Mein Gang zu den Weißen Vätern
Ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte unter dieser Überschrift bringen soll. Eigentlich
habe ich zu dieser Thematik bereits einige Gedanken unter der Rubrik Internatsleben
„Der erste Tag“ eingebracht. Außerdem bedeutet die weitere Schilderung einen tiefereren
Einblick in meine individuelle Vergangenheit und die Preisgabe von persönlichen Daten, was
durchaus bei derzeitiger „wwwlage“ zu Missbrauch führen kann. Andererseits ist die umfangreiche
Darlegung vielleicht für den Ein oder Anderen interessant und lässt das eigene Erleben,
die eigene Vergangenheit in neuem Licht erscheinen. So will ich nun doch versuchen, meinen
Weiße-Väter-Werdegang von den Wurzeln her zu beleuchten. Dazu muss ich freilich etwas
weiter ausholen; man verzeihe mir den umfangreichen Schwenk. Wie gesagt, freilich sehr
individuell, aber vielleicht von daher umso verständlicher.
Zudem will ich das Erlebte nicht sublimieren; ich möchte auch nicht in philosophisches Denken
eintauchen und so die Gründe und Hintergründe in einen abgrundtiefen Rahmen tauchen,
der sicher für einige Leser anregend wäre und selbst durchlebte Lebensphasen neu zum
Schwingen bringen könnte. Ich will einfach Fakten aufzeigen, Tatsachen darstellen. Ich bin
mir dennoch bewusst, dass dies gar nicht so einfach ist, trägt das Dargestellte doch immer den
Mantel des Darstellers oder in diesem Fall des Schreibers. Dieses Subjektive lässt sich nicht
abstreifen wie ein Gewand und einfach in die Garderobe hängen. Ich bin sicher, dass die Leser der
folgenden Zeilen, Inhalt und Gehalt der niedergeschriebenen Worte richtig einordnen
werden. Was heißt hier „richtig“? Gibt es hierbei überhaupt ein Richtig. Was dem Einen richtig zu
sein scheint, ist dem anderen vielleicht völlig verdreht. Dennoch hüten wir uns vor einem
Subjektivismus. Weit über tausend Individuen haben Haigerloch durchlaufen, wie auch
immer, und jeder hat seine persönlichen Erfahrungen hier gemacht und diese Erfahrungen
führten unweigerlich zu Prägungen, die sich eben in uns eingekratzt haben, unseren Charakter
- das Wort kommt ja vom griechischen „einkratzen“- bestimmt haben. Inwieweit dieses einmal
Eingekratzte die nächsten Jahrzehnte tangiert oder zumindest verdeckt beeinflusst hat, ist
sicher auch sehr subjektiv, dennoch muss es ein tertium comparationis gegeben haben, dessen
Einfluss der Einzelne sich nicht entziehen konnte… Lassen wir die Gedankenspiele und betrachten wir
die Realitäten.
Die Zwanziger Jahre nach dem ersten Weltkrieg waren für die Deutschen keine leichte Zeit:
Arbeitslosigkeit und Not gehörten für viele zum Alltag. Mein Großvater väterlicherseits war
vom Spessart nach Frankfurt gezogen, hatte dort unter schwierigsten Bedingungen einen kleinen
Schlosserbetrieb gegründet. Die harte, entbehrungsreiche Arbeit und die schlechten Lebensbedingungen
führten zu seinem frühen Tod Mitte der zwanziger Jahre. Nun stand meine
Großmutter, sie war ebenfalls aus Freudenberg bei Miltenberg am Main nach Frankfurt gekommen, mit
zwei kleinen Kindern allein in der Stadt. Eine kleine Hilfe oder auch Trost war
für sie die katholische Kirchengemeinde St. Josef in Frankfurt-Bornheim mit ihrem sehr engagierten
Pfarrer Höhler. Folglich war auch ihr Sohn, mein Vater, recht schnell in kirchliches
Leben eingebunden: Mit großer Begeisterung wurde er um 1930 Pfadfinder. Gleichzeitig absolvierte er
eine Schlosserlehre. Und dies war absolut kein Honigschlecken: Arbeitsbeginn
um 5 Uhr morgens; den schweren Schlosserkarren durch halb Frankfurt schieben, harte körperliche
Arbeit und gegen 20 Uhr wieder zurück. Die Gesellen hatten bei der Arbeit das unwidersprechbare
Sagen; dass es dabei immer wieder Schläge setzte, auch mit der Eisenstange,
war normal. Und nach erfolgreicher Lehre: Arbeitslosigkeit.
Trotz aller Not wurden aber in Frankfurt-Bornheim in dieser Zeit neue Wohnsiedlungen gebaut; unter
Leitung des Siedlungsplaners und Architekten Ernst May entstand fast ein ganzer
Stadtteil am Ende der Wittelsbacher Allee im Nordosten Frankfurts: Einbauküchen, für
für damalige Verhältnisse große Wohnflächen und typische Fenster in liegender Rechteckform gehörten
zum Standard. Dort musste eine neue Kirche gebaut werden. Martin Weber schuf die große
Heilig-Kreuz-Kirche mit ca. 800 Plätzen am Bornheimer Hang; diese wurde 1929 eingeweiht.
