Priesterweihe in der Kreuzburg 1960
Bis heute steht für mich fest: der Alltag im Missionshaus war recht eintönig: immer wieder der gleiche Tagesablauf, genau nach der Uhr; immer wieder die gleichen Mitmenschen, freundliche und unfreundliche; immer wieder die gleichen Räumlichkeiten, Schlafsaal, Kapelle, Speisesaal, Studiensaal u.a.m. Fernsehen und Radio waren nahezu undenkbar. Erst später ergab sich die Möglichkeit, in der Abenderholung Nachrichten zu sehen. Und oft wurde dann beim Aufsichtspater darum - meist vergeblich! - gebettelt, vielleicht die ein oder andere Sendung nach der Tagesschau, betrachten zu dürfen. Da waren wir als Missionsschüler für Abwechslung natürlich dankbar.
Eine solche Unterbrechung der alltäglichen Routine war beispielsweise die in der Großkrotzenburger Hauskapelle stattfindende Priesterweihe im Februar 1960. Dazu reiste der Bischof von Fulda Adolf Bolte an. Die Patres- und Brüderschar, ergänzt durch weitere Weiße Väter und Geistliche, hatte sich vor dem Eingang der Kreuzburg versammelt. P. Superior Buck empfängt den hohen Gast, die weiteren Kleriker standen im Halbkreis dahinter. Ob die Schüler bei dieser ersten Begegnung mit dem Amtsträger dabei waren, weiß ich heute nicht mehr genau; ich glaube, wir mussten in der Kapelle auf die bevorstehenden Geschehnisse warten.
Nach der Weihe war dann ein Festessen im Speisesaal. Solche Festlichkeiten brachten eine gewisse
Abwechslung für die Schüler und sollten gleichzeitig das Ziel von Schule und Ausbildung den
Knäblein vor Augen führen. Und so hat sich dann auch mancher in der Phantasie ausgemalt, wie es wohl
einmal sein wird, wenn er
letztendlich zum Priester geweiht würde. Dieses Ziel ist aber für nur wenige schließlich in
Erfüllung gegangen. Ob diesem entgangenen Ziel manche nachtrauern, weiß ich nicht. Für mich kann ich
nur sagen, dass dies nicht der Fall ist und dass ich froh bin, einen anderen Weg gegangen zu sein,
der mich erfüllt und glücklich gemacht hat. Im Zusammenhang mit so einer Feier hörte man
gelegentlich den Spruch Willst Du ein Leben voll Segen und Glanz, dann werde Priester und werde es
ganz! Heute würde ich diesen Satz bei weitem nicht mehr unterschreiben, sondern würde sagen: Segen
und Glanz werde ich immer dann finden, wenn ich so leben kann, wie es meinem Lebensentwurf
entspricht.
Stadecken, den 14.10.2015
Hajo Stenger