Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Season

Die Hauskapelle - Ort der Ruhe und des Nachdenkens

Beschreibung

Als ich damals im April 1956 als 12jähriger Großstadtbub erstmals ins Missionshaus in Haigerloch kam, führte mich der Weg alsbald auch in die Hauskapelle. Einmal mag die Neugier zu diesem Gang angetrieben haben, andererseits regte der Aufsichtspater zu solchem Tun an: Man möge doch Gott für die glücklicher Reise in den Eyachort danken! Die Kapelle lag im ersten Stock hinten links. Und so machte ich mich auf den Weg und öffnete die große weiße Doppeltür. Ich bekreuzigte mich ordentlich und erblickte zunächst links eine steinerne Weihwasserstele, deren Sockel mit lateinischen Worten beschriftet war. Als Neuling, der der lateinischen Sprache noch nicht mächtig war, konnte freilich den Text noch nicht recht übersetzen. Sodann schaute ich in einen Raum, der beidseitig an den Bankenden des Mittelblocks von jeweils drei schweren Holzbalken getragen wurde. Die lichten Fenster an den Längsseiten ließen Helligkeit hereinströmen und so wirkte der Raum freundlich und einladend. Der bei jedem Tritt ächzende Holzboden durchbrach die Stille des heiligen Saales und trug wie der Geruch von Bohnerwachs und Weihrauch zu dem besonderen Flair dieses Ortes bei: Ruhe - Geborgenheit - Umgeben sein von Heiligem. Hinten links und rechts standen hell gebeizte Beichtstühle. Doch der Blick ging schnell nach vorn hin zum Altar und zu den großen Gemälden, die, wie ich später erfahren habe, erst seit kurzer Zeit die Kapelle schmückten. P. Schneider hatte sie von einem Künstler Mitte der 50er Jahre anfertigen lassen.




Die realistisch gemalten Bilder gingen auf die besondere Lebenssituation der sich hier Versammelnden ein: Auf dem Triptychon in der Mitte steht der Auferstandene, der seine Apostel aussendet. Und die Folgen dieser Sendung zeigen die beiden Darstellungen am Rande. Rechts zeigt Christus vom Himmel aus zwei Weißen Vätern ihr Aufgabengebiet Afrika. Links recken drei Afrikaner ihre Hände zu Christus; darüber in der Gloriole steht das Gotteslamm, umgeben von den Palmen tragenden Märtyrern von Uganda. An den beiden Seiten der Rückwand hingen zwei weitere zu dem Mittelbild passende Darstellungen. Das linke Bild zeigt die Gottesmutter mit dem Jesusknaben und in ihrem Schutzmantel kniend ein betender afrikanischer und europäischer Knabe. Das rechte Gemälde stellt Josef mit dem Jesusknaben dar. Eine solche Bildgeschichte musste die Missionsschüler als künftige Afrikamissionare ansprechen und auch anspornen, ihr ins Auge gefasstes Ziel nicht aus dem Sinn zu verlieren. Die Kapelle war doch ein ganz wichtiger Ort, wo wir täglich fast zwei Stunden zu verbringen hatten.
Dennoch fiel mir damals etwas anderes auf, was ich bisher eigentlich noch nicht gesehen hatte.




An den Bänken war ein Ablagenbrett für Bücher angebracht. Und 1956 war dieses Board vollgestopft mit Büchern meist im Oktavformat. Und ich war natürlich neugierig, was sich da so alles stabelt. Was genau ich 1956 vorgefunden habe, weiß ich heute nicht mehr, aber ich habe noch in Erinnerung, was sich bei mir im Lauf der Zeit unter der Bankauflage angesammelt hatte, und ich habe vieles davon heute noch in einer „Erinnerungsschachtel“. Da war zunächst und bei jedem vorhanden das Gesangbuch der Diözese Trier. Seit 1898 hatten die Weißen Väter dort eine Niederlassung, wo sich seit 1905 auch der Sitz des Provinzials befand. Daher hat man einheitlich in allen Häusern der Missionsgesellschaft das Trierer Gebet- und Gesangbuch verwendet. Als zweites lag da der Schott, das bekannte Gebetbuch 3 für die alltäglichen Messtexte. Damit wäre eigentlich der Grundbedarf für den Gottesdienst gedeckt. Wir verbrachten aber noch vielmehr Zeit in der Kapelle: Morgen- und Abendgebet, zweimaliger Angelus, Betrachtung(en). Auch hierfür musste man vorsorgen. Da gab es zunächst das kleine Heftchen „OREMUS, Tagesgebete einer Jungengemeinschaft, zusammengestellt und erprobt im Bischöflichen Konvikt Hadamar (Westerwald), Limburg a.d. Lahn 1953“. Das wie der gesamte Text noch in Fraktur gedruckte Inhaltsverzeichnis zeigt die zahlreichen Gebete für die täglichen Lebenssituationen:



