Heinrich Parusel 1943 – 2015
von Hajo Stenger
Vielleicht habe ich eine zu sehr ausgeprägte nostalgische
Ader, vielleicht aber haben mich die Jahre, die ich als pubertierendes Knäblein in Haigerloch
verbracht
habe, ausgesprochen nachhaltig geprägt, auf jeden Fall durchkreuzen Gedanken an diese und die
weitere
nachfolgende Weiße-Väter- Zeit
immer wieder meine Erinnerungen. Vielleicht ist dies auch
ein besonderes Phänomen des Alters, dass man gelegentlich
doch auf „früher“ zurückblickt; nein, nicht im Zorn oder
Groll, nicht im Gedanken, dass man da etwas verpasst hat,
sondern einfach so. Auftrieb bekam dieses Verhalten durch
unser 50jähriges Abitreffen im Mai 2014. Und so schreibe
ich gelegentlich heute noch zu Weihnachten allen meinen Klassenkameraden ein paar „nette“
Zeilen. Dies habe ich auch im Advent 2015 getan. Ganz überrascht war ich als am 23. Dezember der
Brief
an unseren Klassenkameraden Heinrich Parusel mit dem Vermerk „Empfänger verstorben“ zurückkam.
Zugegeben, das hat mich etwas geschockt. Und da ich ja wusste,
dass Heinrich als Polizeidirektor ein nicht ganz unbekannter Mann war, habe ich sofort im
Internet recherchiert und bin auf die Todesanzeige gestoßen.
Da sich hier eine Adresse fand, habe ich mich entsprechend erkundigt und kam so in den Kontakt mit seinem Bruder Hubert. Mit Heinrich, oder besser bekannt als Heiner, kam ich 1956 in Haigerloch in Kontakt: Am 9. April waren wir ins Missionshaus eingetreten und da wir schon etwas älter waren, durften wir gleich in Klasse Quinta einsteigen, mussten aber, um das fehlende Latein aufzuholen in die Lateinsonderklasse, die P. Georg Eisele für diese Schüler unterrichtete. Dies brachte eine besondere Verbindung zwischen uns beiden. Hinzu kam, dass wir im Vergleich zu den übrigen Quintanern ja schon etwas älter waren und das führte zu einer weiteren Annäherung und zu einem gewissen Gefühl der Überlegenheit.
Pfingstferien gab es im Missionshaus nicht; das war logisch und konsequent, denn Ferien bedeutete im Normalfall Heimreise, meist mit der Bahn, was für damalige Verhältnisse u.U. kostspielig sein konnte. Und da die meisten von uns aus einem Elternhaus ohne große finanzielle Grundlagen kamen, hieß es dann, dass nur diejenigen zu den kurzen Pfingstferien heimfahren durften, die aus den Nähe kamen. Die anderen sollten eine zünftige Erlebniswanderung mit Abkochen im Freien etc. machen. Dass dies klappte, dafür sorgte u.a. P. Vogt. Wenn es freilich an Pentekoste regnen sollte, fiel einiges von dem Geplanten ins Wasser. Und so war es auch am Pfingstfest 1957: die Brote waren schon geschnitten, die großen Töpfe und die sonstige Verpflegung bereits verpackt, aber der Regen war unerbittlich. Also musste eine adäquate Alternative her. Und die bot sich an: Man stiegt die paar Grasstufen hoch zum Kiosk oberhalb des St. Annaweges und hier saßen wir wenigstens im Trockenen und konnten unser besonderes Esserlebnis genießen.
Aus dem Jahr 1958 existieren noch einige Fotos mit Heinrich. Gleich im Februar machte das Missionshaus einen großen Ausflug nach Rottenburg; und dieser ist glücklicherweise fotografisch festgehalten worden.
Heinrichs Familie war nach dem Krieg aus Oppeln in Schlesien geflohen und hatte in Weil am Rhein eine neue Heimat gefunden. Aus irgendeinem Grund gab es eine besondere Verbindung zwischen Weil und den Weißen Vätern, denn von dem Grenzort waren mehrere Schüler nun im Missionshaus gelandet.
