Rufus Weg
Raimund Pousset
(op. III) März 1962
Zu Tode erschrocken starrt Rufus den beiden Soldaten nach, die Simon, seinen Vater fortführen. Was
mag das nur bedeuten? Sie sind doch wahrhaftig nicht von Cyrene bis hier nach Jerusalem gezogen,
damit Vater ins Gefängnis kommt! Sie waren vom Feld gekommen und hatten dem Abführen des
Schwerverbrechers Jesus von Nazareth zugeschaut.
Da – Rufus stockt der Atem. Fassungslos muss er mit ansehen, wie seinem sich sträubenden Vater das
eine Kreuzesende auf die Schultern geladen wird. Vor ihm schleppt sich Jesus unter der Last des
anderen Teils fort.
Hastig zerrt er Alexander, seinen neben ihn stehenden Bruder, an seinem weiten Umhang. Gewandt
schlüpft er durch die Masse der Menschen und gebraucht auch seine Arme und Füße, wie es gerade nötig
scheint. Alexander bleibt ihm dicht auf den Fersen. Der Vater ist schon weit vorne. Endlich können
sie in eine leere Seitenstraße abbiegen. Die Brüder beginnen zu laufen, ihr Atem fliegt.
Plötzlich tritt ein prächtig gekleideter Ratsherr aus einem der Häuser. Rufus bemerkt ihn zu spät
und prallt mit der Schulter gegen die Brust des Ratsherrn. Rufus murmelt ein paar Worte und will
weitereilen, doch der Reiche hält ihn am Arm fest und fragt mit freundlicher Stimme: „Warum so eilig
mein Sohn, beinahe hättest du mich ja umgerannt!?“ Dabei huscht ein leichtes Lächeln über sein
bronzenes Antlitz. Vielleicht denkt er an ähnliche Eile in seiner Jugend. Fest hält er den
zappelnden Rufus. Auch Alexander ist herangekommen und beide brüllen vereint: „Loslassen, loslassen
sollst du!“
Doch ungerührt erwidert Rufus „Peiniger“: „Warum so eilig? Erzähl’s mir, ja?“ Er hat Rufus
losgelassen. Unwillig und stockend erzählt Rufus. Dann ruft er plötzlich: „Jetzt schnell, ich muss
zu Vater!“ und er will weiter.
„So warte doch, ich gehe auch mit!“ stößt der Ratsherr hastig hervor. Erstaunt und zugleich fragend
ruhen die dunklen Augen der beiden Jungen auf dem reichen Ratsherrn. Er spürt das Erstaunen in ihren
Blicken und zieht sie wortlos mit sich.
Schiebend und drängend kommen sie nur langsam durch die Volksmenge. Sengend brennt die Sonne auf das
Land herab. Oft bleibt einer der der stehen und wischt mit seinem Tüchlein über die schweißnasse
Stirn.
Fast haben sie schon den Gipfel von Golgatha erreicht, ohne dass es ihnen möglich gewesen wäre, den
Vater einzuholen, als ihnen quer über den Hang ein Mann in wehendem Haik entgegen kommt. „Abba!“
ruft Alexander freudig aus, „Abba!“ Simon von Cyrene hat seinen Sohn gehört. Er bleibt stehen und
sieht sich suchend in der Menschenmenge um. Jetzt hat er sie entdeckt und kommt eilends auf sie zu.
Er spricht kein Wort und über seinem braunen Wüstengesicht liegt ein tiefer, stiller Ernst, der ein
großes Erleben widerspiegelt. Sein Haik ist von dem rauen Holz des Kreuzes zerfetzt.
Höflich verneigt sich Simon vor dem Ratsherrn und entbietet ihm den Gruß. Der andere erwidert den
Gruß, um sich aber sofort wieder zu verabschieden. „Ich muss noch hinauf.“ Dabei deutet er über die
Schulter nach dem Gipfel hin, wo soeben das erste Kreuz errichtet wird.
„Wenn ihr mehr über den Gekreuzigten von dort oben erfahren wollt, so kommt zu mir. Wo ich wohne,
wisst ihr ja. Aber ihr seid auch sonst jederzeit bei mir eingeladen. Übrigens habe ich eure Namen
noch nicht erfahren!“
Der Vater ergreift das Wort: „Ich bin Simon aus Cyrene und das hier sind meine beiden Söhne Rufus
und Alexander. Und der deine?“ „Josef von Arimataea! Also vergesst nicht, mich zu besuchen!“ Damit
wendet er sich zum Gehen und ist bald zwischen den Menschen verschwunden.
Simon von Cyrene umfasst die Schultern seiner beiden Söhne und sie schreiten auf das goldene
Jerusalem zu, das mit seinen Türmen und Dächern hell und strahlend im Sonnenglanz vor ihnen liegt.
