Wie kommt man als 13jähriger, voll in der Pubertät steckender Bub aus einer Großstadt auf die Idee,
in eine Schule im ländlichen Haigerloch zu wechseln? Um die Frage korrekt zu beantworten, bedarf
es eines kleinen Exkurses in die 50er-Jahre: Mein Vater war vor dem Krieg in Frankfurt
Messdiener und Pfadfinder gewesen. Dies bedeutete eine große Bindung an Kirche, Pfarrei und
Pfarrer. Er hatte in seiner Heimat im Norden von Frankfurt einen jungen engagierten Pfarrer
erlebt, der damals wohl das Idealbild eines Priesters darstellte. Not und Krieg machten meinen
Vater zum Soldaten. Krank kam er erst 1948 aus russischer Gefangenschaft zurück und konnte mit
Hilfe eben dieses Pfarrers eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung für seine Familie finden. Als noch
zwei weitere Söhne 1952 und 1954 geboren wurden, verhalf dieser Pfarrer auch zu einer etwas
größeren Drei-Zimmer-Wohnung in einem Wohnblock direkt neben der Kirche. Ich war Messdiener und
mein Leben spielte sich weitgehend im Pfarrgarten mit seinem Fußballplatz ab. Außerdem half ich
dem im Pfarrhaus wohnenden Küster bei allerlei „kirchlichen Tätigkeiten“: Reinigung der Kirche
und Außenanlagen; Vor- und Nachbereiten der Gottesdienste usw. Oft war ich einziger Messdiener
bei den Frühgottesdiensten um 6 Uhr. Nicht nur ich bewunderte Pfarrer und Kaplan und viele
beneideten beide geradezu wegen ihrer großzügigen, schönen Wohnung im Pfarrhaus neben der
Kirche. Die Geistlichen waren hoch angesehen und das nicht nur bei den Katholiken der Pfarrei.
Sonn- und feiertags war die große, über 600 Leute fassende Kirche bis auf den letzten Platz
gefüllt. Und wenn der Pfarrer auf der Kanzel predigend den Gläubigen die Leviten las, konnte man
eine Stecknadel in dem geräumigen Gotteshaus fallen hören. Die Gottesdienste an Festtagen waren
geradezu triumphal: Fast 50 Messdiener sowie eine im Chorraum agierende Schola schmückten die
Feierlichkeiten aus. Und alles hörte auf das Wort des über allem stehenden Pfarrers. Kein
Wunder, dass derartigen Persönlichkeiten uns kleine Buben ansprachen und begeisterten. Und so
wagten es mein Freund Friedel M. und ich, unseren Pfarrer im Frühjahr 1956 ansprechen: „Wie
können wir denn Pfarrer werden?“ Dann hörten wir erst einmal lange nichts und Ende März kündigte
unser Pfarrer Dekan Nilges an, dass in den nächsten Tagen ein Pater von den Weißen Vätern
vorbeikommen wird, der unser ihm vorgetragenes Anliegen aufgreifen wird. Und so erschien kurz
danach P. Adolf Eisele und warb uns für die Weißen Väter und damit für Haigerloch. Mein Freund
Friedel war gerade in der 8. Klasse Volksschule und ich hatte mit Ach und Krach die 3. Klasse in
der Mittelschule (=8. Klasse) geschafft und jetzt sollten wir wieder mit der 5. Klasse (=Sexta)
im Missionshaus anfangen. Na ja, das war für uns kein allzu großes Problem. Meine Eltern waren
etwas geschockt, weil wir ihnen nichts von unserem Gespräch mit dem Pfarrer gesagt hatten. Für
meinen Vater, einen bei der Post angestellten Schlosser mit bescheidenem Salär, war das auch ein
finanzielles Problem, denn er sollte nun monatlich 60 DM für seinen ältesten Sohn aufbringen.
