Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Basini

An was ich in Haigerloch nie gedacht hätte


Damals in Haigerloch kamen Schüler meist aus der Umgebung zusammen; sie hatten ihre religiöse Sozialisation im Umfeld ihrer Heimat-Pfarrgemeinde erfahren. Da gab es den Pfarrer, der regelmäßig Gottesdienste hielt und alle pastoralen Aufgaben der Pfarrei erledigte, Taufe bis Beerdigung. Und wenn wir in den Ferien nach Hause kamen, dann war ein Besuch beim Pfarrer natürlich selbstverständlich. Dieser Pfarrer war ein angesehener Mann, der ehrfurchtsvoll von seinen Gemeindemitgliedern gegrüßt wurde. Gelegentlich konnte man ihn sehen, wenn er würdevoll durch den Pfarrgarten schritt und dabei in einem Buch las; er betete das Brevier, eine Pflicht für jeden Priester.
Diese Verpflichtung oblag natürlich auch den Weißen Vätern: Die Priester/Patres sollten das tägliche Brevier sowie einen Rosenkranz und die Brüder den dreifachen Rosenkranz beten. Man konnte daher gelegentlich einen der geistlichen Herren mit einem Buch, dem Brevier, um das Haus schreiten sehen, währenddessen wir Schüler im Studiensaal unsere Hausaufgaben erledigten.
Für uns Missionsschüler, die den Beruf als Missionspater anstrebten, gab es eine bestimmte „Übung“, die auf diese priesterliche Praxis vorbereiten sollte: Zwischen gemeinsamem Morgengebet und Heiliger Messe lag etwa eine halbe Stunde Betrachtung. Dies war eine geistliche Übung. Wie sollte man als Pennäler diese Zeit verbringen? Etwas in einem frommen Buch lesen, Bibelstellen erforschen oder...? Als Hilfe dazu wurde uns das Jugendbrevier Tägliche Gebete und Betrachtungen im Geiste des Kirchenjahres für die christliche Jugend angeboten. Das 1184seitige Buch hatte für jeden Tag 4 Teile: Gebetsteil – Heiligenteil – Jugendteil- Schriftteil. Wie viele andere Mitschüler, so habe ich mir in Haigerloch auch dieses Buch gekauft. Es war eine gute Hilfe, diese Betrachtungen sinnvoll zu überstehen.
Für den 1. Mai steht in diesem Jugendbrevier eine kurze Schilderung des Lebens der heiligen Äbtissin Walburga. Dass mich diese Heilige 60 Jahre später einmal in besonderer Weise beschäftigen würde, hätte ich nie gedacht. Doch es kam so: Als wir 1978 in unser Haus in Stadecken-Elsheim einzogen, fanden wir die kleine Pfarrkirche St. Walburga vor. Sie gehörte mit drei anderen kleinen Gotteshäusern zur Pfarrei Schwabenheim. Die Elsheimer St. Walburga-Gemeinde war eine sehr aktive Teilgemeinde. Diese eigenständige Pfarrgemeinde wurde wie weitere Nachbarpfarreien zum 1.1.2024 aufgelöst und in die Großpfarrei Ingelheim integriert. Diese Zusammenlegung von Pfarrgemeinden halte ich wie die meisten Katholiken für den größten Fehler, den die Kirche in unseren Tagen praktiziert. Die Gemeindemitglieder verlieren ihre vertraute Heimat und damit die Basis ihres religiösen Lebens. Die Ursache ist der aktuelle Priestermangel. Die Pfarreien sollten weiterbestehen und von einem Gemeindeleiter, der nicht unbedingt Priester sein muss, geführt werden.

Zum Vergrößern bitte auf Bilder klicken!

Walburga1
Abb. 1: Umschlagseite des 111seitigen Buches über Walburga; es ist das große Altarbild unserer kleinen Pfarrkirche und stammt aus der Vorgängerkirche, die um 1650 an einer anderen Stelle am Rande des Ortes erbaut worden war und über Jahrhunderte als Gotteshaus der Gemeinde dient
walburga2
Abb. 3: Die Titelseite des Buches gibt schon Auskunft über den Inhalt

walburga3
Abb. 3: Das Inhaltsverzeichnis zeigt den Werdegang unserer Pfarrgemeinde vom frühen Mittelalter bis heute
jugendbrevier
Abb. 4: Das Jugendbrevier hatten viele Mitschüler im Ablagebrett an den Bänken in der Kapelle liegen und es war ein beliebtes Buch für die morgendlichen Betrachtungen

Ja, nicht nur Haigerloch hat sich in den letzten 50 Jahren gewaltig verändert, sondern auch in der Kirche hat es einen gravierenden Umschwung gegeben. Wenn ich unsere damalige „Frömmigkeit“ mit heute vergleiche, dann scheint mir das eine völlig andere Welt und auch eine komplett andere Kirche. Beispielsweise sollten wir damals wöchentlich zur Ohrenbeichte in die Kapelle gehen. Heute ist diese Form des Schuldbekenntnisses fast völlig vergessen. Der tägliche, bei den Gemeinden der sonntägliche Kirchgang war eine absolute Pflicht und erbrachte beim Versäumnis eine schwere Sünde. Heute nehmen diesen Kirchgang nur noch etwa 3 bis 5% der Gläubigen in Deutschland wahr. Daran ist auch die Tatsache schuld, dass nicht mehr regelmäßige Gottesdienste in den Gemeinden vor Ort stattfinden. Eine solche Entwicklung hätten wir uns damals In Haigerloch absolut nicht vorstellen können, waren wir doch fest überzeugt, dass wir die richtige Glaubenspraxis gefunden haben. Und dieser Glaube würde sich niemals ändern und auch die damit verbundene Handlungsweise. Wir hatten die feste Auffassung, dass wir diesen Glauben auch als Missionare nach Afrika bringen müssten. Nie hätte ich mir vorstellen, dass sich unsere kirchliche Grundeinstellung, wie wir sie in Haigerloch erlebt haben, in so kurzer Zeit rapide verändern würde.

Stadecken-Elsheim, den 13.1.2026

Hajo Stenger