Auf dem Martinusweg
Bilder von P. Franz Pfaff
Die beiden schon bekannten Pilger auf dem Martinsweg, Pater Franz und sein Pilgerkollege Gerhard,
nahmen sich dieses Jahr eine große Etappe vor: Von Rottenburg am Neckar nach Trier an der Mosel. Um
diese lange Strecke zu bewältigen, machten sie eine wichtige Entscheidung: Sie gingen nicht zu Fuß
sondern stiegen aufs Fahrrad, nicht E-Bike sondern normales Fahrrad mit Gangschaltung. Am 3. Juli
begann die Tour. Dem außergewöhnlichen Klima von diesem Jahr entsprechend regnete es von Hechingen
bis Rottenburg und dann von Tübingen bis Nürtingen. Total durchnässt stiegen sie in den Zug nach
Esslingen, wo sie bei Freunden gute Aufnahme fanden und sich wieder austrocknen konnten. Der zweite
Tag fing trocken an, brachte aber wieder einen Regen, der bei Marbach aufhörte. Am Abend kämpfte
sich sogar ein Bisschen Sonne durch die Wolken und ließ die Geburtsstadt des berühmten Dichters
Friedrich Schiller in seiner mittelalterlichen Schönheit erstrahlen. Das nächste Ziel war Sontheim
bei Heilbronn. Dort ist eine Kirche dem heiligen Martin geweiht. Das heutige Kirchengebäude steht
auf den Fundamenten von einer früheren Kirche, die zurückdatiert zur Zeit von Karl dem Großen, die
somit ein Beweis ist, dass die Bewunderung für den Heiligen Martin, der im 4.Jahrundert nach
Christus gelebt hat, schon lange Zeit sehr verbreitet war. Er ist ja bekannt als freigebiger Mann,
der sogar seinen halben Mantel einem frierenden Bettler schenkte.
Am Abend, der ausnahmsweise
trocken war, kamen die beiden Pilger nach Schwaigern, wo sie um Übernachtung im Gästehaus vom
berühmten Sänger Tilman Lichdi baten. Dieser gute Sänger sagte in aller Ehrlichkeit, dass sein Haus
voll ist, dass aber die Pilger unentgeltlich in seinem Grasgarten hinterm Haus zelten dürften,
welches Angebot die Pilger gerne annahmen. Dann kam der Verwalter von dem Gästehaus in ähnlich
gastfreundlicher Art. Er lud die Pilger zum Public Viewing ein für das EM-Fußballspiel: Spanien
Deutschland. Der große Bildschirm war aufgestellt in der Eisdiele der Stadt. Es lohnte sich das
Spiel zu sehen, wenn auch die Deutschen verloren. Am folgenden Tag erreichten die Pilger Weingarten,
Kreis Karlsruhe. Dort erwartete sie der Neffe von Gerhard. Die Aufnahme war bestens und die Pilger
blieben dort zwei Tage, um sich ein Bisschen auszuruhen. Mit frischen Kräften ging es weiter über
Speyer nach St. Martin(Pfalz). Die Gemeinde dort hat seit vielen Jahren eine Kirche, die dem
Heiligen Martin geweiht ist und adoptierte diesen Namen für die bürgerliche Gemeinde. Dort ist auch
ein gut eingerichteter Campingplatz. Der Tag war erfreulicherweise trocken. Das Zelten dort war
angenehm. Die Pilger schwangen sich dann wieder aufs Fahrrad und erreichten Worms. Dort war der
große theologische Disput zwischen Martin Luther und dem Gesandten des Papstes auf dem Reichstag im
Jahre 1521. Die Spuren dieses großen Ereignisses sind heute noch sichtbar in der Stadt. An
verschiedenen Stellen sind Stehlen aufgestellt mit Sprüchen von Martin Luther.
