Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Friedel May (1942-2017): Wir wollen Pfarrer werden!

von Hajo Stenger

P. Eisele
Friedel May in seinem Arbeitszimmer als Diakon (2015) in der Pfarrei Mendig (bei Maria Laach in der Eifel)
Es war wohl zu Beginn des Jahres 1956 in der Sakristei unserer Pfarrkirche Heilig Kreuz in Frankfurt am Main. Da hatten zwei 12jährige Messbuben gerade bei der Frühmesse gedient und sie hatten sich allen Mut zusammengenommen und waren dann anschließend noch zum Pfarrer Dekan Georg Nilges gegangen und haben ihm die Frage gestellt: „Wir wollen einmal fragen, wie wir Pfarrer werden können?“ Der Pfarrer hat nur kurz geantwortet: „So, so!“ Und dann ist lange nichts geschehen. Wochen später, um Ostern herum, hat uns dann der Pfarrer kurz mitgeteilt, dass in ein paar Tagen ein Pater bei unseren Eltern vorbeikommen wird, der uns sagen wird, wie wir Pfarrer werden können. Und so geschah es. Da kam P. Adolf Eisele von den Weißen Vätern und erklärte uns, wie wir Pfarrer bzw. Missionar werden können. An das Missionarssein hatten wir freilich zunächst nicht gedacht. P. Eisele beschrieb uns Haigerloch als den idealen Schulort, denn hier bestand die Möglichkeit, gleich mit der Quinta unsere gymnasiale Schulzeit zu beginnen. Das war für uns attraktiv, waren wir doch schon etwas älter und hatten bereits die 8. Klasse Volksschule bzw. die 3. Klasse Mittelschule erfolgreich durchlaufen. Unsere Eltern waren natürlich furchtbar geschockt, als sie von unseren Plänen und Wünschen erfahren haben. Auch die Tatsache, dass sie nun für uns monatlich 60 DM Pensionskosten aufzubringen hatten, brachte Verunsicherung mit sich. Weder Friedels Vater noch mein Vater waren damals in der Lage, diesen Betrag aufzubringen, hatte doch jeder von uns beiden noch zwei weitere Geschwister. Dieses Problem löste unser Pfarrer, denn er übernahm die Hälfte der Pensionskosten, sodass unsere Väter jeweils nur noch 30 DM monatlich zu zahlen hatten.

Damals waren wohl auch auf Initiative unseres Pfarrers ein Jahr zuvor zwei Buben aus unserer Pfarrei Schüler in Haigerloch geworden. Es waren dies die Gebrüder Reith, deren Vater eine größere Schlosserei in Frankfurt führte; die Mutter war eine typische Frankfurter Geschäftsfrau mit dem entsprechenden „Mundwerk“. Als diese hörte, dass wir zwei auch nach Haigerloch gehen wollen, stifte sie sofort zwei neue Federbettdecken für uns, weil es ja im Eyachtal so kalt wird. Bereits am 1.April 1956 schrieb der damalige Superior von Haigerloch sowohl Friedel als auch mir einen Brief, in dem er uns nochmals persönlich einlud, ins Missionshaus zu kommen und uns auf die besondere Lebensaufgabe „Mission“ einstimmte (siehe P. Hück). Am 9. April 1956 war es dann endlich soweit: Zum ersten Mal im Leben bestiegen wir zwei im Frankfurter Hauptbahnhof zusammen mit den Gebrüdern Reith, aber ohne die Eltern den Zug in Richtung Stuttgart. Wir waren gespannt, was uns in Haigerloch erwarten wird. In Stuttgart mussten wir ein erstes Mal umsteigen und in Horb wechselten wir in die Schwäbische Landesbahn. Was wir damals dachten und fühlten, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall freuten wir uns auf die neue Lebenssituation.

Am Nachmittag in Haigerloch angekommen, trafen wir am Bahnhof schon auf weitere Missionsschüler, die alle „schwäbelten“, was für uns Frankfurter natürlich sehr fremdländisch klang. In einer kleinen Gruppe gingen wir den schmalen Weg hoch zum Missionshaus, um unser neues Domizil zu besiedeln. Oben angekommen umkreisten wir das Haus und kamen an die Pforte im Innenhof. Irgendjemand sagte uns, wo wir unsere Schlafsäle und Schränke finden werden. Jetzt mussten die Koffer ausgepackt und die Betten bezogen werden. Friedel landete im Saal der Sextaner und ich kam zu den Quintanern. Beide Räume lagen nebeneinander im ersten Stock. An der Fensterfront im Sextanersaal waren die Waschtröge aufgereiht. Irgendwann ging es dann in die Kapelle und anschließend zum Abendessen in den Speisesaal. Da wir noch niemanden kannten, hockten Friedel und ich oft zusammen, um gemeinsam das Neue zu erkunden. Und dann begann abends nach dem gemeinsamen Abendgebet das große Silentium, was für uns völlig neu war. Wollten wir uns etwas zuflüstern, zischte eine erfahrener Quintaner und mahnte uns zur Ruhe.