Auch hier sprang der Pfarrer ein und erklärte sich bereit, die Hälfte der monatlichen Kosten für
mich und meinen Freund zu übernehmen. Und dann kam am 3. April ein Brief von P. Superior Hück
aus Haigerloch bei uns an:
Ich denke, das Schreiben bekundet etwas von der damaligen
Mentalität unserer Patres. Und in diesem Sinne geschah auch die tägliche Erziehung: unkritisch,
gottergeben und theologisch einfach-elitär. Der auch den Weißen Vätern bekannte große Einfluss
unseres Pfarrers in Frankfurt machte uns beide, Friedel M. und mich, zu besonderen Schülern,
denen das - in diesem Fall wohlwollende - Augenmerk des Superiors galt. Außerdem hatte unser
Pfarrer bereits zwei weitere Schüler früher nach Haigerloch geschickt. Es sollten weitere in den
nächsten Jahren folgen. Wenn ich an P. Hück denke, fallen mir nur noch die ausgesprochen
langweiligen „Geistlichen Lesungen“, die allabendlich von ca. 19.05 bis 19.25 Uhr im
Exercitiensaal standfanden. Der Saal lag am Ende des Ganges im Erdgeschoss unter der Kapelle,
war bestückt mit alten, langen Sitz-, Kniebankreihen, die vermutlich einmal früher in der
Kapelle gestanden hatten. Vorn stand ein etwas erhöhtes Pult für den Pater. Die Hausglocke
befreite die Schüler von der davorliegenden Studienzeit und schickte sie natürlich unter
strengem Silentium in den Lesungssaal. Spannend waren diese Veranstaltungen nur, wenn etwas zur
Sprache kam, was mit uns direkt zu tun hatte, z.B. das Verhalten gegenüber Mädchen. Auch konnte
es vorkommen, dass ein zufällig vorbeireisender Afrikamissionar seine Erlebnisse im schwarzen
Kontinent zum Besten gab. Meist aber war man noch in Gedanken an den zuvor absolvierten
Studieninhalten oder träumte von seinen Hobbys oder von seinen Ferienerlebnissen. Nur
ausgesprochen fromme Schüler folgten geistig den vorgetragenen Gedanken des Superiors. Ich
glaube, von diesen Schülern ist dann später kein einziger Weißer Vater geworden. Wie gut, dass
doch P. Hück keine Gedanken lesen konnte und so konnte er auch beruhigt nach der Lesung mit den
Schülern in die Kapelle ziehen, um den Angelus zu beten, bevor es endlich in den Speisesaal zum
Abendessen ging. Das war in der Regel nicht gerade üppig: Unter Stillschweigen gab es oft
Früchtetee aus Alubechern und Brot mit etwas fettiger Wurst von den Alutellern. Nur wenn es
Kratzede mit Pflaumenkompott gab, da schlugen manche Schülerherzen höher. Da wurde denn fleißig
„nachgeholt“: Ein Schüler durfte dann aufstehen, musste zum Ökonum bzw. Superior, der mit den
Patres und Brüdern am Quertisch vorne saß, gehen, und ihn fragen, ob er noch etwas holen darf.
Nickte dieser oder gab ein Handzeichen ging der Schüler zur kleinen Durchreiche links, öffnete
den Schlag und schob die leere Schüssel durch die Öffnung. Nach einiger Zeit ging dann dieses
kleine Holzfenster wieder auf und es stand die Schüssel gefüllt mit dem Erwünschten wieder in
der Durchreiche. Da bei Kratzede der Andrang groß war, konnte es vorkommen, dass der
angesprochene Pater von seinem Platz aufstand und durch die Schülerreihen ging und nachschaute
ob bei irgendeiner Tischgemeinschaft - dies war jeweils eine Sechsergruppe - noch etwas übrig
war. Dies wurde dann dem Nachfragenden weitergereicht. Und das alles geschah unter
Stillschweigen; nur vom kleinen, etwas erhabenen Pult links neben der Eingangstür, las ein
Schüler aus einem Buch vor. Meist war es ein frommer Jugendbuchautor, der da zu Wort kam. Nach
dem Schellenzeichen des Superiors klappte der Schüler das Buch zu, stellte sich neben das Pult
und zitierte einige Verse aus der Nachfolge Christi. Nach dem gemeinsamen „Deo gratias“ standen
alle auf und sprachen das abschließende Tisch-Dank-Gebet. Dann war eine gute halbe Stunde
Abenderholung und man streifte durch das Hausgelände oder ging in erlaubte Räume, z.B.
