Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

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Mein Gang zu den Weißen Vätern

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte unter dieser Überschrift bringen soll. Eigentlich habe ich zu dieser Thematik bereits einige Gedanken unter der Rubrik Internatsleben „Der erste Tag“ eingebracht. Außerdem bedeutet die weitere Schilderung einen tiefereren Einblick in meine individuelle Vergangenheit und die Preisgabe von persönlichen Daten, was durchaus bei derzeitiger „wwwlage“ zu Missbrauch führen kann. Andererseits ist die umfangreiche Darlegung vielleicht für den Ein oder Anderen interessant und lässt das eigene Erleben, die eigene Vergangenheit in neuem Licht erscheinen. So will ich nun doch versuchen, meinen Weiße-Väter-Werdegang von den Wurzeln her zu beleuchten. Dazu muss ich freilich etwas weiter ausholen; man verzeihe mir den umfangreichen Schwenk. Wie gesagt, freilich sehr individuell, aber vielleicht von daher umso verständlicher.
Zudem will ich das Erlebte nicht sublimieren; ich möchte auch nicht in philosophisches Denken eintauchen und so die Gründe und Hintergründe in einen abgrundtiefen Rahmen tauchen, der sicher für einige Leser anregend wäre und selbst durchlebte Lebensphasen neu zum Schwingen bringen könnte. Ich will einfach Fakten aufzeigen, Tatsachen darstellen. Ich bin mir dennoch bewusst, dass dies gar nicht so einfach ist, trägt das Dargestellte doch immer den Mantel des Darstellers oder in diesem Fall des Schreibers. Dieses Subjektive lässt sich nicht abstreifen wie ein Gewand und einfach in die Garderobe hängen. Ich bin sicher, dass die Leser der folgenden Zeilen, Inhalt und Gehalt der niedergeschriebenen Worte richtig einordnen werden. Was heißt hier „richtig“? Gibt es hierbei überhaupt ein Richtig. Was dem Einen richtig zu sein scheint, ist dem anderen vielleicht völlig verdreht. Dennoch hüten wir uns vor einem Subjektivismus. Weit über tausend Individuen haben Haigerloch durchlaufen, wie auch immer, und jeder hat seine persönlichen Erfahrungen hier gemacht und diese Erfahrungen führten unweigerlich zu Prägungen, die sich eben in uns eingekratzt haben, unseren Charakter - das Wort kommt ja vom griechischen „einkratzen“- bestimmt haben. Inwieweit dieses einmal Eingekratzte die nächsten Jahrzehnte tangiert oder zumindest verdeckt beeinflusst hat, ist sicher auch sehr subjektiv, dennoch muss es ein tertium comparationis gegeben haben, dessen Einfluss der Einzelne sich nicht entziehen konnte… Lassen wir die Gedankenspiele und betrachten wir die Realitäten.
Die Zwanziger Jahre nach dem ersten Weltkrieg waren für die Deutschen keine leichte Zeit: Arbeitslosigkeit und Not gehörten für viele zum Alltag. Mein Großvater väterlicherseits war vom Spessart nach Frankfurt gezogen, hatte dort unter schwierigsten Bedingungen einen kleinen Schlosserbetrieb gegründet. Die harte, entbehrungsreiche Arbeit und die schlechten Lebensbedingungen führten zu seinem frühen Tod Mitte der zwanziger Jahre. Nun stand meine Großmutter, sie war ebenfalls aus Freudenberg bei Miltenberg am Main nach Frankfurt gekommen, mit zwei kleinen Kindern allein in der Stadt. Eine kleine Hilfe oder auch Trost war für sie die katholische Kirchengemeinde St. Josef in Frankfurt-Bornheim mit ihrem sehr engagierten Pfarrer Höhler. Folglich war auch ihr Sohn, mein Vater, recht schnell in kirchliches Leben eingebunden: Mit großer Begeisterung wurde er um 1930 Pfadfinder. Gleichzeitig absolvierte er eine Schlosserlehre. Und dies war absolut kein Honigschlecken: Arbeitsbeginn um 5 Uhr morgens; den schweren Schlosserkarren durch halb Frankfurt schieben, harte körperliche Arbeit und gegen 20 Uhr wieder zurück. Die Gesellen hatten bei der Arbeit das unwidersprechbare Sagen; dass es dabei immer wieder Schläge setzte, auch mit der Eisenstange, war normal. Und nach erfolgreicher Lehre: Arbeitslosigkeit. Trotz aller Not wurden aber in Frankfurt-Bornheim in dieser Zeit neue Wohnsiedlungen gebaut; unter Leitung des Siedlungsplaners und Architekten Ernst May entstand fast ein ganzer Stadtteil am Ende der Wittelsbacher Allee im Nordosten Frankfurts: Einbauküchen, für für damalige Verhältnisse große Wohnflächen und typische Fenster in liegender Rechteckform gehörten zum Standard. Dort musste eine neue Kirche gebaut werden. Martin Weber schuf die große Heilig-Kreuz-Kirche mit ca. 800 Plätzen am Bornheimer Hang; diese wurde 1929 eingeweiht. Bemerkenswert ist, dass dieser Martin Weber etwa zur gleichen auch die Kreuzburg der Weißen Väter in Großkrotzenburg gebaut hat. Auch hier finden sich ähnliche Bauelemente: liegende Rechtecke, abgerundete Tür- und Fensterkanten.


