Als Missionsschüler in Haigerloch in den 1950er Jahren
Verkürzte Fassung
Gegenüber dem Schlossfelsen, auf der anderen Seite des Flüsschens Eyach liegt das
Missionshaus der Weißen Väter. Ein Weißes Haus am Nordhang‚ mit eindrucksvoller Front
zur Talseite. Das riesig große Portal führt jedoch nicht zu einer Straße oder sonst einen
Zufahrtsweg. Man gelangt von dort nur über einen dem afrikanischen Urwald angepassten
Fußgängerpfad hinab zum Bahnhof. Umgekehrt vom Bahnhof wird niemand den Zugang
hinauf finden, es sei denn er wäre schon mal im Kongobecken gewesen. Im Übrigen gleicht
das Haus einer Kaserne, hatte zum Berg hin zwei Seitenflügel mit entsprechendem
Innenhof. Das Haus wurde um die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Ein Duplikat des
Hauses befindet sich in Altkirch, im damals deutschen Reichsland Elsass-Lothringen.
Die Weißen Väter sind eine katholische Missionsgesellschaft, die 1869 in Algerien von dem
französischen Kardinal Lavigerie zur Betreuung der Christen in den französischen Kolonien
und schließlich der Missionierung der Einheimischen Afrikas gegründet wurde. Sie kleideten
sich auch in Europa in der Art wie die mohammedanischen Geistlichen mit der Gandura,
einer Art weißem Kleid aus Baumwolle und einem entsprechenden Umhang, dem Burnus
und dem roten Fez als Kopfbedeckung. In Abweichung von der afrikanischen Tracht trugen
sie den Rosenkranz um den Hals statt der Gebetsschnur der Mohammedaner. Mit dieser
Kleidung beeindruckten sie. In der Stadt galten sie als etwas Besonderes, von der weiten
Welt hergekommen und dem städtischen Leben entrückt.
Dass nun einer wie er, nennen wir ihn Moses Kalb, im nahen Horb geboren, dieses Haus
oder die Schule besuchen sollte, war ihm und seinen Eltern so selbstverständlich wie etwa
die Gesundheit eines Menschen selbstverständlich ist. Dort waren bereits sein Vetter
Michael, dessen Freund Achim und sein Onkel Josef zuvor als Missionsschüler. Zwar
erlangten alle drei nicht das Abitur und verließen die Schule spätestens nach fünf Jahren
unfreiwillig. Aber dieser Abbruch minderte ihr Ansehen keineswegs, zumal berichtet wurde,
Vetter Michael habe sich zum Beispiel einmal des Nachts in die Hundehütte gesetzt und so
jämmerlich gebellt, dass in der Heimschule Alarm ausgelöst wurde und alles aus den Betten
mussten.
Seine Mutter wusste, dass er einmal ein guter Priester werden würde. Dazuhin hatte sie ihn
geboren. Nur so würde auch die religiöse Erziehung in ihm fruchtbar werden, die sie ihm so
innig all die Jahre während der Kriegsgefangenschaft des Vaters eingepflanzt hatte. Dabei
meinte sie weniger die "Erziehung” als vielmehr die Art, wie sie ihrem Sohn in den Jahren
bisher in ihre erotisch-himmlischen Fantasien nahe gebracht hatte.
Die Mutter erwog weiter, dass er es nur bei den Patres zum Abitur schaffen könnte. Vordem
hatte sie schon erwogen, dass für ihn "Kellner" der geeignete Beruf sei und ihm diesen
Beruf als sein zu erstrebendes Ideal auch vorgeschlagen, weil er ihr ”so schön den Tisch
decken könne”.
Es war ihr Plan. Und sie, die Tochter eines italienischen Straßenarbeiters, dachte auch an
sich. Mit einem Priestersohn sah sie wenigstens unterbewusst die Chance ihres Lebens, in
der Gesellschaft einen achtbaren Stand zu erhalten und im Jenseits erst recht.
Der Vater sah sich in der Tradition der Obliegenheiten zum Priesterberuf in der Tradition
seiner Väter, die allesamt selbst Priester werden wollten, wie es im Tübinger Studentenlied
schon heißt:
„Mein Vater war im Wilhelmstift und mir liegt 's auch im Blut“.Weiter erwog der Vater auch, in Haigerloch werde man zu einem echten Mann erzogen und nicht zu einem Waschlappen wie am heimischen Gymnasium zu befürchten sei. "Härte" - das war die Orientierung seiner Erziehung und sie war auch ihm, wie er glaubte, - und gerade im Krieg - gut bekommen.
