Katastrophe oder Gnade?
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Nach über 60 Jahren und vielen Veränderungen und Erfahrungen in Kirche und Welt, ist es durchaus
normal, den Inhalt dieser sog. aufbauenden Alltagspausen nicht mehr präsent zu haben. Schwach
erinnere ich mich noch, dass gelegentlich dort auch über die „Negermärtyrer von Uganda“ berichtet
wurde, vor allem in der Zeit um den 3. Juni; dies ist nämlich der Gedenktag dieser afrikanischen
Christen, die für ihren Glauben gestorben sind.
Jetzt beim Aufräumen fiel mir ein kleines, vergilbtes Heftchen mit dem Titel Katastrophe oder
Gnade in die Hand. Die Palme und die Negerhütte rechts unten weckten sofort meine Aufmerksamkeit
und meine Erinnerungen an meine Weiße-Väter-Zeit. Ich blätterte auf und lese den Untertitel:
„Ein Heldenbericht aus den ersten Jahren der innerafrikanischen Mission der Weißen Väter von P.
Fried. Rauscher S.M.A.“
Ja, an den P. Rauscher kann ich mich noch erinnern. Es war dies damals schon ein älterer Pater mit
wallendem Rauschebart, der wohl in Rietberg stationiert war und als Lehrer zeitweise dort wirkte.
In jungen Jahren hat er vermutlich das 31seitige Heftchen zusammengestellt. Er verkörperte damals
die Urgestalt des Afrikamissionars. Ich habe ihn nur bei Besuchen im Haigerlocher Missionshaus
erlebt. Das Heft ist unmittelbar nach dem Krieg 1946/1947 erschienen, was aus der eingedruckten
kirchlichen Druckerlaubnis hervorgeht. Die Buchdruckerei St. Elser in Haigerloch hat das kleine
Heftchen gedruckt.
Inhaltlich geht es auf 30 Seiten um die Geschichte des Martyriums der sog. Negermärtyrer von Uganda,
die vom König wegen ihres christlichen Glaubens hingerichtet wurden. Die Schrift ist in 28 kleine
Kapitel aufgeteilt; die jeweiligen Überschriften markieren die Inhalte:
- Ewiges Heldentum: Patres marschieren mit ca. 500 Begleitern durch das wilde Ostafrika
- Zwei Welten begegnen sich: Patres treffen den Stammeskönig Mtesa
- Verborgenes Heimweh: Patres machen ihre Erfahrungen in Uganda
- Keimende Saat: Patres spenden die ersten Taufen
- Verwaist und in die Bewährung gestellt: König Mtesa wendet sich dem Islam zu
- Schwung voller Wiederbeginn. Nachfolger König Muanga ruft Missionare zurück
- Gefährliches Wetterleuchten: Intrigen am Hof führen zu Feindschaften gegen die Christen
- Dunkle Ahnungen: Ein Missionar ahnt blutige Verfolgungen
- Der Sturm bricht los: Ein erster Christ wird auf Grund von Intrigen verfolgt
- Märtyrerakten: Zahl der Taufen wächst
- Das Morgenopfer : Der Christ Mukasa wird exekutiert
- Mutige Jugend: Die jungen Pagen am Hof bekennen sich als Christen
- Heidnische Erziehung: Die Missionare fordern, unter keinen Umständen vom Glauben abzulassen
- Ein blutiger Abend: Muanga will die Christen grausam bestrafen
- Ein tapferer Soldat und mutiger Christ: weitere, schnelle Hinrichtungen
- Einer, der Ernst macht: Der König lässt einen älteren Christen grausam ermorden
- Der Tyrann will Blut und die Väter opfern ihre Söhne: Die Väter stimmen den Grausamkeiten des Königs zu
- Die tapfere Jugend macht sich bereit: Der Oberste der Pagen Karl Luanga spricht für die christlichen Pagen
- Ein Opfergang: Muanga ordnet den 60-km langen Todesmarsch für die Pagen an
- Parasceve–Rüsttag: Der Tod der Pagen wird vorbereitet
- Die heilige Stunde: Christen werden in Schilfmatten gepackt, Luanga wird abgesondert grausam hingerichtet
- Das mutige Kind und der verzweifelte Vater: Der Vater muss als Scharfrichter seinen Sohn töten
- Das Brandopfer von Namugongo: Pagen verbrennen auf dem Scheiterhaufen
- Katastrophe oder Gnade: die jugendlichen Märtyrer sind ein Segen für die Kirche
- Die Stunde Afrikas: Beispielloser Aufschwung des Christentums in Ruanda und Uganda
- Nach blutiger Aussaat reifende Ernte: Missionare taufen und bilden Priester aus; 1939 wird der erste afrikanischen Bischof geweiht; es ist ein Stammesbruder der Getöteten
- Der ewige Sinn der Treue: Trotz eigener Not sollen sich die Menschen in der Heimat für die Mission einsetzen
- Frage an Dich: Schicke uns Missionare; d.h. werde Missionar!
Es folgt auf Seite 31 die Auflistung des Missionswerkes der Weißen Väter in Deutschland:
Missionsschulen für die unteren Klassen, Linz, Haigerloch, Rietberg, Zaitzkofen;
1 Missionsschule für die oberen Klassen in Großkrotzenburg. Das Missionsseminar war in Haigerloch; weitere Missionshäuser in Trier und für Brüder in Langenfeld; Spätberufene können sich an die Missionshäuser wenden und junge Mädchen erhalten Auskunft über die Weißen Schwestern in Trier und in Laupheim.
Das Heftchen ist erschienen, als Deutschland an den Kriegsfolgen leidet: keine ordentliche Ernährung, keine Wohnung, keine Zukunftsperspektive ... Und hier boten die Weißen Väter eine erfolgversprechende Perspektive, die Arbeit in der Mission, die erfolgreiche Mitwirkung am Reich Gottes in Afrika.
Ich muss gestehen, die Geschichten der jungen, afrikanischen Helden haben mich damals sehr beeindruckt. Daher war ich auch bereit, mich für die Afrikamission einzusetzen. Unter dieser Prämisse haben wir dann allerlei persönliche Einschränkungen und Opfer im Missionshaus-Alltag in Kauf genommen. Und war das nicht eine besondere Gnade für mich, für uns, sich hier im Missionshaus auf die Mitwirkung am Reich Gottes vorbereiten zu dürfen? Wollten wir nicht auch solche Helden werden?
Hajo Stenger
Stadecken-Elsheim, den 08.11.2023