Beschreibung Bild 1
Abb. 1: Die Gründungsurkunde der Kreuzburg von 1928; diese war damals, als die Weißen Väter in der Kreuzburg waren, versteckt irgendwo in den Unterlagen; die Franziskaner haben sie im unteren Gang aufgehängt
Beschreibung Bild 2
Abb. 2: Unser langjähriger Pfarrer Nilges; sein asketisches Aussehen strahlt Autorität und Gottvertrauen aus; er hat Generationen von Menschen in der Pfarrei geprägt

Der erste Pfarrer von Heilig-Kreuz war Georg Nilges, der zuvor in St. Josef Kaplan gewesen war. Nilges kam aus Wilsenroth im Westerwald und war Pfarrer aus und mit Leidenschaft. Mein Vater wusste diesen besonderen Geistlichen zu schätzen. Und der Pfarrer hat mit seinen Jugendlichen auch Kontakt gehalten, vor allem, wenn sie, wie mein Vater, später als Soldat im Krieg waren. Die Kirche konnte die bestehende Arbeitslosigkeit damals nicht beseitigen; „Hilfe“ kam von anderer Stelle: Arbeitsdienst und Militär boten Unterstützung. Und viele junge Menschen, so auch mein Vater, waren damals dankbar für die neuen Möglichkeiten. Die dahinterstehende Ideologie durchschauten die wenigsten der Jugendlichen; man war froh wieder etwas verdienen zu können. Zur militärischen Ausbildung kam mein Vater nach Würzburg, trotzdem verblieb die Bindung zur Pfarrei. Nun schon als Mitglied der Reichswehr heiratete mein Vater in Soldatenuniform am 31.12.1939 mit dem Segen von Pfarrer Nilges in der Heilig-Kreuz- Kirche meine Mutter Elfriede Stahl. Sie lebte ebenfalls in der Gemeinde Heilig-Kreuz und war Mitglied der kirchlichen weiblichen Frohschar. Der Pfarrer hatte in Frankfurt großes Ansehen, denn er redigierte eine katholische Schrift für die Frankfurter Katholiken. Das war damals nicht ganz ungefährlich und wie er später berichtete, saß bei seinen Predigten immer verdeckt ein Nazi in der Gemeinde und passte genau auf, ob Nilges nicht etwas gegen die Nazis und deren Führer sagte. Deswegen war der Pfarrer sehr auf der Hut, wusste er doch, dass einige Mitbrüder bereits hinter Schloss und Riegel saßen.

Taufe
Abb. 3: Am Tag der Taufe

Mein Vater war als Soldat im Osten im Einsatz und bekam zu meiner Geburt im Juni 1943 für ein paar Tage Heimaturlaub. Der schreckliche Krieg wird immer grausamer und die deutschen Städte versinken zunehmend in Schutt und Asche. Schwer getroffen wurde auch unsere Pfarrkirche Heilig-Kreuz. Die deutschen Soldaten gehören schließlich zu den großen Verlierern der größenwahnsinnigen und menschenverachtenden Nazis. Die nicht im Granaten- und Bombenhagel gestorbenen Wehrmachtsangehörigen enden in Kriegsgefangenschaft, so auch mein Vater im Kaukasus.

Taufe
Abb. 4: Eine Postkarte von der gewaltigen Kirche mit angebautem Pfarrhaus (rechts); diese schrieb Pfarrer Nilges am 31.3.1942 an meinen Vater, der zu dieser Zeit am Russlandfeldzug teilnehmen musste. Man sieht, wie sehr sich der Pfarrer bemühte, Kontakt mit guten Bekannten aus der Jugendarbeit zu halten und Trost zu spenden.
Portrait
Abb. 5: Erstes Portraitfoto 1946

Es dürfte etwa 1946 gewesen sein, als die „berühmten Trümmerfrauen“ dran gingen, die Stadt aufzuräumen. Meine Mutter fuhr zusammen mit mir mit einem Leiterwägelchen durch den zerbombten Stadtteil und wir suchten zwischen den Trümmern nach noch einigermaßen ganzen Backsteinen; diese wurden aufgeladen und dann zur Heilig-Kreuz-Kirche gebracht. Dort empfing uns Pfarrer Nilges und bedankte sich für die Hilfe beim Wiederaufbau der Kirche.