Dann wirkte noch der Pfarrer mit. Er wäre selbst gern in die Missionen gegangen, organisierte in seiner Gemeinde eine Patenschaft mit dem Kloster Tlemcem in Algerien, lud immer wieder Priester aus Afrika und überall her zu sich, ließ sie im Pfarrhaus Ferien machen und Bettelpredigten halten.
M war Ministrant und Kommunionkind. Der Pfarrer verstand wirkungsvoll in der Dreiländer- und Beamtenstadt Weil am Rhein, auf den kosmopolitischen Bezug und Charakter der katholischen Kirche schon aus dem Herzen heraus erlebbar zu machen. Da kamen mal ein Bischof direkt aus dem Gefängnis aus China, da ein Priester aus Mexiko und immer Gäste aus Algerien. Morgens zur Zeit der Frühmesse erlebte er mit seinen Mitministranten stets, wie an allen Altären der Kirche gleichzeitig und in Folge von den Gästen Messen gelesen wurde. M wurde so in seiner Gemeinde von dem ungarischen Bischof Stephan Haas gefirmt, assistiert von einem schwarzen Priester aus Dahomey und einem chinesischen Priester aus Taiwan. Dies beeindruckte M.
Der Pfarrer warb so schon dadurch für den Missionsgedanken. Er hatte aber nicht nur bei M Erfolg. Auch die Ministranten Heiner P, Hansjoachim W und Günter W wollten ins Missionshaus mit.
M selbst hatte nicht unbedingt den Wunsch, Priester zu werden. Er wollte Missionar werden und weit weg in die Weit gehen. Vielleicht wollte er auch bloß dem bescheidenen Familienleben entfliehen und etwas Besonderes zu werden, mehr geachtet zu werden, bedeutend sein.
[M wurde angemeldet und zu einem Besuch eingeladen]
Der Besuch fand statt. Das Missionshaus beeindruckte M nur in einem Punkt. In der Eingangshalle war eine Art Museum aufgebaut, Teile aus Afrika waren so zusammengestellt, als dienten die Exponate einer Filmkulisse. Über einem dürren Baustumpf wand sich grollend mit ausgestreckter . Zunge eine Riesenschiange und fixierte den Betrachter mit ihren grünen Glasaugen. Ihr Schädel schien gespalten oder war sonst kaputt. So schien es als habe ein mutiger Missionar die Schlange mit einem Beilhieb aufs Haupt geschlagen und sich so sein Leben gerettet. Daneben stand ein ausgestopfter Leopard, mitten im Sprung auf den Betrachter und viele Dinge mehr. Daneben lag ein Löwenfell mit einem ausgestopften Löwenkopf. Gegenüber hing eine große Afrikakarte mit den dort eingetragenen Missionsgebieten der Weißen Väter. Hier schien sich eine grenzenlose Freiheit aufzuzeigen, ein anderes Leben, die Möglichkeit mehr zu sehen und zu erleben, die einmalige Chancen, sein Leben aufregend zu gestalten. Dies gefiel ihm.
P. Superior Eisele war nicht da, aber die Eltern redeten mit P. Schnez, dessen Bruder, so sagte man, General bei der Bundeswehr sei. Ihn bat die Mutter, ihm doch Beichtvater zu sein und sich in besonderer Weise um ihn zu kümmern. Ihm erklärte die Mutter auch, er würde auf diese Weise das an ihrem Sohn weiterführen, was sie bereits aufgebautg habe. M erschrak bei der Feststellung, es könne alles so weitergehen wie zu Hause, war aber doch sogleich beruhigt, da diese Umgebung und dieser Mann dies nicht zu Wege bringen würde.
