerloch mitgenommen?“
  • „Was können wir wohl vom Treffen 2014 mitnehmen?“

Wir haben damals sicher alle etwas erlebt, das uns heute zu unserer alten alma mater hintreibt, die keineswegs immer nur „gütig“ mit uns umgesprungen ist. Wir hatten im Missionshaus durchaus unsere „Feuerzangenbowle“ life. Die Klepfer-Website von Alfred Epple hat dazu mittlerweile Einiges versammeln können. Aber: wir kennen auch Einsamkeit, Demütigungen, Druck oder Schlag- und Schatten-Seiten. Wir haben im Schatten der mächtigen geistlichen Autorität zwangsläufig das Ende der Kindheit und den Beginn der Jugend mit ihrer Jungbullen-Periode der Pubertät erlebt. Welch ein strenger Hormonduft muss in den Schlafsälen wohl den Äther geschwängert haben!? Eine normale Periode also, ist aber in unserer Erinnerung stark mit diesem alten - nunmehr gänzlich umgebauten - Kasten verbunden. Von jedem mit eigenen Erinnerungen, Bildern und Gefühlen belegt. Gern hätte ich z.B. mit Hans-Werner Bippus die Gründungsurkunde unserer hochgeheimen und noch höher eingeschätzten Privat-Detektei aus dem Altar im Oratorium geborgen, doch dort stößt man statt der drei kleinen Altäre nur noch auf ein trostloses Materiallager. Soweit die Nostalgie! Aber - und so geht es mir besonders, da ich schon einige Male hierher zurückgekehrt bin - ich bin auch neugierig auf die andern, die ich aus den Augen verloren habe. Was ist aus denen geworden, die ich nicht mehr traf, die wir einst an den Marterpfahl fesselten, die sich gegenseitig nicht verraten haben oder mit denen wir auf dem Schlitten verunglückten? Und vielleicht erfahre ich bei so einer Gelegenheit auch etwas Neues über mich. Was ich nie wahrnahm, vergaß oder verdrängte. Nach der Schule, sei es nach unserem Ausscheiden oder in Rietberg, Großkrotzenburg, Königstein und Hechingen, sind wir, wie es so schön heißt, „hinaus ins Leben“ gegangen, jeder ging seinen eigenen Pfad. Unsere meist akademische Berufswahl fiel so bunt und vielfältig aus, wie die Einrichtung unserer Schlafsäle spartanisch und farblos gewesen war. Nur ein Zehntel von uns ging schließlich als Afrikamissionar in den schwarzen Erdteil, ging den Weg, den jeder einmal hatte gehen wollen. Der Weg, bei dem sich Studium, geistlicher Beruf und Abenteuer aufs Schönste miteinander verbanden. Einer der großen Mühlsteine auf dem Weg zur Primiz war aber sicher für viele der Zölibat; so war es nicht verwunderlich, dass manche von uns lieber Lehrer oder Ärzte wurden. Manche hielten später auch mehr oder weniger Kontakt, sahen bei Klassentreffen oder privat in Zeitsprüngen Familien wachsen, den BMI zulegen und die Haarpracht schrumpfen. Ich gehöre auch zu den wenigen, die nach Afrika gingen. Nicht als Weißer Vater oder Missionar, sondern in etwa 25 längeren Urlauben und in einem Sabbatjahr, das ich als Lehrer nehmen konnte, bin ich nach Kenya gezogen. Im Nachbarland Uganda war Franz lange Missionar gewesen und in Ruanda ist ja unser Otto Mayer immer noch stationiert. Nun nicht mehr in einer „Mission“, sondern in einer Pfarrei – unter einem schwarzen Bischof. Eine großer Wandel, wie auch heute der Generalobere der Weißen Väter schwarz ist. Dieser letztlich innere Wandel der Einstellung zu Afrika, nicht beim Alten zu bleiben und die Afrikaner als gleichberechtigte Partner zu sehen, ist für die Weißen Väter nötig gewesen, wenn sie überleben wollten. Lampedusa hat diese Notwendigkeit in dem berühmten Motto aus seinem Roman “Der Leopard“ 1982: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ das viel ältere Paradoxon des katholischen Theologe und Philosophen Franz von Baader (1765-1841) aufgegriffen.