In Haigerloch ist Heinrich nicht besonders in Erscheinung getreten; er war ein ganz normaler Zögling und auch sonst ein Missionsschüler sine ira et studio. Wenn ich mich recht erinnere, hatte er eine besondere Zuneigung (bloß angedeutet!) zu weiblichen Lehrerinnen, so Frl. Scherzinger. Und da gab es auch eine junge Griechischlehrerin, an die ich mich nur noch schwach erinnere. Hierzu weiß August Teichmann mehr: Frl . Dr. Schmitz begann in Haigerloch frisch von der Uni kommend ihre Laufbahn als Pädagogin. Eines Tages stolperte sie über den Schacht rechts vor dem Eingang zum Missionshaus. Voll Eifer hat Heinrich sie aufgehoben und damit das Wohlwollen dieser jungen, durchaus attraktiven Lehrerin gewonnen. Seitdem hat sich Heinrich zum Primus in Griechisch entwickelt. Dies zeigt, wie wichtig die Persönlichkeit von Pädagogen für die Lernmotivation ist. In Anlehnung an den Pädagogen Nohl könnte man in diesem Zusammenhang auch vom Pädagogischen Verhältnis sprechen. Bei den Patres war Heinrich beliebt; so durfte er auch das Amt des Sakristan ausüben. Das war nämlich nicht allen Schülern vergönnt; hier musste man die entsprechende Würde mitbringen.
Theaterspiel war in Haigerloch eher selten, aber hierbei machte Heinrich eifrig mit und stieg auf die „Bretter“; er gehört schon zu den aktiven Klassenkameraden.
Der Wechsel nach Großkrotzenburg brachte für uns einen Entwicklungsschub; gewisse Halbstarkenmanieren traten zutage: Alkohol wurde entdeckt und auch manche Maid rückte ins Blickfeld.
Neben der Kreuzburg baute damals der Besitzer der kleinen Berufskleiderfabrik Winnen direkt an der vielbefahrenen Bahnstrecke hinter seiner Fertigungsanlage eine ganz moderne Villa. Das Verkaufsgeschäft dieses Unternehmens befand sich in der Nähe meiner elterlichen Wohnung in Frankfurt. In diesen Neubau zog auch die etwa 15jährige Tochter des Unternehmers mit ein. Und das blieb natürlich den Eleven der Kreuzburg nicht verborgen. Da die Missionsschüler natürlich ablehnend gegenüber dem etwa gleichaltrigen weiblichen Geschlecht sein mussten, nannten wir die junge Hübsche etwas abwertend „Winnenschreck“. Und Heinrich hatte natürlich auch spontan ein wohl interessiertes Auge auf das zierliche Fräulein geworfen. Und bei jeder Gelegenheit hat er immer wieder versucht, Blicke zu erheischen und Kontakt aufzunehmen. Soweit ich mich erinnere, kam es aber niemals zu irgendeiner Begegnung der beiden. So etwas wäre damals undenkbar gewesen, denn das hätte zum Ausschluss aus dem Missionshaus führen können.
Heinrich gehörte zu den wenigen Mitschülern, die sich fast gar nicht um den von mir initiierten Orgelbau in der Hauskapelle kümmerten. Sowohl Handwerk als auch Handarbeit waren wohl nicht sein Ding. Auch war er nicht gerade sportlich: Das tägliche Tischtennisspiel in der Baracke am Beginn des kleinen Waldes und auch das Fußballspiel schienen ihn wenig zu interessieren. Ebenfalls das damals recht intensiv betriebene Schachspiel im „Spielsaal“, im kleinen Quertrakt neben dem Hauptgebäude gelegen, schien ihn wenig zu begeistern. Was sein Schwerpunkt in der geringen uns zur Verfügung stehenden Freizeit war, vermag ich heute nicht mehr zu sagen.
Im Laufe des Sommers 1963 machten wir im Sportunterricht, der meist am bzw. im Kahler See unter Leitung von Sportlehrer Hoffmann stattfand , den DLRG-Grundschein. Das Passbild auf dem grünen Ausweis zeigt einen adretten, jungen Mann, der zu wissen scheint, wie sein künftiger Lebensweg nun weitergeht.