Im späteren Verlauf konnte der Schule zuhause nicht verborgen bleiben, dass er nun in eine katholische Schule gehen werde und nicht an das heimische Gymnasium. Man lachte über ihn nicht. Vielmehr genoss er von allen großen Respekt und Anerkennung, auf die er solange vergeblich gehofft hatte. Er fand in seinen Mitinteressenten Heiner, Hansjoachim und Günter fast Freunde. Heiner war ein Draufgänger; ihn fürchtete er etwas wegen seiner bestimmenden Art; er schätzte ihn aber auch wegen seiner Stärke und ließ ihm viel gewähren, um sein Wohlwollen nicht zu verlieren. Hansjoachim mochte er wegen seiner weichen femininen Art. Günter schätzte er wegen seiner Malkunst und seiner unbefangenen Art, vor allem aber, weil er eine so hübsche Schwester hatte, die sich, damit ihre Haare so hellblond bleiben konnte, jeden Tag die Haare wusch; mit ihr konnte er leicht reden und fand über den Bruder leichten Zugang. Bald wurde die Mutter krank. Die Mutter bat M, für sie zu beten und ganz besonders, dem Beruf als Missionar treu zu bleiben, als hinge alles Leid der Welt und ihr eigenes davon ab, dass er jetzt Treue beweisen müsse. Zudem fehlte das Geld an allen Enden, wie ein übrig gebliebener Brief belegt. Auch deswegen musste er beten. Sie schickte ihn hin und wieder in die Kirche, um zu beten, dass das Monatsgeld reicht. [Aus diesem Grunde bat der Vater den Superior um eine Ermäßigung, die ihm auch gewährt wurde und M wurde schriftlich bestätigt, dass er aufgenommen werde.]
Abschied Die Verabschiedung zuhause erfolgte, als ging es geradeswegs nach Afrika und dort in den Martyrertod. Es heulte die ganze Familie. Die Mutter weinte nur noch und zudem laut. Sie zündete in der ganzen Wohnung Kerzen an. Dann mussten alle von dem Zimmerkreuz stehen und beten und weinen und noch einmal beten, die Schwestern, der Bruder und dabei hatten sie jetzt schon monatelang beim Abendgebet pflichtgemäß zugefügt: „Für unseren M, damit er ein Pater wird.“ Bis es M unerträglich wurde. Er schrie: Ich sterbe doch nicht! Ich komme wieder!“
[Letztendlich] war M froh, von zu Hause weg zu sein. [ ... ]. Er dachte nicht mehr zurück. Die neu gekaufte Schultasche war unnötig. Die Platzierung in dem Klassenzimmer war endgültig und total. Ein Schreibpult üblicher Art im Doppel! Die Schreibfläche konnte aufgeklappt werden. Im Innern konnten Bücher und Persönliches verstaut werden. Man konnte hinaussehen zum Schloss, wenn das Fenster geöffnet war. Sonst nicht! Das Fenster trug geripptes Milchglas. Im Schlafsaal blieb nachts eine rote Lampe über der Tür an. Er war froh an seinem Bettnachbar, weil er Karl May hieß und aus dem mondänen Frankfurt kam. [...] M lebte lange Jahre in der festen Ordung und der geregelten Welt des Missionshauses und fühlte sich zunächst wohl
Im ersten Sommer, als er bei den Bauern der Umgebung für die Schule um Eier betteln musste, dann bei der Kartoffelernte auf dem Feld helfen sollte, streikte sein Körper oft genug. Aber nur sein Körper wurde krank. Im Winter, als er im Freien bei Frost täglich eine Stunde nasse Kartoffeln schälen musste, schwollen seine Finger an, dann sein Zehen. Es waren Frostbeulen, die aufplatzten.
Seine Mutter massierte sie ihm über die Weihnachtsferien weg und schickte ihm später regelmäßig Glyzerin-Handcreme. Zudem schmeckte ihm das Essen nicht, insbesondere mochte er nicht das ewig gleiche undefinierbare Gemüse aus der eigenen Gärtnerei. Zuhause brachte ihn der Vater zum Arzt, weil er zu dünn sei und wohl krank sein müsse. Er sei wohl zu schleckig, antwortete der Arzt.
Ab einem bestimmten Alter las er alles, was ihm in die Hände fiel, er kaufte von dem wenigen Geld, das ihm zur Verfügung stand, Bücher, von denen er gehört hatte, dass sie wichtig seien. An Zeitschriften gab es nur den "Feuerreiter". Eine Tageszeitung war nicht zugänglich.
In einer Mittagspause las er im Lesesaal eine Broschüre "Ideologie und Koexistenz". "Diese Buch ist nicht für dich", belehrte ihn der Pater, der im Rahmen seiner Aufsicht auch die Bücher, die gelesen wurden, prüfte, indem er sie dem Lesenden aus der Hand nahm und prüfte oder indem der Pater still von hinten mitlas. Der Pater nahm ihm das Buch ohne weitere Erklärung weg. Solche Vorgänge wiederholten sich.
Dann gab es aber auch dies:
Anfang November 1956 wurde der ungarische Volksaufstand durch sowjetische Truppen und Panzer blutig niedergeschlagen. Hunderte von Ungarn wurden hingerichtet, viele Tausende wurden verhaftet, und fast 200 000 Menschen flohen nach Österreich. Imre Nagy wurde 1958 in einem Geheimprozess zum Tod verurteilt und hingerichtet. Niemand wusste davon, niemand hatte davon gelesen oder sonst irgendwoher erfahren.
