Das Noviziat und der Weg dorthin
von Dr. Hajo Stenger
Haigerloch, Rietberg, Zaitzkofen, Linz, Großkrotzenburg und Trier waren
Durchgangsstationen auf dem Weg zum Ziel: Weißer Vater. Und eigentlich ernst wurde es in
Hörstel in der Nähe von Rheine: Hier sollten die jungen Menschen auf ihre Zukunft als
Mitglieder der Gesellschaft der Weißen Väter vorbereitet werden, damit sie später als
Missionare in Afrika wirken.
An dieser Schnittstelle ist es berechtigt, einmal zurück und zum anderen nach vorn zu
schauen. Hinter uns lagen die ersten drei Etappen, in meinem Fall Haigerloch -
Großkrotzenburg und Trier. Davon waren sicher die 3 Jahre in Haigerloch für mich persönlich
am meisten prägend: Einmal war Haigerloch meine erste Erfahrung mit den Weißen Vätern
und mit dem Internatsleben und zum anderen war dies die Zeit der Pubertät. Ich denke, wie
auch andere Berichte zeigen, ist es den Mitschülern ähnlich ergangen. Freilich darf man bei
der Beurteilung dieser Lebensphasen nicht vergessen, dass individuelle Dispositionen hier
eine wichtige Rolle gespielt haben. Dies führt freilich dazu, dass die Beurteilung der
damaligen Zeit sehr unterschiedlich ausfällt. Es ist schwer, wenn nicht geradezu unmöglich,
zu sagen, dieser Pater war ein guter Pädagoge, jener ein schlechter. Sicher gibt es einzelne
Verhaltensweisen von Patres, die in dieser oder jener Situation als nicht adäquat eingestuft
werden müssen. Vergessen wir aber nicht, dass für viele Patres die praktizierte Pädagogik aus
ihrer eigenen Vergangenheit hervorging. Man hat da nicht diskutiert – das war
gesellschaftlich auch nicht in den 50er Jahren geboten. Erst gut 10 Jahre später wurden
damals gültige Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand gestellt und hinterfragt.
Das Ziel der Patres war, aus den ins Missionshaus kommenden Schülern Missionare, Weiße
Väter zu machen (vgl. Brief von P. Hück). Und das macht man so, dass man bei den jungen
Leuten all das fördert, was diesem Ziel entspricht und alles meidet oder verhindert, wovon
man denkt, dies sei kontraproduktiv. So wurde beispielsweise die (pseudo-)wissenschaftliche
Bildung – soweit sie dem Ziel entsprach - gefördert und alles andere wurde vermieden. Sich
mit religiösen Fragen zu beschäftigen, sich über die Afrikamission zu informieren, war gut;
und sich mit nicht artkongenuinen Hobbys zu beschäftigen (vgl. M.Sch. Radiobasteleien), war
schlecht. Schlecht war in jedem Fall die irgendwie geartete Beschäftigung mit dem anderen
Geschlecht: Gott hat Mädchen geschaffen, aber nicht für Euch! (vgl. Hück in der Geistlichen
Lesung). Zu welchen Konflikten diese Maxime bisweilen führte, bleibt bislang den KlepferSeiten
weitgehend verborgen.
Ich denke, darüber zu berichten ist auch nicht jedermanns Sache. Dennoch will ich mit
meinem Bericht etwas an dieser Thematik kratzen. Ich kam als 13jähriger aus der Großstadt
Frankfurt nach Haigerloch, d.h. ich war mitten in der Pubertät und hatte auch schon typisch
pubertäre Erfahrungen. Allerdings durfte das Ganze nicht nach außen kommen, sondern
musste im Inneren verborgen bleiben. Für daraus resultierende Probleme gab es keinen
Ansprechpartner, keine Mutter- oder Vatergestalt, mit der man hätte reden können. Die
Patres, mit denen man tagtäglich zu tun hatte, kamen dafür nicht in Frage. Allenfalls wäre der
selbst gewählte Beichtvater hier eine Vertrauensperson gewesen. Man musste ja zum
Schuljahresbeginn einen Beichtvater benennen und bei diesem jede Woche einmal seine
Sünden bekennen. Wenn man nun neu ins Missionshaus kam und die einzelnen Patres nicht
genau kannte, war die Auswahl schwierig. Hier halfen vorsichtige Rückfragen bei
Mitschülern. Da kamen dann etwa die folgenden Hinweise: Der will alles genau wissen oder
Der sagt jedes Mal das Gleiche oder Bei dem geht es immer schnell. So war ein beliebter
Beichtvater P. H., denn der sagte immer wieder das Gleiche und fragt nicht nach. Von
anderen Patres wusste man, dass die in jedem Fall nachbohren, z.B. wenn jemand im
Beichtstuhl bekannte: Ich hatte unkeusche Gedanken, dann wollte der Pater das genau wissen,
an was hatte man gedacht; wie oft war das usw. Neben dieser allwöchentlichen Konfession –
in der Regel während der Studienzeit am Nachmittag – gab es die Möglichkeit, während der
Morgenmesse hinten in einem der beiden Beichtstühle rechts und links an der Rückwand der
Kapelle seine Sünden zu bekennen. Allerdings führte das auch wieder zu Konsequenzen:
Ging da jemand morgens nach hinten, um zu beichten, fiel sofort der Verdacht auf ihn, dass er
in der Nacht oder am Tag zuvor etwas Gravierendes gemacht hatte, was ihn vom
Kommunionempfang abhielt. Und man vermutete, dass es sich nur um Verfehlungen im
Bereich des 6. bzw. 9. Gebotes handeln könnte. Und hat man dazu den Betroffenen am Tag
zuvor noch gesehen, wie er vielleicht mit einem Freund aus einer dunklen Ecke des Hauses
kam, dann schien der Fall klar.