Bemerkenswert ist, dass dieser Martin Weber etwa zur gleichen auch die Kreuzburg
der Weißen Väter in Großkrotzenburg gebaut hat. Auch hier finden sich ähnliche Bauelemente: liegende
Rechtecke, abgerundete Tür- und Fensterkanten.
Der erste Pfarrer von Heilig-Kreuz war Georg Nilges, der zuvor in St. Josef Kaplan gewesen war. Nilges kam aus Wilsenroth im Westerwald und war Pfarrer aus und mit Leidenschaft. Mein Vater wusste diesen besonderen Geistlichen zu schätzen. Und der Pfarrer hat mit seinen Jugendlichen auch Kontakt gehalten, vor allem, wenn sie, wie mein Vater, später als Soldat im Krieg waren. Die Kirche konnte die bestehende Arbeitslosigkeit damals nicht beseitigen; „Hilfe“ kam von anderer Stelle: Arbeitsdienst und Militär boten Unterstützung. Und viele junge Menschen, so auch mein Vater, waren damals dankbar für die neuen Möglichkeiten. Die dahinterstehende Ideologie durchschauten die wenigsten der Jugendlichen; man war froh wieder etwas verdienen zu können. Zur militärischen Ausbildung kam mein Vater nach Würzburg, trotzdem verblieb die Bindung zur Pfarrei. Nun schon als Mitglied der Reichswehr heiratete mein Vater in Soldatenuniform am 31.12.1939 mit dem Segen von Pfarrer Nilges in der Heilig-Kreuz- Kirche meine Mutter Elfriede Stahl. Sie lebte ebenfalls in der Gemeinde Heilig-Kreuz und war Mitglied der kirchlichen weiblichen Frohschar. Der Pfarrer hatte in Frankfurt großes Ansehen, denn er redigierte eine katholische Schrift für die Frankfurter Katholiken. Das war damals nicht ganz ungefährlich und wie er später berichtete, saß bei seinen Predigten immer verdeckt ein Nazi in der Gemeinde und passte genau auf, ob Nilges nicht etwas gegen die Nazis und deren Führer sagte. Deswegen war der Pfarrer sehr auf der Hut, wusste er doch, dass einige Mitbrüder bereits hinter Schloss und Riegel saßen.
Mein Vater war als Soldat im Osten im Einsatz und bekam zu meiner Geburt im Juni 1943 für ein paar Tage Heimaturlaub. Der schreckliche Krieg wird immer grausamer und die deutschen Städte versinken zunehmend in Schutt und Asche. Schwer getroffen wurde auch unsere Pfarrkirche Heilig-Kreuz. Die deutschen Soldaten gehören schließlich zu den großen Verlierern der größenwahnsinnigen und menschenverachtenden Nazis. Die nicht im Granaten- und Bombenhagel gestorbenen Wehrmachtsangehörigen enden in Kriegsgefangenschaft, so auch mein Vater im Kaukasus.
Es dürfte etwa 1946 gewesen sein, als die „berühmten Trümmerfrauen“ dran gingen, die Stadt aufzuräumen. Meine Mutter fuhr zusammen mit mir mit einem Leiterwägelchen durch den zerbombten Stadtteil und wir suchten zwischen den Trümmern nach noch einigermaßen ganzen Backsteinen; diese wurden aufgeladen und dann zur Heilig-Kreuz-Kirche gebracht. Dort empfing uns Pfarrer Nilges und bedankte sich für die Hilfe beim Wiederaufbau der Kirche.
Die Nachkriegszeit hatte meine Mutter mit mir und ihrem Bruder sowie ihren Eltern unter sehr beengten Verhältnissen – kleine Dreizimmer-Wohnung für 4 Erwachsene und 1 Kind - in einem schnell wieder aufgebauten Wohnblock in Bornheim unweit der Heilig-Kreuz-Kirche verbracht. Erst 1948 kommt mein Vater krank, durch Malaria geschwächt zurück. Er stand nun mittellos da. Da er sich freiwillig zum Militär gemeldet hatte, hat man sich staatlicherseits wenig um ihn und seine Familie gekümmert. Arbeitsplätze waren auch für Handwerker rar. Durch Unterstützung des Pfarrers bekam er zunächst eine Arbeit bei der Post als Schlosser und sodann eine kleine Zweizimmerwohnung, etwa 2 km von der Heilig-Kreuz entfernt in der Nachbarpfarrei St. Josef gelegen, in der Hallgartenstraße. Durch seine inzwischen 20jährige Tätigkeit in Bornheim und seine Antinazihaltung, die ihn fast in ein KZ gebracht hätte, war Nilges bekannt und beliebt; entsprechend groß war auch sein Einfluss. Folglich konsequent ging die Familie sonntags immer wieder nach Heilig-Kreuz in die Gottesdienste, obwohl wir eigentlich zur Nachbarpfarrei gehört hatten; auch ging ich in Heilig-Kreuz, am Nussberg oberhalb des FSV-Sportplatzes gelegen, 1952 zur Erstkommunion und ebenda wurde ich 1953 Messdiener und Mitglied in einer Jungschargruppe, war also immer in der Nähe des beliebten, aber gestrengen Pfarrers, der eine enorme Autorität – und in gewisser Weise auch eine fromme Unnahbarkeit - ausstrahlte. Oft bin ich als Messdiener zu der Frühmesse morgens um 5.30 Uhr den langen Weg zum Gotteshaus mit dem Fahrrad gefahren, um dann wieder pünktlich um 8 Uhr in der Schule zu sein. Die seit Ostern 1953 besuchte Bornheimer Mittelschule lag in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung.
