Philosophie in Trier (1965 — 1967)
Pörs Waigand
Viele Ehemalige haben sich zu Wort gemeldet, um über die Erlebnisse in Haigerloch und in anderen
Missionshausern ausführlich zu berichten. Berichte und Erinnerungen aus Trier gehören dagegen
bisher eher zu den Raritäten, obwohl Trier für nicht wenige Schüler der Kreuzburg die logische
Fortsetzung nach dem Abitur war. In diesem Beitrag will ich aus meiner persönlichen Sicht der Dinge
uber die 2 Jahre Philosophie in Trier berichten ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder
Unfehlbarkeit.
Im Vergleich zu Krotzenburg kam uns der Eintritt ins Philosophikum in Trier wie ein Quantensprung
vor. Hier konnten wir für uns bisher unbekannte Freiräume genießen, obwohl es auch hier klare
Regeln und einen durchstrukturierten Tagesablauf gab. Als sehr wohltuend empfanden wir die
Möglichkeit, in gewissen
Grenzen den Tagesablauf nach
unseren Vorstellungen zu
strukturieren.
Stadtbesuche ohne Begleitung
eines obersten Aufsehers und
ohne Genehmigung durch den
Superior waren für uns bis
dahin neue Erfahrungen. Auch
konnte man rauchen, wann
immer man wollte. Von den
für uns neuen Freiräumen
machten wir gerne sehr regen
Gebrauch.
Obwohl es keine ausdrücklichen Kleidervorschriften
gab, passten wir uns während des ersten Jahres den
üblichen Vorstellungen älterer Seminaristen einfach
an, indem wir zumindest zu offiziellen Anlässen
typische Klerikerkleidung trugen. Ehrlicherweise
muss man auch zugeben, dass wir mächtig stolz
waren, uns in schwarzem Anzug samt Kalkleiste zu
zeigen. Zumindest war das für mich das äußerliche
Zeichen dafür, meinem Berufswunsch einen
gewaltigen Schritt näher gekommen zu sein.
Das änderte sich sich aber binnen Jahresfrist, da im
Zuge des ü. Vaticanums bis dahin bewährte
Angelpunkt jeglicher Debatte war die Scholastik. Der Aufbau beispielsweise der "Critica Maior"
(Erkenntniskritik) war immer gleich stringent: Maior, Minor, Consequens, woran sich die "adversarü"
anschließen durften, die nur wenig Raum benötigten, da ihre Positionen im Vergleich zur Scholastik
ja nicht nur problematisch, sondern eigentlich falsch waren. Mit ihnen brauchte man sich nicht
großartig aufhalten. Man muss sagen, dass ungeachtet dieser Geringschätzung anderer Denker in
den Handbüchern die Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Positionen engagiert,
intensiv, kritisch und argumentativ geführt wurde. Moderne Existenzialisten wie Gabriel Marcel,
Jean-Paul Sartre oder Albert Camus und Heidegger kamen ausführlich zu Wort. Insbesondere wurde
bei Früh aus Sartres "Pfahl im Fleische" oder "Huis Clos" häufig zitiert. Gabriel Marcel erfreute
sich
während eines Seminars mit dem Titel ""Du refus a invocation" einer ausführlichen und intensiven
Würdigung, in dessen Mittelpunkt Überlegungen zum Thema "De subjecto et objecto in cognitione
nostra intellectiva" standen. Mit Nachdruck machte Früh uns klar, dass Studenten an 6ffentlichen
Universitäten stets auf der Jagd nach Scheinen seien. Folglich war jeder Seminarist gehalten, einen
"Schein" zu erwerben, indem er ein Referat hielt. Die recht gut bestückte Trierer Seminarbibliothek
erleichterte unser studentisches Engagement auf angenehme Art und Weise, da die notwendige
Literatur stets zur Hand war.
Oft scharte man sich nach antikem Vorbild während der Pausen oder auch außerhalb des
Lehrbetriebs in einem Grüppchen um den "Großen Lehrer Früh", um seinen Überzeugungen und
Ansichten zu philosophischen Strömungen zu lauschen. Auch war es durchaus üblich, Vorträge,
Veranstaltungen und Debatten auBerhalb des Hauses zu besuchen. Kinobesuche oder Besuche von
Theater- und Opernaufführungen waren jederzeit möglich.
