Ein Römer sucht Gott
Raimund Pousset
(op. III) Februar 1962
Durch die engen Gassen von Jerusalem bewegt sich langsam eine kleine Gruppe Menschen. Es sind
Soldaten und wohl ein Schwerverbrecher, denn er trägt das Querholz seines eigenen Kreuzes auf der
wunden Schulter. Rötlich gefärbter Schweiß perlt von der Stirn, denn aus schlecht verheilten Stirn-
wunden sickert Blut. Auch das Gewand ist durchblutet, er muss die Geißelung erhalten haben. Wo die
Häuser weiter auseinandertreten, brennt die Sonne unbarmherzig auf den Gefangenen nieder. Müde
schleppt er sich fort und sobald er stehen bleibt, saust die Peitsche eines rohen Soldaten auf den
blutenden Rücken. "Was ist nur sein Verbrechen? - Warum hat ihn Pilatus verurteilt? - Er sagte, er
sei ein König, der Messias! Wenn das wahr wäre!"
Solche Fragen und Gedanken jagen Cornelius, Hauptmann des Hinrichtungskommandos durch den Kopf. Er
reitet einen prachtvollen Araberhengst. Sein Helmbusch nickt und die Strahlen der Sonne brechen sich
in den blankgeputzten Rundungen der Rüstung. Leise klirrt das kurze Schwert an den Beinschienen.
Mit einem zweifelnden und zugleich hoffenden Blick streift der Hauptmann die gebeugte Gestalt vor
ihm.
Er könnte es sein, Wunder über Wunder, und Cornelius weiß besser als jeder andere Römer über diesen
Menschen Bescheid.
Heimlich und still forschte er der Lehre und diesem Menschen nach, dessen Gesicht ihm bis in den
Schlaf hinein folgte. Und er spürt und weiß, dass dieser da unschuldig verurteilt wurde. Darum soll
er nicht so leiden, wenigstens jetzt nicht, wo es noch in seiner Macht steht.
Ein kurzes Befehlswort und einer der Soldaten packt einen am Wege verharrenden Bauern und zwingt ihm
das Ende des Balkens auf die Schultern. Ein wehmütiges Lächeln umspielt Cornelius Lip- pen, dann
trabt er allen voran Golgatha entgegen.
Seit Stunden schon harrt Cornelius gegenüber den Gekreuzigten aus. Seit Stunden leiden die drei
Männer, zwei wohl zu Recht, am Kreuze. Um das mittlere Kreuz stehen ein paar Personen, wohl die
Verwandten des Gekreuzigten. Das Volk hat sich allmählich verlaufen und nur einige Schriftgelehrte
stehen etwas abseits.
In Cornelius Brust tobt ein Kampf: Soll er diesen dort als Gott verehren, oder wie er selbst sagte,
als Sohn Gottes? Jener ist ein Jude und er ein Römer, einer der "Herren der Welt". Und leise spürt
er, dass jener der Menschensohn sein muss, er will und kann es aber nicht zugeben - aus Menschen-
furcht.
In Cornelius Kopf steigt eine unendliche Leere auf, er, der Hauptmann ist ratlos.
Da - Cornelius schaut erschrocken auf. Ein Schrei hat die Stille zerrissen. In dem seit drei Stunden
herrschenden Dämmerlicht sieht er den Gottmenschen verscheiden.
Da stammelt er, ohne sich dessen voll und ganz bewusst zu sein, die tief aus der Seele kommenden
Worte: "Wahrhaft, dieser Gerechte war Gottes Sohn!"
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Cornelius schreckt von seinem Ruhebett hoch. Eine Kohorte marschiert unter seinem Fenster vorbei.
Mittag muss längst vorüber sein. Cornelius versucht zu schlafen, doch er kann nicht.
Immer wieder schweifen seine Gedanken zurück, als er zum Hauptmann der Kreuzigungsgruppe zu
Jerusalem ernannt worden war. Später wurde er Centurio. Zu dieser Zeit war es auch, da er Lucia
kennenlernte. Nun ist er Hauptmann der italischen Gruppe hier in Caesarea Maritima. Er hat einen
kleinen Sohn, Lucius Cornelius heißt er.
Ununterbrochen betet er darum, dass Lucius Cornelius und seiner Mutter und auch ihm die Gnade des
Glaubens an den Gekreuzigten zuteilwerden möchte. Er spendet Almosen, tut Gutes mit seinem ganzen
gottesfürchtigen Haus wo er nur kann ...
Endlich sinkt er doch in den Schlaf. Er hat einen Traum, oder ist es Wirklichkeit?
Sonnenheller Glanz flutet ins Zimmer, und aus diesem Licht tritt ein Jüngling vor, unvergleichlich
schön und herrlich anzusehen. Unwillkürlich hält Cornelius den Atem an.
Was soll das? Ist das ein Gott?