1952 wurde mein Bruder Hubert und 1954 meine Bruder Thomas geboren. Damit war natürlich die 2-Zimmer-Wohnung viel zu klein. Nun bekamen wir wiederum mit Hilfe des Pfarrers eine Wohnung in einem Wohnblock direkt neben der Pfarrkirche Heilig-Kreuz. Von unserem Wohnzimmer konnten wir nicht nur den großen Pfarrgarten mit kleinem Jugendheim und Fußballspielgelände, sondern auch die Sakristei einsehen. Damit erstarkte wieder die Verbindung zur Pfarrgemeinde. Während mein Schulweg jetzt 2 km lang war, war die Kirche und kirchliches Leben ganz nah. Die neuen Entfernungen waren symbolträchtig: Die Beziehung zur Kirche wuchs und das Verhältnis zur Schule nahm ab. Nach 4 Jahren – Ostern 1949 bis Ostern 1953 - in der nur von Knaben besuchten Abteilung der Brentanoschule in Bornheim, ging ich auf eigenen Wunsch in die Bornheimer Mittelschule. Ich hatte mich zunächst ohne das Wissen meiner Eltern in dieser Schule angemeldet. Auch dies war eine reine Knabenschule. Damals war es noch üblich und unabdingbar, dass man täglich Hausaufgaben zu erledigen hatte. Zunehmend wurde die Schule für mich zur Nebensache. Hausaufgaben wurden morgens kurz vor Schulbeginn irgendwoher abgeschrieben, abends im Bett habe ich mir noch schnell mal das durchgelesen, was unbedingt wichtig war. Trotzdem konnte ich mich zunächst als mittelmäßiger Schüler behaupten, auch als nach Englisch die zweite Fremdsprache Französisch hinzukam. Hilfe für die Schule konnten ich von meinen Eltern nicht erwarten: Mein Vater hatte zu seinem Hauptberuf als KFZ-Meister bei der Post noch eine abendliche Nebentätigkeit als Fahrlehrer aufgenommen, um etwas Geld für die Familie beizuschaffen. Meine Mutter war mit der Aufzucht meiner beiden kleinen Geschwister voll beschäftigt. Und ich war weitgehend auf mich gestellt, musste mich nur immer wieder bei häuslichen Tätigkeiten einbringen. Die Eltern dankten mir das fast gar nicht, im Gegenteil gab es immer wieder Konflikte, die oft zu meinem Leidwesen brachial ausgetragen wurden. Die räumliche Enge – eine kleine 3-Zimmerwohnung mit ca. 60 qm für inzwischen 5 Personen – trug oft zu schier unerfüllbaren Sehnsüchten bei. Ausweg bot die benachbarte Kirche.
Meine Eltern sahen es gern, wenn ich mich in der Kirche nützlich machte. Die Kirche hatte damals noch
einen hauptberuflichen Küster; dieser wohnte mit seiner Frau im Erdgeschoss des Pfarrhauses. Der
etwa 60jährige Messner Max N. war ein Flüchtling aus Schlesien; er hatte von dort auch seine
spezielle Frömmigkeit mitgebracht. Früher hatte er einen gut dotierten Posten als Prokurist bei
einer großen Firma. Als hauptberuflicher Küster dieser recht großen Pfarrkirche mit zeitweise drei
Geistlichen hatte er ein umfangreiches tägliches Programm: morgens drei Gottesdienste, zahlreiche
Beerdigungen, Auflegen der Messgewänder, Versorgung der Priester- und Messdienerkleidung,
Aufräumen und Umräumen in der Kirche, Verwalten der Unterkirche, Versorgung der riesigen
Kirchenheizung – Kohle einschippen, Kohle auflegen in die großen Brennöfen im Keller der Kirche,
Schneeräumen auf dem großen Kirchengelände u.v.m. So war der freundliche Herr dankbar für kleine
Handgriffe, die ich dort leisten konnte. Dies machte mich zu einem besonderen Messdiener, denn wenn
die vorgesehenen Messbuben fehlten, konnte ich unmittelbar einspringen und somit den Küster
entlasten, der sonst den Ministrantendienst hätte versehen müssen. Wenn es kirchlich nichts zu tun
gab, war ich auf dem Fußballplatz der Gemeinde und kickte mit anderen Jugendlichen der Gemeinde,
oft 4 Stunden am Tag: Mein ganzes Leben spielte sich fortan im Dunstkreis der Kirche ab. Man darf
nicht vergessen, dass es damals ein schier unüberschaubares Angebot von gottesdienstlichen
Veranstaltungen gab: Messen, Andachten, Prozessionen, Sakramentenspendungen, Jugendgruppenstunden
u.a.m.
