Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Freizeitvergnügen in der Kreuzburg

Chorherr

Über 5 Jahrzehnte lang hat Hajo Stenger Tonbandaufnahmen aus Großkrotzenburg aufbewahrt und jetzt digitalisiert. Im angehängten Bericht beschreibt er den Hintergrund der Aufnahmen.


Zugegeben, der Alltag im Missionshaus war in gewisser Weise monoton und langweilig. Als 12- oder 13jähriger hat man das weit weniger schmerzhaft verspürt. Vieles wurde überhöht: Man strebt ein ganz hohes Ziel an, der schönste Beruf, den man erreichen kann: Als Missionar Heiden bekehren. Dieses hohe Ziel verwischt oft alltägliche Schwierigkeiten und lässt sie in einem schier goldenen Licht erscheinen. Mit zunehmendem Alter werden die Missionsschüler kritischer, ja selbstkritischer. Was in Haigerloch noch selbstverständlich war, gerät mehr und mehr in Frage, aus dem kleinen Zögling von damals ist nun ein Heranwachsender geworden, der in ganz anderer Weise seine Zielsetzungen hinterfragt. Natürlich ist er nicht mehr allein mit seinen Fragen, sondern spiegelt diese in einem neuen Licht. Neue Schwerpunkte tauchen in seinem Leben auf; alte Zielsetzungen erscheinen unter neuer Perspektive. Für mich waren meine ersten Jahre in Großkrotzenburg vom Bau der Orgel für die Hauskapelle geprägt (1959 bis 1961); dies führt zu einer gewissen Anerkennung durch einige Patres.

Beschreibung des Bildes
Abb. 1:P. Jetter (3. von rechts) bei der Begrüßung des Fuldaer Bischofs, der anlässlich einer Priesterweihe die Kreuzburg besuchte. P. Superior Buck begrüßt den Oberhirten
Der damalige Schulleiter in der Kreuzburg und anerkanntes Vorbild war P. Jetter. Er unterrichtete uns in Griechisch. Diese Sprache musste von den Knäblein mühsam gelernt werden: andere Schrift, andere Wörter, gegenüber dem Latein relativ weniger bekannt aufgrund von Fremdwörtern. Irgendwie exotisch das Ganze! Wer in Griechisch gut war, hatte bei Jetter in vielen Bereichen ein großes Plus. Schüler, denen das nicht lag und die sich mit den alten Geschichten schwer taten, hatten nicht nur bei Jetter schlechte Karten. Einige mussten daher die Schule verlassen, anderen eröffnete man die Möglichkeit ausnahmsweise Griechisch abzugeben und dafür Französisch zu wählen. Das hatte aber zur Folge, dass man kein offizielles Abitur machen konnte, sondern nach der OI ggf. auch nach der UI in Trier ein propädeutisches Jahr beginnen konnte. Aus heutiger Sicht betrachte ich diese Maßnahmen als übertriebene Härteregelungen, die den jeweiligen Schüler bei weitem nicht gerecht geworden sind.
Nun gut, ich konnte mich so recht und schlecht im unteren Drittel der Klasse in Griechisch behaupten. Dennoch hatte ich bei Jetter gute Karten, denn ich hatte ja 1961 die Orgel für die Hauskapelle gebaut. Und das hatte Jetter, der auch den alles bestimmenden gregorianischen Choral betreute, sehr gut gefallen. Und somit konnte ich etwas erreichen, was kaum einem Schüler gelungen ist: Jetter hatte nämlich als einziger Pater im Haus ein Tonbandgerät. So etwas war damals für uns etwas ganz Besonderes: Man konnte seine Stimme, das Geschehen aufnehmen, es aufbewahren und auch gelegentlich wiedergeben. Wie das mir damals gelungen ist, dieses “wertvolle“ Gerät des Schulleiters zu erhalten, ist mir bis heute ein Rätsel. Auf jeden Fall konnte ich im Frühjahr 1962 einige Aufzeichnungen tätigen.
Beschreibung des Bildes
Abb. 2:Werner Wanzura; Ausschnitt aus einem Klassenbild im Sommer 1959
Es war dies die Zeit, in der wir, etwa 20jährig, gewisse Fähigkeiten und Neigungen unsererseits ausloteten: Da wurde gesungen, rezitiert, komponiert, Theater gespielt und vieles mehr. Auch das trug dazu bei, die alltägliche Monotonie etwas aufzulockern. Offiziell wollte man natürlich für ein Theaterstück, einen Bühnenauftritt der Klasse u.a.m. proben. Es war auch die Zeit, da ich ein halbes Dutzend Theaterstück schrieb, so zum Beispiel DAS EXTEMPORALE oder FORTUNA IM NONNENSTIFT, über das an anderer Stelle berichtet wird. In diesen Stücken spiegeln sich Elemente unserer damaligen Mentalität, unserer Sehnsüchte und Träume. Freilich musste man aufpassen, dass man da nicht zu weit ging. Das hätte den Unmut und Argwohn unserer Betreuer und Patres erweckt. In unserer Klasse war Werner Wanzura; er gehört zu den Älteren und wirkte in gewisser Weise seriös. Ich kannte ihn schon seit meiner Zeit in Haigerloch, wo er ebenfalls die gymnasiale Unterstufe durchlaufen hatte. Er hatte eine besondere Vorliebe zur Musik und sang auch recht gern, während das Instrumentenspiel nicht so sein Ding war.


afrikamuseum
Abb. 3: Werner Wanzura in seinem kleinen Zimmerchen in Trier; damals gehörte es zum guten Ton, einen Totenkopf auf seinem Schreibtisch stehen zu haben; diese Totenköpfe stammten von ehemaligen Nonnen; sie waren bei Grabungsarbeiten unter der historischen Kapelle auf einem Brett genagelt gefunden worden
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Abb. 2: Wanzura vorn rechts als Chorleiter im Seminar Trier

Abb. 5: Kleine Faltkarte zum sog. Schmalspurabitur, Sommer 1961


Hajo Stenger