P. Ernst Haag – Erzieher mit Haltung und Weitblick
Mit P. Haag verbindet sich für viele ehemalige Schüler des Missionshauses Haigerloch die Erinnerung
an eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Als er 1962 Superior wurde, veränderte sich manches im
Haus. Er brachte eine andere Art des Umgangs mit jungen Menschen mit – bestimmt und konsequent,
zugleich aber offen für das Gespräch und für die Auseinandersetzung.
P. Haag hatte selbst schwere Zeiten erlebt. Der Krieg und eine lange russische Kriegsgefangenschaft
hatten seinen Lebensweg geprägt und wohl auch seinen ursprünglichen Traum von einer Tätigkeit als
Afrikamissionar verhindert.
Doch Bitterkeit oder Resignation waren nicht das, was seine Schüler von
ihm erlebten. Vielmehr wandte er seine Kraft der Aufgabe zu, junge Menschen zu begleiten und zu
erziehen.
Für die damalige Zeit war manches an seiner pädagogischen Haltung ungewöhnlich modern. Er setzte
nicht in erster Linie auf Strafe, Druck oder autoritäre Distanz. Er wollte überzeugen, forderte
Verantwortung ein und nahm die Gedanken seiner Schüler ernst. Diskussionen konnten ausdauernd und
durchaus kontrovers geführt werden. Gerade darin zeigte sich eine besondere Qualität: P. Haag hielt
Widerspruch aus.
Raimund Pousset erinnert sich besonders an diese Gesprächsbereitschaft. P. Haag nahm sich Zeit,
hörte zu, argumentierte und erwartete zugleich, dass man sich mit seinen eigenen Überzeugungen
auseinandersetzte. Solche Begegnungen konnten anstrengend sein, aber sie hinterließen Spuren. Sie
förderten die Fähigkeit, Fragen zu Ende zu denken, Positionen zu begründen und Verantwortung für das
eigene Handeln zu übernehmen.
Wie konsequent und zugleich menschlich P. Haag sein konnte, zeigt eine Erinnerung an den Bau des
großen Haigerlocher Eisenbahnmodells. Als eine begonnene Arbeit trotz mehrfacher Ermahnung liegen
blieb, reagierte er weder mit Schimpfen noch mit Strafe. Er hatte immer wieder ermutigt und an das
Verantwortungsgefühl appelliert. Schließlich wurde die Arbeit vollendet. Gerade diese stille
Konsequenz wirkte nachhaltiger als manche Sanktion.
P. Haag war kein bequemer Erzieher. Er hatte klare Vorstellungen davon, was jungen Menschen
zugemutet werden durfte und was ihnen helfen konnte, sich zu entwickeln. Seine Bilder und
Überzeugungen wurden von Schülern durchaus kritisch hinterfragt. Doch auch diese
Auseinandersetzungen gehörten zu seinem Verständnis von Erziehung.
Viele Jahre später wurden ehemalige Schüler von ihm noch immer mit Interesse, Herzlichkeit und
Respekt empfangen. Auch Kritik an der damaligen Erziehung konnte ausgesprochen werden, ohne dass
daraus persönliche Distanz entstand.
So bleibt P. Haag in Erinnerung als ein Mann mit Haltung und Konsequenz, zugleich aber mit
bemerkenswerter Menschlichkeit. Als Erzieher verstand er es, junge Menschen ernst zu nehmen, sie
herauszufordern und ihnen etwas zuzutrauen. Gerade darin lag vielleicht seine besondere Größe – und
darin liegt auch die bleibende Wirkung seines Wirkens.
Alfred Epple erinnert sich:
Besonders eindrücklich für mich war es, wenn er von seiner Gefangenschaft in Sibirien erzählte. Manche Szenen verfolgen mich heute noch und ich kann verstehen, warum er nächtelang keinen Schlaf fand und ruhelos durch die Gänge ging. Trotzdem war er nie verbittert, was mir bis heute noch großen Respekt einflößt.
Auch erinnere ich mich gerne an seine Expertise und Hilfestellung beim Basteln. Egal ob Modelleisenbahn oder Krippenbau, P. Haag wusste immer elegante und saubere Lösungen.
in der Untersekunda hat er uns meiner Erinnerung nach auch mit Negro Sprituals und auch mit Kenneth Spencer vertraut gemacht. Besonders bleibt mir in Erinnerung Ein Kind geht in den Garten", das mich damals besonders berührt hat. Danke P. Haag!