Haigerloch - Ereignisse am Kriegsende
Französischer Kriegsgefangener geht den Landsleuten mit Weißer Fahne entgegen
Die Stadt Haigerloch, obwohl Lazarettbezirk, geriet dennoch bereits am 2O.April gegen 9.00 Uhr unter Beschuß. Über den Einmarsch der französischen Truppen steht Karl Werner Steim zufolge in der Stadtchronik folgender Bericht:
„Es begann um 9.00 Uhr mit Maschinengewehr- und Granatfeuer. Es kam zu einem relativ starken Beschuß. Etwa ein Dutzend Granaten gingen im Stadtgebiet nieder. Die evangelische Kirche, das Pfarrhaus und andere Häuser wurden getroffen. Das Bolzsche- und Elsersche Haus bekamen Treffer ab. Die, von deutschen Soldaten noch vorbereitete Sprengung der Bahnhofsbrücke, hatten Lazarettsoldaten in der Nacht verhindert und das Sprengkommando vertrieben. Auch die Panzersperren wurden nicht mehr geschlossen.Bekanntlich wohnten die Weißen Väter im Schönbucher-Haus gegenüber dem „Römer“, seitdem sie am 15.Oktober 1940 das Missionshaus räumen und der nationalsozialistischen Lehrerinnenbildungsanstalt überlassen mußten. Zum 12.Februar 1945 wurde das Haus abermals umfunktioniert. Es entstand daraus die Filiale des Reservelazarettes Bad Imnau und wurde mit Verwundeten belegt. Chefarzt wurde Dr. Johannes Schlenzig, der übrigens noch nach dem Waffenstillstand vielen Heimkehrern, die ohne Papiere waren, geholfen hatte. Die Stadtchronik berichtete weiter:
In eine gefährliche Situation geriet Pater Albert Straub, der mit anderen Weißen Vätern nach der Ausweisung aus dem Missionshaus im Schönbucher-Haus wohnte. Als er beim Brand des Hauses bei der St.Annakirche zu Hilfe eilen wollte, geriet er den Franzosen in die Hände, die ihn gefangen nahmen. Einige Zeit mußte er mit erhobenen Händen stehen, bis ihn ein französischer Kriegsgefangener aus der schwierigen Situation rettete. Der Kriegsgefangene Luis, der bei der Familie Kost, „Zur Krone“, arbeitete und stets gut behandelt wurde, postierte sich vor den Keller und berichtete, daß das Dach der „Krone“ durch eine Granate beschädigt worden sei. Bei Kleinmaier's beginne es zu brennen. Inzwischen rollten die Panzer in der „alten “ und „neuen “ Weildorfer Straße in die Oberstadt. Luis bat um ein weißes Tuch. Mit diesem stürzte er hinaus. Für ihn ist der Augenblick der Befreiung da. Man hört ihn aus Leibeskräften rufen: „Hallo Camarades, Amis - Prisonnier de guerre!“ „Venz!“ „Pas tirer!“
Nach einer Weile erscheint Luis zum zweiten Mal im Keller und berichtete, daß alles vorbei sei. Er habe mit dem Captain gesprochen. Man brauche keine Angst mehr zu haben. Die verängstigten Frauen weinen vor Freude und geben dem treuen Luis die Hand. Pater Straub mußte nachher den französischen Offizieren das Rathaus zeigen. Im Schönbucher- Haus hatten noch 20 Frauen Schutz gesucht, denen die Patres warme Suppe ausgaben. “
„Im Luftschutzkeller an der Bahnhofsbrücke, im Hechtkeller herrschte große Angst, als plötzlich ein Soldat mit gespreizten Beinen, eine Handgranate in der Hand, am Eingang stand und hineinschrie: „Heraus!“. Die Kinder schrien, die Frauen jammerten. Die meisten hielten ein weißes Taschentuch griffbereit. Ein Mann ging als erster mit einem Taschentuch dem Ausgang zu. Dann hieß es: „Alle Männer heraus!“ Sogleich wurde befohlen, alles solle nochmals in den Keller zurück. Es werde noch geschossen. Als die Leute dann den Keller verließen, riefen die Soldaten: „Krieg aus!“.Karl Werner Steim beschrieb auch die Übergabe der Stadt:
„Ein Panzer fuhr zum Lazarett im Missionshaus. Stabsarzt Dr.Schlenzig mußte mit einer Operation sofort aufhören und mit Rotkreuzfahne, von zwei Feldwebeln begleitet, vor dem Panzer durch die Straßen gehen.“ Übergabe der Stadt war, so auch der Divisionsbericht der 257.Volksgrenadierdivision, gegen 13.00 Uhr. Am Abend wurde die Stadt von Hart aus nochmals beschossen, bis ein beherzter Mann aus der Region die deutschen Artilleristen aufsuchte und ihnen erklärte, daß die französischen Panzer schon längst abgezogen seien. Steim hatte übrigens auch die weiteren Vorgänge in seinem Buch „Haigerloch in preußischer Zeit“ dokumentiert.