Ähnlich wie in Krotzenburg fanden donnerstags und sonntags Spaziergänge statt, welche uns in die
nähere oder auch fernere Umgebung führten. Einmal pro Monat war Wandertag. Beliebt war die
Fahrt auf einem Frachtschiff von der Schleuse Trier bis Detzem. Als Seminaristen genossen wir sofort
das Vertrauen der Kapitäne. Nach dem Besuch eines Weinlokals trampte man zurück, wie überhaupt
das Trampen unsere bevorzugte weil billigste Art des Reisens war. Auf diese Art konnten wir an
Wandertagen schnell und ohne Unkosten interessante, umliegende Orte besuchen darunter
Luxemburg, Metz, Bernkastel-Kues u.a. Auf der Rückreise von einem Ausflug nach Metz nahm uns ein
freundlicher Franzose mit seinem LKW der Marke Berliet bis zur Grenze in Schengen mit, damals
noch ein völlig bedeutungsloser Ort. Die Bedeutungslosigkeit zeichnete sich vor allem dadurch aus,
dass kaum ein Fahrzeug diese Grenze passierte, ein Umstand, der bei uns keinerlei Beunruhigung
auslöste. Den Weg bis zur deutschen Grenzstation legten wir zu Fuß durch Erdbeerfelder mit
leuchtend roten Früchten zurück. Da wir der festen Uberzeugung waren, uns im Niemandsland zu
bewegen, gehörten folglich die reifen Früchte niemandem. Wir wussten die Gunst der Stunde zu
nutzen, indem wir uns durch die Erdbeeren zur Grenze vorarbeiteten. Mit sicherem Blick erkannte
der Zöllner, dass wir weder Vagabunden noch Schmuggler waren. Schnell stellte sich heraus, dass wir
ins Seminar der Weissen Väter in Trier gehörten, woraufhin der freundliche Beamte einen LKW-
Fahrer bat, uns doch nach Trier mitzunehmen. So geschah es auch. Während der Fahrt entspann sich
ein sehr interessantes Gesprach über religiöse Fragen, wobei unser Berufsziel bei unserem Chauffeur
mittleren Alters auf Unverständnis aber auch Respekt stiel.
Zu Beginn des 2. Semesters wurde Pater Lenfers nach Trier ernannt. Er absolvierte gerade in Bonn
eine weitere universitäre Ausbildung und mit seinen in Bonn gewonnenen Erkenntnissen brachte er
während seiner Seminare und Vorlesungen viel frischen Wind in unseren philosophischen Betrieb, da
er unseren Blick über die Scholastik hinaus für andere Welten öffnete. Seine Betrachtungen zur
Hermeneutik, die Erkenntnisse eines Konrad Lorenz oder auch die Ideen eines Sigmund Freud stießen
auf sehr groRes Interesse. Scholastiker A. Willwoll konnte da mit seiner "Psychologia" nicht
konkurrieren. Prof. Pater Fuchs referierte wahrend seiner Veranstaltung zur Bioanthropologie
beispielsweise über das Verhalten der Breitnasenaffen. Dabei drückte er seine ohnehin schon
markante Nase dergestalt platt, dass die untere Gesichtshälfte nur noch aus seiner Nase bestand.
Pater Hahn versuchte in stoischer Ruhe und mit viel Bedacht uns für Kirchengeschichte zu
erwärmen. Spezialisten unter den Seminaristen nutzten die Gelegenheit, um eifrig und ungestört
Zigaretten zu drehen. Hahn mühte sich vergebens ab, mit Luthers Reformation und ähnlich
"spannenden" Themen zu den Zigaretten in Konkurrenz zu treten. Stets wurde Feinschnitt der
ortlichen Tabakfabrik Landewyck zu Zigaretten verarbeitet, was Hahn natürlich nicht verborgen
geblieben sein konnte. Es entbrannte ein regelrechter Wettstreit unter einigen Seminaristen. Der
Rekord wurde von einem Mitseminaristen namens L. Maurer gehalten. Sein Platz lag stets in der
letzten Reihe des vielleicht 40 Seminaristen fassenden "Hörsaals". Reformation hin oder her, Maurer
verarbeitete ein komplettes Päckchen (250 gr) zu Zigaretten, ohne dass Hahn irgendeine Bemerkung
hätte fallen lassen von seinem Katheder aus. Das war Teil einer stillen Übereinkunft zwischen ihm
und uns. Wir machten ihm keine Schwierigkeiten, er machte uns keine Schwierigkeiten. An der Uni in
Straßburg sollte sich für mich erst später die Qualität seiner Veranstaltungen herausstellen.
Legenddr waren auch Hahns Beispiele während seiner Logikvorlesungen. Zum Thema "arbor
porphyriana" hieß es: "Der Meister sagt zum Lehrling: Nimm den Hammer und nagel das Brett an die
Wand. Ach nein, ich glaube, das ist doch kein gutes Beispiel."" Mehrere Beispiele wurden auf diese
Weise von ihm als eigentlich untauglich verworfen.