Eng seit 1968 mit einem schwarzen Ex-Priester und heutigem Politiker sowie einem Bischof samt der jeweiligen Großfamilien befreundet, beide aus Kenya, konnte ich erleben, wie sich im Missionierungsdrang nicht nur Hilfe und Humanität, sondern auch Herrenmenschentum, Rassismus und Kolonial-Ideologie verstecken konnten. Wir Weißen brachten Wahrheit und Erlösung für die in Afrika in Dunkelheit Schlummernden; dafür war und würde der Afrikaner uns dankbar sein. Ich erinnere mich noch gut an das Nick-Negerchen in den Weihnachtskrippen der Kirchen, das dankbar mit dem Kopf wackelte, wenn wir als Kinder freudig eine Münze hineinwarfen. Von unserem ethnozentrischen Standpunkt waren wir ungebremst überzeugt. Ein sehr frühes Buch oder die Gedanken des deutschen Ethnologen Leo Frobenius (1873 – 1938), der in „Kulturgeschichte Afrikas: Prolegomena zu einer historischen Gestaltlehre“ Afrika als wertvollen und eigenständigen Kulturraum begriffen hatte, waren uns gänzlich unbekannt. Der Kenianer John Mbiti, protestantischer Priester und Professor, hatte sein „African Religions and Philosophy“ noch nicht geschrieben, aber wir wussten schon vorher, dass dort, wo wir hinwollten, es weder Religionen noch Philosophie geben würde. Ob diese anderen Gedanken unsere Lehrer wenigstens kannten? Wir Schüler schöpften unsere Ansichten und Träume bevorzugt aus der Überlieferung, etwa aus den Erzählungen der echten Afrika-Kerle, die uns auf Heimaturlaub mit ihren Erzählungen zu begeistern verstanden. Wer könnte vergessen, wie einer dieser Helden den Ärmel der Gandura hochkrempelte und uns den völlig vernarbten Arm zeigte, mit dem er in den Rachen eines angreifenden Löwen gefahren war und ihn erstickt hatte. So wollten wir auch werden! Wir wussten nur, das aber umso sicherer: es galt nackte Heiden, die höchstens an Ahnen und Geister glaubten, im tiefsten Busch und in Wüste zu unserem Gott bekehren. Bei einigen von ihnen hatte das ja auch schon gut geklappt. Gelegentlich schaute sogar ein schwarzer Bischof bei uns vorbei – so Bischof Michel Ntuyahaga 1960 - und ein weißer Weißer Vater ging vor ihm hier auf dem Innenhof in die Knie. Ich habe ihm nach seinem Besuch einen heute fast altmodischen Luftpost-Brief nach Burundi geschrieben und er hat darauf mit schönen bunten Briefmarken geschmückt sogar geantwortet. Unsere spätere malerische Kleidung der „Weißen Väter“, die nordafrikanische Gandura, der Burnus und die rote Schechia, wäre wohl weniger eine einfühlsame Kleidung, als vielmehr eine listenreiche Verkleidung gewesen. Und wir wussten noch nicht, dass auch Missionare Politik, Kolonialpolitik allzumal, machen konnten und würden.