Das Bild dokumentiert auch den gereiften Zögling: Er konzentriert sich nun zielstrebig auf seine Ausbildung: In den altsprachlichen Fächern Latein und Griechisch hat es Heinrich nun an die Klassenspitze geschafft, was ihm auch die Anerkennung der entsprechenden Lehrer einbrachte. Hinzu kommt, dass gerade diese beiden Fächer im Kreuzburg-Gymnasium eine entscheidende Rolle spielten. Latein als Kirchensprache war für die zukünftigen Theologen unverzichtbar. Es wurde von einem pensionierten Pfarrer und Studienrat, Monsignore Braunwarth unterrichtet. Er kam täglich mit seiner BMWIsetta von Mainflingen nach Großkrotzenburg, um die angehenden Afrikamissionare zu instruieren. Er genoss auf Grund seines Alters und seiner Lebenserfahrung hohe Anerkennung im Lehrerkollegium. Und wenn man mit ihm gut stand, hatte das freilich Auswirkungen auf die anderen Fächer. Viel wichtiger war aber, dass Heinrich in Griechisch besonders positiv auffiel. Dieses Fach wurde von P. Jetter, der auch gleichzeitig Schulleiter war, unterrichtet. Wer hier punkten konnte, brauchte eigentlich keine Befürchtungen über seine schulische Laufbahn haben. Drei Dinge waren für P. Jetter wichtig: 1. Bestleistungen in Griechisch, 2. Hervorragendes Können im Schachspiel, 3. Kirchenmusik und lateinischer Choral. Konnte man mit einer dieser Eigenschaften im besonderen Maße aufwarten, dann war eine glänzende Karriere im Missionshaus gesichert. Und so hatte Heinrich beste Karten, denn Griechisch wie auch Latein war seine Sache. Man konnte meinen, dass gerade Griechisch das Hauptfach der Schule war. Ich glaube, wir hatten davon 6 Wochenstunden. Jetter kam herein, sprach das Gebet und schon ging’s los: „Wer kann den Text der letzten Stunde wiederholen?“ Jetzt musste jemand auswendig die in der letzten Stunde aus dem Griechischen übersetzten Sätze auf Griechisch wiederholen. Und so etwas ist freilich nicht Jedermanns Sache; nur einer konnte das: Heinrich, und zwar meist fehlerfrei und ohne Lehrerhilfe. Das machte Eindruck und bescherte Respekt. Während die meisten Klassenkameraden verstohlen ihre Blicke in die Bücher versenkten, konnte Heinrich erhobenen Hauptes in die Welt der Antike steigen. Heinrichs Platz war in der Fensterreihe ganz hinten. Wir hatten damals alle jeweils Doppelpulte mit angesetzten Sitzbänken, die in drei Reihen aufgestellt waren: am Fenster, in der Mitte und an der Wand. Heinrich hatte seinen Platz hinten in der Fensterreihe, davor war Rudi Schäfers Pult. Ich selbst saß in der Mitte ganz hinten, also faktisch neben Heinrich. Da Griechisch nicht so ganz meine Sache war, hatte ich bei Jetter nur einen kleinen, aber nicht sehr bedeutenden und hilfreichen Pluspunkt über den lateinischen Choral und den Orgelbau, der eben der Kirchenmusik diente. Einen nicht unwichtigen Raum nahm in Großkrotzenburg das Theaterspiel ein. Hier war Heinrich meist mit von der Partie und durfte bedeutsame Rollen übernehmen. Dabei war sein gutes Gedächtnis eine treffliche Hilfe für das Textlernen.
Nach Ostern 1963 hatten wir es fast geschafft; wir waren auf Oberprima: Von den 35 Knäblein, die 1959 in Großkrotzenburg in Klasse Obertertia begonnen hatten, waren noch 13 übrig geblieben, die nun die Abiturprüfung ins Visier nehmen konnten. Nahezu alle machten sich Sorgen, ob sie wohl diese wichtige Abschlussprüfung im Februar 1964 bestehen werden. Die meisten hatten in dem ein oder anderen Fach ihre Probleme. Und abwählen konnte man auch nichts. Gemessen an heutigen Maßstäben, hätte wohl keiner Befürchtungen zu haben brauchen, dass er die Prüfung nicht bestehen würde. Heinrich hatte zwar für das Abitur beste Aussichten, wie oben schon erläutert, aber seine Vorfreude hatte auch einen Haken: Da gab es nämlich das (Haupt)Fach Mathematik und hier gehört Heinrich nicht zu den Besten, im Gegenteil. Na ja, am 5. Februar 1964 hatten es alle geschafft, wenngleich eine gewisse Missstimmung unter den Abiturienten herrschte. Viele fühlten sich irgendwie bei den Prüfungen betrogen oder hintergangen, ob zu Recht oder zu Unrecht sei einmal dahin gestellt. Heiner war der einzige Missionsschüler, der sein eigenes Auto im Haus haben dürfte; das war ein alter schwarzer VW, den er irgendwo preisgünstig erworben hatte.