In der Pubertät erwacht in der Regel das Interesse am anderen Geschlecht. Und sicher war es
auch bei Missionsschülern so. Allerdings konnte diese Neigung in keiner Weise ausgelebt
werden: Mädchen gab es im Umfeld des missionshäuslichen Alltags praktisch nicht (siehe
Ausnahmen, die ich im Beitrag zu Gypkens beschrieben habe.). In der Küche tauchte
gelegentlich eine Mitarbeiterin auf, die eventuell eine „Gefahr“ für die Zöglinge sein könnte.
Und da wurde genau aufgepasst, dass nichts passiert. Außerdem waren diese jungen Damen
vielfach schon allein wegen ihres Aussehens nicht in der Lage, das Interesse der
Missionsschüler zu wecken, allenfalls fielen bisweilen spöttische Ausdrücke. So ist mir noch
in guter Erinnerung, dass eine etwas korpulente Küchenjugendliche mit dem abwertenden
Ausdruck „Quamped“ bezeichnet wurde. Wie an anderer Stelle in den Klepfer-Seiten
berichtet wurde, waren die Missionsschüler gar nicht zimperlich, auch ihre Mitschüler mit
derartigen Ausdrücken zu prädikatieren. Ich kann mich nicht erinnern, dass dieser
Sachverhalt, einmal zum Gegenstand einer geistlichen Lesung gemacht worden wäre; ich
denke, das wäre pädagogisch sicher angezeigt gewesen.
Eine weibliche Gefährdung für die reinen Missionseleven ergab sich sicher in den Ferien.
Allerdings war das auch kein totaler Freiraum, denn Freunde, Bekannte und Verwandte
waren meist auf der Hut. Ich persönlich hatte damit weniger Probleme, verbrachte ich doch
meine Ferien fast komplett in unserem Pfarrkirchenareal. Fußball war nun mal männlich und
die Bastelarbeiten an der Orgel habe ich allein im Kellerbereich der Kirche ausgeführt.
Außerdem gab es noch keine Messdienerinnen, die mich hätten in Versuchung führen können.
Und so konnte ich auch keusch und rein wieder nach den Ferien in die Missionsanstalt
einrücken. Bei den Tertialgesprächen fragte der Superior schon gelegentlich nach, ob auf
diesem Gebiet etwas zu verzeichnen ist.
Brieflicher Kontakt mit einem Mädchen war nahezu unmöglich, denn alle Briefe wurden vor
der Ausgabe nach dem Mittagessen im Speisesaal geöffnet und auch wenigsten sporadisch
gelesen. Es durften also keine verräterischen Inhalte auftauchen. Und dass ein Mädchen einen
Missionsschüler am festgelegten Besuchstag besucht, war völlig ausgeschlossen. Ich kann
mich nicht erinnern, dass so etwas irgendwann vorgekommen ist. Das hätte zweifellos stante
pede das consilium abeundi bedeutet.
In Großkrotzenburg wurde die Sache brisanter. Wir waren inzwischen älter und Mädchen
wurden für uns interessanter. In den meisten Fällen haben sich entsprechend betroffene
Schüler selbst zurückgezogen und die Kreuzburg verlassen. Auf Spaziergängen, die hier in
der Regel jetzt ohne geistlichen Beistand ausgeführt wurden, kam es gelegentlich zu kurzen
Kontakten, die meist ohne irgendwelche Folgen geblieben sind. Als ich 1960 mit dem Bau der
Orgel für unsere Hauskapelle begann, war ich überrascht, wie viele Mitschüler mir da helfen
wollten. Bei einigen lag sicher der Grund darin, dass man gelegentlich für den Orgelbau im
Ort etwas einkaufen musste. Dass bedeutete, man bekam eine Sondererlaubnis, zu diesem
Kauf das Haus zu verlassen. Und einige fragten mich ständig, ob es denn nichts einzukaufen
gebe. Über die Besonderheiten des Orgelbaus wird an anderer Stelle noch zu berichten sein.
