Auszug aus "Capita Nili"
Verlag Gebr. Zimmermann (1952) S. 153 - 155
Es war das Ende eines solchen Tales, das ich Mitte August 1898 mit meiner Karawane erreichte. Nur
noch als 30 cm breites Rinnsal kam hier der Rukarara aus einer pfadlosen, mit Wald und üppiger
Vegetation erfüllten Schlucht In diese drang ich am nächsten Tage mit einem Eingeborenen und
einigen meiner Leute ein. Es war eine schlimme Arbeit; für je 500 m brauchten wir fast eine Stunde.
Aber mit Äxten und Haumessern brachen wir uns Bahn, und oft im Morast bis zum Leib versinkend, oft
auf allen Vieren in dem eiskalten Bache kriechend, durch Schluchten und Nebenschluchten langsam
ansteigend, erreichten wir nach mühevollen Stunden, erschöpft, durchnäßt, von oben bis unten
besudelt, einen kleinen, feuchten Kessel am Ende einer Klamm, aus deren Boden die Quelle nicht
sprudelnd, sondern Tropfen für Tropfen dringt: Caput Nili ...
War es wirklich die Quelle des Nils, die ich gefunden? Und hatte wirklich der Satz kein Recht mehr,
den noch in den achtziger Jahren einer der größten Geographen Europas geschrieben hatte:
Immer noch sucht man genau wie zur Zeit des Lukanus nach der Quelle des Nils. Bis heute hatte noch niemand de Ehre, den werdenden Fluß zu sehen.
Lucanus (39—65 n. Chr.) läßt Cäsar also sprechen:
(Nichts wollte ich lieber, als die Geheimnisse des Nils kennen, der sich soviel Jahrhunderte verborgen gehalten, wollte erforschen seine unbekannte Quelle, Wenn ich die sichere Hoffnung hätte, sie zu sehen, wollte ich auf allen Ruhm des Bürgerkrieges verzichten.)
Die Nachwelt wird, frei von all den kleinlichen Empfindungen, die die Gegenwart stets für ihre Söhne gehabt hat, die gerechte Antwort darauf finden.
An einem jedenfalls kann nie mehr ein Zweifel, außer von Bornierten und Bösartigen, geäußert werden: daran, daß die Quelle des Rukarara die Quelle des Kagera, des Alexandra-Nils ist. Aber ist der Kagera auch, wie die Eingeborenen zu Speke sagten, die „Mutter des Felsenstromes”, d.h. des Murchison-Nils? Und ist der Viktoria-See nur ein ruhender Punkt im Stromsystem des Nils oder selbst seiner Quelle? Für beide Ansichten haben sich bedeutende Geographen erklärt; für die erstere, mir günstige, der geniale Reclus, für die zweite, mir feindliche, der gründliche Wagner und die Landsleute Spekes.
Die von Stracke besuchte Quelle wird auch in Burundis Eintrag auf der UNESCO-Vorschlagsliste ausdrücklich als südlichste Nilquelle bezeichnet. Dieser Eintrag ist eine staatliche Einreichung, kein wissenschaftlicher Nachweis einer einzig „wahren“ Nilquelle.
Die sachlich belegte Formulierung lautet deshalb: Stracke besuchte und popularisierte die südlichste Nilquelle; entdeckt hat er sie nicht.