Die Fahrt ging
weiter
nach Mainz. Der Dom von Mainz und die Diözese sind dem heiligen Martin geweiht. Die Fahrt dorthin
ging gut am Rhein entlang, aber das Zelten auf dem Campingplatz dort hatte es in sich: Das Wetter
war trocken. Die Temperatur angenehm. Als die beiden Pilger daran gingen ihre Zelte aufzuschlagen
kam auf einmal ein starker Regenguss. Gerhard, der schneller war als Pater Franz hatte schon das
wasserdichte Zeltdach aufgespannt und seine Sachen blieben trocken. Aber der langsame Pater Franz
musste schnell seine Sachen in einen Unterstellplatz retten. Als der Regen nachließ, musste er mit
einem Lumpen das angesammelte Regenwasser aus dem Zeltboden rauswischen, aber es blieb trotzdem
feucht. Bei der nahen Kneipe kippte er sich ein hochprozentiges Getränk die Gurgel hinunter und
konnte trotz den Unbilden gut schlafen.
Der nächste Eckpunkt der Tour war Martinstein. Über Bad Kreuznach ging es nach Kirn. Dort in der
Nähe ist diese Gemeinde, die auch ihre enge Verbindung mit dem heiligen Martin zeigt. Sie hat eine
alte Kirche, die ihm geweiht ist. Diese Kirche steht auf einem Felsen, der in volkstümlicher Art
Martinstein genannt wird und zum Namen der Gemeinde geworden ist. Nun hieß es sich anstrengen, denn
die Pilger mussten über den Hunsrück ins Mosel Tal nach Trier kommen. Auf dem Weg dorthin gab es
teilweise raue Fahrradwege und einen Sturz mit dem Fahrrad. Gott sei Dank erlitt Pater Franz nur
leichte Schürfungen. Dann einige Kilometer weiter hatte Gerhard Plattfuß. Der heilige Martin wollte
wahrscheinlich den beiden Pilgern sagen, dass das Pilgern auf seinem Weg einige Anstrengung
erfordert. Das nur nebenbei.
Die Verbindung von Trier und dem heiligen Martin kam zustande, weil er im Jahre 384 als Bischof von
Tours dorthin reiste, um einen Streit zu schlichten zwischen Bischof Priscillian von Avila und dem
Kaiser Magnus Maximus. Martin war damals nicht nur bekannt als freigebiger Bischof sondern auch als
Friedensstifter.
In Trier hatten die beiden Pilger das Ziel der diesjährigen Pilgerschaft erreicht und gingen auch
sinngemäß in ein Restaurant, wo an der Türe das einladende Wort stand: Ende der Durststrecke. Sie
gönnten sich da ein gutes Mittagessen. In Trier haben die Afrikamissionare-Weiße eine Niederlassung,
wo die beiden Pilger gastfreundlich aufgenommen wurden, weil Pater Franz zur gleichen Innung gehört.
Seine Ordensbrüder nahmen ihn und seinen Pilgerkollegen am Abend zu einem guten Abendessen aus in
ein gutes Restaurant mit Biergarten am Ufer der Mosel. Da gab es nochmal einen knalligen Effekt:
Mitten im Abendessen gab es einen Blitz mit sofortigen Donner und Wolkenbruch und sehr starken
Wirbelwind, welcher die Schirme des Biergartens in die Mosel warf. Die Pilger und die andern Gäste
im Biergarten waren in Sekundenschnelle batschnass. So endete die Pilgertour, die mit Regen
angefangen hatte, mit einem Abendessen mit starker Dusche. Vielleicht hatten die beiden
verschwitzten Pilger diese Dusche nötig, sagte Pater Franz.
N.B. Der Martinusweg ist ein Pilgerweg von Ungarn nach Frankreich. Der heilige Martin ist in Ungarn
316 geboren und ist in Frankreich nahe der Stadt Tours als berühmter und heute noch populärer
Bischof 397 gestorben. Dieser Pilgerweg wurde vom Europarat 2005 als Kulturweg anerkannt. Es lohnt
sich diesen Weg zu bewandern, denn er führt durch Städte und Lande, die reichlich gefüllt sind mit
Geschichte und Geschichten.
Curriculum Vitae: Pater Franz Pfaff ist gebürtiger Dormettinger. Er wirkte in Uganda 40 Jahre als
Afrikamissionar – Weißer Vater. Im Dezember 2005 verließ er Uganda und ist seither tätig in
Haigerloch und Hechingen bei den Weißen Vätern. 2006 pilgerte er von Haigerloch nach Santiago de
Compostela in drei Monaten. Seither pilgert er jedes Jahr zwei Wochen irgendwo auf einem Pilgerweg.
Das Pilgern tut ihm gut.