In dieser Zeit als 10 bis 12jähriger habe ich wenig über meine berufliche Zukunft nachgedacht. Für
meine Eltern war klar, der Junge lernt wie der Vater einen Handwerksberuf, nämlich Schlosser.
Dabei beäugte mich mein Vater sehr skeptisch, denn er war der Auffassung,
dass ich dafür nicht geboren bin, denn ich arbeitete ihm nicht sauber und korrekt genug und oft
bemerkte er daher lautstark und nachhaltig, dass ich zum Handwerker ungeeignet bin. Die aufkommende
Neugierde nach dem anderen Geschlecht hielt sich in Grenzen, zumal ich immer „rein männliche“
Schulen besucht hatte; bei den Messdienern gab es auch nur Knaben und die Jungschar war männlich.
Die Mädchen waren eine andere Kategorie. Gelegentlich wurde in der Schule über die Mädchen
gesprochen und manch einer berichtete über seine individuellen Erfahrungen mit einer
gleichaltrigen Maid. Ein Blick für das andere Geschlecht wurde aber von Seiten der Frankfurter
Schulbehörde in besonderer Weise erschlossen: Das Landschulheim „Wegscheide“ lag im nördlichen
Spessart, in der Nähe von Gelnhausen/Bad Orb. Hier sollten alle Frankfurter SchülerInnen in der 7.
Klasse, also etwa mit 11, 12 bzw. 13 Jahre alt einige Wochen – ich glaube, es waren drei Wochen –
verbringen. Wir wohnten dort in militärähnlichen Baracken und der Klassenlehrer hatte mit seiner
Frau darin ein eigenes kleines Zimmer, musste er doch die „Schülermeute“ bewachen. Da das Ganze
während der Schulzeit ablief, musste natürlich der Lehrer täglich 3 – 4 Stunden Unterricht halten;
ansonsten standen Spaziergänge auf dem Programm. Abends kam ein besonderer Programmpunkt: die
Höhe. Auf einem erhöhten freien Platz trafen sich alle SchülerInnen der anwesenden Klassen und es
wurde gemeinsam locker gesungen und getanzt. Dazu gehörte, dass gegenseitige Geschenke
ausgetauscht wurden: Die Jungen hatten aus dem Kakaostein, der dort reichlich zu finden ist,
Herzchen geschnitzt und die Mädchen hatten aus Wolle Bommeln gefertigt. Und so mancher Knabe
trumpfte am nächsten Tag mit den zahlreichen Bommeln auf, die er nun stolz am Gürtel trug. Damals
waren Küsschen beim Austausch der Gaben sicher eher eine Seltenheit. Hier entstanden gelegentlich
Freundschaften, die z.T. über längere Zeit gehalten haben. Für mich blieben damals Mädchen doch
fremde Wesen, mit denen ich nichts anfangen konnte.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich die Frau unseres damaligen Klassenlehrers, Herrn Pistorius,
durch meine fantasievollen Erzählungen aus meinem bisherigen Leben begeistert habe. Dies brachte mir
auch ein wenig die Gunst des Lehrers ein. Das war dann zu einem späteren Zeitpunkt wichtig, denn am
Ende des 8. Schuljahres, an Ostern 1956, waren meine Leistungen auch auf Grund meiner mangelnden
häuslichen Schultätigkeiten auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt: Ich hatte inzwischen 2 Fünfen
und viele 4er, was meine Versetzung erheblich gefährdete. Nur durch eine 2 in einem Hauptfach, die
mir mein Klassenlehrer gnädigerweise gegeben hatte, konnten ich ausgleichen und so habe ich doch
das Klassenziel gerade so erreicht. Außerdem war ich der Benjamin in der Klasse, denn da mein
Geburtstag an der Grenze der Klassenzugehörigkeit gelegen hatte, war ich bereits mit 5 Jahren in die
Schule gekommen.