Ich selbst musste mich ebenfalls an die neue Zeit anpassen lernen, was mir aufgrund von inniger Freundschaft zu Schwarzafrikanern ganz gut gelungen ist. Wo mein Onkel Raimund mit Rommels Armee noch Nordafrika erobert hatte, mietete ich mir am Flughafen von Nairobi einen Wagen, als ich 1979 das erste Mal nach Afrika kam. Eines der wichtigsten afrikanischen Bücher las ich dort nicht nur mit größtem Interesse, sondern übersetzte es auch ins Deutsche: „Song of Lawino“ und „Song of Ocol“. Der ugandische Autor Okot p'Bitek geht darin hart mit den christlichen Missionaren ins Gericht. Ich habe einige davon später kennengelernt. Und einige, die so waren, wie ich hätte sein wollen, hat p’Bitek nicht erwähnt. Unsere Familie, erst unsere Mutter, dann besonders mein Schulkamerad und Bruder Meinolf, gründete einen Hilfsverein für Afrika (e.V.). Wir haben über viele Jahre gezielte – aber immer zu geringe - Hilfe meist in Kenya geleistet. Als Studentenvertreter für Biafra zu sammeln, war 1969 selbstverständlich und später reiste ich als Lehrer jedes zweite Jahr mit einem Seminarkurs des Gymnasiums für drei Wochen nach Kenya. Daraus entstand eine Schulpartnerschaft mit einer katholischen Schule meines Freundes (des Bischofs), die heute noch lebt. Auch ganz privat hinterließ Afrika Spuren; so trägt unsere Tochter auch einen afrikanischen Namen und die Wohnung einigen afrikanischen Schmuck. Das sind Dinge und Einstellungen, die ich im Kern wohl hier aus dem Missionshaus mitgenommen habe. Manches daran war für mich innerlich zu bearbeiten und anzupassen. „Theologisiert“ habe ich den Komplex jedoch nie. Doch die allermeisten von uns gingen ja nicht nach Afrika, sondern blieben hier in Europa, vielleicht mit einer kleinen Schleife ins Ausland, wie Alfred Epple, der seinen Auslandsschuldienst in Argentinien absolvierte. Viele von uns Nachkriegsgeborenen haben als ihre bewegendste Zeit die 68er-Jahre erlebt. Mein Jahrgang machte schließlich im symbolträchtigen Jahr 1968 das Abitur! Der Entwicklungsschritt vom Missionshaus mit seiner preußisch-militärischen und spirituellen Disziplinierung zur Flower-Power- oder antiautoritären Bewegung hätte wohl nicht größer sein können. Manches von dem, was viele im Protest gegen die Zwangsanstalt taten, war wohl eine Art Wetterleuchten des Kommenden. In den Ferien hatte ich nicht nur AFN gehört, sondern mittlerweile war ja ein begeisternder Sound aus den Lautsprechern unseres Schaub-Lorenz gedrungen. Die Alten konnten über das „Geblätsche“ – wie es meine Mutter nannte - der langhaarigen Affen mit ihrem stumpfsinnigen „She loves you - yeah, yeah, yeah“ nur den Kopf schütteln - oder auch eine Ohrfeige austeilen. Als letztes Bundesland schaffte Baden-Württemberg 1976 die Prügelstrafe in der Schule ab – oder war es Rheinland-Pfalz? In die Universitäten und die Lehrerbildung zogen reformpädagogische Gedanken, die – statt Gehorsam und Pauken – Menschenrechte, Demokratie, Partnerschaft und die Begeisterung in den Mittelpunkt stellten. Antoine de Saint-Exupéry, der französische Schriftsteller und Flieger, hat das in einem Aphorismus wunderbar ausgedrückt: “Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit zu erleichtern, sondern lehre den Männern die Sehnsucht nach dem endlos weiten Meer.