Theo Stüer, 1942 - 2012
von Hajo Stenger
Wir waren Ende 1958 bereits auf Untertertia und gehörten damals schon zu den „Großen“ in
Haigerloch. Mit einem gewissen Stolz konnten wir auf die letzten drei bzw. vier Jahre
zurückblicken. Wir hatten bereits einige Klassen erfolgreich hinter uns gebracht und schauten
optimistisch in die Zukunft, die uns nach Großkrotzenburg bringen wird. Unser Klassensaal
war meines Wissens der zweite von der Küche aus kommend und man konnte vom Platz aus
auf das herrliche Panorama mit Schloss blicken. Und da passierte am 20.10.1958 etwas
Merkwürdiges. Plötzlich war ein neuer Schüler in unserer Klasse: Theo Stüer. Wir erfuhren,
dass er vom Missionshaus in Rietberg nach Haigerloch gekommen war. Natürlich fragten wir
uns, wie und warum das so geschehen ist. Leider haben wir weder von ihm noch von einem
Pater eine schlüssige Antwort auf die Frage bekommen. Erst Jahre später haben wir
andeutungsweise den Grund des Wechsels erfahren: Theo habe eine unpassende Bemerkung
gegenüber dem Missionshaus gemacht. Auch nicht gerade aufschlussreich!
Na ja, wie dem auch sei. Unser neuer Mitschüler hat sich trotz der westfälisch klingenden
Sprache schnell in der Klasse zurechtgefunden: Er war unkompliziert, man konnte mit ihm
über alles reden, er machte bei allem mit, er war einer von uns. Er ist nicht irgendwie
aufgefallen. Er war sympathisch und einfach nett. Auch schulmäßig passte er in das
Klassenbild.
Ganz regulär ging es dann nach Ostern 1959 nach Großkrotzenburg. Inzwischen hatten wir Theo auch schon etwas besser kennengelernt: Seine Mutter war schon früh verstorben. Und in Großkrotzenburg traf er auch seine alten Klassenkameraden von Rietberg wieder, vor allem seinen Fast-Landsmann Franz Lienen aus Westfalen, mit dem er sich sehr gut verstand; hatten die beiden doch viele Gemeinsamkeiten, so auch das Interesse an Politik, Geschichte und Gesellschaft.
Daher gehörte Theo zu den eifrigen Zeitungslesern in unserer Runde. Und so konnte er sich zu vielen Themen seine eigene Meinung bilden, was ihm nicht immer die Zustimmung und Freude seiner Pauker einbrachte. Dennoch Theo war immer dabei, wenn man ihn brauchte.
Obwohl ich mit Theo eigentlich ein gutes Verhältnis hatte, wir zusammen viel Unsinn gemacht haben und über die Lehrer gelästert haben, sind mir heute kaum mehr irgendwelche gemeinsamen Erlebnisse aus der Großkrotzenburger Zeit im Gedächtnis. Mag vielleicht auch daran liegen, dass Theo sich recht wenig für mein Orgelhobby interessierte und auch kaum beim Orgelbau mitgeholfen hat. Dafür hat er sich fleißig mit der Politik und Geschichte beschäftigt. Obgleich Theo ein guter Schüler war, hatte er freilich wie wir alle auch seine Sorgen und Bedenken zum Abitur hin gehabt. Dafür gab es aber absolut keinen Grund. In Oberprima gab es im Klassensaal drei Bankreihen: in der Mittelreihe saß Theo vorn, dann folgte Franz Lienen und hinten war Hajo. Diese mittlere Reihe unterhielt die anderen zum Leidwesen der Lehrer gelegentlich durch lautes Scharren und Grunzen, wenn es auch nur den kleinsten Grund zur Erheiterung gab.
Interessant und unseren Mitschüler gut treffend ist auch das, was Klassenkamerad Gustl Teichmann über Theo in die Abizeitung geschrieben hat:
Ja, Theos Ausspruch wen juckt’s? ist zu einem festen Logion unter uns geworden, vielleicht sogar bis zum heutigen Tag. – Nach dem Abi stellte sich für uns alle die „Gretchenfrage“ Wer erscheint in Trier, um Weißer Vater zu werden? Und Theo war dabei. Wegen der Namensnähe landete ich mit Theo in einem Dachzimmerchen im Neubauflügel des Trierer Hauses in Dietrichstraße 30. Da damals sehr viele Alumnen das Haus besiedelten, mussten einige Doppelzimmer benutzen. Und hier hat sich unsere Freundschaft vertieft.
In gewisser Weise war ich dann überrascht, als nach den Sommerferien 1964 Theo nicht mehr nach Trier zurückkam, sondern einen anderen Weg eingeschlagen hat; er studierte Pädagogik, um Lehrer zu werden. Damit brach für mich erst einmal der direkte, regelmäßige Kontakt zu Theo ab. Als ich dann 1971 in Frankfurt-Niederrad Kaplan war, meldete sich Theo telefonisch bei mir, denn seine Frau Hedwig wollte ihre Spezialausbildung als Krankenschwester am Frankfurter Klinikum in Niederrad absolvieren. Theo bat mich, für sie dort ein Zimmer zu reservieren, was ich dann auch gemacht habe. Danach blieben wir sporadisch in Verbindung und so ergab es sich, dass Theo mit seiner Frau Hedwig 1976 zu meiner Hochzeit nach Mainz kam. Theo und Günther Mayer waren die einzigen meiner Klassenkameraden, die an meiner Hochzeit teilgenommen hat.
Anlässlich seines Geburtstages am 28. Februar habe ich gelegentlich mit Theo telefoniert und dabei oft alte Zeiten wieder aufleben lassen. Und so wollte ich ihn auch 2013 zu diesem Anlass anrufen, konnte aber niemanden erreichen. Ich habe es dann einige Zeit später versucht und dabei von Hedwig erfahren, dass Theo an Weihnacht 2012 plötzlich verstorben war. Sein Tod hat mich sehr getroffen, habe ich doch einen ausgesprochen liebenswürdigen Kameraden verloren, mit dem ich ein kleines Stück des Lebensweges gehen durfte. Hedwig hat mir dann später ein paar Erinnerungen an Theo geschickt. Die vielen Nachrufe zeigen, wie engagiert, anerkannt und beliebt Theo gewesen ist.
Ja, wir werden Theo in unserem Herzen behalten. Wir wissen, er ist nicht vergessen, er ist uns lediglich vorangegangen und nun, wie er geglaubt hat, in der ewigen Glückseligkeit. Er möge ruhen in Gottes Frieden.
Hajo Stenger