Maria 2.0 – oder Der Rosenkranz um den Hals
Kürzlich lief in der Deutschen katholischen Kirche eine Aktion unter dem Namen Maria 2.0. Frauen in der katholischen Kirche in Deutschland haben zu Recht auf die fragwürdige Rolle der Frau in der hierarchisch aufgebauten Männer-Kirche aufmerksam gemacht: Frauen dürfen bislang nur untergeordnete Dienste verrichten; sie sind von jedem Weiheamt absolut ausgeschlossen, sie dürfen weder Diakon noch Priester werden; das Bischofsamt kommt schon gar nicht Frage.
Wenn man heute versucht, mit dem Hinweis auf die fehlenden Priester in unserem Land,
Frauen als Amtsträger ins Gespräch zu bringen, dann schwingt immer noch das Wort des
hochstudierten, mehrfach promovierten und schier endlos ausgezeichneten und geehrten
Kardinals Joseph Höffner nach: Als man ihn Ende der 1960er Jahre auf den sich abzeichnenden,
künftigen Priestermangel in Deutschland ansprach, sagte er, in Deutschland werden jährlich
etwa 200 000 Knäblein geboren, Gott wird schon einer genügenden Anzahl die Gnade geben,
Priester zu werden.
Heute, 50 Jahre später, fragt sich in Anbetracht des großen Priestermangels natürlich jeder
Gläubige: Wer hat sich den damals getäuscht, der Kardinal oder ist Gott mit seiner Gnade
nicht ordentlich umgegangen. Und wenn heutzutage immer wieder darauf hingewiesen wird,
dass Jesus keine Frau zum Apostel gemacht hat, was als Beleg dafür gilt, dass Frauen keine
Weiheämter ausführen dürfen, dann darf man doch einmal nachfragen, wieso fährt eigentlich
der Papst in unseren Tagen mit dem Auto – treffend Papamobil genannt – und fliegt mit dem
Flugzeug an die entlegensten Orte der Welt, Jesus hat das doch auch nicht gemacht; der ist
nämlich nur auf einem Esel geritten.
Nach dem 2. Vatikanum herrschte eine gewisse Aufbruchstimmung in der katholischen
Kirche und viele glaubten, dass sich die Rolle der Frau in der römischen Kirche alsbald
ändern würde. Es folgten daher die ersten Schritte in diese Richtung. Ich war 1971 Kaplan in
Königstein und hatte einen sehr aufgeschlossenen, fortschrittlichen Pfarrer an der Seite. So
habe ich dann als einer der ersten Priester in Deutschland fünf Mädchen als Messdienerinnen
in der Gemeinde eingeführt. Zwar gab es anfangs etwas Gemurre unter einigen älteren
Gemeindemitgliedern, besonders aber von einigen Priestern der dort ansässigen Ostpriesterhilfe,
die hier ein Studienhaus unterhielten, das auch von ehemaligen Schülern aus Haigerloch
besucht wurde. Aber all das hat sich sehr schnell gelegt. . .
Ich merke gerade, dass meine
Gedanken doch etwas vom Thema abschweifen, also wieder zurück! Der Rosenkranz, das
traditionelle Gebet, das sich im wesentlichen an eine Frau, nämlich die Gottesmutter Maria
als Fürsprecherin richtet, soll im Hinblick auf die Weißen Väter betrachtet werden, denn
die Gebetsschnur in Form eines Rosenkranzes haben sich die Afrikamissionare um den
Hals gehängt und sie gehört als solches zur Amtskleidung der Weißen Väter. Im Zuge der
Säkularisierung ist diese Kleidung heute ziemlich in den Hintergrund getreten und wird
allenfalls nur noch zu besonderen Anlassen getragen. Das war noch ganz anders, als wir in
den 50er und 60er Jahren uns auf den Missionarsdienst in einem Missionshaus vorbereiteten.
Damals gehörte es noch zur Pflicht jeden Paters, neben dem täglichen Brevier wenigstens
einen Rosenkranz zu beten; die Brüder hingegen sollten drei Rosenkränze - freudenreicher,
schmerzhafter und glorreicher - beten, unterlagen sie doch nicht der Brevierpflicht. Und
so konnte man salopp sagen: Die Patres haben den Rosenkranz umhängen und die Brüder
beten ihn. Erst Ende der 50er Jahre hat das Generalkapitel in Rom beschlossen, dass die
Brüder nun auch den Rosenkranz als Teil der „Amtskleidung“ um den Hals legen dürfen.