Die wenigen Sonnenstrahlen, die durch das vergitterte Fensterchen einfallen, zeichnen einen
hüpfenden, hellen Fleck auf den schmutzstarrenden Kerkerboden. Feuchte, dumpf-stickige Luft erfüllt
den engen Raum, dessen Wände aus Naturstein schwarz und kalt auf die Strohschütten niederblicken.
Wie viel Leid mögen sie schon erblickt haben, wie viel Verzweiflung , wilde Wut und – frohe
Ergebenheit! Letzteres wohl nur seit geraumer Zeit. So stehen sie da, die Mauern, an die, vielleicht
zu letzten Mal, ein Menschenkind sein müdes Haupt anlehnt, oder sie legen sich beklemmend, wie ein
Alp, auf die Brust des Eingekerkerten.
Knarrend und quietschend öffnet sich die Tür, nachdem unter vielem Gerassel Riegel und Kette
entfernt worden sind. Ein untersetzter, kräftig wirkender Mann, das Gesicht von einem schwarzen
Vollbart umrahmt, tritt von derbem Soldatenfluch begleitet, ein. Krachend schlägt die Tür zu und der
Soldat lärmt vor der Zelle: „Verfluchtes Christenpack. Mit euch gehört aufgeräumt. Bei Pluto, Nero
zö……“ . Das Weitere erstirbt im Rasseln der Kette, dann ist es still – totenstill.
Gedämpft nur dringt das Lärmen der Weltstadt Rom in die feuchte Kellerzelle. Angestrengt lauscht der
Bärtige auf das leise Rascheln. In dem matten Dämmerlichte kann er auf dem Boden nur Dreck, Unrat
und faules Stroh erkennen. Doch – jetzt: er nähert sich der hinteren Ecke. Erstaunt erkennt er eine
Gestalt, die sich bewegt. Endlich haben sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass er klar
sieht.
Ein Mann liegt dort auf einem Bündel Stroh. Seine Augen sind tief in die Höhlen gesunken, aber
loderndes Feuer sprüht noch in ihnen. Über und über sind die Kleider mit Schmutz bedeckt, kaum
vermag man die Grundfarbe zu erkennen. Das Harr fällt zerzaust und verfilzt in den Nacken. Der Bart
verleiht dem Gesicht etwas Wildes. Die einstmals wohl muskulöse Gestalt ist nun bis zum Skelett
abgemagert. Der am Boden liegende murmelt schwach etwas zwischen den Barthaaren hervor; es soll wohl
ein Gruß sein.
Der Neuangekommene sagt nur das eine Wort: „Gnade und Friede im Herrn, Bruder Rufus!“ der Rufus
genannte fährt hastig empor und schüttelt hastig die Strohhalme von sich. Über sein ausgemergeltes
Antlitz huscht ein Schimmer der Freude. Atemlos und stoßweise , so, als könne er es nicht fassen,
kommen die Worte von den zersprungenen Lippen: „Oh, Bruder – der Frieden – auch. Alles, alles, ist
gut, so gut und ich – ja, bin froh – froh. Bruder!“ Schwankend sinkt er auf das faule Stroh nieder.
Er muss total erschöpft sein. Der andere ist rasch zu ihm getreten und hat seinen Arm um seinen
Nacken gelegt.
Rufus liegt da und spürt die nahe Verbundenheit mit einem Christen. Woher mag er seinen Namen
kennen? Er fällt in einen unruhigen Schlaf. Wirre Gedanken durchzucken seinen Geist, schießen empor
– verlöschen – kaum gedacht. Nebelhaft steigen die Umrisse Jerusalems empor, geisterhaft taucht das
Antlitz Josef von Arimatäa empor. Seine Taufe – wirres Durcheinander - Schiffbruch. Er sieht seine
Ankunft vor ein paar Wochen hier in Rom und mit unheimlicher Deutlichkeit fühlt er sich in jene
Nacht zurückversetzt, da er, gleich seinem Herrn, gefangen genommen worden war. Er war krank
danieder gelegen. Eine Rahe seines Schiffes hatte ihm das Bein aufgerissen. Plötzlich dröhnt die
Haustür unter raschen Schlägen – Kettengerassel. Mit vor Schreck geweiteten Augen fährt Rufus auf.
Sanft drückt ihn eine schwielige Hand auf sein armes Lager nieder und eine warme, dunkle Stimme ruft
ihn in die Wirklichkeit zurück.
Knarrend öffnet sich die Tür und im Dämmerlicht des niedersinkenden Abends wird ein karges Mahl und
brackiges Wasser vom Wachsoldaten herein geschoben. Der Fremde netzt die Lippen des Todgeweihten mit
dem schmutzigen Wasser. Dankbar blicken die fieberheißen Augen des Kranken seinen Helfer an: Gott
vergelte es dir – dir, den ich nicht kenne, sprechen sie und der Mitgefangene versteht. „Simon heiße
ich, Simon Petrus – bleib still liegen, so.“ Doch Rufus richtet sich auf: „Du, Petrus – oh – nun
sehe ich dich noch vor meinem Tod – Gott sei gedankt – mich hat man vergessen. Nun bist du da – es
ist gut – bin krank, so gut, gut …“ Die Wort verwirren sich, der Blick wird stumpfer, schwer fällt
der Oberkörper in die Arme des Oberhirten der jungen Kirche, des Bischofs von Rom. Aus dem Munde
Rufus quillt Blut; in dünnen Streifen läuft es an den Mundwinkeln herab.
