Novize im Noviziat 1966-1967
von Hajo Stenger
An anderer Stelle habe ich schon kurz über den Weg von den Missionsschulen, z.B. Haigerloch und
Großkrotzenburg, über die ersten Studiensemester in Trier bis zum Noviziat in Hörstel
berichtet. Dabei ging es eigentlich um diesen
speziellen Weg, dieses Voranschreiten auf dem Weg zum Missionar. Die Befindlichkeiten an den
einzelnen Stationen werden in vielerlei Schattierungen an anderer Stelle
oft punktuell erörtert. Die Zeit des Noviziats war für mein Leben nicht so entscheidend und
einschneidend, dass ich mir alle Einzelheiten gemerkt hätte. Dennoch seien hier einige
Erinnerungsfragmente aufgezeigt. Die Weiße-Väter-Häuser in Hörstel war unter Mithilfe der Brüder in
den 50er Jahren neu gebaut worden: großzügig und modern mit herrlichen parkartigen
Gartenanlagen, irgendwie einladend. Hörstel liegt nördlich von Münster und östlich von Osnabrück in
einer eher ländlichen Region.
Das Ziel eines Noviziates ergibt sich aus der Etymologie des Wortes, nämlich dem mhd/lateinischen novicus=Neuling: Man ist ein Neuling in einem bestimmten Orden, einer bestimmten Ordensgesellschaft, einer Ordenskongregation und soll als bisheriger Outsider nun in das Wesen dieser Gemeinschaft eingeführt werden. Für den Betroffenen bedeutet das einerseits ein
Abschied von dem bisherigen Leben und ein Eintreten in eine neue Existenz. Äußerlich wurde das durch das Tragen eines speziellen (Ordens-)Gewandes sichtbar dokumentiert.
Durch verschiedene geistliche Übungen soll das Innere auf den nun eingeschlagenen Weg eingestellt werden: Meditation/Betrachtung und zahlreiche geistliche Übungen sollen dabei helfen. Die Weißen Väter sind kein traditioneller Orden, wie beispielsweise die Benediktiner, sondern eine tätige Missionsgesellschaft: Hier soll etwas geschehen. Und so wurden auch in unser Noviziat verschiedene Aktivitäten eingebaut. In unserem Fall waren das 3 besondere Tätigkeitsfelder: Krankenhauspraktikum in Rheine, Schifferseelsorge am Mittelland-/Dortmund-Ems-Kanal, Auflösung der Kreuzburg.
Das Krankenhauspraktikum en bloc dauerte 3 Wochen und wurde in einem von Ordensschwestern geführten Hospital in Rheine abgeleistet; hier war man als pflegerische Hilfskraft in einige Stationen eingesetzt oder wie ich im OP-Bereich. Für mich war das eine besondere Erfahrung: Nachdem es mir anfangs schlecht geworden ist, als die ich die Ärzte bei Ihren routinierten, blutigen Schneideaktionen sah, habe ich mich auch an dies gewohnt und war letztendlich in unmittelbarem Einsatz. Ich erinnere mich noch gut am eine OP. Das war ein Notfall, da kam abends ein junges Mädchen mit einem entzündeten Blinddarm in den OP-Saal und es war nur ein Notarzt anwesend. Ich sollte die Atmung der Patientin während der OP überwachen … Auf jeden Fall hat die junge Dame alles gut überstand. Ansonsten gab es in dem Krankenhaus einige sehr nette Praktikantinnen aus Duisburg. Die fühlten sich freilich zu den jungen Fratres hingezogen und hatten nichts Besseres zu tun, als diese frommen Ordensbrüder aufzumischen. Mit einigen verband mich noch eine lange Brieffreundschaft. Meines Wissens gab es ansonsten keine intensiven Kontakte, auch als die Novizen im zweiten Teil des Praktikums jeweils an einem Sonntagmittag dort Dienst in der Pflege verrichteten. Die Sonntagmittage waren in der Regel einer besonderen Seelsorge vorbehalten: In der Nähe des Missionshauses floss der Mittellandkanal in den Dortmund-Ems-Kanal. Das waren damals recht befahrene Schifffahrtswege. Und am Wochenende ankerten hier viele Kähne mit ihren Mannschaften. In Zeiten, da das Fernsehen noch nicht seinen allumfassenden Siegeszug angetreten hatte und auch Handys völlig unbekannt waren, langweilten sich natürlich besonders die Matrosen auf den Booten. Hier sah man ein gutes Einsatz- und Übungsfeld für die künftigen Missionare.
