Schlagseiten - Impressionen
Ausführlich und treffend berichtet Raimund Pousset über seine Erfahrungen über SchlagSeiten.
Gewiss, einiges geht im Laufe der Jahrzehnte unter, anderes wird von der Gloriole des Vergessens in
das Reich der ewigen Vergangenheit geleitet. Dennoch überdauern besondere Erlebnisse. Drei solcher
Schlagseiten sind mir noch in bester Erinnerung:
Das war in Quinta. Unser Klassenraum war im Erdgeschoss, den Hofeingang hereinkommend ganz rechts,
neben der Küche gelegen. Wir dürften so etwa 20 bis 30 Zöglinge damals 1957 gewesen sein, d.h.
der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Da standen noch in Reih‘ und Glied die alten
Zweier-Klapppulte in Eisen-Holz-Konstruktion. Man betrat vorn seitlich den Raum und stieß auf drei
Bankreihen: Rechts an der Wand, also vorn im Saal, war die Schiebetafel; ganz links der Kachelofen
und hinten an der Wand zwischen den beiden Fenstern stand ein altes Harmonium, auf dem in der
Mittagspause streng nach Plan ggf. eine halbe Stunde geübt werden durfte. Es war eigentlich ein
recht lichter Raum. Vorn vor der Tafel war auf Raumbreite ein Podest. Hierauf stand links das
Lehrer(sitz)pult. Üblicherweise kamen die Pädagogen herein und strebten schnurstracks zielstrebig
zum Pult, um von dort aus den Unter richt entweder sitzend oder stehend, je nach Stimmungslage zu
beginnen. Ich meine sogar, dass meist noch ein Gebet gesprochen wurde: veni sancte spiritus. Das
geschah aber nur bei ausgewählten Lehrern; andere gingen sofort in medias res. Freilich war man als
Pennäler meist darauf aus, diese Arbeitswut der Pädagogen durch geschickte Fragen auszubremsen,
was bisweilen auch gelang. Den Unterrichtsstoff für die Quintaner konnten einigermaßen geübte
Pädagogen damals noch locker aus dem Ärmel schütteln und man unterrichtete so, wie einem der
„Schnabel gewachsen“ war. In dieser Klassenstufe betätigten sich meist ehrwürdige Patres, die
schon etwas älter waren und aus irgendeinem Grund ihr Berufsziel, Afrikamissionar zu sein, verfehlt
hatten. Vereinzelt kamen auch „weltliche Pädagogen“ zum Einsatz. Einer von diesen ist mir noch in
besonderer Erinnerung. Irgendwann während des Schuljahres 1956/57 war ein alter, pensionierter
Dorfschulmeister mit seiner Frau im zweiten Stock in ein kleines Zimmerchen rechts hinten
eingezogen. Soweit ich mich erinnere, hieß er Herr Stoffel. Seine beiden Söhne waren als Missionare
in Afrika tätig und der Vater wollte noch etwas Gutes für die Mission tun, also ließ man ihn
unterrichten, und zwar in Quinta, denn da kann man eigentlich nichts falsch machen. Er war noch ein
alter Pädagoge von Schrot und Korn. Und wir als Schüler waren natürlich gespannt, was dieser
„Opa“ uns beibringen könnte. Dieser Senior kam auf besagtem Weg in die Klasse, stellte sich in den
Gang in die linke Mittelreihe und schaute den dort in der ersten Reihe sitzenden Schüler, es war
A.T., scharf an. Der sprang, wie damals üblich, auf, um die sofort gestellte Frage des Altmeisters
zu beantworten. Diese lautete: Was haben wir heut? So eine allgemeine Frage verblüfft und der Knabe
war freilich derart irritiert, dass er gar nicht antworten konnte. Und patsch, schon hatte er eine
schallende Backpfeife auf der Wange und er hörte nur noch das zackige Setzen! Und in gleicher Weise
ging es zum nächsten Buben mit demselben Resultat. Nachdem einige so gewatscht worden waren – ich
hatte Glück, denn ich saß etwas abseits kam endlich die erwartete Antwort aus dem Mund des
betagten Lehrmeisters: Krieg! Und dann folgte die Stunde, in der die 10 Wortarten erklärt wurden.
Ein zweite, ähnliche Erinnerung wabert noch in meinem inzwischen ergrauten Kopf: Da waren wir in
der Quarta. Die Klasse war schon etwas geschrumpft, denn jeweils zum Neubeginn des Schuljahres nach
den Osterferien, erschienen einige weniger als erwartet: Oftmals lag es an den mangelnden Leistungen
des Vorjahres oder an dem verloren gegangenen Wunsch, als Missionar die armen Heiden in Afrika auf
den Weg des Christentums zu bringen. Entsprechend war auch unser Klassensaal etwas kleiner geworden
und wir residierten in einem Raum links neben dem zentral gelegenen Afrikamuseum. Die
Einrichtungsgegenstände waren freilich überall identisch. Da standen auch die oben erwähnten
Klapppulte. Als Missionsschüler hatte man ja nur ganz wenig persönlichen Raum: Das war im
Schlafsaal der schmale Spint und im Klassenraum das Pult. In diesem Pult befand sich alles, was man
für die Schule benötigte; etwas anderes war auch nicht erlaubt, denn es hält bloß ab vom
Wesentlichen. Dieses Pult konnte durch Aufklappen der hölzernen Schreibplatte geöffnet werden.
