Schlaglichter: Haigerloch 1959 - 1965
Erinnerungen von Jupp (Josef Eberhardt geb. Seidler)
Manchmal weiß man nicht, ob einen die Erinnerung trügt. Trotzdem aus meiner Erinnerung einige
Schlaglichter aus der damaligen Zeit.
Ich kam aus einer kleinen Schwarzwaldgemeinde und einer einfachen (kleine
Nebenerwerbslandwirtschaft), aber gut katholischen Familie, in der Konradsblatt, seraphischer
Kinderfreund und Afrikabote gelesen wurden, ins ferne Haigerloch. Ein Auto hatten wir nicht. Dafür
reichte es erst 1967. Der Ortspfarrer selbst fuhr mich hin, wiewohl jeglicher Vorfahrtsregeln
unkundig: Der Kreuzwimpel auf dem Auto gab ihm die Vorfahrtsrechte. Wir - Pfarrer, Vater und ich -
haben aber die Fahrt gut überstanden, obwohl manchmal gehupt wurde und Bremsen quietschten.
Ich wollte Missionar in Afrika werden, wie schon ein anderer aus unserer Gemeinde. Als
10-11-jähriger Zögling fügte ich mich zunächst allem, was auf mich zukam, schälte fleißig Kartoffeln
und sang ordentlich mit "Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad. Geschlagen wurde
zumindest ich nicht, bekam allerdings ab und an eine "Kopfnuss" vom wenig beliebten damaligen
Superior Buse, der mir vor allem zeitungslesend in Erinnerung ist.
Ungefähr 1962 muss es gewesen sein und ein Skandal ersten Ranges: Die beiden Küchenhilfen wurden
nächtens von 2 älteren Mitschülern besucht, wohl über längere Zeit (Wochen?). Das machte, als es
raus kam, uns jüngeren Klepfern gewaltigen Eindruck. Zumal die eine, aus Trillfingen, eine wahrhaft
barocke Figur mit beeindruckender Oberweite war. Die andere, eine brünette und ebenfalls attraktive
junge Frau stammte aus Gruol. Deren kleiner Bruder war übrigens ebenfalls bei den Klepfern,
vielleicht sogar in meiner Klasse, und leider kleptoman. Selbstverständlich wurden die beiden
nächtlichen Herumtreiber, ich glaube es waren W. und O., und die Küchenhilfen umgehend gefeuert. Und
wir stellten uns danach vor, was dort im Nebengebäude alles getrieben wurde, und wunderten uns, dass
die Küchenchefin (aus Muggensturm im Rheintal stammend und mit einem riesigen Kropf) einen so tiefen
Schlaf und nichts gemerkt hatte.
Zudem waren auch Gerüchte von angeblichen - oder wirklichen? - Beziehungen zum jungen weiblichen
Geschlecht des Städtchens, u.a. mit den Namen Margret, Sibylle, Felicitas im Umlauf. Musste K. aus
Freiburg nicht sogar deshalb gehen?
Im Übrigen war man zwar real eingezäunt. Aber die Gedanken waren und sind eben frei. Und ohne
zumindest gelegentliche auch reale Übertretungen - unerlaubte Bücher, unerlaubte Stadtgänge,
unerlaubter Alkoholgenuss, gelegentliches aufsässiges Verhalten und sonstiges Übertreten von
Vorschriften - hätte man es nicht ausgehalten. Man hatte, wenn auch meist einem selbst nicht richtig
klar, eine Sehnsucht nach Freiheit.
Wenn wir im Bett lagen, hörte man manchmal einen herrlichen Gesang eines italienischen Gastarbeiters
von der Oberstadt zu uns herüber. Ich hörte dabei seine Sehnsucht nach dem schönen Italien, seiner
Geliebten, seiner Heimat. Ich bin mir ziemlich sicher, diesen Gesang gehört zu haben. Raimund konnte
sich beim 111-er Treffen allerdings nicht daran erinnern.
Sonntag Nachmittag waren in den letzten Jahren - ab 1963?- Spaziergänge in kleineren Gruppen
erlaubt. Zuvor musste man noch klassenweise zu den Kirchen der benachbarten Orte unterwegs sein. Es
wurde bei den Kleingruppen allerdings vom Superior strikt darauf geachtet, dass nicht immer die
gleichen miteinander loszogen. Wir aber nicht dumm, tauschten die Gruppen umgehend hinter der
Tujahecke wieder zurück, sodass doch immer die gleichen "Tunichtgute" unterwegs waren. Zusammen mit
Günther H. und noch einem, dessen Namen mir entfallen ist, zogen wir häufig nach Trillfingen in eine
Wirtschaft (es ging zum Eingang die Treppe hoch), die wir Patricia-Bar nannten; nach einem Schlager,
in dem Twist und Patricia vorkamen. Dort saßen wir bei Bier und Zigaretten und klopften mit unseren
15 Jahren ordentlich Skat zu Musik aus der Musikbox, bevorzugt eben der Song mit Twist und Patricia.
Herrliche Sonntagnachmittage!
In den Jahren 1964 / 1965 wurden zunehmend auch "aufrührerische" Gedanken geäußert. Die
Argumentation von Superior Haag war dann zum Schluss: Wenns euch nicht passt, könnte ihr ja gehen.
So bin ich denn 1965 gegangen. Pater Haag sagte dazu, wir hätten dich sowieso entlassen. Ich bin ihm
zuvor gekommen. Und kann im Rückblick sagen: Wir waren in unserer Klasse eine gute Gemeinschaft.
Trotz, vielleicht auch wegen des äußeren Zwangs: Sozusagen einig im Widerstand gegen die Tyrannei.
Und haben uns Freiheiten im Denken und Tun genommen (vielleicht ich etwas mehr als andere), deshalb
alles gut überstanden.
Jupp (Dr. Josef Eberhardt, geb. Seidler)