Trümmer
Abb. 6: Durch Bomben beschädigte Pfarrkirche

Die Nachkriegszeit hatte meine Mutter mit mir und ihrem Bruder sowie ihren Eltern unter sehr beengten Verhältnissen – kleine Dreizimmer-Wohnung für 4 Erwachsene und 1 Kind - in einem schnell wieder aufgebauten Wohnblock in Bornheim unweit der Heilig-Kreuz-Kirche verbracht. Erst 1948 kommt mein Vater krank, durch Malaria geschwächt zurück. Er stand nun mittellos da. Da er sich freiwillig zum Militär gemeldet hatte, hat man sich staatlicherseits wenig um ihn und seine Familie gekümmert. Arbeitsplätze waren auch für Handwerker rar. Durch Unterstützung des Pfarrers bekam er zunächst eine Arbeit bei der Post als Schlosser und sodann eine kleine Zweizimmerwohnung, etwa 2 km von der Heilig-Kreuz entfernt in der Nachbarpfarrei St. Josef gelegen, in der Hallgartenstraße. Durch seine inzwischen 20jährige Tätigkeit in Bornheim und seine Antinazihaltung, die ihn fast in ein KZ gebracht hätte, war Nilges bekannt und beliebt; entsprechend groß war auch sein Einfluss. Folglich konsequent ging die Familie sonntags immer wieder nach Heilig-Kreuz in die Gottesdienste, obwohl wir eigentlich zur Nachbarpfarrei gehört hatten; auch ging ich in Heilig-Kreuz, am Nussberg oberhalb des FSV-Sportplatzes gelegen, 1952 zur Erstkommunion und ebenda wurde ich 1953 Messdiener und Mitglied in einer Jungschargruppe, war also immer in der Nähe des beliebten, aber gestrengen Pfarrers, der eine enorme Autorität – und in gewisser Weise auch eine fromme Unnahbarkeit - ausstrahlte. Oft bin ich als Messdiener zu der Frühmesse morgens um 5.30 Uhr den langen Weg zum Gotteshaus mit dem Fahrrad gefahren, um dann wieder pünktlich um 8 Uhr in der Schule zu sein. Die seit Ostern 1953 besuchte Bornheimer Mittelschule lag in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung.

Kommunion
Abb. 7: Erstkommunion am 20.4.1952 bei Pfarrer Nilges in der Heilig-Kreuz-Kirche

1952 wurde mein Bruder Hubert und 1954 meine Bruder Thomas geboren. Damit war natürlich die 2-Zimmer-Wohnung viel zu klein. Nun bekamen wir wiederum mit Hilfe des Pfarrers eine Wohnung in einem Wohnblock direkt neben der Pfarrkirche Heilig-Kreuz. Von unserem Wohnzimmer konnten wir nicht nur den großen Pfarrgarten mit kleinem Jugendheim und Fußballspielgelände, sondern auch die Sakristei einsehen. Damit erstarkte wieder die Verbindung zur Pfarrgemeinde. Während mein Schulweg jetzt 2 km lang war, war die Kirche und kirchliches Leben ganz nah. Die neuen Entfernungen waren symbolträchtig: Die Beziehung zur Kirche wuchs und das Verhältnis zur Schule nahm ab. Nach 4 Jahren – Ostern 1949 bis Ostern 1953 - in der nur von Knaben besuchten Abteilung der Brentanoschule in Bornheim, ging ich auf eigenen Wunsch in die Bornheimer Mittelschule. Ich hatte mich zunächst ohne das Wissen meiner Eltern in dieser Schule angemeldet. Auch dies war eine reine Knabenschule. Damals war es noch üblich und unabdingbar, dass man täglich Hausaufgaben zu erledigen hatte. Zunehmend wurde die Schule für mich zur Nebensache. Hausaufgaben wurden morgens kurz vor Schulbeginn irgendwoher abgeschrieben, abends im Bett habe ich mir noch schnell mal das durchgelesen, was unbedingt wichtig war. Trotzdem konnte ich mich zunächst als mittelmäßiger Schüler behaupten, auch als nach Englisch die zweite Fremdsprache Französisch hinzukam. Hilfe für die Schule konnten ich von meinen Eltern nicht erwarten: Mein Vater hatte zu seinem Hauptberuf als KFZ-Meister bei der Post noch eine abendliche Nebentätigkeit als Fahrlehrer aufgenommen, um etwas Geld für die Familie beizuschaffen. Meine Mutter war mit der Aufzucht meiner beiden kleinen Geschwister voll beschäftigt. Und ich war weitgehend auf mich gestellt, musste mich nur immer wieder bei häuslichen Tätigkeiten einbringen. Die Eltern dankten mir das fast gar nicht, im Gegenteil gab es immer wieder Konflikte, die oft zu meinem Leidwesen brachial ausgetragen wurden. Die räumliche Enge – eine kleine 3-Zimmerwohnung mit ca. 60 qm für inzwischen 5 Personen – trug oft zu schier unerfüllbaren Sehnsüchten bei. Ausweg bot die benachbarte Kirche.

Kirche
Abb. 8: Blick von unserem Balkon auf Pfarrhaus (links) und Kirche. Vorn rechts das kleine Pfarrheim, in dem sich täglich Jugendgruppen trafen; rechts neben dem Pfarrheim lag der große Spielplatz im Pfarrgarten.