Bastelraum im Nebengebäude. Bei Regen waren bestimmte Räume im Haus für diese Erholungszeit
vorgesehen. Das alles geschah immer unter Aufsicht des gerade für diese Woche zuständigen
Paters. Bei diesen Aktionen schaltete sich P. Hück öfter zusätzlich ein, um zu überprüfen, ob
alles ordnungsgemäß vollzogen wurde und die Schüler auch keine Dummheiten machen, etwa zu zweit
sich etwas abseits aufhalten oder gar hinter den Nebengebäuden verstecken. Soweit ich mich
erinnere, läutete es im Sommer um 8.40 Uhr, im Winter schon um 8.25 Uhr. Dann musste alles in
die Kapelle eilen, um beim Glockenschlag 5 Minuten später unter Anleitung des Aufsichtspaters
das Abendgebet zu sprechen. Damit begann auch das große Silentium bis zum nächsten Morgen beim
Frühstück. P. Hück ließ es sich nicht nehmen, gelegentlich den geregelten Ablauf des täglichen
Rituals zu überprüfen und durch das Haus schleichend nach dem Rechten zu sehen.. Beim sog.
Tertialbesuch konnten dann ggf. entsprechende Verfehlungen zur Sprache kommen: Einmal im Tertial
- das waren die Zeiten zwischen den Ferien, von Ostern bis zu den Sommerferien, von den
Sommerferien bis Weihnachten, von Weihnachten bis Ostern - musste man einen Besuch beim Superior
abstatten. P. Hück hatte sein Zimmer im ersten Stock, wenn man die Treppe hochkam gleich rechts.
Da wurden dann die Schüler der Reihe nach, meist klassenweise in alphabetischer Reihenfolge
hinbestellt. Es folgte dann eine Befragung über persönliche Erlebnisse und Befindlichkeiten.
Auch wurden vom Superior bekannte und gemeldete Auffälligkeiten des jeweiligen Schülers
angesprochen; zudem konnte es vorkommen, dass Briefinhalte zum Gegenstand des Gespräches wurden,
denn alle abgehenden Briefe mussten geöffnet in den Briefkasten vor dem Zimmer des Superiors
eingeworfen werden. Die ankommende Post wurde vor der Verteilung nach dem Mittagessen vom
Superior geöffnet und im Einzelfall wohl auch gelesen. Hatte sich ein Zögling in einem Schreiben
über einen bestimmten Zustand im Missionshaus etwa beklagt, so kam das u.U. zur Sprache. Auch
konnten bei so einem Gespräch Hinweise für die nächsten Briefe erfolgen. Wer klug war,
korrespondierte über die Paketpost. Mit manchem Paket kamen auch Fressalien an, oft am Geburts-
oder Namenstag. Diese mussten in den Speisesaal gebracht werden und sollten an die weiteren 5
Tischgenossen verteilt werden. P. Hück hat deshalb schon gelegentlich die Spinte im Schlafsaal
kontrolliert, ob sich hier nicht unberechtigte Inhalte befinden. Entsprechende Verfehlungen
wurden dann alsbald in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Superior kritisiert und die
beanstandeten Köstlichkeiten landeten alsbald im Speisesaal. Aus unserer heutigen Perspektive
hört sich das alles schlimm an. Damals habe ich das gar nicht so empfunden und hatte kaum
Probleme mit P. Hück. Vielleicht war ich zu naiv. Auf jeden Fall hatte mir das restringierte
Leben in Haigerloch seinerzeit nichts ausgemacht. Gegenüber der häuslichen Situation in
Frankfurt und gegenüber den dortigen schulischen Problemen war das Missionshaus für mich eine
gewisse Wohltat, die noch religiös überhöht zur „Guttat“ wurde.
Hajo Stenger