Wie ich, Pater Albert Straub, die Einnahme Haigerlochs durch die Franzosen erlebte
Unser Haus an der Krebshalde war an eine Felswand angebaut. Ebenerdig mit unserem Hauseingang war ein größerer Keller in den Felsen eingehauen. Über diesem Keller waren mehrere Meter Felsen und Erde. So war der Keller bombensicher. Darum suchte die ganze Nachbarschaft bei Fliegeralarm immer Zuflucht in diesem Keller. Am 20. April befanden sich dort ca. 20 Frauen mit ihren Kindern.
Als am 2O.April immer mehr geschossen wurde, begab auch ich mich in den Raum. Die Frauen waren sehr verängstigt und weinten. Ich betete vor und alles betete mit. Schließlich gab ich die Generalabsolution. Denn, wenn das Haus einfiel oder brannte, waren wir verloren. Man meldete mir, das Haus von Herrn Noe sei in Brand geraten und es sei niemand zum Löschen da. So ging ich zum Haus des Herrn Noe. Es war ganz in der Nähe, hinter der Konditorei Maier. Das Haus brannte lichterloh. Und Herr Noe, der gelähmt war, saß gegenüber seinem brennenden Haus auf dem Boden und weinte. Ein Feuerwehrmann bat mich, sofort bei Maiers aufs Dach zu steigen und von dort aus, löschen zu helfen. Ergab mir einen Schlauch in die Hand und zeigte mir den Weg zum Dachfenster, durch das ich auf das Dach stieg. Ich sollte das Dach von Maier bespritzen, damit die Ziegel vor Hitze nicht barsten. Auch sollte ich die Wand vom Haus Noe bespritzen, damit sie nach innen und nicht nach außen einfiele. So hatte ich zu tun. Alles ging nach Plan. Als die Giebelwand eingestürzt war, war ich eigentlich arbeitslos.
Aber da kamen zwei französische Offiziere auf mich zu und fragten mich, halb deutsch - halb französisch, ob ich wüßte, wo die „großen“ Nazis in Haigerloch wohnten. Dies wußte ich natürlich nicht, aber wo das Rathaus sei, dies wußte ich. So mußte ich mit ihnen von St.Anna zum Rathaus gehen. Unterwegs sah ich, wie die Haigerlocher überall aus ihren Kellerfenstern herausschauten. Die einen sollen gesagt haben, als sie mich mit den Franzosen sahen: „den haben sie schon verhaftet“, andere sollen gesagt haben: „der wird Bürgermeister“. Ich zeigte den Franzosen das Rathaus. Und die gingen mit angeschlagenem Gewehr hinein, nachdem mir der eine gesagt hatte: „Sie können jetzt gehen“ und der andere: „Sie bleiben und warten“. Ich hielt mich an den Ersten und verschwand, wie sie im Haus waren.
Mit uns im Keller war auch ein französischer Kriegsgefangener. Er schaute immer wieder auf die Straße nach seinen Landsleuten. Als die Ersten kamen, stürzte er aus dem Haus, ihnen entgegen und rief nur. „Pas tirer! Pas tirer! Nicht schießen!“ Dann lief er ihnen entgegen. Das gab ein Umarmen und Begrüßen, als ob sie die besten Freunde wären. Der Franzose nahm bei uns einen Rechen und legte ein weißes Badetuch darüber. Dann steckte er diese weiße Fahne vor unserem Haus in den Boden. Eine weiße Fahne hissen, war von den Nazis unter Todesstrafe verboten. Wir fürchteten, daß uns u.U. das Haus angezündet würde. Darum bat ich später den Franzosen, die Fahne wieder zu entfernen. Er verstand und nahm die Fahne wieder weg.
