Haigerloch - Liebe auf den ersten Blick
Aus: "Geburtsstunden" von Joe Eberle / Alois Schmid (Hrsg.)
Es ist ein herrlicher Spätsommertag. Zwischen den vielen Obstbäumen, deren Laub sich bereits zu
färben beginnt, klettern spitzgieblige Fachwerkhäuser wie auf unsichtbaren Leitern an den steilen
Hängen der Eyachschlucht empor. Der Geruch von trockenem Gras und jungem Most liegt in der Luft. Auf
den Felsen zu beiden Seiten des Flusses zeichnen sich die hellen Fassaden des Schlosses und der
beiden Barockkirchen gegen das matte Blau des Himmels ab. Sie sind wie ruhende Pole in dieser
"tollgewordenen Stadt", wie sie Gustav Schwab nannte. Einer Stadt, in der Mensch und Natur Kapriolen
schlugen. Einer Stadt aber auch, in der wie kaum irgendwo sonst beide so gut miteinander
harmonierten. Haigerloch.
Für die Weißen Väter, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das idyllische "Bergnest in Augen-
schein nahmen, muss es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Und deshalb fackelte man nicht
lange. Man griff zu. Man hatte endlich den idealen Platz gefunden, wo sich junge Menschen auf den
Missionsberuf vorbereiten konnten.
Es wurde unverzüglich mit dem Bau des Hauses begonnen, und schon am 20. Juni 1904 fand die
Einweihung der Klosterschule an der Annahalde statt. Ein großer, unvergesslicher Festtag - nicht nur
für die Weißen Väter selbst, sondern auch für die Bürger von Haigerloch.
Fortan gehörten die Afrikamissionare zum "Inventar“ des schmucken Städtchens. Man war stolz auf
sie und freute sich, ein Stück Weltkirche beherbergen zu dürfen. Es entwickelte sich ein herzliches
Verhältnis zwischen dem Missionshaus und der Gemeinde. Die Zahl der Freunde in Haigerloch und
Umgebung wuchs.
Daran änderte sich auch in den 1930-er Jahren nichts, als die Nazis das "Kloster“ auflösten und
zunächst eine Lehrerinnen-Ausbildungsstätte
36
unter den gewalmten Dächern der \WV-Niederlassung einrichteten. Später, als der 2. Weltkrieg
bereits in vollem Gange war, diente die Klosterschule als Lazarett. Von den hellen, freundlichen
Hausfassaden blieb nichts übrig. Tarnfarben bedeckten die Mauern - wohl auch deshalb, weil in
unmittelbarer Nähe unterm Schlossberg Physiker des Dritten Reiches an Hitlers ehrgeizigem
Atombomben-Projekt arbeiteten.
Erst nach Ende des Krieges durften die Weißen Väter wieder in inr Haus einziehen. Holprig und
zunächst noch provisorisch machte man mit der Ausbildung missionarischen Nachwuchses dort weiter, wo
man vor dem Krieg aufgehört hatte. Anlässlich des 111-jährigen Bestehens der Haigeriocher
Niederlassung der Weißen Väter 2014 trugen Ehemalige unserer "Klosterschule" in einer Festschrift
zusammen, was ihnen aus der bei uns verbrachten Schul- und Internatszeit in Erinnerung geblieben
ist.
In ihren Wortmeldungen beschreiben die "Klepfer“, wie ihnen in jenen Nachkriegsjahren in St.
Aloysius nichts geschenkt wurde. Wie es spartanisch zuging. Wie Disziplin und Ordnung gefordert
wurden und fast täglich eine geschlagene Stunde Handarbeit auf dem Programm stand und wie es niemand
gewagt hätte; sich von den Einsätzen im Haus, im Garten und in den Stallungen zu drücken.
Während einige der Ex-Schüler die Auffassung vertreten, dass das alles ja damals doch des Guten zu
viel gewesen sei und einer gar durchblicken ließ, dass er so einen "militärischen Drill" keinem
seiner Kinder zugemutet hätte, legen andere gleich Widerspruch ein. Schließlich habe man in
Haigerloch und auch in den anderen Schulen der Weißen Väter eine sehr gediegene humanistische
Erziehung erhalten, sagen sie. Man habe die Regeln der Teamarbeit verinnerlicht und sei auf
lauuernden Gefahren eines eigenbrödlerischen Lebens hingewiesen worden. Ja, und außerdem habe man sich
im Gegensatz zu den meisten anderen Gymnasiasten in Deutschland sehr früh mit "Weltproblemen" beschäftigt. Deutlich
machen die "Klepfer“ dann auch, dass man selbstverständlich die "Pauker“ von damals nicht alle über einen Kamm
scheren könne. Der Josef Buse, so ist zu hören, sei einem mit seinen von hinten verpassten "Kopfnüssen"
gelegentlich schon aufs Gemüt gegangen. Der Riese Alois Raidt habe mit seinen berüchtigten Schwingern gar
manchen Schüler "gefühlte 2 Meter auf eine "Wand zuschweben lassen". Und die täglichen "geistlichen
Lesungen" von Superior August Baulig seien manchmal halt doch ein richtiges Schlafmittel gewesen.
Demgegenüber bleibt das pädagogische Talent anderer Lehrer unvergesslich: eines Herbert Wirthensohn zum
Beispiel, der später in Köln 20 Jahre lang den Posten des Provinz-Ökonoms innehatte, sowie eines Ernst
Haag und eines Christian Herrmann. Selbst Friedrich Bumiller, so wird eigens betont, habe richtig
spannende Schulstunden abgeliefert, wenn er seine nicht seltenen Betrachtungen über die "leibliche Gegenwart des Teufels
bei Freimaurern, bei Kommunisten und bei Goethe" anstellte.
Pater Franz Pfaff, der 2016 sein Amt als Superior der Haigerlocher WV-Gemeinschaft an Pater Albert
Schrenk übergab, bat in der oben genannten Festschrift humorig und locker um "einen versöhnlichen
Umgang mit der Vergangenheit". Denn schließlich hätten mitunter auch Schüler die Lehrer "in
Weißglut“ versetzt. Generell, so meinte er, sei die in Haigerloch über 111 Jahre hinweg erbrachte
Leistung sehenswert. 1951 Schüler hätten in dem genannten Zeitraum in St. Aloysius die Schulbank
gedrückt. Rund 10 Prozent davon seien Weiße Väter geworden und die ganz große Mehrheit derer, die
sich für einen der sogenannten "weltlichen Berufe entschieden hätten, sei heute rückblickend mit
dem in Haigerloch empfangenen Rüstzeug hochzufrieden.
Als im Frühjahr 2016 durchsickerte, dass die Patres und Brüder der Haigerlocher WV-Gemeinschaft,
deren Durchschnittsalter mit 82,4 angegeben wird, Ende 2017 definitiv ins Marienheim in Hechingen
umziehen, fragte die "Hohenzollersche Zeitung" in ihrer Ausgabe vom 8. 3. 2016: "Weiße Väter bald
heimatlos?"
Viele von uns haben diese Überschrift — indirekt sozusagen - als ein großes Kompliment und als einen
Beweis der Freundschaft empfunden, bei der das "Brotteilen" (siehe Titelbild der Chronik) eigentlich
immer selbstverständlich war.