Lange Zeit betet Petrus kniend neben dem Bewusstlosen. Das helle Viereck auf dem Boden wandelt sich
in einen schmalen Fleck. Rohes Gelächter von würfelspielenden Soldaten klingt aus weiter Ferne in
den stickigen Raum. Soldatentritt hallt durch das Gewölbe des Kerkers und erstirbt langsam. Hier
liegt ein Mensch im Sterben – ein Christ.
Nach langer Zeit schlägt Rufus seine Augen auf. Klar und kindlich-staunend blicken sie und es
scheint, als ob die Kraft des Körpers zurückgekehrt sei. Mit matter Stimme beginnt er leise und
deutlich zu sprechen: „Vater, zu dir komme ich, dir empfehle ich mich, segne mich, dein Kind!“ Seine
Züge haben einen übernatürlichen, verklärten Glanz angenommen. Dann richtet sich sein müder Körper
noch einmal empor, die Augen in weite Ferne gerichtet flüstert er: „Ich komme …“
Ruhig liegt er auf dem armseligen Strohlager; er schläft den letzten tiefen Schlaf. Der Herr hat den
Jungen des Simon von Cyrene als Märtyrer heimgeholt. Sacht drückt Petrus die Augen des Toten zu.
Anmerkungen
Wie aus dem Datum eingangs ersichtlich, schrieb ich diesen Text im Rahmen einer kurzen Serie von drei Erzählungen als Fünfzehnjähriger in Haigerloch. Das etwas großzügig formulierte op. I (opus) lässt darauf schließen, dass ich wohl - wie als echter Schriftsteller! - weitere Texte in Planung hatte. Tatsächlich fand ich nach vielem Umräumen noch zwei weitere Texte. So gibt es jetzt neben diesem „Rufus Weg“ (III) noch „Schwert oder Kreuz (I)“ und „Ein Römer sucht Gott (II)“. Die Texte sind wohl ohne Entwurf, gleich als Manuskript geschrieben, wie einige Verbesserungen zeigen können.Dieser Text spiegelt gewiss die intensive religiöse Erziehung wider, die wir genossen haben. Was mir den Anstoß zu dieser kleinen Erzählung gegeben hat, weiß ich nicht mehr. Leider habe ich dazu keine Notiz gemacht, wie bei den beiden ersten Texten.
Dieser, wie auch die anderen beiden Texte versuchen immer, die Bibel als erzählerische Vorlage zu nehmen, um den dort auftretenden Figuren eine eigene, sehr persönliche Geschichte und Tiefe zu geben. Und Figuren und ihre Lebenswege zu verknüpfen; hier also verfolgen wir eine Nebenfigur, den Sohn des Simon von Cyrene, Rufus, bis zum Märtyrertod nach Rom. Das Markusevangelium nennt die beiden Söhne des Simon von Cyrene, der Christus das Kreuz tragen helfen musste, beim Namen: Alexander und Rufus. Der Überlieferung nach stammte Simon aus Libyen (heute: Ruinen Cyrenes beim Dorf Shaha), war also ein dunkelhäutiger Nord-Afrikaner und einfacher Feldarbeiter (Lukasevangelium). Die Namen der Söhne lassen aufhorchen: es sind römische oder griechische Namen, keine jüdischen. Vielleicht war die Mutter römisch/griechisch. In meiner Erzählung geht Rufus dann spät zurück ins Heimatland seiner Mutter, nach Rom. Bei Simon von Cyrene wurde gelegentlich spekuliert, er sei statt Jesu gekreuzigt worden. Ähnliches findet sich auch in Sure 4,157 im Koran. Mein damals locker gebrauchtes Wort „Haik“ musste ich beim Transkribieren erst mal nachschlagen. (Weites Gewand der Tuareg, wird in ganz Nordafrika getragen.) Warum ich hier nicht das Wort „Gandoura“ benutzt habe, die schließlich die Weißen Väter trugen, weiß ich nicht. Vielleicht ein kleiner Einfluss aus Karl-May?
Über die Rezeption der Texte im Missionshaus weiß ich nicht allzu viel. Ich muss diese drei Geschichten jedenfalls im Kreise der Kameraden vergeben (deshalb die Namenskorrektur) oder sogar vorgelesen haben. Freddy beispielsweise kann sich dunkel an „Ein Römer sucht Gott“ erinnern; mein Bruder Meinolf (ein Jahr unter mir) dagegen ganz und gar nicht.
22.2.2016 Raimund Pousset