Oberhalb dieser schrägen Platte war ein über die ganze Breite reichendes Brett mit zwei Kulen für
die Stifte und je einem Fach für das Tintenfass. Trotz strenger Kontrollen und regelmäßiger Reini
gungsarbeiten waren in die Schreibplatte im Lauf der Jahre allerlei Markierung – typische
Schülerkritzeleien eingekratzt. In dem nicht verschließbaren Pult sammelten sich neben dem
diversen Schulgerät, wie Bücher, Hefte und Stifte auch allerlei persönliche Schätze. Das konnte
ein Taschenmesser, ein ganz persönliches Foto, ein lieber Brief oder sonst etwas sein. An der
Unterseite der hölzernen Platte klebte in der Regel der Stundenplan oder bei ganz frommen Schüler
auch einmal der persönliche Vorsatz der Woche, etwa ohne Fleiß kein Preis ... Für diese
persönliche Schatztruhe gab es bei manchen Lehrern und auch bei der Studiensaalaufsicht strenge,
konsequente Regeln. In diesem Zusammenhang ist mir noch P. Meyer in Erinnerung, ein massiver,
kräftiger Mittvierziger. Er unterrichtete Biologie und achtete peinlich genau darauf, dass ja kein
Schüler während seines Unterrichtes das Pult öffnete. Meist diktierte er wichtige Merksätze, die
man mitschreiben musste. Und mitunter kam es vor, dass man seine Schreibsachen im Pult hatte und
diese eigentlich ganz dringend brauchte. Stellte man nun die Frage, ob man das Pult öffnen dürfe,
hagelt es dann ein Donnerwetter, mit dem Ergebnis, dass man sich einerseits dem Spott und der
Verdammung ausgesetzt hatte und andererseits doch nicht an sein Schreibgerät kommen durfte.
Und so geschah es eines Tages, dass G.M. während der Stunde dringend einen Stift brauchte und ganz
heimlich vorsichtig den Pultdeckel ein wenig öffnete. Dabei hatte er nicht mit den wachen Augen des
Paukers gerechnet: Als der das sieht, stürzt er mit raschen Schritten auf den Zögling zu und
verprügelt ihn nach Strich und Faden: unkontrollierte Backpfeifen und Bockshiebe landete auf Kopf
und Oberkörper des Schülers und das ging so lange, bis der Sträfling mit blutender Nase am Boden
lag. Wir alle schwiegen und fanden den Vorgang nicht besonders bemerkenswert. Aber mir ist das gut
in Erinnerung geblieben. Oben war noch die Rede von der Studiensaalaufsicht. Täglich gab es feste
Studienzeiten. In diesen mussten alle an ihren Pulten im Klassenraum sitzen und sollten sich mit
Hausaufgaben und Lerninhalten beschäftigen. Damit die Kleinen, d.h. die Sextaner, Quintaner und
Quartaner das auch ordentlich machen, kam jeweils ein Untertertianer mit seinen Studienunterlagen in
den Klassenraum und setze sich vorn ans Pult, um die Corona der Knäblein zu bewachen: Sie mussten
aufpassen, dass diese ordentlich und vor allem schweigsam studieren, d.h. nicht irgendetwas lesen
oder malen oder gar Briefe schreiben. Eine besondere Straftat war das Schwätzen und das Verlassen
des Studiensaals. Und manche waren auch so streng, dass sie ein Öffnen der Pulte untersagten.
Zeigte nun ein Knäblein ein Fehlverhalten, so notierte dies der gestrenge Aufpasser. Diese
Strafliste wurde dann an den Aufsichtspater weitergeleitet und in einer der nächsten Mittagspausen
– die täglich ersehnte Freizeit - musste man seine Strafe abbüßen: Diese Bußen bestanden darin,
dass man Kartoffeln schälen, im Garten Unkraut jäten, bei diversen Baumaßnahmen helfen musste,
während die anderen Fußball spielten oder sich irgendwie vergnügten. Übrigens die Studienzeiten
waren fest geregelt, neben Kurzzeiten gab es Hauptzeiten: werktäglich von 14.30 – 16.00 Uhr; von
17.00 bis 18.00 Uhr; von 18.05 bis 19.00 Uhr; für Ausnahmen und Besonderheiten waren wir immer
dankbar, denn dadurch wurde das tägliche Einerlei und die Monotonie etwas aufgebrochen.Schröter
Und schließlich hat sich noch eine Schlagseite in meine Erinnerung eingegraben. In der ersten großen
Pause, nach der zweiten Stunde, so gegen 9.30 Uhr gab es gelegentlich eine kleine Stärkung. Da
stand vor der Küchentür ein Korb mit Essbarem: z.B. Äpfel, Brot, Bretzeln. Das konnten auch
gelegentlich Reste von einer früheren Mahlzeit sein. Das bedeutete, dass u.U. die bereitgestellten
Köstlichkeiten schnell vergriffen waren. Und so geschah, dass die Bübchen beim Schellen flugs zum
besagten Trog rannten, um etwas zu ergattern. Es hing auch ganz von dem zuvor unterrichtenden Lehrer
ab, ob man noch ein gutes Beutestück in Händen halten konnte. Und so begab es sich, dass eines
Tages eine Horde Sextaner im Wettlauf zum Brotkorb stürzte, um an die Gaben zu gelangen. Ich selbst
war damals in Quarta und hatte gerade vor den Augen des Ökonom P. Buse mein Frühstückchen
entnommen, da wurden die Pendeltüren wuchtig aufgestoßen und die Sextaner stürzen wild herzu, an
erster Stelle der kleine J.B. aus Nagold. Als P. Buse diese Hast sieht, wird er wild und verprügelt
den kleinen Buben derart, dass der sich heulend am Boden krümmt. Ob der nur simuliert hat, oder ob
der Schmerzausbruch echt war, spielt keine Rolle, auf jeden Fall war das für mich ein
schockierendes Erlebnis, das mir auch nach 55 Jahren noch lebhaft in Erinnerung ist und P. Buse
bleibt für mich der Schläger von damals.
Dr. Hajo Stenger