Ähnlich dem OREMUS war die kleine 32seitige Zusammenstellung „GEBETE der Gesellschaft der Missionare von Afrika (Weiße Väter)“. Hier hat man auf die Frakturschrift verzichtet und lateinische Buchstaben ausgewählt (Times New Roman). Das Heft brachte die verschiedenen Tagesgebete, Psalmen und Gebete zur Eidablegung und Eiderneuerung, meist in lateinischer Sprache. Das war bewusst so, denn war man später im Theologiestudium in einem der Weiße-Väter-Häuser mit internationaler Besatzung, war die gemeinsame lateinische Sprache ein wichtiges Bindeglied. Der jeweilige Aufsichtspater war dankbar für solche Gebetsheftchen, denn er konnte somit schnell auf Bewährtes zurückgreifen. Das „Jugendbrevier, Tägliche Gebete und Betrachtungen im Geiste des Kirchenjahres für die christliche Jugend“, war ebenfalls recht hilfreich und gehörte bei fast allen Missionsknaben zur Grundausstattung. Es enthielt einen Gebetsteil mit Morgen-, Tages- und Abendgebet für jeden Wochentag, fürs Kirchenjahr und für Heilige; außerdem gab es einen Heiligenteil mit recht spannenden Kurzberichten aus dem Leben von Heiligen. Dabei hatte der Autor, Dr. Heinrich Kunkel, besonders unbekannte Heilige und Selige ausgesucht, die vielfach im 19. Jahrhundert in Ostasien, besonders in China für ihren Glauben gestorben waren. Sodann schloss sich für jeden Tag ein Jugendteil an. Hier gab es Adhortationen und geistliche Anregungen, geordnet nach einzelnen Tagen; Überschriften hießen z.B. An sich arbeiten, Abhärtung, Vergnügen, Ehrfurcht vor dem Leibe. Sodann schloss sich ein Schriftteil an. Für jeden Tag war eine Passage aus der Heiligen Schrift vorgesehen. Schließlich fand sich bei den meisten noch das „ liber usualis missae et officii pro dominicis et festis cum cantu gregoriano“, eine dickes Gesangbuch mit den Choralmelodien und lateinischen Texten für das ganze Kirchenjahr. Es war von den Benediktinern der französischen Abtei Solesmes zusammengestellt worden. Dieses Buch kostete damals schon fast 50 DM und war neu nur für wenige Missionszöglinge erwerbbar. Daher behalf man sich mit Second-Hand-Exemplaren, die frühere Schülergenerationen zurückgelassen hatten und die ihren Stammplatz in den Kirchenbänken hatten. Dazu gab es eine Vielzahl von kleinen Heftchen und Devotionsbildchen, so z.B. Liga der Missionsfreunde der Weißen Väter, Einheitsliederheft, Kinder beten für die Mission, Liedheftchen von unterschiedlichen Gottesdiensten für die Deutsche Schubertmesse, Limburger Domfestmesse, Speyerer Dommesse. Bildchen erhielt man anlässlich der Primiz, der Profess, eines geistlichen Jubiläums u.a.m.



Bei zahlreichen Missionsknaben war damit der Bedarf an religiöser Literatur zur Überbrückung der für uns damals recht langen Meditationszeiten noch nicht gedeckt. Weitere geistliche Literatur war angesagt. So hatte ich lange ein besonderes Buch in der Kapelle liegen, das ich auch hin und wieder benutzt habe: P. Ludwig Esch SJ, Neue Lebensgestaltung in Christus. Dieses kleine Bändchen findet sich heute noch bei Ebay und in Antiquariaten. Es sollte die christliche Grundhaltung des jungen Menschen nach der Kriegs- und Nazizeit verdeutlichen. Heute kann ich mich nur noch an einen kurzen Satz aus dem 316seitigen Bändchen erinnern: „ …wenn Du Priester werden willst, dann sollte der erste Kuss keinem Mädchen gehören“. Und das haben wir pubertierenden Jünglinge weitgehend verinnerlicht.
Ein ganz besonders Bildchen war 1956 noch weit verbreitet und lag vielfach auf der Bücherablage. Es war eine Erinnerung an das 200jährige Jubiläum der berühmten St. Anna Wallfahrtskirche in der Oberstadt Haigerlochs. Mit großer Ehrfurcht nehme ich das bunte, bei Elser in Haigerloch gedruckte Faltbildchen heute noch in die Hand, denn es enthielt einen für unsere heutigen Verhältnisse sehr verstaubt devot klingenden Text des damaligen Stadtpfarrers von Haigerloch M. Gulde. Er war eine sehr angesehene Persönlichkeit, weil er nach dem Krieg sich erfolgreich dafür eingesetzt hatte, dass die damaligen amerikanischen Besatzer nicht den Felsen mit dem Schloss und der Schlosskirche in die Luft gesprengt haben, weil Otto Hahn in dem Keller darunter während des zweiten Weltkrieges seine Atomversuche gemacht hatte.