Ich erinnere mich noch gut an meinen Mitschüler J. H., der erfolgreich immer eingekauft
hatte.
Erst in Trier gab es eine gewisse Lockerung: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965)
war in vollem Gange und hatte Schatten vorausgeworfen. Das Seminar in der Dietrichstraße
30 war zwar von hohen historischen Mauern umgeben, aber man konnte doch gelegentlich in
die Außenwelt, ohne dafür einen besonderen Grund angeben zu müssen. In den ersten
Sommerferien 1964 hatte ich mit einem Kommilitonen W.W. – er ist heute Weißer Vater - ein
Jugendpraktikum in Koblenz gemacht. Dort waren freilich mehr weibliche als männliche
Betreuer und so ergaben sich Kontakte, die über die Betreuungszeit hinausgingen. Eine
Studentin in unserem Alter wohnte in Pfalzel bei Trier. Die erschien mit ihrer etwa
gleichaltrigen Schwester plötzlich eines Abends an der Klosterpforte und wollte mich und
meinen Mitstreiter sprechen. Wir meldeten uns kurz ab und gingen dann mit den beiden in
eine Stadtkneipe, um ein Bier zu trinken. Kein Mensch hat je nachgefragt, wo wir gewesen
waren und was wir gemacht haben; so blieb diese Begegnung unkompliziert. Der Kontakt
bestand dann noch lange, aber die beiden Damen spürten, dass wir keine besonderen
Absichten hatten. Und so ist diese Beziehung dann langsam eingeschlafen.
Zu dieser Zeit war ich ganz auf der Schiene zum Weißen Vater. Trier war für mich
wunderbar: Ab dem zweiten Semester hatte ich mein eigenes Zimmer und ich konnte mich
dem Studium widmen. Ich war allerdings ein praktischer Mensch und die alleinige
Konzentration auf die Fachliteratur konnte mich nicht fesseln. Dennoch hatte ich die feste
Absicht, Weißer Vater zu werden. Alles, was diesem Ziel nicht diente, wurde an die Seite
geschoben. Trotzdem suchte und schätzte ich die Abwechslung. Und da hatte ich auch schon
etwas im Hinterkopf: 1965 wurde unsre alte, für das Gotteshaus zu kleine Orgel in der
Pfarrkirche Heilig Kreuz in Frankfurt abgerissen und durch ein neues Werk ersetzt. Durch
meine Tätigkeiten in der heimatlichen Pfarrkirche hatte ich einen französischen Abbé
kennengelernt. Er war Lehrer in einem Petite Seminaire in Bouvigny- Boyeffles bei Arras in
Nordfrankreich.
In den 60er Jahren kam er während der Ferien in Frankfurt an nur mit einer schwarzen
Soutane. Dieses Gewand zeigt bereits zahlreiche Abnutzungserscheinungen und die
Oberfläche deutete auf eine intensive Benutzung hin. Und dies war wohl auch sein einziges
Oberkleidungsstück. Einen Anzug hatte er nicht. Daher gab es in unserer Pfarrei viele
hilfsbereite Leute, die den Abbé einluden und auch mit dem Nötigsten beschenkten. Er war
sehr nett und wir führten viele Gespräche und lernten so sein alltägliches Leben kennen. Auch
die ausgesprochen bescheidenen Verhältnisse in seinem Seminar sind uns nicht unbekannt
geblieben. Als dann unsere Pfarrkirche 1965 eine neue Orgel bekam, regte ich an, dass das
alte Instrument nach Frankreich kommen sollte. Und ich war bereit, dieses mit einigen
Mitbrüdern aus Trier dort aufzubauen. Wir bekamen damals noch Zuschüsse von dem
Deutsch-Französischen Jugendwerk und konnten dann in den Osterferien mit insgesamt 5
Leuten aus Trier ans Werk im Pas-de-Calais gehen. Der Aufbau ist gelungen und nach 3
Wochen spielte das Instrument. Die Einweihung fand im Herbst unter großem Anteil der
Bevölkerung und des deutschen Konsulates statt. Man sah in der geschenkten Orgel eine
kleine, besondere Form der Wiedergutmachung der Kriegsverbrechen während der
Weltkriege und ein Zeichen der Deutsch-Französischen Freundschaft.