Friedel landete schließlich in der Sexta, weil er noch keinen Sprachunterricht in seiner früheren Schule gehabt hatte. Da ich in der Realschule bereits etwas Englisch und auch Französisch gelernt hatte, kam ich gleich in die Quinta, musste aber wegen des fehlenden Latein mit anderen Schülern, die eine ähnlich Vorbildung aufweisen konnten, einen Sonderkurs Latein besuchen. Hier unterrichtete P. Georg Eisele, ein strenger, aber dennoch gütiger Lehrmeister, der allerdings schon während der Sommerferien 1956 verstorben ist (siehe P. Georg Eisele). Zu dieser Zeit waren die Patres und Brüder meist noch in den typischen Weiße-Väter-Gewändern gekleidet: Gandura und Burnus; die Patres mit um den Hals gehängtem Rosenkranz aus schwarzen und weißen Perlen, die Brüder ohne dieses „Epitheton“.

In seiner Klasse gelangte Friedel schnell zu einer besonderen Autorität: Er war groß und stark, was auf die anderen, meist kleinen Knäblein aus der Schwäbischen Provinz doch Eindruck machte. Auch hatte er freilich als Großstadtkind einen ganz anderen Background als seine Mitschüler, die meist aus der Umgebung nach Haigerloch gekommen waren, so z.B. Hans Bäuerle aus Wernau, Dieter Buse aus Backnang, Albrecht Fendt aus Tettnang, Wolfgang Heck aus Rangendingen, Hans-Jörg Klink aus Horb u.a. Trotz dieses Vorsprungs konnte Friedel schulisch nicht mithalten, was letztendlich dazu führte, dass sein Vater ihn zum Ende des Schuljahres wieder in Haigerloch abmeldete. Ab diesem Zeitpunkt trennten sich unsere Wege: Friedel ging sehr schnell zur Bundeswehr, währenddessen ich bis 1968 bei den Weißen Vätern geblieben bin. Nur in den Ferien haben wir uns gelegentlich kurz getroffen. Auf Grund der Tätigkeit bei der Bundeswehr hat Friedel dann auch Frankfurt verlassen und wir haben uns völlig aus den Augen verloren.

Mitte der 90er Jahre kam dann eine Postkarte von Friedel bei meiner alten Frankfurter Adresse an. Hier wohnte noch meine betagte Mutter, die mir das Schreiben weitergab und so haben wir wieder losen Briefkontakt aufgenommen, der sich weitgehend auf Grüße zu Weihnachten beschränkte. Und irgendwann hat Friedel, der nach seiner Bundeswehrzeit in Mendig lebte, mir dann mitgeteilt, dass er sich zum Diakon weihen lassen werde. Leider konnte ich zur Diakonatsweihe nicht kommen. Ich denke, das sind die Spätfolgen von Haigerloch, wo Friedel den geistlichen Beruf angestrebt hatte. Damals hatte Friedel eine Fortbildung in Wiesbaden besucht, danach machte er auch einen kleinen Abstecher bei mir und wir unterhielten uns sehr angeregt. Als ich dann für meinen Jahrgang einen Besuch im Kloster Maria Laach im Mai 2013 organisierte, habe ich Friedel informiert und wir haben uns dort getroffen. Und jetzt, vier Jahre später, wollte ich Friedel ermutigen, mit mir Ende August 2017 nach Haigerloch zu fahren, um an für uns historischer Stätte Filmaufnahmen im Missionshaus zu machen; da rief mich am Montag sein Sohn an und teilte mir mit, dass sein Vater verstoben ist.

Obwohl wir in letzter Zeit keine engen Kontakte mehr hatten, hat mich doch sein Tod sehr getroffen. Da ist ein kleines Stück meiner, unserer Vergangenheit, ein kleines Stück Haigerloch, auch ein ganz winziges Stück von mir selbst gestorben.

R - I - P

Stadecken, den 17.08.2017

Hajo Stenger