Meine Eltern sahen es gern, wenn ich mich in der Kirche nützlich machte. Die Kirche hatte damals noch einen hauptberuflichen Küster; dieser wohnte mit seiner Frau im Erdgeschoss des Pfarrhauses. Der etwa 60jährige Messner Max N. war ein Flüchtling aus Schlesien; er hatte von dort auch seine spezielle Frömmigkeit mitgebracht. Früher hatte er einen gut dotierten Posten als Prokurist bei einer großen Firma. Als hauptberuflicher Küster dieser recht großen Pfarrkirche mit zeitweise drei Geistlichen hatte er ein umfangreiches tägliches Programm: morgens drei Gottesdienste, zahlreiche Beerdigungen, Auflegen der Messgewänder, Versorgung der Priester- und Messdienerkleidung, Aufräumen und Umräumen in der Kirche, Verwalten der Unterkirche, Versorgung der riesigen Kirchenheizung – Kohle einschippen, Kohle auflegen in die großen Brennöfen im Keller der Kirche, Schneeräumen auf dem großen Kirchengelände u.v.m. So war der freundliche Herr dankbar für kleine Handgriffe, die ich dort leisten konnte. Dies machte mich zu einem besonderen Messdiener, denn wenn die vorgesehenen Messbuben fehlten, konnte ich unmittelbar einspringen und somit den Küster entlasten, der sonst den Ministrantendienst hätte versehen müssen. Wenn es kirchlich nichts zu tun gab, war ich auf dem Fußballplatz der Gemeinde und kickte mit anderen Jugendlichen der Gemeinde, oft 4 Stunden am Tag: Mein ganzes Leben spielte sich fortan im Dunstkreis der Kirche ab. Man darf nicht vergessen, dass es damals ein schier unüberschaubares Angebot von gottesdienstlichen Veranstaltungen gab: Messen, Andachten, Prozessionen, Sakramentenspendungen, Jugendgruppenstunden u.a.m.
In dieser Zeit als 10 bis 12jähriger habe ich wenig über meine berufliche Zukunft nachgedacht. Für meine Eltern war klar, der Junge lernt wie der Vater einen Handwerksberuf, nämlich Schlosser. Dabei beäugte mich mein Vater sehr skeptisch, denn er war der Auffassung, dass ich dafür nicht geboren bin, denn ich arbeitete ihm nicht sauber und korrekt genug und oft bemerkte er daher lautstark und nachhaltig, dass ich zum Handwerker ungeeignet bin. Die aufkommende Neugierde nach dem anderen Geschlecht hielt sich in Grenzen, zumal ich immer „rein männliche“ Schulen besucht hatte; bei den Messdienern gab es auch nur Knaben und die Jungschar war männlich. Die Mädchen waren eine andere Kategorie. Gelegentlich wurde in der Schule über die Mädchen gesprochen und manch einer berichtete über seine individuellen Erfahrungen mit einer gleichaltrigen Maid. Ein Blick für das andere Geschlecht wurde aber von Seiten der Frankfurter Schulbehörde in besonderer Weise erschlossen: Das Landschulheim „Wegscheide“ lag im nördlichen Spessart, in der Nähe von Gelnhausen/Bad Orb. Hier sollten alle Frankfurter SchülerInnen in der 7. Klasse, also etwa mit 11, 12 bzw. 13 Jahre alt einige Wochen – ich glaube, es waren drei Wochen – verbringen. Wir wohnten dort in militärähnlichen Baracken und der Klassenlehrer hatte mit seiner Frau darin ein eigenes kleines Zimmer, musste er doch die „Schülermeute“ bewachen. Da das Ganze während der Schulzeit ablief, musste natürlich der Lehrer täglich 3 – 4 Stunden Unterricht halten; ansonsten standen Spaziergänge auf dem Programm. Abends kam ein besonderer Programmpunkt: die Höhe. Auf einem erhöhten freien Platz trafen sich alle SchülerInnen der anwesenden Klassen und es wurde gemeinsam locker gesungen und getanzt. Dazu gehörte, dass gegenseitige Geschenke ausgetauscht wurden: Die Jungen hatten aus dem Kakaostein, der dort reichlich zu finden ist, Herzchen geschnitzt und die Mädchen hatten aus Wolle Bommeln gefertigt. Und so mancher Knabe trumpfte am nächsten Tag mit den zahlreichen Bommeln auf, die er nun stolz am Gürtel trug. Damals waren Küsschen beim Austausch der Gaben sicher eher eine Seltenheit. Hier entstanden gelegentlich Freundschaften, die z.T. über längere Zeit gehalten haben. Für mich blieben damals Mädchen doch fremde Wesen, mit denen ich nichts anfangen konnte.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich die Frau unseres damaligen Klassenlehrers, Herrn Pistorius, durch meine fantasievollen Erzählungen aus meinem bisherigen Leben begeistert habe. Dies brachte mir auch ein wenig die Gunst des Lehrers ein. Das war dann zu einem späteren Zeitpunkt wichtig, denn am Ende des 8. Schuljahres, an Ostern 1956, waren meine Leistungen auch auf Grund meiner mangelnden häuslichen Schultätigkeiten auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt: Ich hatte inzwischen 2 Fünfen und viele 4er, was meine Versetzung erheblich gefährdete. Nur durch eine 2 in einem Hauptfach, die mir mein Klassenlehrer gnädigerweise gegeben hatte, konnten ich ausgleichen und so habe ich doch das Klassenziel gerade so erreicht. Außerdem war ich der Benjamin in der Klasse, denn da mein Geburtstag an der Grenze der Klassenzugehörigkeit gelegen hatte, war ich bereits mit 5 Jahren in die Schule gekommen.
