Handelsketten
Taschengeld war wohl bei den meisten Klepfern knapp (bemessen). So auch bei mir bzw. uns, d.h. bei
meinem jüngeren Bruder Meinolf und mir. Schließlich mussten unsere Eltern zwei Söhne finanzieren,
auch wenn es für den zweiten Missions-Rabatt gab. Es waren wohl 60 + 30 DM, also 90 DM, die unsere
Eltern bezahlten. Dazu kamen natürlich noch die Fahrten mit der Bahn nach Frankfurt a.M. Ganz im
Gegensatz zu unserer beider Lebensweg versuchte ich mich deshalb im Missionshaus mit lebhaftem
Handel, der tatsächlich meine pekuniäre Situation verbesserte. Einige andere haben sich gleichfalls
als Händler versucht.
Der Arena-Verlag in Würzburg unterhielt damals für sein monatliches Jugendmagazin „Das Guckloch“,
dessen Abonnent ich war, ein cleveres Vertriebssystem. Wenn man 10 Opfer angeworben hatte, erhielt
der Agent nicht nur eine Werbeprämie in Form eines Arena-Taschenbuchs, sondern auch ein elftes Heft
gratis. Das war für Werbezwecke gedacht. Ich dachte mir jedoch, dass man dieses Heft ja schon mal
gleich verkaufen konnte – und sicherte mir damit monatlich ein kleines Einkommen. Klar, dass das
einige Schreibarbeit und Verwaltung kostete, weil immer mal wieder einer absprang und ich auch neue
Abonnenten warb. Es waren wohl immer so über 20 Zahlungswillige. Auch von den Werbeprämien konnte
ich das eine oder andere Buch verkaufen. Nur meinen absoluten Favoriten behielt ich, einen
prähistorischen Krimi, F.H. Achermann: Der Totenrufer von Halodin. Ein prähistorischer Roman aus den
Wildnissen der ersten Eisenzeit. Ich würde ihn heute gern nochmal lesen - er wird bei Findmybook
auch gelistet-, aber 50 bzw. 100 EUR für das Taschenbüchlein sind mir dann doch zu viel.
Dann war das schon an anderer Stelle von Klaus Weiss genannte und zu meiner größten Freude auch mit
einem Fotohinweis* versehene Raketen-Radio mein Handelsobjekt. Das Radio war genauer gesagt ein
Detektor, brauchte also keinen Strom, sondern musste nur an eine Antenne/Erdung angeschlossen
werden, z.B. die Wasserleitung oder die damals oft noch über Putz liegenden Elektroleitungen (an
denen man auf 1 cm nur die Farbe abkratze, um die Krokodilsklemme befestigen zu können). Die
Senderwahl gelang über das Rausdrehen der Raketenspitze. Die Dinger, mit Ohrenstöpseln ähnlich zu
bedienen wie ein Walkman oder Handy, waren natürlich streng verboten. Also mussten sie heimlich ins
Haus. Doch wie? Ein Päckchen vom Werco-Versand in Patres-Hand schien mir zu risikoreich. Am besten,
fand ich raus, ging das über eine postlagernde Nachnahmesendung. Als Adresse hatte ich „Im Wittau
345“ angegeben, das war die damalige offizielle Adresse des Missionshauses, heute ist es ja die
Annahalde. Beim Spaziergang ein Seitensprung oder schnell mal ins Postamt gerannt, brachte die
ersehnte Sendung in des Pennälers Hand. Nie jedoch haben wir uns, wie andere vor uns getraut,
heimlich in Haigerloch ins Kino zu gehen.
Die Radio-Raketen fanden einigen Absatz, ich glaube mich an einen Preis 9,95 DM erinnern zu können.
Ich denke, ich habe sie für vielleicht 12,50 DM, das unternehmerische Risiko voll eingerechnet (!),
verkauft. Heute wird das Radio der Firma Werco im Internet mit einem Verkaufspreis von 18 DM genannt
– das scheint mir sehr viel. Uli Birringer jedenfalls hat damals wohl eines von meinen
Prachtexemplaren erstanden und dann am Weidezaun andere gegen geringe Gebühr hören lassen. Das war
schon eine exzellente Handelskette samt des Erwerbs der ökonomischen Grundabläufe unserer
Wirtschaft. Tagsüber war mein Weidezaun die Stromleitung im Oratorium, zu dem ich als Sakristan
jederzeit Zugang hatte. Hier lauschte ich fast täglich mit Knopf im Ohr in die große weite Welt.
Nachts oder abends spät wollten die Detektoren-Fans natürlich auch radiohören. Da mussten wir aber
zunächst im Schlafsaal eine Antenne, also einen dünnen Draht, von der Außenfassade durchs Fenster
hindurch nach unten führen und dann weiter in einer Bohlenritze des Fußbodens bis zum jeweiligen
Bett verlegen. Die Anschlussstelle war leicht nach oben zu biegen bzw. nach unten in die Ritze zu
drücken, damit beim Putzen nichts auffiel. Nachts war dann besonders lange und schön Musik zu hören.
Es fiel weiter nicht auf. Und wir fanden das weltmännisch. Immer ein wenig schaurig, weil man doch
auffliegen konnte. Verraten wurden wir nicht, obwohl immer auch die Gefahr bestand, dass jemand
petzte. Oder vom Beichtvater erpresst wurde, die gebeichtete Sünde (etwa das Trinken von Lambrusco
nachts im Schlafsaal) an Pater Superior zu melden. Prompt musste ich bei P. Haag zum Rapport
erscheinen. Reuig rückte ich eine, die fast leere Flasche heraus, die mich die Nacht zuvor
seltsamerweise dazu gebracht hatte, eine Unterhose über den Kopf ziehen zu wollen. Die zweite, tief
im Spind versteckte Flasche schluckten wir dann dezent und hinsichtlich der Menge etwas überlegter
in den nächsten Nächten. Trotz Reue. Und der „Verräter“ beichtete ein zweites Mal, diesmal uns, dass
ihn P. Vogt als Beichtvater zu diesem Schritt gedrängt habe.
Nicht in den Handel eingebunden war dagegen eine Fleischsalat-Sendung unserer Mutter, die bei einem
Besuch 1961 gesehen hatte, dass die Buben ein wenig frugal speisten. Kurz drauf brachte uns die
Bahn, bzw. wir von der Bahnstation per Leiterwagen einen 10-kg-Eimer Fleischsalat hoch. Sr.
Hildegard konnte sich daran bei meinem Besuch im Frühjahr 2014 noch lebhaft erinnern. Auch an eine
andere interessante Begebenheit mit meinem Bruder. Aber das soll er selbst erzählen …
Raimund Pousset (1959 – 1963)