“ Viele Studenten protestierten gegen den Muff von 1.000 Jahren unter den Talaren, gegen das Verschweigen und Verdängen des eigenen Verhaltens im großen Krieg. Noch in diesen Tagen werden Prozesse gegen Nazi-Greise begonnen; die Enkel klagen ihre Großväter an, weil sich deren Altersgenossen zu häufig gedrückt haben. Gegen dieses Vertuschen und Verdrängen liefen viele von uns Sturm, mit einigem Erfolg. Es gab große Prozesse, wenn auch zu wenige. Wir experimentierten mit neuem Verhalten wie Sit-ins, Beziehungsformen wie einer „offenen Ehe“ und mit politischen Gruppierungen. Emanzipation war ein zentrales Schlagwort. Nicht nur unser heutiger aller Ministerpräsident war im KBW. Es gehörte fast zum guten Ton und ich musste mich manchmal dagegen verteidigen, keiner K-Gruppe oder den Stalinisten anzugehören. Im Überschwang trieb es viele im Revolutionstourismus an den Ort des Geschehens. Mit Mikis Theodorakis – als die Obristen gestürzt waren und „wir auf den Straßen tanzten“ – nach Griechenland und 1974 nach Portugal, als die Nelken in den Gewehrläufen der Soldaten den greisen Diktator friedlich hinweggefegt hatte. Einige flogen gar nach Nicaragua; ich begnügte mich im AudiMax der TU in Berlin, dem Jesuitenpater und Minister Ernesto Cardenal zu lauschen. Es war eine aufregende, aber auch eine schwierige Zeit. Das merkten wir eher später. Die Väter hatten die Vorbildfunktion verloren, also mussten wir unsere eigenen Vorbilder sein. Ein hoffnungsloses Unterfangen - wir sind oft ins Nichts gesprungen: „Das gefährlichste Unterfangen auf der Welt ist es, einen Abgrund mit zwei Sprüngen zu überqueren“ (David Lloyd George). Nur wenige Väter waren im Hitlerfaschismus Vorbild gewesen, hätten es sein können. Viele von ihnen waren getötet worden, andere Überlebende – und eigentlich als Vorbild sehr geeignet – schwiegen lieber. Erst kürzlich haben ich gehört, dass der Weiße Vater Adolf Eisele (1905 - 1978) der „Weißen Rose“ nahestand. Von meinem Psychologie-Professor Heinz Bollinger (1916 - 1990) hatte ich während des Studiums nur gerüchteweise gehört, dass er Mitglied der Weißen Rose gewesen war. Erwähnt hat er das nie. Und die schweigende Mehrheit der heimlichen Widerständler im Graubereich nahmen wir nicht Ernst. Wir wollten politische Helden, so wie unsere Afrikamissionare christliche gewesen waren. Erst mit dem Film „Schindlers Liste“ erhielt der Graubereich einigen Glanz und Helden wurden nicht länger ausschließlich von uns dazu ernannt. Wir wollten Helden - und hätten doch wohl nur selten selbst welche sein können. So wurden wir mehr oder weniger Normalbürger, richteten uns in unseren Verhältnissen ein. Passten uns ein und an beim „Marsch durch die Institutionen“. Ich bin heute froh, dass nicht alles konkret wurde, was damals - zu kurz gesprungen - gefordert wurde, insbesondere im ökonomisch-politischen Bereich. Die Mao-Bibel liegt auch heute noch nicht unter meinem Kopfkissen. Ich bin aber dankbar, dass Vieles wahr wurde, was wir im Kulturellen oder Sozialen gewünscht und entwickelt haben, dass wir im Wesentlichen eine freie, offene, gleichberechtigte und tolerante Gesellschaft sind. Das sind unsere Werte, die wir auch und gerade gegenüber einem radikalen Islam verteidigen können sollten. Das sind unsere Werte, die aber manchmal unter die Räder kommen, etwa im Handel mit Afrika. So, wenn minderwertiges und billigstes Hähnchenfleisch, Abfall der deutschen Produktion, die einheimische afrikanische Hühnerzucht ruiniert. Für einige von uns waren die Erfahrungen und sind die Erinnerungen an die Disziplin oder einzelne Vertreter des Missionshauses so heftig und bedrückend, dass die Zeit noch nicht alle Wunden hat heilen können und sie am 21.6.2014 nicht mit uns sein möchten. Damit bleibt ihnen eine schöne Gelegenheit verschlossen, den milden Blick des Älteren auf die Vergangenheit zu werfen, kritisch durchaus, aber in der Summe nostalgisch-versöhnt. Bei Antoine de Saint-Exupéry heißt es dazu empfehlend: „Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung“. Ohne einen