Letztes Abi in der Kreuzburg, 5.11.1966
Zugegeben; da überfällt mich eine gewisse Wehmut. Denn wenn ich auf das Faltblatt schaue, da heißt es: EINLADUNG ZUR LETZTEN ABITURFEIER. Und dann geht auf der gegenüberliegenden Seite der Text weiter. 9.30 Uhr Letzter Schulgottesdienst in der Kapelle der Kreuzburg – 11.00 Uhr Letzte Überreichung der Reifezeugnisse in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule. Dreimal wird darauf hingewiesen, dass es sich um ein Ereignis handelt, das zu diesem Zeitpunkt zum letzten Mal stattfindet. Und damit geht ein Stück Geschichte zu Ende, von dem ich ein ganz kleiner Teil sein durfte. Das Äußere verweist schon in die Zukunft. Da heißt es nämlich nicht mehr Kreuzburg-Gymnasium, sondern Gymnasium Africanum. Und damit ist schon der damals anvisierte Wechsel angesprochen (siehe den Beitrag: Alles AFRICANUM oder was?). Man wollte das Kreuzburg-Gymnasium, das künftige Weiße Väter hervorbringen sollte, in ein Oberstufengymnasium für Jugendliche, die sich irgendwie in der afrikanischen Entwicklungshilfe betätigen wollen, umwandeln.
Zwar enthält die Einladung noch den alten Namen Kreuzburg, aber dieser steht unter dem
neuen Titel. Zwei Jahre zuvor hatten wir im Februar 1964 noch unser Abitur ebenda abgelegt.
Und wir waren damals der Auffassung, dass dieses Haus noch einige Zeit bestehen würde,
wenngleich die Schülerzahlen langsam zurückgingen.
Wenn ich das Programm genau betrachte, kommt mir so einiges in den Sinn. Der
Schulgottesdienst findet in der nach dem Krieg erweiterten Hauskapelle der Kreuzburg statt,
allerdings muss der Gesang durch den Kirchenchor der Pfarrgemeinde Großkrotzenburg
unterstützt werden. Inwieweit die Missionsschüler da einbezogen waren, lässt sich dem
Programm nicht entnehmen.
Man ist dann überrascht, dass die feierliche Überreichung der Abizeugnisse nicht mehr in der
Aula der Kreuzburg stattfindet, sondern in der Schule der Gemeinde Großkrotzenburg. Das
hatte freilich einen guten Grund, denn die große Aula – sie befand sich genau unter der
Kapelle und hatte auch die Ausdehnung derselben - war wohl zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
benutzbar, denn sie stand bis an die Decke gefüllt voll mit Sono-Viso-Paketen (siehe: P.
Gypkens - Hoch gepokert – tief gefallen).
So musste man für diese besondere Feierlichkeit einen anderen geeigneten Ort außerhalb der Schule finden. Mangels eigener Kräfte hat man dann wieder Gäste von außerhalb geholt, um der Feier einen würdigen Rahmen zu geben. Da war Leo Plettner, ein junger, musikalisch hoch begabter Mann von Großkrotzenburg; er war der Älteste von 8 Geschwistern der Familie Plettner. Er wirkte damals noch am Theater in Mainz und ging dann später nach Essen. Seine jüngste Schwester Gabriele lernte ich im gleichen Jahr kennen und wir waren eine Zeitlang gut befreundet (siehe: Auf dem Weg zum Noviziat, Seite 7). P. Freckmann war Schulleiter und sollte eigentlich das Gymnasium in die neue Form als Oberstufenschule führen. Diese Planung ist allerdings nicht so aufgegangen wie gedacht und man hatte bereits den Verkauf der Kreuzburg an die Franziskaner beschlossen, was dadurch sichtbar wurde, dass der Franziskanerprovinzial ebenfalls eine kurze Ansprache hielt. Und gegen Ende der Feierstunde sang der Großkrotzenburger Volkschor Im Abendrot von Franz Schubert:
Vater, wenn sie golden strahlet!
Und dein Glanz herniederfällt
Und den Staub mit Schimmer malet.
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt!
Könnt ich klagen, könnt ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh‘ es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.
Mir scheint dieses Lied genau in diese Feierstunde zu passen: Das Abendrot beschließt zwar
den Tag, bekundet aber gleichzeitig, dass am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgehen
wird. Die Traurigkeit, die sich am Ende einer Ära einzuschleichen droht, wird voll
Optimismus in neue Hoffnung gewandelt. Da wird es noch weitergehen, irgendwie schon.
Dennoch glaube ich, dass bei vielen ehemaligen Kreuzburgern die Wehmut überwog, als die
Weißen Väter dieses Haus aufgegeben haben, ja aufgeben mussten, obwohl viele auch recht
schmerzliche, ja negative Erinnerungen an ihre Großkrotzenburger Zeit haben. Bei mir sind
die Gefühle eher gemischt. Wie auch immer, die Zeit, das Drumherum hat mich geprägt und
hat sich tief in mein Herz eingegraben; besser muss ich sagen eingekratzt, denn auch in dieser
Zeit wurde mein Charakter – das Wort kommt bekanntlich vom Griechischen charasso =
kratzen, einritzen - geprägt. Und die Kratzer - wer hat schon keine bekommen, ganz gleich ob
in Haigerloch, Linz oder Rietberg? - sind bis heute geblieben.
20. Mai 2015
Hajo Stenger