Denk ich zurück, komm’ ich ins Schwärmen...
..so Eugen Fleig
Leider konnte ich beim letzten Treffen wieder einmal keinen Ersatzmann für meine
Gottesdienste finden. Die Idee vom ’Unternehmen Haigerloch' gibt mir jedoch die
Möglichkeit, trotz meiner Abwesenheit Kontakt zu halten. Werner Isenmann und
Egon Schmid laden mich unermüdlich zu den Begegnungen in Haigerloch, auch
wenn ich immer wieder absagen muß. Dafür beiden besonderen Dank!>
Nach dem Lesen des Vorabentwurfs denke auch ich an die Vergangenheit und muß
- wie Klaus Litterst und und Rudolf Vogel- mit Zaitzkofen beginnen.
April 1948: Durch die französische und amerikanische Zone den ganzen Tag im
Zug unterwegs. Ich kam bis Niederbayern; die Nacht verbrachte ich auf dem
Bahnhof von Landshut. Ganz früh fuhr dann ein Zug in Richtung Eggmühl. Den
mit exakt vorgeschriebenen Utensilien gefüllten Koffer schleppte ich vom Bahnhof
Eggmühl nach Zaitzkofen - zlvei/drei Kilometer weit. Bruder Ansgar öffnete mir
gegen 7 Uhr morgens das Tor zum Missionshaus. Der Anfang dort war grausam.
Wann immer ich im Haus etwas erfragen wollte, kam gleich von irgendeinem
schon erfahrenen Missionsschüler' ein Zischlaut, der mir 'Silentium' signalisierte
- 'Silentium' übrigens einer der wichtigsten lateinischen Begriffe in meinem Leben.
In wenigen Tagen schon hatte ich das 'Silentium' gelernt, aber nicht immer
gehalten.
Mit Zaitzkofen verbinde ich auch den Namen 'Bruder Melchior', amtierender
Küchenchef damals, dem junge Entchen im Bratofen verbrannten. Er halte es zu
gut gemeint, denn die gerade aus geschlüpfte Brut sollte sich nicht erkälten. Wohl
in Gedanken darüber, ob er nicht zum vierten Mal den Erbsenbrei anrühren solle,
schloß er die Ofentür. Als er seinen Fehler bemerkte, waren die Entchen im
ldaumenkleid schon längst gegrillt.
Um selbst auszuprobieren, wie Wärme tut, stieg er eines Tages vor dem
Mittagessen auf den Herd und von da aus auf den Deckel eines großen
Suppentopfes. Ob es wohl damals noch keine Leitern gab, um Glühbirnen
auszuwechseln? Aus welchem Grund er auf den Topf stieg, weiß ich heute nicht
mehr. Es muß jedenfalls schmerzhaft gewesen sein, als der Deckel kippte und
Melchior mit beiden Beinen in der Suppe stand. Ich vermute nachträglich, daß uns
die Suppe trotzdem geschmeckt hat, denn schließlich hatten wir Hunger; auch
wußten wir nichts von dieser neuen Würzmethode.
Ich denke auch an Pater Diemer, den gestrengen Superior, dem jeder
geschriebene Brief offen abzugeben war. Den Begriff 'Briefgeheimnis' kannten wir
nicht und die Weißen Väter damals in der Regel auch nicht. Ich erinnere mich
auch an den nuschelnden Pater Trescher, dem mein Latein absolut nicht gefiel.
Jedenfalls äußerte er sich hin und wieder dazu, daß es dem Latein von Cäsars
Küchenmädchen sehr ähnlich sei: ''Die Schuhwichse aufs Brot und die Butter auf
die Schuhe!" Aber eben dieser Pater Trescher war ein Halteseil für mich. Ohne
diesen Schwarzwälder aus meiner Nachbargemeinde -"vom kleinen Isebächli" -
hätte ich den Anfang in Zaitzkofen nicht überstanden. Er war ein Stück Heimatflir
mich.
In Erinnerung blieb mir auch bis heute der 'Bomber' Josef Beck. Innerhalb
weniger Minuten knallte er mir bei einem Fußballspiel vor dem Haus zweimal den
Ball mitten ins Gesicht. Er, der "Schmied", hatte einen Bombenschuß. Da konnte
ein kleiner Bäckergeselle wie ich nicht mithalten.