solchen Blickwechsel auf die positiven Aspekte - wie den eigenen Duchhaltewillen, die Pennäler-Streiche oder die Freude am Erwachsenwerden - kann die Erinnerung nicht voll aufblühen. Nochmal Saint-Exupéry: „Im Alter haben Erinnerungen denselben Stellenwert wie in der Jugend die Träume“. Träumen wir also ein wenig und lassen für uns und auch für unsere Partnerinnen die Erinnerungen konkreter werden. Hier knüpft sich das an, was wir aus Haigerloch mitgenommen haben. Der Einfluss der Erziehung im Missionshaus ist so vielfältig, wie das Leben selbst. Ich habe zuvor ja Einiges benannt, das aus dem Missionshaus hervorging oder eine Prägung erfuhr. Viele von uns werden auch Dankbarkeit und gute Gefühle gegenüber einem oder einigen der Lehrer mitgenommen haben, in einem Text las ich sogar von einem erwählten Seelenführer. Für mich sind P. Ernst Haag, P. Christian Herrmann und P. Herbert Wirthensohn die „Favoriten“. P. Haag habe ich mehrfach besucht, auch mit meiner Frau, und wohl nach meinem Ausscheiden auch ein sehr kritisches Wort an ihn gewandt gehabt – zu großen Freude der jüngeren, wie ich aus einer Email erfuhr. P. Haag hat dies und immer alles geduldig mit mir diskutiert. Und Christian und Herbert wurden später Freunde. Herbert lernte in Frankfurt sogar - wie als Brücke - meinen kenianischen Freund und ebenfalls meine Frau kennen. Aber sind wir ehemaligen Missionsschüler „besser“, etwa mutiger, klüger, geselliger, sportlicher, frömmer, aktiver, politischer, kreativer, konservativer oder überlegter als andere? Eher wohl nicht - gemeinsame stringente Handlungslinien oder Persönlichkeitszüge der Klepfer werden sich über die Jahre kaum finden lassen. Selbst eine große wissenschaftliche Studie würde wohl zu diesem Ergebnis kommen. Tendenziell sind wohl die meisten eher im christlich-sozialen Lager versammelt. Konkretes können wir immer nur erfahren, wenn wir beim Einzelnen nachfragen. Oder wenn wir die Ehefrauen fragen. Da werden wir Vieles erfahren – aber selten Gleiches. Vielleicht, dass für einen Chef die schlimmen Demütigungen, die er einst im Missionshaus erfahren hatte, zur Handlungsleitlinie wurden, auch dem übel Fehlenden noch eine dritte Chance zu geben. Nur eines, wenn ich intensiv nachdenke, könnte wirklich gleich sein: viele von uns sind sicher, so wie ich, Stammtisch-Brüder geworden, aber keiner von uns ist meines Wissens Knast-Bruder gewesen. Anders als andere Schulen kennen wir keinen Nachwuchs. Andere Schulen steigen auf im Kalender, unser Aufstieg dagegen ist immer auch ein Abstieg. So wird unser Jubiläumstag ein Teil eines stillen Sterbeprozesses sein. Es ist abzusehen, wann wir kein Fest mehr feiern werden, weil wird keins mehr feiern können. Für uns ist der blöde Satz Wahrheit: „Gestern stand ich noch am Rande des Abgrunds, heute bin ich schon einen Schritt weiter!“ Aber können wir von unserem Treffen nur diesen „einen Schritt weiter“ mit nach Hause mitnehmen? Sicher nicht! Jeder wird wieder etwas anderes mit nach Hause tragen: Gefühle und Erkenntnisse – und ganz verschiedene. Vielleicht Versöhnung – oder Freude. Ich fände schön, wenn sich diese Gemengelage in einem einzigen Satz zusammenfassen ließe: „Es war schön und ich möchte in fünf Jahren nochmals so ein Fest feiern!“

Raimund Pousset

1 Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ: Andra moi ennepe Mousa, polytropon hos mala polla … Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

2 Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι. - Ō xeîn angéllein Lakedaimoníois hóti tēde keímetha toîs keínōn rhēmasi peithómenoi. – Wanderer, kommst Du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.