Zu zweit zogen wir los und bestiegen die am Ufer liegend Lastkähne in der Hoffnung, jemanden anzutreffen. Dies war dann auch meist der Fall, denn was sollten die Männer denn besseres machen, als an dem Ruhetag in der Kajüte zu hocken. Wir stellten uns vor und fragten, ob wir uns mit ihnen unterhalten können. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Einige jagten uns von Bord, während andere uns einen Kaffee zum Gespräch anboten. Ich hatte immer einen guten Anknüpfungspunkt, weil in meiner Verwandtschaft auch ein echter Binnenschiffer aus Freudenberg am Main war. Im Übrigen bewegte sich das Gespräch um Gott und die Welt. Und zu erzählen gab es eigentlich immer etwas. Einmal luden uns die Schiffer auch ein, am nächsten Tag ein Stück auf dem Kahn mitzufahren, um die Arbeit der Matrosen besser kennenzulernen.
Die dritte besondere Aufgabe im Noviziat war für uns das Ausräumen der Kreuzburg in Großkrotzenburg. Diese Maßnahme war notwendig geworden, da die dortige Schule aufgelöst wurde, das Konzept Gymnasium Africanum misslang und die deutsche Provinz nach dem Gypkens-Desaster Geld brauchte. Vor dem Verkauf der Anlage sollte das weitläufige Haus möglichst „besenrein“ sein. Also wurde alle Novizen von Hörstel nach Großkrotzenburg geschickt, um die nötigen Arbeiten zu verrichten. Dabei konnte natürlich das „geistliche Leben“ im halbleeren Haus fortgesetzt werden, zumal der P. Novizenmeister Schneider uns entsprechend behütete. Für die ehemaligen Kreuzburgianer waren das ganz schwere Stunden; all das, was uns noch vor ein paar Jahren heilig war, wurde nun zerstört und vernichtet: Da wurden die alten Schulbänke den Flammen übergeben, jahrelang gepflegte Harmonien aus den Fenstern im 2. Stock geworfen, dass sie beim Aufprall unten in 1000 Stücke zerbrachen, Tische wurden zerhackt und hunderte Sono-Viso-Tonbänder tagelang auf einem Scheiterhaufen hinter dem Nebengebäude verbrannt. Bewohner aus dem Ort Großkrotzenburg kamen, um sich ein paar brauchbare Möbelstücke zu sichern. Besonders in Erinnerung sind mir außerdem noch die 30tägigen, ignatianischen Exerzitien in der Fastenzeit: vier Wochen Schweigen, sich nur mit frommen Büchern beschäftigen und frömmelnde Instruktionen anhören. Aber die Gedanken waren frei… Im Grunde war diese Übung gar nicht aufregend, denn unser Alltag war ohnehin vom Schweigen und Einhalten der recht strengen Regel geprägt. Damit wir theologisch in diesem Jahr auch wachsen, stand für uns Exegese auf dem Lehrplan. Ein gehbehinderter Pater im mittlere Alter sollte uns in diese Wissenschaft einführen. Es war zwar eine Schmalspurausbildung, aber dennoch von uns damals mit großem Interesse aufgenommen, weitete sie doch etwas den Blick und regte die Fantasie in der recht geschlossenen Lebenswirklichkeit an. Für mich war das Noviziat ein Stück besondere, spezielle Lebenserfahrung. Ob dieser Lebensabschnitt mich persönlich wirklich weitergebracht hat, vermag ich nicht zu sagen. Er ist aber ein winziges Stück meines heutigen Seins. Hajo Stenger Stadecken, 7.1.2017