Friedel May (1942-2017): Wir wollen Pfarrer werden!
von Hajo Stenger
Damals waren wohl auch auf Initiative unseres Pfarrers ein Jahr zuvor zwei Buben aus unserer
Pfarrei Schüler in Haigerloch geworden. Es waren dies die Gebrüder Reith, deren Vater
eine größere Schlosserei in Frankfurt führte; die Mutter war eine typische Frankfurter
Geschäftsfrau mit dem entsprechenden „Mundwerk“. Als diese hörte, dass wir zwei auch nach
Haigerloch gehen wollen, stifte sie sofort zwei neue Federbettdecken für uns, weil es ja im
Eyachtal so kalt wird. Bereits am 1.April 1956 schrieb der damalige Superior von Haigerloch
sowohl Friedel als auch mir einen Brief, in dem er uns nochmals persönlich einlud, ins
Missionshaus zu kommen und uns auf die besondere Lebensaufgabe „Mission“ einstimmte (siehe
P. Hück). Am 9. April 1956 war es dann endlich soweit: Zum ersten Mal im Leben bestiegen
wir zwei im Frankfurter Hauptbahnhof zusammen mit den Gebrüdern Reith, aber ohne die
Eltern den Zug in Richtung Stuttgart. Wir waren gespannt, was uns in Haigerloch erwarten
wird. In Stuttgart mussten wir ein erstes Mal umsteigen und in Horb wechselten wir in die
Schwäbische Landesbahn. Was wir damals dachten und fühlten, weiß ich heute nicht mehr.
Auf jeden Fall freuten wir uns auf die neue Lebenssituation.
Am Nachmittag in Haigerloch angekommen, trafen wir am Bahnhof schon auf weitere Missionsschüler,
die alle „schwäbelten“, was für uns Frankfurter natürlich sehr fremdländisch
klang. In einer kleinen Gruppe gingen wir den schmalen Weg hoch zum Missionshaus, um
unser neues Domizil zu besiedeln. Oben angekommen umkreisten wir das Haus und kamen an
die Pforte im Innenhof. Irgendjemand sagte uns, wo wir unsere Schlafsäle und Schränke finden
werden. Jetzt mussten die Koffer ausgepackt und die Betten bezogen werden. Friedel landete im
Saal der Sextaner und ich kam zu den Quintanern. Beide Räume lagen nebeneinander
im ersten Stock. An der Fensterfront im Sextanersaal waren die Waschtröge aufgereiht. Irgendwann
ging es dann in die Kapelle und anschließend zum Abendessen in den Speisesaal.
Da wir noch niemanden kannten, hockten Friedel und ich oft zusammen, um gemeinsam das
Neue zu erkunden. Und dann begann abends nach dem gemeinsamen Abendgebet das große
Silentium, was für uns völlig neu war. Wollten wir uns etwas zuflüstern, zischte eine erfahrener
Quintaner und mahnte uns zur Ruhe.
Friedel landete schließlich in der Sexta, weil er noch keinen Sprachunterricht in seiner
früheren Schule gehabt hatte. Da ich in der Realschule bereits etwas Englisch und auch
Französisch
gelernt hatte, kam ich gleich in die Quinta, musste aber wegen des fehlenden Latein mit anderen
Schülern, die eine ähnlich Vorbildung aufweisen konnten, einen Sonderkurs Latein besuchen. Hier
unterrichtete P. Georg Eisele, ein strenger, aber dennoch gütiger Lehrmeister, der
allerdings schon während der Sommerferien 1956 verstorben ist (siehe P. Georg Eisele). Zu
dieser Zeit waren die Patres und Brüder meist noch in den typischen Weiße-Väter-Gewändern
gekleidet: Gandura und Burnus; die Patres mit um den Hals gehängtem Rosenkranz aus
schwarzen und weißen Perlen, die Brüder ohne dieses „Epitheton“.
In seiner Klasse gelangte Friedel schnell zu einer besonderen Autorität: Er war groß und stark,
was auf die anderen, meist kleinen Knäblein aus der Schwäbischen Provinz doch Eindruck
machte. Auch hatte er freilich als Großstadtkind einen ganz anderen Background als seine
Mitschüler, die meist aus der Umgebung nach Haigerloch gekommen waren, so z.B. Hans
Bäuerle aus Wernau, Dieter Buse aus Backnang, Albrecht Fendt aus Tettnang, Wolfgang
Heck aus Rangendingen, Hans-Jörg Klink aus Horb u.a. Trotz dieses Vorsprungs konnte Friedel
schulisch nicht mithalten, was letztendlich dazu führte, dass sein Vater ihn zum Ende des
Schuljahres wieder in Haigerloch abmeldete. Ab diesem Zeitpunkt trennten sich unsere Wege:
Friedel ging sehr schnell zur Bundeswehr, währenddessen ich bis 1968 bei den Weißen Vätern
geblieben bin. Nur in den Ferien haben wir uns gelegentlich kurz getroffen. Auf Grund
der Tätigkeit bei der Bundeswehr hat Friedel dann auch Frankfurt verlassen und wir haben
uns völlig aus den Augen verloren.
Mitte der 90er Jahre kam dann eine Postkarte von Friedel bei meiner alten Frankfurter Adresse
an. Hier wohnte noch meine betagte Mutter, die mir das Schreiben weitergab und so haben
wir wieder losen Briefkontakt aufgenommen, der sich weitgehend auf Grüße zu Weihnachten
beschränkte. Und irgendwann hat Friedel, der nach seiner Bundeswehrzeit in Mendig lebte,
mir dann mitgeteilt, dass er sich zum Diakon weihen lassen werde. Leider konnte ich zur
Diakonatsweihe nicht kommen. Ich denke, das sind die Spätfolgen von Haigerloch, wo Friedel
den geistlichen Beruf angestrebt hatte. Damals hatte Friedel eine Fortbildung in Wiesbaden
besucht, danach machte er auch einen kleinen Abstecher bei mir und wir unterhielten uns sehr
angeregt. Als ich dann für meinen Jahrgang einen Besuch im Kloster Maria Laach im Mai
2013 organisierte, habe ich Friedel informiert und wir haben uns dort getroffen. Und jetzt,
vier Jahre später, wollte ich Friedel ermutigen, mit mir Ende August 2017 nach Haigerloch zu
fahren, um an für uns historischer Stätte Filmaufnahmen im Missionshaus zu machen; da rief
mich am Montag sein Sohn an und teilte mir mit, dass sein Vater verstoben ist.
Obwohl wir in
letzter Zeit keine engen Kontakte mehr hatten, hat mich doch sein Tod sehr getroffen. Da ist
ein kleines Stück meiner, unserer Vergangenheit, ein kleines Stück Haigerloch, auch ein ganz
winziges Stück von mir selbst gestorben.
R - I - P
Stadecken, den 17.08.2017
Hajo Stenger