Es war indessen Mittag geworden. Ich hatte unsere Haushälterin gebeten, eine Suppe für die Frauen im Keller zu machen. Wie ich dann nach der Suppe fragte, sagte mir die Haushälterin, sie sei fertig, es fehle nur noch der Schnittlauch. Ich meinte, es sei doch Krieg und im Krieg ginge es auch ohne Schnittlauch. Doch die Frau wußte es besser: „Zu dieser Suppe gehört Schnittlauch!“ So holte ich eben Schnittlauch, nicht ganz ohne Lebensgefahr. Und wie ich von meinem Ausflug wieder nach Hause kam, bekam ich Suppe mit Schnittlauch. Unsere Haushälterin aus Boms bei Saulgau war eine Perle. Wir hätten keine bessere haben können. Sie ist bis heute nicht vergessen. Sie war überaus tüchtig, sie war fromm und auch resolut, wenn es sein mußte. Gott hab sie selig! Unser treues Fräulein Mathilde Fetscher.
Das Missionshaus der Weißen Väter im Krieg
Die Ordensgemeinschaft der Weißen Väter „Afrika-Missionare“, 1868 von dem französischen Kardinal Lavigerie gegründet, stellt eine internationale Missionsgesellschaft dar, die gegennwärtig 2100 Patres zählt, die in 21 Ländern Afrikas vertreten sind. Die Niederlassung in Haigerloch als Missionshaus, von dem in den verschiedenen Berichten die Rede ist, wurde 1903/04 eröffnet.
Das Missionshaus in Haigerloch hatte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und anschließend bis zum Zweiten Weltkrieg, eine große Anziehungskraft für junge Menschen aus den beiden Diözesen Freiburg und Rottenburg. Einer Tabelle des Hauses zufolge haben seit Eröffnung des Hauses 129 Patres und Brüder ihren Ordensweg hier begonnen.
Während das Kaiserreich dem Orden wohlgesinnt war, nicht zuletzt ob seines Wirkens in den einstigen Kolonien, waren im Dritten Reich die Missionsorden höchst unbeliebt. Sie wurden wegen ihrer Beziehungen und Hilfen für die nach Ansicht der Nazis „minderwertigen, nicht arischen Völkern“ herabgesetzt. Die Missionsschule wurde auf „Befehl des Führers“ 1940 geschlossen und mehrere Jahre zweckentfremdet; so ab 1941 als nationalsozialistische Lehrerinnenausbildungsanstalt, zu Beginn des Krieges als Flüchtlingsheim für Evakuierte aus Kehl und schließlich ab 12. Februar 1945 als Lazarett. Erst am 4.Oktober 1945 durften die vertriebenen Patres, die in Haigerloch von 1940-1945 in einem Privathaus wohnten, das Haus wieder beziehen. Sie entrichteten in den beiden Weltkriegen, zumeist als Sanitäter an den Fronten eingesetzt, einen hohen Blutzoll. Von den aus dem Missionshaus Haigerloch hervorgegangenen Theologen fanden im Ersten und Zweiten Weltkrieg 55 den Tod. Einige französische Angehörige des Ordens kamen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland. So traf man auch u.a. in Buchau, Grünmettstetten und in Burladingen diese französischen Armeeangehörigen, als Feldgeistliche eingesetzt, die meist mit den Ortsgeistlichen Kontakt aufnahmen und manche Übergriffe verhindern konnten. Das Haus wurde später Altersheim für die Missionare.
Kurznotizen - Hinweise der Weißen Väter
Am 6.September 1943 wurde ein Luftkampf über Haigerloch wahrgenommen.Bürgermeister Rein, von Haigerloch, der sehr auf die Anordnungen der Nazibehörden achtete und deren Ausführung verlangte, ergriff die Flucht auf dem Fahrrad. Er erlitt jedoch bei Ravensburg einen Herzinfarkt und verstarb.