Bei den Messdienern und auch in meiner Jungschargruppe hatte ich einen guten Freund, Friedel May
(siehe den Beitrag unter In Memoriam), der ebenfalls auch immer wieder dem alten Küster half. Er
wohnte nicht unweit von mir in der gleichen Straße und unter ähnlichen Bedingungen wie ich. Wir
erlebten gemeinsam den Pfarrer und die Kapläne im Pfarrhaus. Und wir bewunderten diese in gewisser
Weise; wir sahen ihre anerkennenswerte Arbeit, ihre persönlichen Freiheiten – so zumindest meinten
wir damals – ihre großzügigen Wohnungen mit dem vielen Platz und den schönen Büchern; sie mussten
nicht von morgens bis abends zur Arbeit gehen wie unsere Väter, sie hatten keine Frauen und Kinder
zu versorgen, sie hatten Schreibmaschinen und andere Hilfsmittel. Sie boten irgendwie das Bild einer
anderen, erstrebenswerten, schöneren Welt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass uns der
Pfarrerberuf als absolut erstrebenswertes Ziel vor Augen stand. Und so gingen wir im Winter 1955/56,
es war wohl im Januar 1956, zu Pfarrer Nilges und fragten ihn ganz kleinlaut mit klopfendem 10
Herzen: Herr Pfarrer, wie können wir Pfarrer werden? Die Antwort des Pfarrers war nur ein kurzes:
So! Und dann geschah erst einmal gar nichts. Und Ende März 1956 sprach unser Pfarrer uns kurz an
und sagte, dass da ein Pater kommen wird, der uns sagen könnte, wie wir Pfarrer werden können. Und
es muss wohl in der Karwoche gewesen sein, dass ein P. Adolf Eisele bei uns auftauchte und uns
erklärte wie wir Missionar werden können, denn Missionar ist ja noch etwas Schöneres als Pfarrer.
Und es sollte dann auch gleich losgehen, nämlich am Montag nach dem Weißen Sonntag, dem 9.4.1956.
Das war sehr kurzfristig, aber alles lässt sich regeln, außerdem sind schon zwei Jungen aus der
Pfarrgemeinde in Haigerloch, nämlich Josef und Fritz Reith (siehe unter Internatsleben, Der erste
Tag). Meine Eltern waren wohl ein bisschen schockiert, hatte ich ihnen doch nichts von dem
Vorgespräch mit dem Pfarrer gesagt. Das größte Problem für meinen Vater und auch Friedels Vater war
die Zahlung der monatlichen Pensionskosten von 60 DM an das Missionshaus. Hier sprang sofort
wieder Pfarrer Nilges ein und erklärte sich bedingungslos bereit, jeweils die Hälfte der Kosten zu
übernehmen. Vermutlich standen ihm da irgendwelche Gelder aus entsprechenden Töpfen zur Verfügung.
Und so bin ich ganz plötzlich in Haigerloch gelandet. Die ersten Erlebnisse habe ich bereits an
anderer Stelle beschrieben. Und da ja das Missionarsein etwas Besseres ist als das Pfarrersein,
was auch im Missionshaus immer wieder in geistlichen Lesungen beschworen wurde, habe ich mich doch
entschlossen auf diesen Weg gemacht. Wie oben berichtet waren meine schulischen
Leistungen in der Frankfurt-Bornheimer Realschule miserabel. In Haigerloch wendete sich das Blatt
radikal: Ich war plötzlich ein hervorragender Schüler. Das lag daran, dass ich nun schon etwas älter
als die Klassenkameraden war und auf Grund meiner dreijährigen Realschulzeit einen großen
Wissensvorsprung hatte. Das steigerte mein Selbstwertgefühl enorm.
Auch den sogenannten Sonderkurs bei P. Georg Eisele – dabei ging es um das Fach Latein - absolvierte
ich ohne Schwierigkeiten und konnte gleich mit Klasse Quinta in Haigerloch beginnen. Diese
gravierende Steigerung des Selbstbewusstseins bewirkte natürlich eine besondere Zuneigung zu der
neuen Schule Haigerloch: Hier galt ich nun als besonderer unter den
Mitschülern. Früher war ich immer der jüngste Schüler gewesen, der in vielem unterlegen war. Somit
wuchs damit auch meine Liebe zu Haigerloch und letztendlich auch zu dem von allen angestrebten
Beruf, Missionar, genauer gesagt Weißer Vater. Hinzu kam, dass ich nicht wie viele Haigerlocher
Knäblein aus irgendeinem Kaff kam, sondern aus einer bekannten Großstadt, nämlich Frankfurt. Und
dann kam noch dazu: mein etwas ausgefallenes Hobby, nämlich Orgelbau (hierüber ist bereits an
anderer Stelle ausführlich berichtet). All das machte mir den Aufenthalt im Eyachstädtchen angenehm
und festigte meine Verbindung zu den Weißen Vätern. Postpubertäre Probleme mit Mädchen stellten
sich für mich nicht, hatte ich doch ein viel, viel besseres Leben als Missionar vor Augen. Auch in
den Ferien gab es faktisch keine Versuchungen in diese Richtung. Wenn ich mit meinen Eltern und
Geschwistern nach Tirol in den Urlaub fuhr, galt ich auch dort in dem damals noch recht frommen Land
als der angehende Missionar, der täglich in die Messe ging. Das wir dann lange Jahre in Fiss, einem
abseits gelegenen Ort hoch auf dem Berg, wo es nur ein einziges Gasthaus und kein Hotel in den 60er
Jahren gab; hier musste ich mich entsprechend verhalten: Mädchen, Tanzen u.ä. absolut tabu! Den
Rest der Sommerferien verbrachte ich dann meist im Keller der Kirche, wo ich an meinem Orgelwerk
bastelte. Letzteres traf dann auch in der Regel auf die anderen kürzeren Ferien zu; diese
Werktätigkeit wurde allenfalls unterbrochen, wenn unser alter Küster irgendwie Hilfe brauchte und
das war recht oft der Fall.