Um allerdings den Unterschied von Patres und Brüder sichtbar zu machen, bestand das
Kreuz der Gebetskette bei den Brüdern nur aus schwarzen Perlen. Die Missionsschwestern
unserer Lieben Frau von Afrika - Weißen Schwestern, gleichsam als Pendant zu den Brüdern
und Patres des Lavigeri-Ordens konnten sich nicht durchringen, auch den Rosenkranz als
sichtbares Zeichen in ihre Ordensgewandung einzubauen. Ebenso hier: Maria 2.0 lässt grüßen.
Lavigeri als Bischof in moslemischer Umgebung hat sich beim Rosenkranz für die Weißen
Väter möglicherweise von der im Islam gebräuchlichen Gebetskette Misbaha oder Subha
inspirieren lassen. Diese Misbaha dient zum Abzählen der 99 Namen Allahs; der fromme
Moslem spricht dabei 33 Mal Subhan-Allah „gepriesen sei Gott“, 33 Mal al-hamdulillah
„gelobt sei Gott“ bzw. „Gott sei Dank“ 34 Mal Allahu Akbar „Gott ist größer“ und einmal das
Glaubensbekenntnis La ilaha illa llah, „es gibt keinen Gott außer dem einen Gott“.
Dieser Umhängerosenkranz der Weißen Väter besteht aus insgesamt 159 schwarzen und 23 weißen Perlen. Für jedes Ave-Maria steht eine schwarze und jedes Vaterunser eine weiße Perle. Hierzu möge man bitte keine falschen Schlüsse ziehen, etwa weiß als Symbol des Guten und schwarz als Zeichen für den Satan, das Böse, Honi soit qui mal y pense! Ich denke, dass die Farbwahl eher mit dem Untergrund zu tun hat, dann auf der weißen Gandura sieht man den Rosenkranz in der gewählten Farbkombination freilich besser.
Im Noviziat Hörstel 1967 wurden wir neuen Novizen feierlich eingekleidet und erhielten dabei neben weißer Gandura und Burnus auch den Rosenkranz als Halskette. Mit einem gewissen Stolz trugen wir nun künftig diese Insignien als Vorbereitung auf unsere späteren auf Afrika hin ausgerichteten Aufgaben. Und dann, als mein Lebensweg eine andere Richtung einschlug, haben ich diese äußeren Zeichen nicht etwa vernichtet, sondern als Erinnerung an meine früheren Ideen, Hoffnungen und Pläne gut aufgehoben. Währenddessen die Gewänder in der Blechkiste, die wir damals in Hörstel als zukünftige Missionstransportbehälter selbst hergestellt haben, lagern, hängt der Rosenkranz nun in meiner Werkstatt zwischen Brettern an der Wand. Unwürdig, mag einer denken; aber dem muss ich heftig widersprechen.
Die Werkstatt hat für mich eine besondere Bedeutung: Hier verbringe ich bis heute viele
Stunden, baue Orgeln und stelle meine Zimbelstern her, die heute hundertfach in vielen
Kircheninstrumenten erklingen. Werkstatt ist für mich nicht einfach ein Raum, in dem
gearbeitet wird, nein, Werkstatt ist Kult, wie es auch viele Orgelfreunde ausgedrückt haben.
Und wenn dem so ist, dann ist doch der Rosenkranz hier genau am richtigen Ort: Er erinnert
mich an meine Jugend, an meine Träume, an meine Ideale. Und es ist nicht Wehmut oder gar
Traurigkeit, die mich dann überfällt, wenn ich das Erinnerungsstück da zwischen Brettern
und Leisten hängen sehe, sondern es ist das gute Gefühl, trotz aller Misslichkeiten eine
wunderbare Jugendzeit verbracht zu haben, aus der am Ende der Mensch hervorgegangen
ist, der heute glücklich und zufrieden seinen Ruhestand verbringen kann.
Stadecken-Elsheim, im Mai 2019
Hajo Stenger