"Schee wars widder mal gewese“
Hajo Stenger, Gustl Teichmann
Das war das einhellige Urteil nach dem letzten Klassentreffen jener Knäblein, die am 5.2.1964
in der Kreuzburg in Großkrotzenburg Abitur gemacht hatten. Von den damals 13 stolzen jungen Männern
hatten 4 den Weg in die Heilbronner Gegend nach Neipperg gefunden: Gustl
Teichmann, Franz Scholz, Albert Schrenk und Hajo Stenger. Mit dabei waren auch die Ehefrauen Gitte
Teichmann und Irmgard Scholz. Albert ist als Weißer Vater natürlich unbeweibt
und Hajos Frau konnte nicht kommen, da sie als Kirchenmusikerin an diesem Wochenende
stark in die Festlichkeiten der Heimatpfarrei eingebunden war. Günther Mayer, Otto Martin
und Rudi Schäfer konnten gesundheitsbedingt nicht dabei sein. Ein Klassenkamerad, wie
sollte es anders sein ein bodenständiger Westfale, wollte nicht kommen, weil er sich seit längerer
Zeit von seinen Mitschülern bewusst distanziert hat. Die Frau unseres 2020 verstorbenen
Klassenkameraden Franz Hohmann war aus Köln angereist, um die alten Kontakte fortzuführen. Seit
einiger Zeit neu in der Runde sind Christa und Günther Konstanzer: Günther aus
Hechingen war nämlich 1956 -1957 in unserer Haigerlocher Klasse, hat aber dann einen anderen Weg
eingeschlagen, dennoch ist die Verbindung zu ihm über Jahre in fester Erinnerung
geblieben. Und als die Weißen Väter vor einiger Zeit in den Ort unterhalb der Zollernburg in
ein Seniorenwohnheim einzogen, verfestigten sich die alte Bindungen. Somit sind die beiden
Schwaben wichtiger Bestandteil unseres Kreises.
Gustl hatte alles bestens vorbereitet, so auch die Auswahl unseres Treffpunktes Weingut Echle in Neipperg. Dieses hatte er mit seiner Frau in früheren Jahren schon oft besucht und war immer wieder von dem edlen Wein und der herrlichen Landschaft überwältigt. Was lag da näher, als hier ein Klassentreffen anzuberaumen, zumal Echles mehrere Ferienwohnungen und eine große überdachte Terrasse anzubieten hatten. Diese Lokalität war auch gleich für unser erstes Aufeinanderstoßen ideal. Und da tischten Christel und Gitte gleich mal ordentlich auf: von selbstgebackenem, köstlichen Kuchen, Eiern, allerlei Wurst- und Käsesorten bis Marias vielfältigen Konfitüren war alles da, was das Herz begehrt. So langsam trudelten alle Teilnehmer ein und mit 9 war der Kreis dann komplett. Die gelöste Stimmung wurde durch allerlei Erzählungen und Schwänke zu einem abwechslungsreichen Beisammensein. Da doch die seit langem andauernde Hitze die Kehlen ziemlich austrocknen ließ, fuhren Gustl und Hajo zum Edeka-Markt nach Brackenheim, um eine Kiste Wasser und einige Sixpacks Bier beizukarren, was sich in der Folge als sehr hilfreich erwies. Für das Abendessen hatte Gustl eine Pizzeria hoch in den Weinbergen ausgesucht, was ganz günstig war, denn der Fußmarsch dorthin, hat die müden Glieder gut aufgelockert.
Gut, dass für uns dort reserviert war, denn die Gaststätte war wohl ein sehr beliebtes Ziel für Leute aus Nah und Fern und wir konnten einen schönen Platz in dem weitläufigen Garten finden. Nachdem wir es uns richtig gemütlich gemacht hatte, zogen dunkle Wolken auf und der Restaurant Chef scheuchte uns ins Innere, was sich später als günstig erwies, denn nach kurzer Zeit platschte der lang ersehnte Regen herunter. Umso glücklicher konnten wir im Trockenen die Köstlichkeiten des Hauses genießen; denn allerlei Leckerheiten bereicherten zunächst die Speisekarte des Lokals und dann die Teller der Gäste. Gut gestärkt konnten wir nach zwei Stunden wieder ins Tal zu unserem Domizil marschieren. Und wie sollte es anders in einer Weingegend sein: Man setzt sich zusammen, um den leckeren Rebensaft zu genießen; manchem schien das Bier allerdings bekömmlicher. Was auch getrunken wurde, man genoss den Abend in vollen Zügen und schwärmte von alten Zeiten und allerlei alltäglichen Begebenheiten.