So stürmte an einem Tag im November P. Bumiller während des Nachmittagskaffees in den Speisesaal zum Patreszimmer und schwang die Tischglocke zum Silentium: "Der Russe ist in Ungarn einmarschiert!" Mehr nicht! Das Essen wurde abgebrochen und auf der Stelle gingen alle in die Kapelle zum Beten. Niemand wusste, was geschehen war, aber die Gebete waren intensiv. Jetzt ging es nicht um Afrika, jetzt ging es um die Substanz und den Weltfrieden. Der Schöpfer selbst musste eingreifen.
Dann war später auch Afrika dran mit der Suezkrise, wie wir in der geistlichen Lesung hörten. Und in der Tat wäre der Weltkrieg ausgebrochen, so empfanden es alle, wenn nicht so intensiv gebetet worden wäre.
An einem Montagmorgen waren alle in der Kapelle zum Gottesdienst versammelt. Der Gottesdienst war gerade zu Ende und alle knieten zur Betrachtung noch in den Bänken.
Da stürmte Pater Bumiller herein, machte vor den Stufen des Altares eine rasche und doch tiefe Kniebeuge, stellte sich dann auf die unterste Stufe des Altares und sprach mit feierlicher Stimme: Än diesem Morgen wollen wir unserem Herrgott von ganzem Herzen danken. Bei den gestrigen Bundestagswahlen hat die CDU die absolute Mehrheit errungen.Ër verließ die Stufen des Altares, wandte sich dem Altar zu, machte wieder eine rasche ,aber tiefe Kniebeuge und wandte sich dem Orgeltisch zu, der auf der rechten Seite des Chorraumes stand. Er setzte sich auf den Orgelbock, klappte mit einem lauten Knall die Abdeckung des Spieltisches auf und begann ein gewaltiges Getöse zu orgeln. Dann sang er vor; alle fielen in dem noch mächtigen Gesang ein: "Erde singe, dass es klinge, laut und stark ein Jubellied. Himmel alle, singt zum Schalle dieses Liedes jauchzend mit. Singt ein Loblied eurem Meister, preist auch ihr ihn, Himmelsgeister, was er schuf, was er gebaut, preis ihn laut."
Alle brüllten aus vollem Herzen mit. Die CDU hatte die absolute Mehrheit errungen! Niemand hatte von Politik eine Ahnung. Aber durch diesen Wahlsieg musste Fürchterliches abgewehrt worden sein: der Atheismus oder die "Roten". Höhepunkt des geistlichen Lebens war in jedem Monat der Einkehrtag, der am Samstagabend begann und am Sonntag mit dem Mittagessen zu Ende war. In dieser Zeit der Einkehr herrschte verstärktes Silentium, auch im Freien durfte nicht geredet werden. Am Samstagabend war nach der Andacht ein Vortrag, während des Abendessens wurde aus einer Heiligenlegende vorgelesen, der Sonntagmorgen brachte neben den beiden Gottesdiensten noch einmal einen Vortrag.
Einmal im Jahr waren Exerzitien, die drei Tage dauerten. Für diese Tage wurde eigens ein fremder Pater engagiert, der Vorträge hielt und als außerordentlicher Beichtvater bereit stand. Die Themen, die in den Vorträgen abgehandelt wurden, ängstigten: die Sünde, der Tod, die Hölle und ähnlich Gefährliches. Während dieser drei Tage musste eine Generalbeichte ablegt werden. Die Sünde konnte nicht genug ausgerottet werden, Und was, wenn die Generalbeichte unvollständig war, etwas vergessen wurde? Nach der Generalbeichte war die Welt anders. Das Gras war grüner, die Sonne heller, die Vögel zwitscherten fröhlicher. Die Seele war rein, Gott war hautnah. Einmal ging M nach der Generalbeichte in den Heizungskeiler und verbrannte ein Buch, das er sich gekauft hatte. Er übergab das Teufelswerk dem reinigenden Feuer und war sehr stolz darüber.
Lange Zeit seines Lebens gab es für ihn in der Beurteilung von Situationen und Menschen keine Grauzone, schon gar nicht ein liebevolles Verstehen, sondern ein Bewerten nach den Normen, die er kannie. Für Fehier und für Sünder hatte er kein Verständnis. Er verurteilte nicht nur die böse Tat, sondern ohne Mitgefühl und Zögern auch den, der sie getan hatte.