Bei den Messdienern und auch in meiner Jungschargruppe hatte ich einen guten Freund, Friedel May (siehe den Beitrag unter In Memoriam), der ebenfalls auch immer wieder dem alten Küster half. Er wohnte nicht unweit von mir in der gleichen Straße und unter ähnlichen Bedingungen wie ich. Wir erlebten gemeinsam den Pfarrer und die Kapläne im Pfarrhaus. Und wir bewunderten diese in gewisser Weise; wir sahen ihre anerkennenswerte Arbeit, ihre persönlichen Freiheiten – so zumindest meinten wir damals – ihre großzügigen Wohnungen mit dem vielen Platz und den schönen Büchern; sie mussten nicht von morgens bis abends zur Arbeit gehen wie unsere Väter, sie hatten keine Frauen und Kinder zu versorgen, sie hatten Schreibmaschinen und andere Hilfsmittel. Sie boten irgendwie das Bild einer anderen, erstrebenswerten, schöneren Welt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass uns der Pfarrerberuf als absolut erstrebenswertes Ziel vor Augen stand. Und so gingen wir im Winter 1955/56, es war wohl im Januar 1956, zu Pfarrer Nilges und fragten ihn ganz kleinlaut mit klopfendem 10 Herzen: Herr Pfarrer, wie können wir Pfarrer werden? Die Antwort des Pfarrers war nur ein kurzes: So! Und dann geschah erst einmal gar nichts. Und Ende März 1956 sprach unser Pfarrer uns kurz an und sagte, dass da ein Pater kommen wird, der uns sagen könnte, wie wir Pfarrer werden können. Und es muss wohl in der Karwoche gewesen sein, dass ein P. Adolf Eisele bei uns auftauchte und uns erklärte wie wir Missionar werden können, denn Missionar ist ja noch etwas Schöneres als Pfarrer. Und es sollte dann auch gleich losgehen, nämlich am Montag nach dem Weißen Sonntag, dem 9.4.1956. Das war sehr kurzfristig, aber alles lässt sich regeln, außerdem sind schon zwei Jungen aus der Pfarrgemeinde in Haigerloch, nämlich Josef und Fritz Reith (siehe unter Internatsleben, Der erste Tag). Meine Eltern waren wohl ein bisschen schockiert, hatte ich ihnen doch nichts von dem Vorgespräch mit dem Pfarrer gesagt. Das größte Problem für meinen Vater und auch Friedels Vater war die Zahlung der monatlichen Pensionskosten von 60 DM an das Missionshaus. Hier sprang sofort wieder Pfarrer Nilges ein und erklärte sich bedingungslos bereit, jeweils die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Vermutlich standen ihm da irgendwelche Gelder aus entsprechenden Töpfen zur Verfügung. Und so bin ich ganz plötzlich in Haigerloch gelandet. Die ersten Erlebnisse habe ich bereits an anderer Stelle beschrieben. Und da ja das Missionarsein etwas Besseres ist als das Pfarrersein, was auch im Missionshaus immer wieder in geistlichen Lesungen beschworen wurde, habe ich mich doch entschlossen auf diesen Weg gemacht. Wie oben berichtet waren meine schulischen Leistungen in der Frankfurt-Bornheimer Realschule miserabel. In Haigerloch wendete sich das Blatt radikal: Ich war plötzlich ein hervorragender Schüler. Das lag daran, dass ich nun schon etwas älter als die Klassenkameraden war und auf Grund meiner dreijährigen Realschulzeit einen großen Wissensvorsprung hatte. Das steigerte mein Selbstwertgefühl enorm.
Auch den sogenannten Sonderkurs bei P. Georg Eisele – dabei ging es um das Fach Latein - absolvierte ich ohne Schwierigkeiten und konnte gleich mit Klasse Quinta in Haigerloch beginnen. Diese gravierende Steigerung des Selbstbewusstseins bewirkte natürlich eine besondere Zuneigung zu der neuen Schule Haigerloch: Hier galt ich nun als besonderer unter den Mitschülern. Früher war ich immer der jüngste Schüler gewesen, der in vielem unterlegen war. Somit wuchs damit auch meine Liebe zu Haigerloch und letztendlich auch zu dem von allen angestrebten Beruf, Missionar, genauer gesagt Weißer Vater. Hinzu kam, dass ich nicht wie viele Haigerlocher Knäblein aus irgendeinem Kaff kam, sondern aus einer bekannten Großstadt, nämlich Frankfurt. Und dann kam noch dazu: mein etwas ausgefallenes Hobby, nämlich Orgelbau (hierüber ist bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet). All das machte mir den Aufenthalt im Eyachstädtchen angenehm und festigte meine Verbindung zu den Weißen Vätern. Postpubertäre Probleme mit Mädchen stellten sich für mich nicht, hatte ich doch ein viel, viel besseres Leben als Missionar vor Augen. Auch in den Ferien gab es faktisch keine Versuchungen in diese Richtung. Wenn ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach Tirol in den Urlaub fuhr, galt ich auch dort in dem damals noch recht frommen Land als der angehende Missionar, der täglich in die Messe ging. Das wir dann lange Jahre in Fiss, einem abseits gelegenen Ort hoch auf dem Berg, wo es nur ein einziges Gasthaus und kein Hotel in den 60er Jahren gab; hier musste ich mich entsprechend verhalten: Mädchen, Tanzen u.ä. absolut tabu! Den Rest der Sommerferien verbrachte ich dann meist im Keller der Kirche, wo ich an meinem Orgelwerk bastelte. Letzteres traf dann auch in der Regel auf die anderen kürzeren Ferien zu; diese Werktätigkeit wurde allenfalls unterbrochen, wenn unser alter Küster irgendwie Hilfe brauchte und das war recht oft der Fall.