Ein nicht alltägliches Highlight war die Echternacher Springprozession am Pfingstdienstag. In
Grüppchen brachen einige Seminaristen morgens um 5:00 von der Dietrichstraße aus auf, um in
Eilmärschen ohne Pause die 25 Km bis zum Zielort zurückzulegen. Wahrend der volksfestartigen
Veranstaltung "sprangen" wir mit vielen anderen zu Polkamelodien in Reihen durch die Straßen der
Stadt bis zum Grab des Heiligen Willibrord in der Echternacher Basilika. Der Echternacher
"Pilgerschritt" — zwei Schritte vor, einer zurück — ist ein beliebtes Klischee. Man springt mit
seitlichen
Schritten vorwärts, abwechselnd nach links und nach rechts. Das Ganze, indem man bei jedem
Schritt kurz auf dem jeweiligen Fuß verweilt und dann mit dem anderen Fuß zum nächsten Schritt
ansetzt, immer im Takt des Prozessionsmarsches. Besonders attraktiv war an diesem Tag der
Umstand, dass die sonst durchaus kontrollierte Grenze gänzlich offen war. Besonders interessant
waren fur uns die günstigen Zigaretten, welche wir stangenweise ungehindert aus Luxemburg
mitnehmen konnten, was uns das Selberdrehen wahrend der Vorlesungen zur Kirchengeschichte
zumindest für einige Tage ersparte.
Ein Ereignis der besonderen Art war stets Gaudete, der dritte Adventssonntag. An diesem Tag stand
die Freude im Mittelpunkt und es wurde eine schöne Tradition gepflegt. Getreu dem Grundsatz
"numquam duo, semper tres" traf man sich in einer Kleingruppe auf der Bude eines Seminaristen, um
diesen Sonntag freudig zu begehen. Aus diesem Anlass wurde allerlei Hochprozentiges gebraut und
auch restlos verzehrt. AuBerdem brachte man im Verlaufe der heißen philosophischen Debatten
uber Existentialismus und Heidegger groBe Rauchopfer dar. Da es keine Sperrstunde gab, zogen sich
diese Feiern bis tief in die Nacht zum Montag hinein. Da konnte es schon einmal passieren, dass als
Folgeerscheinung allzu intensiver Freude der eine oder andere Seminarist die Messe um 6:30 Uhr
noch nicht erreichen konnte. Die Konzentration auf Metaphysik oder Logik fiel mit einem auf die
Hande gestützten, schweren Kopf am folgenden Vormittag dann besonders schwer; man war froh,
wenn man bis zum Mittagsschlaf mit Anstand irgendwie über die Runden kam.
Man feierte in Trier gern und ausgiebig. Fasching 1966 stand ganz im Zeichen von Platon und
Aristoteles. Alle Seminaristen waren mit weißer Toga bekleidet. In der Küche wurde stundenlang
Hanf schwarz eingefärbt und so zu Perücken verarbeitet, deren Träger Frauen zum Verwechseln
ähnlich sahen, ein Schelm wer Böses dabei denkt. Pit Roth schwitzte den ganzen Abend als Diogenes
in einem Regenfass. Hermes stand mit nur einem Feigenblatt bekleidet als Statue auf der Bühne des
großen Hörsaals, Griechische Tanzgruppen verbreiteten eine ausgelassene Stimmung. Selbst "Diana"
und andere mit Perücken kunstvoll gestylte antike Schönheiten fehlten dabei nicht. Pater Früh
wurde
in feierlicher Zeremonie zum "Doctor humoris causa" ernannt, indem man ihm einen täuschend
echten Doktorhut verlieh — Balsam auf seine Seele.
So gingen die Monate in Trier ziemlich unaufgeregt dahin bis Juli 1967. Von den 7 Mitschülern
meiner Klasse, die sich in Trier eingeschrieben hatten, wechselten 4 ins Noviziat nach Hörstel
(Westfalen). Immerhin haben zwei den Weissen Vatern bis heute die Treue gehalten.
Es gäbe sicher eine Menge zu schreiben uber die Berufungskrise der Kirche in Europa. Folgt man den
Ausführungen namhafter Philosophen, sind die Gründe hausgemacht, lassen sich zurtückverfolgen auf
Fehlentwicklungen früherer Jahrhunderte. Vielleicht gibt ja ein Ehemaliger den Anstoß
zu einer Debatte über dieses Phänomen. Schau’n mer mal.
Pörs (alias G. Waigand)