P. Haag
Unvergessen für mich, wie mich P. Haag beschämte. Bis auf den heutigen Tag. Beim wunderbaren Bau
des Eisenbahnmodells der Stadt Haigerloch (das wir ja nun im Boxenstop-Museum Tübingen
wiedergefunden haben!) hatte er mich für den Bau der St.-Anna-Kapelle begeistert. Und ich machte
mich mit einigen anderen ans Werk. Stundenlange Pusselarbeit, sägen, kleben, malen und die
Barockschnörkel in Knetmasse formen. Letzteres war das Schwierigste. Da gab ich auf, streckte alle
Viere von mir und vergaß das kollektive Ziel schnöde. Die Arbeit stand 4/5 fertig rum, als die
anderen Gebäude schon fertig waren. Mein Bruder Meinolf und Stefan Lutz Bachmann haben die
Schlosskirche „erschaffen“, alles schön nach eigenen Feld-Zeichnungen. P. Haag mahnte mich öfter,
vielleicht 6 oder 7 Mal, mit motivierenden und mich an der Ehre packenden Worten. Er hat nie
geschimpft, gemeckert, drangsaliert oder gar eine Strafe ausgesprochen. Doch ich blieb bequem, ließ
die anderen im Stich. Als ich nach den Ferien wiederkam, glänzte mir eine völlig fertige
St.-Anna-Kapelle entgegen und hinter dem Schloss ein Horizont-Gemälde. Und so glänzt das Kleinod
noch heute im Boxenstop-Museum. Wie es da hinkam, ist eine eigene Geschichte.
Nie konnten wir uns allerdings über die pädagogische Urszene einigen, die er mir am Bildnis des
Weinstocks einsichtig machen wollte. Damit ein Weinstock Früchte tragen könne, müsse er gebunden
und beschnitten werden. Natürlich hielt ich dagegen, dass er diesen Akt nur durch das postulierte
Interesse des Kindes rechtfertigen könne. Er könne aber nicht wissen, ob der Weinstock diese schönen
oder überhaupt Früchte (da hatte ich noch nicht an die Evolution gedacht!) tragen wolle.
Jedenfalls müsse der Weinbauer auch das Interesse des Stocks bedenken, sonst wäre die Behauptung im
Interesse des Stocks zu handeln nichts weiter als die Absicht, die eigenen Interessen
durchzusetzen. Es lässt sich leicht vorstellen, wie diese Denkfigur in allen Varianten durchgespielt
wurde.
P. Haag habe ich später mehrfach besucht, auch mit meiner Frau. Bei dem
Besuch, als sie mit unserer Tochter Sina Karen Njeri – letzteres ein
Kikuyu-Name aus Kenia - hochschwanger ging, hat er uns einen kleinen Wecker geschenkt. Wir halten
ihn noch heute hoch in Ehren. Besonders wohlgetan hatte mir meine Rückkehr zu einem ersten Besuch
ein Jahr nach Verlassen des Missionshauses (1964/65). P. Haag hat mich wieder interessiert, liebe-
und respektvoll empfangen. Obwohl ich ihm nochmals deutlich meinen Unmut über das Erziehungssystem
des Missionshauses mitgeteilt habe. Unter den Jüngeren hatte sich die Kunde von der offenen Kritik
wie ein Lauffeuer verbreitetet, so wie mir Bernhard Baiker kürzlich berichtet hat. Als ich damals
mit dem Bähnle über Eyach nach Hause zurückfuhr („Blumenpflücken während der Fahrt verboten!“),
saß ich eine Weile dort im Bahnhof und notierte mir einige melancholische Gedanken, die bis vor
Kurzem noch in einer alten grünen Kladde schlummerten. Im Text überwiegt wohl deutlich die
Nostalgie vor der Kritik - sogar das romantische Topos der „sorglosen Schulzeit“ wird bemüht – und
ein wenig Zukunftsangst des rauchenden 18-Jährigen schimmert auch durch.
„Feucht weht der Wind von den Schneefeldern auf den kleinen Bahnhof her. Ich lehne in einer Ecke des
Wartesaals und zünde mir mit klammen Fingern vom Schreiben eine Zigarette an [Heute halte ich in
der Thoraxklinik Heidelberg Nichtraucherkurse - sic!]. Wie oft tat ich dies am selben Platz,
heimlich oder später auch offen, um meine ‚Männlichkeit‘ zu dokumentieren?! Drüben in der
Gastwirtschaft steht ein Zigarettenautomat, ich kenne ihn gut. Waren meine Kameraden und ich zu
Beginn der Ferien denselben Weg gefahren, damals – wie lange mag es her sein? –, fütterten wir das
hungrige Ungeheuer mit Markstücken. Auch jetzt verschwindet meine Mark rasselnd im Schlitz, ein
Druck und 12 Glimmstängel verschwinden achtlos in meiner Manteltasche. Meine Stimmung ist gedrückt,
hat mich dieser Besuch traurig gestimmt? Dieses Wiedersehen mit dem Internat, wo ich 4 ½ Jahre
meiner Schulzeit verbrachte, sollte mir doch heitere Erinnerungen an Streiche und Lausbübereien
schenken. Oder bereue ich heute mein Weggehen? Nein, ich möchte nicht mehr tauschen. Ist es die
Erinnerung an meine sorglose Schulzeit, seit Monaten vergangen? An Alter kaum geändert, führe ich
doch ein gänzlich neues Leben. Schule – ein vergangener Traum! Und doch war’s mir beim Besuch der
alten Mauern, als wäre ich nie fort gewesen. Alles so vertraut. Nur mein Bett war von fremden Sachen
überzogen und doch lag‘s sich so weich. Meine alte Schulbank: dieselben Segelboote und Köpfe von
unruhiger Bubenhand hinein geschnitzt blickten mit lächelnd entgegen. Vorbei – ich muss vorwärts
blicken und darf Vergangenem nicht nachtrauern! Doch was steht mir bevor? - Ein Zug donnert
vorüber, unaufhaltsam.“
Fidel Fischer schreibt in seinem Beitrag auf der Suche nach dem unbekannten Spitznamen von P. Haag:
„Vielleicht lässt sich auf diesem Wege Licht in das Dunkel zu bringen und eines der letzten
Haigerlocher Rätsel lösen“. Am Festtag ist das nicht gelungen, vielleicht jetzt hier über die
Festschrift. Wer es weiß, bitte melden!
Raimund Pousset