Und so vergingen die Jahre immer im gleichen Rhythmus. Die Monotonie des Lebens im Missionshaus setzte sich mit anderen Vorzeichen in den Ferien fort. Entsprechend gab es auch niemals Kontakt mit Mädchen und Kameraden aus früheren Jahren. Die Zeit glitt dahin. War man im Missionshaus, freute man sich auf die Ferien; und in den Ferien wusste man, dass die Zeit im Missionshaus alsbald wiederkommen würde; vielleicht gab es dort etwas Neues, neue Patres, neue Schüler, kleine bauliche Veränderung u.ä.
Und an der entscheidenden Schnittstelle, nämlich nach dem Abitur in der Kreuzburg 1964, schien es mir korrekt, den einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Immer mal wieder tauchten Mädchen in meinem Leben auf, aber ich betrachtete sie nur als Gefährdung meines angefangenen Weges. Ein Studium an einer Hochschule kam für mich nicht in Betracht: 1. war da die Erwartungshaltung von Pfarrer Nilges und Küster Max N. und auch ein bisschen der Eltern und Verwandten; 2. wusste ich gar nicht, was ich eigentlich studieren sollte; 3. kannte ich mich überhaupt nicht an den Universitäten aus; darüber hatten wir während der Schulzeit nicht gesprochen; es wäre auch kontraproduktiv gewesen; 4. hatte ich gar kein Geld, um die Studienkosten zu zahlen; 5. wusste ich absolut nicht, wo ich im Falle eines Studiums wohnen könnte. Der Weg nach Trier war also alternativlos. Trier und auch das Noviziat in Hörstel wurden relativ problemlos durchlaufen. Auch eine kleine Gefährdung durch ein ganz besonderes Mädchen (siehe: Auf dem Weg zum Noviziat) hat meinen Weg nicht beeinflusst.
In Totteridge, im Norden Londons gelegen, lernte ich eine neue Welt kennen, die mir gar nicht so gefiel und die für mich absolut fremd blieb. Hier hatte die „internationale Frömmigkeit“ nun ein Gesicht, das meiner Mentalität überhaupt nicht entsprach. Gewiss, die Konfratres waren alle recht nett, besonders wenn wir anfangs Schwierigkeiten mit der Sprache hatten. Außerdem mussten wir Neulinge alle an einem Sprachkurs in einer Art Volkshochschule teilnehmen. Das Studium der Theologie in Englisch bedeutete auch kein großes Problem für mich und ich konnte ohne Schwierigkeiten die gewünschten Klausuren in Englisch schreiben. Ein kleiner Konflikt mit dem Superior in Totteridge im Januar 1968 beendete meinen Weg bei den Weißen Vätern, aber die ursprüngliche Intention, nämlich Priester zu werden, ist geblieben. Am Montagabend war eine besondere Messe in der Hauskapelle; hieran sollten alle angehenden Weißen Väter unbedingt teilnehmen. Das war mir damals nicht so bewusst, hatte ich mich doch mit einer Studentin von der Volkshochschule zu einem Stadtbummel verabredet. Dies war für den Superior ein gravierender Verstoß und er zitierte mich zum Gespräch, bei dem ich andeutete, dass mein künftiger Lebensweg wohl nicht zum Missionarssein führe. Folglich zwang er mich, binnen einer halben Woche das Missionshaus zu verlassen. Jetzt musste ich schnell handeln und ich habe mit meiner Heimatdiözese Kontakt aufgenommen. Ich wechselte zum Weiterstudium für die Diözese Limburg in das Jesuitenkolleg nach St. Georgen in Frankfurt; die Diözese hat mich großzügig unterstützt. Schnell wurde ich auch an dieser Hochschule ASTA-Vorsitzender und habe mich in den heißen Jahren der Studentenproteste mit allerlei Studentenpolitik beschäftigt. Im Winter 1968 habe ich eine große Hilfsaktion für Biafra, eine afrikanische Region, dessen Bevölkerung vom Hungertod bedroht war, erfolgreich organisiert. Schnell habe ich in St. Georgen auch Anschluss an Gleichgesinnte gefunden, zumal es hier sogenannte Equipes gab; das waren feste Studentengruppen, die sich regelmäßig trafen, um über geistliche Probleme zu sprechen. Hier lernte ich ausgesprochen interessante Kommilitonen kennen; mit einigen von ihnen verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft und wir feiern seit über 30 Jahren jeweils Silvester zusammen bei uns hier in Stadecken-Elsheim.