Das 'Studium' war fürchterlich für mich. Ich kam aus der Backstube, was hieß: den
ganzen Tag gehen und stehen. Und nun von einem Tag zum anderen: den ganzen
Tag sitzen! Neben mir saß in diesen zwei Jahren Rudolf Vogel. Wir beide stellten
fest (vielleicht sogar in der Zeit des strengen Silentiums), daß er nach Ende des
Krieges die Backhefe von Weingarten, wo er in einer Hefefabrik arbeitete, nach
Neustadt im Schwarzwald zu liefern hatte. Wenigstens schrieb er die Rechnungen
für meinen damaligen Lehrbetrieb. Somit war eine wunderbare Verbindung von
Oberschwaben zum Schwarzwald hergestellt. Vor mir saß eine Zeitlang Karl
Fütterer, den ich wegen seines unermüdlichen Eifers bewunderte. Mann, war das
ein Schaffer! Und dabei laborierte er noch an Nachfolgeschäden vom
Gefangenenlager in Bad Kreuznach. Er beherrschte die lateinischen und
griechischen Vokabeln, als seien sie Bestand seiner Muttersprache. Dafür durfte
er auch eine Klasse vorwärts rutschen. Hans Eichmaier, ein kerniger Bayer, den
ich sehr mochte, kam eines Abends an mein Bett und flüsterte: "Morgen fahre ich
heim." Es tat manchmal sehr weh, wenn wieder einmal einer 'gegangen wurde'
oder freiwillig ging.
Kurz vor meinen ersten Sommerferien (1948) kam die Währunsreform. Als
Kopfgeld gab es DM 40,-. Damit mußten wir die Heimfahrt finanzieren. Um Geld
zu sparen, verzichteten wir auf den damaligen D-Zug und fuhren mit dem
Bummelzug. Wir übernachteten in Augsburg. Ein Privatmann nahm uns mit und
ließ uns vier oder fünf kostenlos in seinem Haus übernachten. Nur die Haustür
wurde abgeschlossen. Die Menschen halten damals noch Vertrauen.
Zaitzkofen war eine harte und doch zugleich auch eine schöne Zeit. Natürlich gab
es unnötige Härten. Ich denke dabei an die Kriegsteilnehmer, die aus der
Gefangenschaft kamen und Raucher waren. Bei den Weißen Vätern gab es kein
Pardon. Wer mit der Zigarette erwischt wurde, der konnte seinen Koffeer packen.
Welche Freude dagegen in Großkrotzenburg! Nach dem Mittagessen an
Feiertagen -oder war es nach der Messe?- durfte im Klassenzimmer ab einem
bestimmten Alter 'gequalmt' werden.
Unvergeßlich unter all den Kreuzburgern bleiben unsere Patres. Da ist Pater
Fuchs, der Klassenlehrer, der meinen Vornamen unnachahmlich gedehnt
aussprach, der auch ins Taschentuch beißen konnte, wenn ich wieder einmal an
der Tafel etwas Unbegreifliches darstellen sollte, das ich mir dann im Nachhinein
viel besser von Rudi Hufschmid erklären ließ, der eine Klasse unter mir war.
Allerdings rettete mich der bekannte Tonfall von Pater Fuchs in der mündlichen
Matheprüfung beim Abitur. An der Tafel, weit weg vom Prüfungsgremium,
erkannte ich am Ton seiner Frage, daß ich auf dem falschen Weg war mit meiner
Konstruktion und konnte daraufhin korrigieren. Ganz anders und weniger
erfreulich waren die vier Jahre bei Pater Lange: seine Griechischstunden waren
lehrreich, die 'Stammreihen'furchtbar.
Es gab in der Kreuzburg herrliche Stunden, z.B. als wir mithalfen beim Ausgraben
der Fundamente für den Schlafsaal der Oberprima oder für den
Kapellenerweiterungsbau. Was gäbe es nicht noch alles zu erzählen! Mit Bruder
Probus konnte ich in der Backstube arbeiten - für Pater Freckmann und Pater
Jetter nicht zur wahren Freude, umso mehr jedoch für mich. Klaus Litterst
schwärmt heute noch vom Holzofenbrot, das ich in großen Mengen vor den
Exerzitien gebacken habe.
Bei der Blasmusik machte ich nicht mit, doch hörte ich sie immer wieder gern. Die
Bläser, die Schützlinge von Pater Fuchs, waren etwas Besonderes in der
Kreuzburg und auch in der Umgebung.
Unweigerlich gerate ich ins Schwärmen, wenn ich an die Ausbildung bei den
Weißen Vätern denke.