Orgel
Abb. 9: Meine erste aus Kistenbrettern und Altholz mit einfachen Werkzeugen primitiv zusammengebaute Orgel; aber immerhin sie hat gespielt.

Und so vergingen die Jahre immer im gleichen Rhythmus. Die Monotonie des Lebens im Missionshaus setzte sich mit anderen Vorzeichen in den Ferien fort. Entsprechend gab es auch niemals Kontakt mit Mädchen und Kameraden aus früheren Jahren. Die Zeit glitt dahin. War man im Missionshaus, freute man sich auf die Ferien; und in den Ferien wusste man, dass die Zeit im Missionshaus alsbald wiederkommen würde; vielleicht gab es dort etwas Neues, neue Patres, neue Schüler, kleine bauliche Veränderung u.ä.

Sommerferien
Abb. 10: In den Sommerferien 1958 nach etwa einem Jahr in Haigerloch zu Hause in Frankfurt mit meinen Geschwistern Thomas (4 Jahre) und Hubert (6 Jahre)

Und an der entscheidenden Schnittstelle, nämlich nach dem Abitur in der Kreuzburg 1964, schien es mir korrekt, den einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Immer mal wieder tauchten Mädchen in meinem Leben auf, aber ich betrachtete sie nur als Gefährdung meines angefangenen Weges. Ein Studium an einer Hochschule kam für mich nicht in Betracht: 1. war da die Erwartungshaltung von Pfarrer Nilges und Küster Max N. und auch ein bisschen der Eltern und Verwandten; 2. wusste ich gar nicht, was ich eigentlich studieren sollte; 3. kannte ich mich überhaupt nicht an den Universitäten aus; darüber hatten wir während der Schulzeit nicht gesprochen; es wäre auch kontraproduktiv gewesen; 4. hatte ich gar kein Geld, um die Studienkosten zu zahlen; 5. wusste ich absolut nicht, wo ich im Falle eines Studiums wohnen könnte. Der Weg nach Trier war also alternativlos. Trier und auch das Noviziat in Hörstel wurden relativ problemlos durchlaufen. Auch eine kleine Gefährdung durch ein ganz besonderes Mädchen (siehe: Auf dem Weg zum Noviziat) hat meinen Weg nicht beeinflusst.


Novizen
Abb. 11: Unser Noviziatskurs in Hörstel 1966-67; in der ersten Reihe in der Mitte Novizenmeister P. Schneider
Totteridge
Abb. 12: Das Haus Totteridge der Weißen Väter im Kasernenstil; die Zimmer waren klein und die Fenster undicht.

In Totteridge, im Norden Londons gelegen, lernte ich eine neue Welt kennen, die mir gar nicht so gefiel und die für mich absolut fremd blieb. Hier hatte die „internationale Frömmigkeit“ nun ein Gesicht, das meiner Mentalität überhaupt nicht entsprach. Gewiss, die Konfratres waren alle recht nett, besonders wenn wir anfangs Schwierigkeiten mit der Sprache hatten. Außerdem mussten wir Neulinge alle an einem Sprachkurs in einer Art Volkshochschule teilnehmen. Das Studium der Theologie in Englisch bedeutete auch kein großes Problem für mich und ich konnte ohne Schwierigkeiten die gewünschten Klausuren in Englisch schreiben. Ein kleiner Konflikt mit dem Superior in Totteridge im Januar 1968 beendete meinen Weg bei den Weißen Vätern, aber die ursprüngliche Intention, nämlich Priester zu werden, ist geblieben. Am Montagabend war eine besondere Messe in der Hauskapelle; hieran sollten alle angehenden Weißen Väter unbedingt teilnehmen. Das war mir damals nicht so bewusst, hatte ich mich doch mit einer Studentin von der Volkshochschule zu einem Stadtbummel verabredet. Dies war für den Superior ein gravierender Verstoß und er zitierte mich zum Gespräch, bei dem ich andeutete, dass mein künftiger Lebensweg wohl nicht zum Missionarssein führe. Folglich zwang er mich, binnen einer halben Woche das Missionshaus zu verlassen. Jetzt musste ich schnell handeln und ich habe mit meiner Heimatdiözese Kontakt aufgenommen. Ich wechselte zum Weiterstudium für die Diözese Limburg in das Jesuitenkolleg nach St. Georgen in Frankfurt; die Diözese hat mich großzügig unterstützt. Schnell wurde ich auch an dieser Hochschule ASTA-Vorsitzender und habe mich in den heißen Jahren der Studentenproteste mit allerlei Studentenpolitik beschäftigt. Im Winter 1968 habe ich eine große Hilfsaktion für Biafra, eine afrikanische Region, dessen Bevölkerung vom Hungertod bedroht war, erfolgreich organisiert. Schnell habe ich in St. Georgen auch Anschluss an Gleichgesinnte gefunden, zumal es hier sogenannte Equipes gab; das waren feste Studentengruppen, die sich regelmäßig trafen, um über geistliche Probleme zu sprechen. Hier lernte ich ausgesprochen interessante Kommilitonen kennen; mit einigen von ihnen verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft und wir feiern seit über 30 Jahren jeweils Silvester zusammen bei uns hier in Stadecken-Elsheim.