Abb. 3: Die besondere Hochzeitskutsche auf der Burg wartet auf ihren Einsatz
Ein fast 4 km langer Fußmarsch führte uns über einen Bergrücken zum Hörnle, ein vielbesuchtes Bergrestaurant. Dadurch dass interessante Gespräche den etwas mühsamen Weg erleichterten, gab es keine „Fußkranken“ und wir erreichten fröhlich und munter die Raststätte. Die vielen angebotenen Gaumenschmauspartien ließen wir aber links liegen und stärkten uns nur mit einem kühlenden Bier, denn am Nachmittag wollten wir beim Kelterfest unten im Ort dabei sein. Der Abstieg ging zügig voran und wir erreichten am frühen Nachmittag unser Ziel. Freilich zog es die meisten in die Waagerechte, während Albert und Maria noch eine kleine Exkursion nach Tripsdril und zur nahegelegenen Bildungsstätte auf dem Michaelsberg unternahmen.
So gegen 17 Uhr waren wir dann auf dem Festgelände des örtlichen Kelterfestes angekommen. Wir staunten über die perfekten Vorbereitungen der Feierlichkeiten durch die örtlichen Aktivisten, zumal das Dorf nur gut 500 Einwohner hat. Nachdem wir bislang noch kein ordentliches Mittagessen eingenommen hatten, waren wir über das Speiseangebot der Festveranstalter hoch erfreut. Als besondere Höhepunkte, gab es gegrillte Hähnchen und selbst angerichtete Pommes Frites und dazu natürlich Wein. Glücklicherweise waren wir so früh, dass wir uns noch gute Plätze auf den vor dem Zelt aufgestellten Bierbänken sicher konnten. Dass wir mit anderen Besuchern ins Gespräch kamen, war natürlich selbstverständlich. Und so lernten wir auch ein kirchlich engagiertes Paar aus der Umgebung kennen. Da der Mann auch Organist war, kam das Gespräch schnell auf das Thema Zimbelsterne. Das erwies sich günstig, da Hajo als größter deutscher Zimbelsternproduzent den Gast bestens informieren und gleich freundschaftlichen Kontakt knüpfen konnte.
Gut gestärkt an Leib und Seele fanden wir uns dann auf unserer häuslichen Terrasse ein und Hajo packte seine mitgebrachte Kiste voller Erinnerungsstücke aus: alte Fotos, alte Schulhefte, ein fast zerfallenes Skapulier und viele Objekte aus früheren gemeinsamen Tagen bereicherten den Abend. Und gleichsamen als Höhepunkt berichtete der Weiße Vater Albert von seiner langjährigen Missionstätigkeit in Westafrika. Besonders spannend war die Erzählung eines aufregenden Erlebnisses: Albert war wieder einmal auf Buschstraßen unterwegs und wurde von uniformierten Soldaten überfallen und man wollte ihn abführen und massakrieren. Er dachte ängstlich, aber voll Gottvertrauen, sein letztes Stündchen sei gekommen. Doch plötzlich entdeckt er unter seinen Peinigern einen Soldaten, den er am Wochenende zuvor kirchlich getraut hatte. Der schritt ein und rettete Albert das Leben, so konnte er unversehrt seine Fahrt fortsetzen.
Am nächsten Morgen erwartete uns wieder das großzügige, opulente Frühstück, zubereitet von Gitte und Christel. Die vielen mitgebrachten Marmeladen und der selbst geimkerte Honig aus dem Hause Konstanzer setzten süße Geschmackshöhepunkte und brachten allen Stärkung für die Heimreise. Auch waren schon Überlegungen fürs nächste Jahr ins Auge gefasst worden. Günther und Christel haben sich spontan bereit erklärt, in der Nähe des Kaiserstuhls einen geeigneten Treffpunkt auszumachen.
Wir hatten auch überlegt, ob Albert wie gewohnt eine kleine Sonntagsmesse mit uns lesen sollte, doch einigten uns schließlich auf einen Reisesegen, bei dem auch an alle unserer Kranken und bereits Verstorbenen gedacht wurde. Zum Schluss wollten wir der politischen Weltsituation entsprechend das bekannte Dona nobis pacem als Kanon singen, aber dies mussten wir nach dem ersten Durchgang abbrechen, da der Kantus doch nicht allen bekannt war. Dennoch hat der anschließend von Albert gespendete Reisesegen gut gewirkt und alle sind im Lauf des Sonntags wieder heil zuhause angekommen.
Wir waren alle glücklich, dass alles dank der perfekten Vorbereitung besonders von Gitte und Gustl so gut geklappt hat und dass es ein so harmonisches Zusammensein zur Zufriedenheit aller geworden ist: „…schee wars widder mal gewese…“
. VIVANT SEQUENTES!!
Stadecken-Elsheim, den 29.08.2022 Gustl Teichmann und Hajo Stenger