Fieber
Fieber hatten wir öfter. Die coole Methode war die, das Thermometer hoch zu reiben, was jedoch ein
Risiko darstellte, da das ziemlich ungenau war und manchmal Pater Vogt wieder zurückkam, bevor die
richtige Temperatur eingestellt war. Die autoaggressive - aber recht wirksame - Methode dagegen war
Seife! Viel Seife in warmem Wasser auflösen und das ekelhafte Gebräu runterschlucken.
Eines Winteranfangs, eine wirklich sehr glaubwürdige Zeit, hatten viele Fieber. Eine richtige
Epidemie brach aus, so dass sogar das zweite Krankenzimmer oben im 2. Stock aufgemacht werden
musste. Da mopsten sich alsbald in beiden Krankenzimmern 12 Leute vor Langeweile. Und was machen
also gemopste Buben? Sie suchen standesgemäßen Zeitvertreib, hier in Form einer der häufigeren
Schlachten mit den Morgensternen (jedes Handtuch hatte auf einer Seite einen harten Knoten). Die
Schlacht zwischen den beiden Krankenzimmern wogte hin und her, ein Sieger war nicht auszumachen. Da
hatte jemand die Idee, die Munition zu verschärfen, wovon jedes Zimmer in Fülle besaß - besaß es
doch jeweils am Waschbeckeneinen Wasserhahn! Und Gefäße waren auch überreich vorhanden. Also flogen
bald die Wasserbomben durch die Luft und das Kriegsgeschrei hätte fröhlicher nicht sein können. Der
Holzdielenboden stand fingerdick unter Wasser. Plötzlich erhob Zeus selbst (in Verkleidung von Pater
Vogt) seine Stentorenstimme und schmiss zornesbebend sämtliche Klepfer aus dem Krankenstand, auch
die zwei, die wirklich krank gewesen waren.
Raimund Pousset (1959 - 1963)