Am 17.April 1945 wurde in Haigerloch ein deutsches Munitionsfahrzeug von den Fliegern in Brand geschossen. Man sah einen grellen Feuerschein.
Am 19.April 1945 wurden die Panzersperren in Haigerloch nicht geschlossen, Chefarzt vom Lazarett Dr.Schlenzig verbot die Schließung.
Nach dem Krieg lagen noch ganze Bündel Stanniolstreifen in den Feldern und Wäldern herum.
Wie der Stadtpfarrer die große Sprengung verhinderte
Es sind allmählich viele Kunst- und Heimatfreunde, die Haigerloch besuchen, von den Schönheiten der Landschaft, dem historischen Stadtbild und vor allem von den Kunstwerken beeindruckt sind. Zu ihnen zählte schon früher mal gelegentlich der Student und spätere Dozent an der Uni Tübingen, Walter Gerlach. Die Fliederblüte hatte es ihm angetan. Wohl kaum hatte der spätere international bekannte Wissenschaftler davon geträumt, daß er dieses Städtchen einmal so ganz ungewollt fast zur Wiege der deutschen Atomforschung machen würde. Denn ein nicht unbedeutender Abschnitt der Geschichte der Naturwissenschaft wurde hier in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Die im ehemaligen Bierkeller des Schwanenwirts Otto Merz gefahrenen wissenschaftlichen Versuche sollten sogar für die Nachkriegsentwicklung der Kernenergie von Bedeutung sein.
Freilich, die Haigerlocher Bevölkerung wußte von alledem nichts. Und es durfte auch wegen der strengen Geheimhaltung nichts nach außen bekannt werden. Im Grunde genommen kümmerte es nicht allzuviele, was da im Keller geschah. Man hatte ja in den letzten Kriegsmonate andere Sorgen. Erst Anfang der 50er Jahre gab es erste Gespräche über die Atomforschung, die im Keller stattgefunden hatten, verläßliche Informationen drangen sogar erst 1954 bis zur Bevölkerung durch.
Es war vielleicht auch gut gewesen, daß man in Haigerloch nicht noch zusätzlich von dem Gedanken belastet war, daß das Projekt Schloßkeller in der Pfluggasse noch eine Gefahr bedeuten könnte. Nur einer war skeptisch: Stadtpfarrer Marquard Guide. Ihn ließ gelegentlich mal Professor Fischer reinschauen. Angesichts der Bleikuppel, dem Gewirr von Drähten und der Laboreinrichtungen drängte sich freilich dem Stadtpfarrer die Frage auf, was es mit dieser Forschung auf sich habe. Die Antwort mußte der vereidigte Professor schuldig bleiben. „So wie sie in der Kirche ihr Sanctissimum haben, so ist diese Kuppel unser Sanctissimum!“ Das war alles was Stadtpfarrer Guide hören konnte. Gulde zu Fischer: „Das ist unser Untergang!“
Haigerloch war indessen durch eine Reihe technischer Umstände, aber auch durch Zufall Ort wissenschaftlicher Forschung geworden. Das ständig luftbedrohte Berlin, bis dahin Sitz des Kaiser-Wilhelm-Instituts, ließ eine zuverlässige Arbeit nicht mehr zu. Man lagerte daher aus in das als luftsicher geltende Hechingen. Die Wissenschaftler arbeiteten hier an den Versuchen weiter. Für den Bau eines Uranbrenners mußte noch ein sicherer, absolut von Luftbedrohung abgeschnittencr Platz gefunden werden. Professor Gerlach erinnerte sich an Haigerloch. In dem strategisch unbedeutenden Ort, zudem in einem bombensicheren Keller, fühlte man sich unbehelligt und vor den Sowjets, die unaufhaltsam nach Berlin drängten, hatte man seine Ruhe. Ihnen wollte man auf keinen Fall die wissenschaftlichen Forschungen in die Hände fallen lassen. Im Bierkeller des Schwanenwirts Otto Merz, welcher rasch für einen Mietvertrag mit der Organisation Todt zu gewinnen war, wurde die modernste deutsche Kraftanlage von Maschinenbaumeister des Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik Georg Drake gebaut, ein Atombrenner aus Uranwürfeln und Schwerem Wasser mit einem Granitmantel.