Mein Theologiestudium beendete ich1970 und wurde nach einem Aufenthalt im Priesterseminar Limburg
am 8. 12.1970 mit neun weiteren Theologen zum Priester geweiht. Es folgte ein sehr glückliches und
erfolgreiches Jahr als Kaplan in Königstein; mit dem dortigen Pfarrer Alfred Heinze und einem
weiteren Mitbewohner des Pfarrhauses Manfred Stolte habe ich mich blendend verstanden und das hatte
auch sehr positive Auswirkungen auf die pastorale Arbeit in der Gemeinde. Stolte dürfte einigen
Klepfern bekannt sein, denn er arbeitete als Lehrer und Betreuer an der Bischof-Neumann-Schule, wo
inzwischen auch die Weiße-VäterZöglinge die Schulbank drückten. In Königstein habe ich damals als
Kaplan die ersten Mädchen als Messdiener eingesetzt. Zu meinen Schwerpunkten gehört auch die
Arbeit mit Kindern. So habe ich bemerkenswerte Kindergottesdienst hier eingeführt, deren Konzept
von Limburg übernommen werden sollte.
Zu Beginn des Jahre 1972 wurde ich als Kaplan nach Frankfurt-Niederrad versetzt. Hier im Pfarrhaus
herrschten katastrophale Verhältnisse: Eine Nonne – sie hat übrigens später den Orden verlassen -
führte Regie und regelte mit dem stillschweigenden Einverständnis des m. E. psychisch schwachen und
kranken Pfarrers alles. Die Nonne wollte auch mich ganz in die Hand nehmen und mein Leben
dirigieren; dies empfand ich als absolut unangemessen und unpassend. Darüber hinaus hetzte sie
weitere Mitarbeiter und Gemeindemitglieder gegen mich auf. Abends ab 19 Uhr schlossen sich Nonne und
Pfarrer in der Pfarrerswohnung im Pfarrhaus über dem Pfarrbüro ein und ... (HONI SOIT QUI MAL Y PENSE) Für mich war die pastorale
Arbeit in einem solchen Umfeld unmöglich, ja unerträglich. Wohl auf Betreiben der Nonne sagte der
Pfarrer Ungefroren später zu mir: Ich möchte Sie nie wiedersehen!
Nein, so möchte ich meine Leben nicht verbringen und mit solchen künftigen Mitarbeitern schon gar
nicht. Inzwischen hatte sich die kirchliche Situation in Deutschland enorm gewandelt und der
Priestermangel hat die Pastoral vehement verändert. Als ich damals ein neues Studium aufgenommen
habe, wollte ich dies im Hinblick auf eine Verbesserung der künftigen kirchlichen Tätigkeit machen.
So hatte ich von Anfang an die Schwerpunkte Erwachsenenbildung und gerontagogisches Arbeiten
gesetzt. Auch hatte ich dem Bischof angeboten, eine halbe Kaplanstelle in Wiesbaden zu versehen und
mit der anderen Hälfte in Mainz zu studieren. Dies hat Bischof Wilhelm Kempf wohl auch auf Druck
des Priesterrates abgelehnt. Zur damaligen Zeit wurde diese Institution von einigen jüngeren
Priestern beherrscht, die dem alternden Bischof sagten, wie die künftige kirchliche Arbeit
weitergehen sollte. Hinzu kam, dass damals, als sich der künftige Priestermangel schon deutlich
abzeichnete, zahlreiche Pfarrer der Diözese studieren wollten. Man musste sich also solchem
Ansinnen a priori entgegenstellen. Für mich war aber klar und sinnvoll, dass ich nach diesen
Erlebnissen in Niederrad meinen geplanten Weg gehen musste. Entsprechend hat die Diözese reagiert:
Nach meinem Weggang wurde ich nach mittelalterlicher Manier an den Pranger gestellt und mir jegliche
Hilfe verweigert. Allen Priestern in der Diözese wurde schriftlich mitgeteilt, dass ich suspen-
diert wurde, weil ich dem Bischof den Amtsgehorsam verweigert hatte. Außerdem wurde meine
Suspendierung in der Kirchenzeitung veröffentlicht. So sieht der Pranger im 20. Jahrhundert aus!
Zahlreiche Mitbrüder empfanden diese Maßnahme als höchst unangemessen und haben dies auch dem
Bischof mitgeteilt. Ich war plötzlich absolut mittellos. Durch geschicktes Agieren bin ich gut, ja
sogar sehr gut ohne die Hilfe meiner Heimatdiözese über die Runden gekommen. Die Distanz zu meinem
früheren Amt ist zunehmend gewachsen und ich habe mich neu orientieren müssen, obwohl dies gar nicht
meine ursprüngliche Absicht war. Und so bin ich nach meiner Promotion in Pädagogik letztendlich
Lehrer geworden, habe eine Familie gegründet, habe ein Haus gebaut und zusammen mit meiner Frau drei
Kinder großgezogen. Außerdem konnte ich mein Hobby Orgelbau, das in Haigerloch seinen Anfang
genommen hatte, perfektionieren und habe für mich und meine Frau, sie ist im Nebenberuf Organistin,
die größte denkbare Hausorgel gebaut.
