Johann & Co.
Schon in mittelalterlichen Klöstern galt eine strenge Hierarchie: An der Spitze stand der Abt und
ganz unten die Magd, oder die Hilfsmagd. Ganz so war es in Haigerloch und anderen Missionshäusern
nicht mehr. Dennoch konnte man bestimmte Ähnlichkeiten feststellen: Auch hier gab es eine Ordnung
als ungeschriebenes Gesetz. An der Spitze stand der P. Superior, es folgten die Patres mit
besonderen Aufgaben, z.B. Ökonom, Schulleiter, dann die Brüder, wobei die mit speziellen
Aufgabenschwerpunkten, z.B. Maurer, Schreiner usw. eine gewisse Bevorzugung genossen. Dann kamen die
Schüler. Schließlich folgte das Personal: Da gab es zunächst Schwestern einer speziellen
Gemeinschaft, die der frühere P. Provinzial Haag in den 50er Jahren gegründet hatte. Aufgabe dieser
Schwestern war die Versorgung der Mitglieder der Weißen-Väter-Gemeinschaft vor Ort, d.h. Erledigung
aller hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, z.B. Kochen, Putzen, Wäsche in Ordnung halten u.a.m. Sodann
in der Gesamtordnung reihten sich unterschiedliche Hilfskräfte ein: Mädchen und Frauen, die in der
Küche und im Haus halfen; Männer, die bestimmte leichte Tätigkeitsfelder ausfüllten. Diese standen
in der Hierarchie ganz unten und es wurde auch nicht gern gesehen, dass wir Schüler irgendwie mit
diesen Personen in Kontakt traten.
Zu erwähnen ist auch, dass die drei Brüder in Haigerloch doch recht einfach und bescheiden im Haus
wirkten: Da ist zunächst Bruder Jodok; er war so eine Art Hausmeister und wusste über alle
technischen Gegebenheiten Bescheid; zu reparieren gab es immer etwas. Dann gab es Bruder Günter. Er
war für Garten und Stall zuständig. Entsprechend wohnte er in einer kleinen Kammer über dem
Schweinstall. Das Gebäude lag etwas abseits vom großen Haus, weil die Schweine doch ihren speziellen
Geruch hatten. Br. Günter war ein ruhiger Mann, der in Gottergebenheit seine tägliche Arbeit
verrichtete. Mit den Schülern hatte er meist zu tun, wenn diese in der Handarbeit ihm als
Gartenhelfer zugeteilt worden waren. Da passte er streng auf, dass alle ordentlich schaffen.
Schließlich gab es noch Br. Matthias. Er wirkte hauptsächlich im Stall. Und seine einfältige,
bescheidene Art ließ ihn gelegentlich etwas aufbrausen, wenn die beiden Kühe nicht mal so wollten,
wie er sich das gedacht hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie er mit seinen beiden Kühen den
Steilhang oberhalb des Missionshauses befahren wollte, was nicht gelang und er mit dem Gefährt
abstürzte. Glücklicherweise ist nicht schlimmes passiert.
Die verstorben Brüder sind noch in den Listen der Weißen Väter verewigt.
Die Namen der Hilfskräfte dagegen stehen auf keiner Gedenktafel, in keinem
Nekrologium und sind den meisten Ehemaligen entfallen. Selten sind diese
Personen auf Fotos abgelichtet. Und doch haben diese Leute viel für uns
getan. Zu früheren Zeiten hießen diese Oblaten. Sie haben in aller
Bescheidenheit ihr Leben angeboten, um eine gute Sache zu unterstützen. In
Haigerloch wirken auch solche Männer und Frauen und ich kann mich auch nur
ganz schwach an einige erinnern. Da war der Johann; ein alter Mann mit
schwerem Gang und tiefem, geräuschvollen Atem. Er wohnte in einer Kammer
am Treppenaufgang zum Speicher ohne fließendes Wasser. Ein kleiner Ofen
erwärmte im Winter den zugigen Raum. Mit Johann habe ich nie gesprochen,
zumal ihm das Sprechen wohl auch schwer gefallen ist. Seine nach Rauch
riechende Kleidung machte auf ihn aufmerksam. Schweren Schrittes schleppte
er sich humpelnd durch das Haus. Ansonsten verrichtete er irgendwelche
kleinen Arbeiten, wie Kehren, Kartoffeln und Futter schleppen. Gelegentlich
nahm er auch an den Gottesdiensten teil, dies bemerkte man, weil man den
schweren Atem des Mannes in der vorletzten Bank hörte und ein gewisser
Geruch durch die Kapelle waberte. Sein Essen erhielt er in einem kleinen
Nebenräumchen, wo sich bisweilen ähnliche Helfer aufhielten.
Die Zahl der weiblichen Helfer war etwas größer. Da tauchten plötzlich in der Küche neue Personen auf. Einige verschwanden nach kurzer Zeit, andere blieben länger. Sie wohnten gegenüber dem Hofeingang im Nebengebäude im ersten Stock. Hier befanden sich einige kleine Zimmerchen, die wir Schüler niemals von innen gesehen haben. Auch Gespräche mit diesem Personal waren höchst selten. Handelte es sich um junge Damen, war der Kontakt möglichst zu meiden. Ältere dagegen sah man immer nur bei der Arbeit und diese lebten meist doch eher zurückgezogen. Mit den Schwestern dagegen wechselte man gelegentlich einige Worte, was im Prinzip keinen Argwohn erregte. Eine Frau ist mir noch in guter Erinnerung. Wir nannten Sie Sioux, weil sie die harten Gesichtszüge eines Indianers hatte. Sie kehrte die langen Hausflure; im Untergeschoss putze sie gelegentlich die Bodenfließen und reinigte die allgemein zugänglichen Räume.
Wir als Schüler hatten den Verdacht, dass er einen Waschtick hat, denn immer wieder wusch er sich bei jeder Gelegenheit die Hände gründlich mit Seife.
Freilich gab es in der Küche in Großkrotzenburg auch zahlreiche weibliche gute Geister, die von einer Schwester des o.g. Helferordens angeführt wurden. Sie wohnten im ersten Stock des Nebengebäudes über den Werkstätten und Stallungen. Auch hier hatten wir Schüler nichts zu suchen, daher sind die Räumlichkeiten uns wenig bekannt gewesen. Eine weitere Ordensschwester einer aufgelösten religiösen Gemeinschaft beschäftigte sich über Jahre in der Küche. Leider ist mir der Name entfallen. Bislang nahmen die Schwestern an unseren morgendlichen Gottesdiensten teil; oft jedoch nahmen sie an einem etwas früheren Gottesdienst bei einem Pater in einer Seitenkapelle teil, damit sie pünktlich das Frühstück für die Belegschaft bereiten konnten.
Wenn ich gelegentlich mal zu Besuch in meine ehemaligen Internate kam, habe ich auch immer wieder den Friedhof aufgesucht, so zuletzt in Haigerloch. Da gibt es in der Regel einen besonderen Platz für die Weißen Väter und man kann schnell alte, bekannte Namen entdecken. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals ein Grab einer solchen Hilfskraft gesehen habe. Sie haben ihr entbehrungsreiches Leben für die Mission und damit auch für uns eingesetzt und deshalb sollten wir sie nicht vergessen.
Dr. Hajo Stenger