"Cornelius". Voll und dröhnend schwingt eine geheimnisvolle Stimme durch den Raum. Der sonst so
wortgewandte Hauptmann starrt den Jüngling an und fragt ganz erschrocken: "Was soll ich, Herr?"
Wieder dröhnt die Stimme: „Deine Gebete und Almosen sind zu Gott emporgestiegen und er hat ihrer
gedacht. Sende nun Männer nach Joppe und lass einen gewissen Simon mit dem Beinamen Petrus kommen.
Er hält sich bei einem Gerber Simon auf, dessen Haus am Meere liegt. Er wird dir sagen, was du tun
sollst!“
Stille, alles ist still. Das Licht ist verschwunden. Cornelius sitzt erstarrt da, doch plötzlich
kommt wie- der Leben in ihn. Rasch springt er auf und eilt zu Lucia, seiner Gattin. Sie trägt den
kleinen Lucius auf dem Arm und schaut Cornelius erstaunt an. Wirr durcheinander berichtet er das
soeben Erlebte. Doch Lucia versteht. Als er geendet hat, schweigt Lucia. Nur aus ihren Augen strahlt
helle Freude. Lang noch sitzen die beiden beieinander. Der kleinen Lucius Cornelius hört angespannt
zu, was die Eltern da besprechen.
„Jechonias, Seth!“ Die laute Stimme füllt das Haus. „Gaius!“ ruft er zum Fenster hinaus. Kurze Zeit
später stehen Jechonias und Seth, die beiden Diener, vor ihm. Auch Gaius tritt durch die Tür. Es ist
sein Soldat und alle drei sind ihm treu ergeben.
Er heißt sie, sich niederzulassen. Dann schaut er einen um den anderen lange an. Er weiß, dass auch
sie den einen Gott erwarten. Darum setzt er ihnen das gestern Vorgefallene genauestens auseinan-
der. Ab und zu nickt einer oder wirf eine Frage dazwischen. Endlich ist er fertig.
Schweigend erheben sie sich. Eine Weile später treten die Boten aus dem Haus, besteigen ihre Pfer-
de und sprengen die Straße nach Joppe entlang. Cornelius blickt den in einer Staubwolke verschwin-
denden Reitern lange nach.
Leise ist Lucia neben ihn getreten. Er bemerkt es und dreht sich zu ihr um. Behutsam fasst er ihre
schmale Hand und sieht ihr fragend in die schönen schwarzen Augen. Aufmunternd nickt sie ihm zu.
Dann gehen sie auf das Haus zu. Der schwarze Schatten des Eingangs verschluckt sie.
Mit brennenden Augen starrt Cornelius auf en bärtigen Mann, den Jechonias und Seth gebeten ha- ben,
ihnen in das Haus des Hauptmanns Cornelius folgen. Er kann nicht in allem folgen, was jener dort
schon seit geraumer Zeit ihm, seinen Verwandten, seinen besten Freunden und Hausgenossen erzählt.
Endlich endet der Mann, der sich Petrus nennt. Keiner rührt sich – alle überdenken das soeben
Gesagte.
Doch plötzlich – Cornelius schreckt hoch – erfüllt ein mächtiges Brausen das Haus. Erstaunt sehen
die judenchristlichen Begleiter des Petrus, wie Zungen aus Feuer auf die Ungetauften
herniederfallen. Auch sprechen sie in fremden Sprachen.
Cornelius ist aufgesprungen und ruft mit erregter Stimme. „Ich glaube, Gott sei gepriesen!“ Damit
spricht er nur seine seit der Kreuzigung jenes Mannes gehegte Überzeugung aus. Doch auch die an-
deren fallen ein und loben Gott und seinen Sohn.
Petrus spricht ergriffen vom Ernst der Stunde: „Könnte wohl jemand deren das Wasser der Taufe
vorenthalten, die gleich uns den Heiligen Geist empfingen?“
Cornelius spürt wie das kühle Wasser über seine heiße Stirn rinnt. Wie aus weiter Ferne dringen die
Worte Petri an sein Ohr: „Cornelius, ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen
Geistes!“ Cornelius erhebt sich wie im Traum, tritt ein wenig zur Seite und bleibt unbewegt stehen.
Aus seinen Augen strahlt unsagbare Freude.
Auch über Lucia werden die Worte der Taufe gesprochen – wieder rinnt das Wasser. Langsam, erst und
feierlich tritt sie neben Cornelius. Sie tauschen einen langen blick, in dem die ganze Freude die-
ses Augenblicks vereinigt ist. Dann lächelt Lucia, still und glücklich.
Mit einem Mal aber wird ihr Gesicht ernst, sehr ernst. Ihr Blick ruht auf Petrus, der alle tauft.
Über jeden spricht er die Worte: „Ich taufe dich ...!“
Lucia greift nach der Hand des Hauptmanns Cornelius. „Wir haben Gott gefunden“, flüstert sie, „ihm
treu, Treue bis in den Tod!“
„Amen!“ erwidert Cornelius fest.