Die Kirche verhinderte später, dass ich als Lehrer an der katholischen Fachhochschule in Mainz eine
Lehrtätigkeit aufnehmen konnte. Obwohl großer Bedarf an meinen Fachgebieten war und hoch
qualifizierte Zeugnisse vorlagen, hat man mit Hinweis auf Richtlinien der Deutschen
Bischofskonferenz, keine Ehemaligen an katholischen Fachhochschule zu etablieren, mir eine
Anstellung verweigert. Heute stehe ich der Kirche nicht feindlich aber höchst kritisch gegenüber.
Diese Haltung verstärkt sich zunehmend, wenn ich sehe, wie selbstsüchtig und egozentrisch einzelne
„Würdenträger“ heutzutage in Erscheinung treten. Ich denke dabei besonders an zwei Amtsträger aus
unserer Region. Sie führen z.T. das Leben eines barocken Kirchenfürsten, können sie doch auf ein
beträchtliches monatliches Saläre zurückgreifen. Es scheint, dass für sie das Amt immer noch Vehikel
zur persönlichen Machtentfaltung ist. Obwohl sie sicher gute theologische Kenntnisse haben, haben
sie m. E. wohl das Wesen der biblischen Botschaft nicht erfasst. Andererseits stehe ich staunend
vor den großen Kunstwerken des Barock, von denen sich viele im kirchlichen Rahmen erhalten haben.
Dabei ist mir wohl bewusst, dass vieles nur geschaffen werden konnte, weil sich einfache Menschen
dafür krummlegen mussten oder weil man ihnen künftige, himmlische Segnungen und Belohnungen
vorgegaukelt hatte.
Nach langen aktiven Jahren im Verwaltungsrat der örtlichen Kirchengemeinde, habe ich mich auch auf
Grund eines jungen, in seinem Herzen konservativen Pfarrers – er ist Spätberufener – aus dem
kirchlichen Leben weitgehend abgemeldet. Ich lebe heute glücklich und zufrieden mit meiner Familie
in Rheinhessen, schreibe gelegentlich Berichte über Kunst und Kultur und werkele je nach Lust und
Laune in meiner perfekt eingerichteten Werkstatt an kleinen Orgelprojekten. Außerdem habe ich mich
auf den Bau von Zimbelsternen – das sind barocke Beigaben für Kirchenorgeln – spezialisiert. Die
besondere Konstruktion habe ich mir beim Deutschen Patentamt schützen lassen. Bis heute erhalte
ich immer wieder entsprechende Arbeitsaufträge und inzwischen konnten schon einige Hundert dieser
barocken Spielereien gefertigt und in alle Welt geliefert werden.
Die Weißen Väter sehe ich heute als Auslaufmodell und ich bin sehr froh, dass ich mich ihnen nicht
angeschlossen habe. Ich habe Respekt vor allen, die als Missionar ihr Leben für die Verbreitung des
Gotteswortes und für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Missionsländern eingesetzt
haben. Ich denke, in ein paar Jahren werden nicht nur die Weißen Väter, sondern ähnliche kirchliche
Gruppierungen, die sich im 19. Jahrhundert in Deutschland bzw. Europa gebildet haben, Geschichte
sein. Wie es in Europa mit der Kirche weitergehen wird, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Der
heute viel beklagte Priestermangel ist ein unbedingt hausgemachtes Problem der Kirche: Man kann
nicht so tun, als lebten wir so wie vor Jahrhunderten; die Welt hat sich gewandelt und auch die
Menschen. Und die Kirche muss für die Menschen da sein, nicht umgekehrt. Das setzt voraus, dass die
Kirche, genauer gesagt die Amtskirche, die Weltsituation realiter erfassen und verstehen muss und
sich dann den Menschen zuwenden muss. Hier ist nicht der Ort, weltkirchliche Probleme zu erörtern,
daher möchte ich mich nun weit erquicklicheren Dingen zuwenden.
Ich habe versucht, meinen speziellen Weg zu den Weißen Vätern aufzuzeigen und den peripheren
Kontext mitschwingen zu lassen. Es ist kein Rückblick im Zorn, es ist keine Abrechnung mit der
Vergangenheit, es ist vielmehr eine Schau auf einen zurückgelegten (Lebens)Weg. Es war dies kein
Bilderbuchweg – wenn es den überhaupt gibt - sondern es ist das Auf und Ab des Er-Lebens. Und da
wäre es fatal, wollte ich die 12 Jahre bei den Weißen Vätern ausklammern, ja auslöschen. Einige
Ehemalige scheinen das zu tun. So hat beispielsweise ein ehemaliger Klassenkamerad, der Weltpriester
geworden ist, abrupt den Kontakt zu uns abgebrochen, nach dem Motto, irgendwann ist einmal Schluss
damit; außerdem bleibt wohl die utilitaristische Frage: Was habe ich denn davon? Gewiss mag jeder
entscheiden, wie er will, aber das, was oben über „Charakter“ gesagt wurde, scheint mir nicht
Gegenstand persönlichen Wollens zu sein, sondern ist ein unumstößliches biologisch-psychologisches
Faktum. Und daher ist für mich die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und in dieser kom-
men nun mal die Weißen Väter vor, eine dringliche Notwendigkeit.
Hajo Stenger Stadecken, den 8.8.2018
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