Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

P. Franz Früh - Der Philosoph von Trier

Die Zeit zwischen den Jahren hat geradezu einen besonderen Nimbus: Man nimmt sich etwas Zeit, blättert in diesem und jenem Buch, räumt seinen Schreibtisch auf usw. Kurz nach Weihnachten kommt seit Jahren mein Bruder aus Frankfurt – er ist als Architekt u.a. mit Umbauten an Kirchen in der Diözese Limburg beschäftigt - vorbei und wir schwelgen in Erinnerungen. So war es auch heuer. Und so kam auch die Rede auf den am 17.12.2021 in München verstorbenen Weißen Vater Winfried Huber. Mein Bruder hatte ihn recht gut gekannt, weil er zeitweise bei Angehörigen in der Nachbarschaft gewohnt hatte. Dies veranlasste mich, einmal im Nekrologium der Weißen Väter nachzuschauen, wer da noch von den alten Bekannten seinen Lebenslauf 2021 beendet hat. Und da stoße ich auf den Namen P. Franz Früh, der ebenfalls am 2. Dezember 2021 verstorben ist. In gewisser Weise hat mich das sehr verwundert, denn P. Früh war für mich 1964, als ich in Trier anfing, Philosophie zu studieren eine markante Institution. Er hat damals als Professor bei uns die entscheidenden philosophischen Grundlagen gelegt. Er galt uns als der Inbegriff des Wissens. Nicht nur er sondern auch andere Professoren verwendeten für die Vorlesungen die in Latein abgefassten Lehrbücher der Gregoriana in Rom.

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Abb. 1:Zwei Lehrbücher der Gregoriana; bis heute stehen noch quasi zur Erinnerungen 6 der alten Lehrbücher in meinem Bücherregal

Diese mussten wir uns alle beschaffen: Eine erste große Geldausgabe für uns Jungkleriker. Und P. Früh saß dann am Pult im Hörsaal und dozierte fast nach mittelalterlicher, scholastischer Manier die Lerninhalte: Ob Critica, Metaphysica, Ethica generalis, Logica, Psychologia, es ging immer wieder nach dem gleichen Muster: These – Antithese … Die Bücher waren praktisch die Vorlesungen von Professoren der Gregoriana, reiner Text.

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Abb. 2:Textbeispiel aus einem Lehrbuch der Gregoriana; diese Bücher konnten bis zu 500 Seiten Text haben, ohne Bilder oder Fotos oder sonstige Bereicherungen

Da gab es keine Fotos oder Bilder, alles reiner Text. Das war für uns damals nicht gerade spannend und attraktiv. P. Früh erläuterte die Thesen und bereicherte sie gelegentlich, eigentlich viel zu selten mit seinen persönlichen Erfahrungen. Dabei konnte P. Früh sich so in Rage steigern, dass er die Text nur auf Latein seitenweise vorlas, vermutend, dass wir das alles verstehen.
P. Frühs Arbeitszimmer war auch etwas Besonderes: Es war immer verdunkelt und der Meister saß bei elektrischem Licht an seinem Schreibtisch und sog das Wissen ein. In den Pausen stand P. Früh meist unten am Eingang zum Innenhof und diskutierte lautstark und dominant mit den Studenten; dabei wurden alle Gegner verteufelt und andere Meinung kamen bei seinem Redeschwall überhaupt nicht zur Geltung. Er konnte eigentlich nie zuhören und sich etwa auf andere einlassen. Seine Meinung war Gebot. Und wenn gefeiert wurde, so an Nikolaus, Fastnacht, kirchlichen Feiertagen saß P. Früh gern in der Runde und wusste immer die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn man P. Früh irgendwo in der Stadt traf, dann war stets im Eilschritt unterwegs.

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Abb. 3:P. Früh (links) doziert in einer Erholungspause im Innenhof das Trier Seminars; links neben Früh Hubert Bonke†, Albert Schrenk und Martin Neher, ??, Bernhard Hagen†, Franz Lienen
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Abb. 3:Früh beim Nikolausabend 1964 in der Runde von interessierten Seminaristen, links Friedel Gärtner †, rechts ?? Die Gestik und die Gesichtspose ist für P. Früh typisch: vorgeschobener Unterkiefer, angestrengte, ausdrucksstarke Miene

Da P. Früh angeblich schwere gesundheitliche Probleme hatte, brauchte er eine besondere Ernährung. Diese wurde ihm jeweils wohl von einem Krankenhaus oder Schwesternhaus in kleinen Alutöpfchen gebracht. Wir vermuteten daher, dass er kriegsbedingt gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Umso mehr war ich verwundert, dass er jetzt im biblischen Alter von 102 Jahren am 2.12.2021 in Trier gestorben ist. Persönliches haben wir von ihm nie erfahren, dennoch haben wir ihn geschätzt. Als Priester haben wir ihn eher selten erlebt. Dennoch hat sich Einiges von seinen umfangreichen Lehren bei uns eingeprägt und uns geformt. Vielleicht hat es auch gewisse Denkweisen grundgelegt, die uns ein Leben lang begleitet haben.

R I P


Hajo Stenger, Stadecken, den 31.12.2021