Equipe1
Abb. 13: Unsere Equipe machte zusammen mit unserem geistlichen Betreuer Pfarrer Kilian eine mehrtägige Exkursion nach Holland
Equipe2
Abb. 14: Mit einigen Equipemitglieder verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft, während andere schon verstorben sind (die beiden rechts im Bild)
Studierzimmer
Abb. 15 In meinem Studierzimmer in St. Georgen im Dachgeschoss 1968/69
Primiz1
Abb. 16 u. 17: Primizgottesdienst in der Hei- matpfarrkiche Heilig-Kreuz am 12. Dezember 1970. 1. von links P. Jan Ilsen, Weißer Vater, ehemaliger Superior in Trier; er hielt die Primizpredigt.
Primiz2
4. von links P. Hubert Bonke (†), Primiziant, P. Werner Wanzura, Weißer Vater, 1. von rechts P. Engelbert (PENG), früherer langjähriger Lehrer in der Kreuzburg

Mein Theologiestudium beendete ich1970 und wurde nach einem Aufenthalt im Priesterseminar Limburg am 8. 12.1970 mit neun weiteren Theologen zum Priester geweiht. Es folgte ein sehr glückliches und erfolgreiches Jahr als Kaplan in Königstein; mit dem dortigen Pfarrer Alfred Heinze und einem weiteren Mitbewohner des Pfarrhauses Manfred Stolte habe ich mich blendend verstanden und das hatte auch sehr positive Auswirkungen auf die pastorale Arbeit in der Gemeinde. Stolte dürfte einigen Klepfern bekannt sein, denn er arbeitete als Lehrer und Betreuer an der Bischof-Neumann-Schule, wo inzwischen auch die Weiße-VäterZöglinge die Schulbank drückten. In Königstein habe ich damals als Kaplan die ersten Mädchen als Messdiener eingesetzt. Zu meinen Schwerpunkten gehört auch die Arbeit mit Kindern. So habe ich bemerkenswerte Kindergottesdienst hier eingeführt, deren Konzept von Limburg übernommen werden sollte.
Zu Beginn des Jahre 1972 wurde ich als Kaplan nach Frankfurt-Niederrad versetzt. Hier im Pfarrhaus herrschten katastrophale Verhältnisse: Eine Nonne – sie hat übrigens später den Orden verlassen - führte Regie und regelte mit dem stillschweigenden Einverständnis des m. E. psychisch schwachen und kranken Pfarrers alles. Die Nonne wollte auch mich ganz in die Hand nehmen und mein Leben dirigieren; dies empfand ich als absolut unangemessen und unpassend. Darüber hinaus hetzte sie weitere Mitarbeiter und Gemeindemitglieder gegen mich auf. Abends ab 19 Uhr schlossen sich Nonne und Pfarrer in der Pfarrerswohnung im Pfarrhaus über dem Pfarrbüro ein und ... (HONI SOIT QUI MAL Y PENSE) Für mich war die pastorale Arbeit in einem solchen Umfeld unmöglich, ja unerträglich. Wohl auf Betreiben der Nonne sagte der Pfarrer Ungefroren später zu mir: Ich möchte Sie nie wiedersehen!
Nein, so möchte ich meine Leben nicht verbringen und mit solchen künftigen Mitarbeitern schon gar nicht. Inzwischen hatte sich die kirchliche Situation in Deutschland enorm gewandelt und der Priestermangel hat die Pastoral vehement verändert. Als ich damals ein neues Studium aufgenommen habe, wollte ich dies im Hinblick auf eine Verbesserung der künftigen kirchlichen Tätigkeit machen. So hatte ich von Anfang an die Schwerpunkte Erwachsenenbildung und gerontagogisches Arbeiten gesetzt. Auch hatte ich dem Bischof angeboten, eine halbe Kaplanstelle in Wiesbaden zu versehen und mit der anderen Hälfte in Mainz zu studieren. Dies hat Bischof Wilhelm Kempf wohl auch auf Druck des Priesterrates abgelehnt. Zur damaligen Zeit wurde diese Institution von einigen jüngeren Priestern beherrscht, die dem alternden Bischof sagten, wie die künftige kirchliche Arbeit weitergehen sollte. Hinzu kam, dass damals, als sich der künftige Priestermangel schon deutlich abzeichnete, zahlreiche Pfarrer der Diözese studieren wollten. Man musste sich also solchem Ansinnen a priori entgegenstellen. Für mich war aber klar und sinnvoll, dass ich nach diesen Erlebnissen in Niederrad meinen geplanten Weg gehen musste. Entsprechend hat die Diözese reagiert: Nach meinem Weggang wurde ich nach mittelalterlicher Manier an den Pranger gestellt und mir jegliche Hilfe verweigert. Allen Priestern in der Diözese wurde schriftlich mitgeteilt, dass ich suspen- diert wurde, weil ich dem Bischof den Amtsgehorsam verweigert hatte. Außerdem wurde meine Suspendierung in der Kirchenzeitung veröffentlicht. So sieht der Pranger im 20. Jahrhundert aus! Zahlreiche Mitbrüder empfanden diese Maßnahme als höchst unangemessen und haben dies auch dem Bischof mitgeteilt. Ich war plötzlich absolut mittellos. Durch geschicktes Agieren bin ich gut, ja sogar sehr gut ohne die Hilfe meiner Heimatdiözese über die Runden gekommen. Die Distanz zu meinem früheren Amt ist zunehmend gewachsen und ich habe mich neu orientieren müssen, obwohl dies gar nicht meine ursprüngliche Absicht war. Und so bin ich nach meiner Promotion in Pädagogik letztendlich Lehrer geworden, habe eine Familie gegründet, habe ein Haus gebaut und zusammen mit meiner Frau drei Kinder großgezogen. Außerdem konnte ich mein Hobby Orgelbau, das in Haigerloch seinen Anfang genommen hatte, perfektionieren und habe für mich und meine Frau, sie ist im Nebenberuf Organistin, die größte denkbare Hausorgel gebaut.