Noch etliche andere Erlebnisse aus meiner Trier Zeit gäbe es zu erzählen, so z.B. ein Sommerferientrip per Anhalter von Trier nach Marokko; aber ich denke, das schweift hier zu sehr von der eigentlichen Thematik ab. Vielleicht kann an anderer Stelle darüber berichtet werden.
Nach fünf Semestern in Trier ging es im Sommer 1967 nach Hörstel ins Noviziat. Für mich stand dieser Weg wie selbstverständlich fest. Wohin sollte ich auch gehen, war doch im Elternhaus kein Platz mehr für mich und Geld zu einem anderen Studium hatte ich nicht. Zeitweise liebäugelte ich mit Zahnmedizin, aber da fehlte mir neben den finanziellen Mitteln auch irgendwie der Zugriff. Außerdem hegten alle meine Verwandten und Bekannten den klaren Wunsch, dass ich den eingeschlagenen Weg weitergehe. Vielleicht habe ich mir auch nicht die Mühe gemacht, mich nach realistischen Alternativen umzusehen. Auf jeden Fall ging ich nach Hörstel. Hier hatten die Weißen Väter einige Jahre zuvor ein neues, recht großzügiges Gebäude errichtet, das als Noviziat für künftige Brüder und Patres dienen sollte. Eine gewisse Neugier steckte auch dahinter. Im Noviziat herrschte Zucht und Ordnung und P. Schneider hielt als Novizenmeister das Regiment fest in Händen. Liebevoll wurde er von einigen Novizen shufflebock genannt, weil man ihn nicht selten im Garten wüst ackern sah. Irgendwie schien alles in Ordnung: das großräumige, neue Haus, die Landschaft. Außerdem wirkte ich hier als Organist und hatte damit eine besondere Aufgabe. Leider war es nicht möglich, mit irgendjemandem im Noviziat über persönliche Anliegen und Schwierigkeiten zu sprechen. Eines Tages passierte aber etwas für mich merkwürdiges: „Frater Stenger, Sie haben Besuch, gehen sie doch bitte einmal in das Sprechzimmer.“ Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wer da auf mich wartete. Ich öffnete vorsichtig die Tür und da saßen sie, zwei ausgesprochen hübsche Mädchen, etwa in meinem Alter. Es waren dies eine Bekannte aus meiner Heimatpfarrei Gudrun R. in Frankfurt und ihre Freundin Gabriele P. Beide besuchten die Erzieherinnenschule der Schwestern der Göttlichen Vorsehung in Oberursel und hatten eine Radtour ins Münsterland unternommen, um mich zu besuchen. Ich hatte beide ein Jahr zuvor in Frankfurt kennengelernt. Nach kurzem, für heutige Verhältnisse distanziertem Gespräch gingen wir wieder auseinander. Gabriele P. – sie wohnte mit ihrer Familie übrigens in Großkrotzenburg- habe ich dann später noch öfter getroffen. Wir haben uns blendend verstanden und lange noch tiefgehende Briefe gewechselt. Und irgendwann eröffnete sie mir, dass Sie Nonne werden wolle, nachdem ich beabsichtigte, Pater bzw. Priester zu werden. Nach dem Noviziat ging es für mich geradezu automatisch weiter nach Totteridge. Doch bereits in den ersten Monaten erkannte ich, dass hier nicht mein Lebensweg weitergehen sollte. Als ich damals meine Zweifel dem Superior vorsichtig mitteilte, hat er mich ultimativ aufgefordert, das Haus zu verlassen. Daher habe ich mich in aller Eile mit meiner Heimatdiözese arrangiert und habe dann an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt mein Theologiestudium zu Ende geführt.
Am 8.Dezember 1970 wurde ich in Limburg zum Priester geweiht. Schon 1972 kam es zum Konflikt mit dem Bischof, da ich es für mich wichtig hielt, weiter zu studieren und mich im Hinblick auf meine pastorale Tätigkeit zu qualifizieren. Da damals viele Pfarrer diesen Wunsch hatten, war man in diesem Punkt sehr zurückhaltend und hat mein Ansinnen strikt abgelehnt. Ich habe mich aber durchgesetzt. Zunächst habe ich zur Verbesserung meiner pastoralen Tätigkeit in Richtung Erwachsenenbildung studiert. Später habe ich jedoch in Politikwissenschaften das Staatsexamen abgelegt und konnten damit den Weg zum Lehrer einschlagen.
Sr. Gabriele Zahlrist trotz des Wandels meines Lebensweges im Kloster geblieben, hat an der Musikhochschule in Frankfurt studiert und ist bereits 1990 verstorben.