Totengedenken – P. Rudolf Schnez
Es gibt Menschen, die vergisst man schnell und das,
obwohl man doch fürwahr viel mit ihnen
zu tun hatte, mit ihnen gearbeitet hatte, in ihrer Nähe gelebt hatte. So gibt es Lehrer, Kollegen,
die man schnell aus dem Gedächtnis entfallen lässt. Mit den Patres, mit denen man Tage, Wochen,
Monate, Jahre unter einem Dach im Missionshaus verbracht, verbindet mich irgendwie
ein Band, zumal dann, wenn es Berührungspunkte gegeben hat. Dies war natürlich primär bei
denen der Fall, die uns – wenigsten zeitweise - unterrichtet haben. Als ich bei unseren letzten
Klassentreffen sinnierend aus der Kapelle im ersten Stock des Missionshauses in Haigerloch
kommend in Richtung Treppe schritt, fiel mein Blick immer wieder gleich auf die links
aufgehängte große Gedenktafel, die an die Brüder und Schüler der Weißen Väter, die im ersten
Weltkrieg ihr Leben verloren haben, erinnert.
Der Zwischenraum zwischen den nächsten beiden Türen – diese führen zu Patreszimmern – ist seit einigen Jahren mit einer neuen Gedenktafel ausgefüllt, die sich freilich viel schlichter und übersichtlicher zeigt als die älteren Tableaus. Hier hängen Gedenkbildchen, der in letzter Zeit verstorbenen Mitglieder der Weißen Väter. Die meisten sind in dem inzwischen zum Altersheim umfunktionierten Missionshaus gestorben. Unwillkürlich schaue ich als Ehemaliger freilich auf diese Memorienbildchen mit den Porträts der Dahingeschiedenen. Und sofort stellen sich in meinem Kopf Erinnerungen ein.
Da ist beispielsweise das Erinnerungsbildchen an P. Rudolf Schnez. Er hat damals in Haigerloch u.a. als Lehrer gewirkt: Sport und Mathe. Schnez galt als besonders sportlich. An seiner ganz speziellen Gangart, die ich nicht zu beschreiben vermag, aber irgendwie an militärisches Paradieren erinnerte, war er schon von weitem erkennbar. Sein Bruder Albert war deutscher Offizier der Reichswehr, der Wehrmacht und der Bundeswehr und diente zuletzt von 1968 bis 1971 im Rang eines Generalleutnants des Heeres als dessen Inspekteur. Dieses militärische Führungswesen muss wohl in der Familie Schnez gelegen haben (bei Wikipedia nachzulesen) und sich irgendwie auch auf seinen Bruder Rudolf ausgewirkt haben. Daher wurde er auch oft Generalissimus Schnez genannt. Nur ganz selten hat er aber von seinem „berühmten“ Bruder gesprochen. Schüler, die ihm negativ aufgefallen sind, hat er gern als „Schluri“ betitelt.
In der Regel gab es sonntags mittags sog. „Freistudium“, da durfte man
dann in die Klassenräume (sub silentio!) oder sich im Freien aufhalten.
Ansonsten war P. Schnez ein beliebter Gesprächspartner für uns Schüler, obgleich er im
Grunde eher zurückhaltend war. Man konnte eigentlich mit ihm über alles reden, er wählte
seine Worte mit Bedacht. Eine gewisse Zackigkeit ließ die Nähe zum Soldatentum erkennen.
Oft haben wir ihn diesbezüglich angesprochen; er ist aber nicht so gern darauf eingegangen.
Ich erinnere mich auch noch an den Sportunterricht bei ihm. Meist fand dieser in der Wandelhalle
neben
dem
Sportplatz statt. Nach einem kleinen Dauerlauf rund um das Haus wurden
dann an Bock, Kasten oder Barren entsprechenden Übungen absolviert. Wenngleich Schnez
in zünftigem Trainingsanzug auftrat, so überließ er das Vorturnen doch meist irgendwelchen
routinierten Mitschülern. Obwohl er mit damals knapp 50 Jahren noch in der Blüte seines
Lebens stand, war Geräteturnen wohl nicht so seine Sache. P. Schnez gehört zu der Generation der
Weißen
Väter, die die afrikanische Mission nur vom Hören-Sagen gekannt haben und
ihre Lebensaufgabe bestand in der Rekrutierung künftiger Missionare. Darüber hat er meines
Wissens eigentlich nie geklagt, sondern immer still und hingebungsvoll seinen alltäglichen
Dienst verrichtet. Gelegentlich war er zu gottesdienstlichen Aushilfen unterwegs. Als
(wöchentlicher)
Beichtvater war er beliebt, wohl auch deswegen, weil er auf lästiges Nachfragen
bei der confessio in der Regel verzichtet hat.
P. Schnez war ein wahrer miles christi, einer, der ohne viel Tam-Tam ohne Aufregung und
Unruhe seinen Weg gegangen ist, in aller Bescheidenheit und in aller Aufrichtigkeit. Und so
war er ein echtes Vorbild für alle, die ihn kannten und schätzen. Er ist lebendig in meiner
Erinnerung
und
ich werde seiner in Ehren gedenken.
Hajo Stenger
Stadecken, den 3.1.2017