Die Kirche verhinderte später, dass ich als Lehrer an der katholischen Fachhochschule in Mainz eine Lehrtätigkeit aufnehmen konnte. Obwohl großer Bedarf an meinen Fachgebieten war und hoch qualifizierte Zeugnisse vorlagen, hat man mit Hinweis auf Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz, keine Ehemaligen an katholischen Fachhochschule zu etablieren, mir eine Anstellung verweigert. Heute stehe ich der Kirche nicht feindlich aber höchst kritisch gegenüber. Diese Haltung verstärkt sich zunehmend, wenn ich sehe, wie selbstsüchtig und egozentrisch einzelne „Würdenträger“ heutzutage in Erscheinung treten. Ich denke dabei besonders an zwei Amtsträger aus unserer Region. Sie führen z.T. das Leben eines barocken Kirchenfürsten, können sie doch auf ein beträchtliches monatliches Saläre zurückgreifen. Es scheint, dass für sie das Amt immer noch Vehikel zur persönlichen Machtentfaltung ist. Obwohl sie sicher gute theologische Kenntnisse haben, haben sie m. E. wohl das Wesen der biblischen Botschaft nicht erfasst. Andererseits stehe ich staunend vor den großen Kunstwerken des Barock, von denen sich viele im kirchlichen Rahmen erhalten haben. Dabei ist mir wohl bewusst, dass vieles nur geschaffen werden konnte, weil sich einfache Menschen dafür krummlegen mussten oder weil man ihnen künftige, himmlische Segnungen und Belohnungen vorgegaukelt hatte.
Nach langen aktiven Jahren im Verwaltungsrat der örtlichen Kirchengemeinde, habe ich mich auch auf Grund eines jungen, in seinem Herzen konservativen Pfarrers – er ist Spätberufener – aus dem kirchlichen Leben weitgehend abgemeldet. Ich lebe heute glücklich und zufrieden mit meiner Familie in Rheinhessen, schreibe gelegentlich Berichte über Kunst und Kultur und werkele je nach Lust und Laune in meiner perfekt eingerichteten Werkstatt an kleinen Orgelprojekten. Außerdem habe ich mich auf den Bau von Zimbelsternen – das sind barocke Beigaben für Kirchenorgeln – spezialisiert. Die besondere Konstruktion habe ich mir beim Deutschen Patentamt schützen lassen. Bis heute erhalte ich immer wieder entsprechende Arbeitsaufträge und inzwischen konnten schon einige Hundert dieser barocken Spielereien gefertigt und in alle Welt geliefert werden.
Die Weißen Väter sehe ich heute als Auslaufmodell und ich bin sehr froh, dass ich mich ihnen nicht angeschlossen habe. Ich habe Respekt vor allen, die als Missionar ihr Leben für die Verbreitung des Gotteswortes und für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Missionsländern eingesetzt haben. Ich denke, in ein paar Jahren werden nicht nur die Weißen Väter, sondern ähnliche kirchliche Gruppierungen, die sich im 19. Jahrhundert in Deutschland bzw. Europa gebildet haben, Geschichte sein. Wie es in Europa mit der Kirche weitergehen wird, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Der heute viel beklagte Priestermangel ist ein unbedingt hausgemachtes Problem der Kirche: Man kann nicht so tun, als lebten wir so wie vor Jahrhunderten; die Welt hat sich gewandelt und auch die Menschen. Und die Kirche muss für die Menschen da sein, nicht umgekehrt. Das setzt voraus, dass die Kirche, genauer gesagt die Amtskirche, die Weltsituation realiter erfassen und verstehen muss und sich dann den Menschen zuwenden muss. Hier ist nicht der Ort, weltkirchliche Probleme zu erörtern, daher möchte ich mich nun weit erquicklicheren Dingen zuwenden.
Ich habe versucht, meinen speziellen Weg zu den Weißen Vätern aufzuzeigen und den peripheren Kontext mitschwingen zu lassen. Es ist kein Rückblick im Zorn, es ist keine Abrechnung mit der Vergangenheit, es ist vielmehr eine Schau auf einen zurückgelegten (Lebens)Weg. Es war dies kein Bilderbuchweg – wenn es den überhaupt gibt - sondern es ist das Auf und Ab des Er-Lebens. Und da wäre es fatal, wollte ich die 12 Jahre bei den Weißen Vätern ausklammern, ja auslöschen. Einige Ehemalige scheinen das zu tun. So hat beispielsweise ein ehemaliger Klassenkamerad, der Weltpriester geworden ist, abrupt den Kontakt zu uns abgebrochen, nach dem Motto, irgendwann ist einmal Schluss damit; außerdem bleibt wohl die utilitaristische Frage: Was habe ich denn davon? Gewiss mag jeder entscheiden, wie er will, aber das, was oben über „Charakter“ gesagt wurde, scheint mir nicht Gegenstand persönlichen Wollens zu sein, sondern ist ein unumstößliches biologisch-psychologisches Faktum. Und daher ist für mich die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und in dieser kom- men nun mal die Weißen Väter vor, eine dringliche Notwendigkeit.

Hajo Stenger Stadecken, den 8.8.2018