Wegen der oben angedeuteten Missstimmung ist der übliche Kommerz in einem Lokal in Wasserlos buchstäblich ins Wasser gefallen; man traf sich zwar dort mit den Lehrern, aber richtige Freudenstimmung über das nunmehr erreichte Ziel ist nicht aufgekommen: keine Dankeseulogien, kein Sketch, keine Gesänge … alles nüchtern und kurz angebunden.
Hubert Bonke hat die Zeilen über Heinrich in der Abizeitung angefertigt. Ich denke, er hat ihn in seinem Text recht gut getroffen, so wie er sich seinen Mitschülern gegenüber darstellte. Vor dem Abi in der Kreuzburg hat nur einer (siehe Beitrag über P.Gypkens) bekundet, dass er nicht zum Weiterstudium nach Trier gehen wird und das hatte für ihn bzw. seine Eltern finanzielle Konsequenzen. Alle anderen sagten mehr oder weniger offen, dass ihr weiterer Weg zum Philosophiestudium in die Dietrichstraße 30 führen wird. Ich glaube, dass bei manchem die Angst im Nacken saß: Falls er sich nämlich zu einem anderen weiteren Lebensweg ohne das Ziel, Weißer Vater zu werden, bekennen würde, dann müsste er mit (schulischen) Nachteilen rechnen. Und so ließ es damals auch Heinrich offen, wohin die Zukunft ihn führen wird. Heinrich hatte ein recht gutes Abitur mit höchsten Qualifikationen in den beiden altsprachlichen Fächern hingelegt, allerdings hatte er in Mathe weit weniger Erfolg. Von daher bot sich an, wollte er nicht Weißer Vater werden, bzw. Theologie studieren, sich in den beiden klassischen altphilologischen Fächern Griechisch und Latein zu qualifizieren. Jedenfalls schrieb er sich für diese beiden Studiengänge in Freiburg auch ein. Und wie man erzählte, hat er dies auch 14 Tage lang gemacht, um dann schnell zu einer Ausbildung bei der Polizei zu wechseln. Und hier hat er eine erfolgreiche Karriere hingelegt und war zuletzt Polizeidirektor in Rottweil. Soweit uns bekannt hatte Heinrich, der eigentlich schon immer einen Blick für das schöne Geschlecht hatte, niemals geheiratet. Seinem ursprünglichen Ziel, als Missionar nach Afrika zu gehen, ist er ein kleines Stückchen näher gekommen, er war nämlich wohl als Polizeiamtsträger vorübergehend im Sudan tätig.
Acht Jahre lang haben wir gemeinsam „die Schulbank gedrückt“, haben manche Erlebnisse geteilt, haben gemeinsam Freud und Leid erfahren, waren auf der Zielgeraden, an dessen Ende Weißer-Vater-Missionar in Afrika stand, dann haben sich unsere Wege getrennt und wir haben uns nie mehr getroffen, auch zum 50jährigen Abitreffen Ende Mai 2014 konnte Heinrich aus Gesundheitsgründen nicht kommen; nur einmal, am 7. September 2014, haben wir miteinander telefoniert und uns auf ein alsbaldiges Treffen gefreut. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Eine schwere Krankheit hat sein Leben beendet. Und so ist auch ein Stück gemeinsame Vergangenheit für immer verstorben; es bleibt nur die Erinnerung an einen lieben Klassenkameraden, an den ich gerne zurückdenke.
R – I – P
Stadecken, 28. März – Ostern 2016
Hajo Stenger
Grabplatte auf dem Donaueschinger Stadtfriedhof
An unseren Klassenkameraden Heinrich Parusel erinnert auf dem Donaueschinger Stadtfriedhof eine kleine bescheidene, runde Steinplatte auf einem Urnengrab an unseren Klassenkameraden Heinrich Parusel. Bescheiden ist die Erinnerung an ihn, der so große Pläne hatte und der mit einem wunderbaren Gedächtnis ausgestattet war, das ihn befähigte, zum Erstaunen seiner Lehrer und Mitschüler seitenweise griechische Sätze zu rezitieren. Mit Heinrich ruht die Asche seiner späten Lebensgefährtin Anneliese Reiter im gleichen Grab. Ja, Leben vergeht und wir alle werden zu Staub, wie es unsere Liturgie bekundet. Eine Zeitlang bleibt die Erinnerung, die aber nach einer kurzen Zeit weggetragen wird in die Ewigkeit.