Vorder- und Rückseite des Gedenkbildchens zum 200jährigen Jubiläum der St. Anna Wallfahrtskirche in Haigerloch


Oben hatte ich bereits erwähnt, dass hinten in der Kapelle zwei Beichtstühle platziert waren. Die wurden damals noch sehr häufig benutzt. Zum einen sollte der Missionsschüler wenigsten einmal in der Woche zur heiligen Beichte gehen, zum anderen sollte der Beichtstuhl für Notfälle bereitstehen. Das wöchentliche Beichten war meines Wissens donnerstags nachmittags während der Studienzeit; also eine günstige Gelegenheit, dem Alltagstrott durch eine kleine Abwechslung zu entfliehen. Jeder Zögling musste einen bevorzugten Beichtvater für das neue Schuljahr benennen und zu diesem dann auch zur Beichte gehen. Am Anfang war die Auswahl nicht schwer; man wählt denjenigen Pater, der einem sympathisch war. In den oberen Klassen war die Sache schon schwieriger, denn man musste einen solchen Beichtvater aussuchen, mit dem man bislang noch konfliktfrei ausgekommen ist. Dann gab es besonders allgemein beliebte Beichtväter. Ein solcher war P. Hafner, denn was auch immer man bekannte, er sagte immer wieder das gleiche Sprüchlein und gab schnell die Lossprechung, ohne irgendwelche Rückfragen. Bei manch anderem musste man mit bohrenden Fragen rechnen und das war nicht so angenehm. Da konnte dann schon einmal die Frage kommen, warum ich nicht nach einer Woche zur Beichte komme, sondern zwei Wochen gewartet habe.
Aber was sollte man eigentlich beichten? Die Möglichkeiten von Fehlverhalten waren ja nicht allzu groß. Ja, man war unandächtig beim Gebet, man hatte nicht fleißig gelernt, man hatte einen Mitschüler oder Lehrer geärgert. Vielleicht hatte man auch irgendwann einmal gelogen oder gar bei einer Klassenarbeit betrogen. Und da waren da noch die Verfehlungen im 6. Gebot. Da ist einem gelegentlich die Fantasie durchgegangen; da hatte man schon einmal einen nicht so ganz sauberen Traum … Hier konnten entsprechende Bekenntnisse gelegentlich böse Folgen haben, dass man nämlich im schlimmsten Fall das Missionshaus verlassen musste, weil man offensichtlich zum reinen, keuschen Leben eines Priesters bzw. Missionars nicht geeignet ist. Davor schütze dann auch nicht das Velum „Beichtgeheimnis“.
Daneben gab es die Schuldbekenntnisse im Beichtstuhl während des Morgengottesdienstes. Einige nutzen diese Möglichkeit, zu diesem Zeitpunkt ihre Sünden los zu werden, hatten sie damit doch die Zeit am Nachmittag gespart. Freilich fiel auf, wer während des Gottesdienstes zur Beichte ging und die Mitschüler machten sich so ihre Gedanken: Hatten die beiden irgendwie gemeinsame Sache gemacht? Hatten die irgendwie die Regel gravierend übertreten? Hatten die sich nachts etwas zu Schulden kommen lassen? Es war wichtig, die Sünden loszubekommen, besonders wenn man diese für schwer hielt, denn das hätte einen auch vom gemeinsamen Kommuniongang in der Messe abgehalten.
Aus dem oben beschriebenen wird evident, welch wichtige Rolle die Kapelle im Leben jedes Schülers spielte. Und dem konnte sich niemand entziehen. Man hatte seinen festen Platz in diesem kleinen Gotteshaus. Blieb ein Platz leer, konnte dies Nachforschungen des Superiors oder sonst eines Paters nach sich ziehen.

Hajo Stenger Stadecken, den 13.02.2015