Schwert oder Kreuz
Raimund Pousset
(op. I) Januar 1962
Eine Staubfahne hinter sich lassend sprengte ein Trupp herodianischer Soldaten dem kleinen Fleck
Bethlehem zu. Sie sprechen nicht miteinander und es schien, also ob sie nicht nur einen Spazierritt
machten. Verbissen starrten sie den schmutzig-grauen Häusern entgegen.
Nur der alte Obed am Schlusse des Zuges murmelte in seinen verfilzten Bart: „Bei Jahwe, das ist mir
ein wunderlicher Auftrag!“ Heftiger werdend wandte er sich an den neben ihm galoppierenden Nehemias;
„Da , hier, schau nur her, da – da – hier – und dort; das sind Narben, aber jede ist fünffach
gerächt worden. Manchen Mann habe ich niedergehauen, aber – wehrlose Kinder?!?“ Kopfschütteld
drückte er dem Gaul die Fersen in die Weichen und jagte unmutig zum Anfang des Zuges.
Ängstlich blicken große schwarze Augen aus den Fensterhöhlungen der Häuser. Auch Tabitha, die Frau
des reichen Sedekias, schreckt aus ihren Träumen hoch, als der Trupp an ihrer Fensteröffnung
vorbeidonnert. Sie erkennt vom Ruhebett aus: Soldaten des Herodes! Wem gilt es diesmal? Ihre schöne
Stirn umwölkt sich. Doch schon lächelt sie wieder, als ihr Blick auf ihre beiden Buben fällt. Heute
Morgen erblickten sie das Licht der Welt – es sind Zwillinge. Den einen will sie Thomas nennen, den
anderen Dismas Mit einem leisen lächeln nickt sie wieder ein und bemerkt so nicht, was draußen vor
sich geht. Plötzlich schreckt sie hoch; Sara, ihre Schwester, ist hereingestürzt. Verstört blickt
sie um sich, dann plappert sie zusammenhanglos und hastig: „Tabitha – schnell – sie werden sie töten
– alle – schnell, so komm doch – Herodes – steh auf – schnell!“ „Sara, beruhige dich doch, was ist
denn?“ „Die Soldaten wollen sie ermorden – die Kinder, alle – nein, nur die Buben bis 2 Jahre – auch
deine beiden Buben sollen sterben!“ Ein heftiges Schluchzen schüttelt sie.
„Ja, warum denn?“ fragt die junge Mutter atemlos.
„Warum?“ Sara schreit es hell heraus, „weil er um seinen Thron fürchtet, dieser Bluthund, dieser …“
„Was soll ich tun?“ fragt Tabitha ratlos und halb weinend ihre Schwester.
„Verstecken, schnell!“ Sara hat sich wieder gefasst. Sie hat den kleinen Dismas gepackt und ist
dabei, ihm gerade ein Tuch um den Mund zu binden, als sie plötzlich innehält: „Horch … das Geschrei
… Stimmengewirr … ein Pferd kommt näher. Sie kommen!“ Hastig stößt sie diese Worte hervor. Dann hat
sie auch schon den kleinen Dismas in die Mehltruhe gesteckt.
Dann springt sie zu Tabitha, die versucht aufzustehen. Sie hilft der kalkweißen, zitternden
Schwester. Tabitha hat Thomas auf den Arm genommen und sucht ein Versteck, las sie ein Luftzug
erschreckt herumfahren lässt. Der Türvorhang ist beiseitegeschoben: ein Soldat steht mit gezücktem
Schwert im Raum, es ist blutig.
Langsam kommt er auf Tabitha zu. Sie drückt Thomas fester an sich. Lauthals schreit er los. Der
Soldat grinst. Plötzlich brüllt er Tabitha an: „Her mit dem Balg, gibst du her – willst du wohl- du
Bestie!“ Tabitha wehrt sich verzweifelt, aber gegen die harten, kampferprobten Fäuste kommt sie
nicht an. Endlich hat er der Mutter das Kind entrissen. Hart schlägt er ihr mit der flachen Schneide
auf den Kopf. Vor Tabithas Augen wird es schwarze Nacht.
Jahre sind ins Land gegangen; Vieles hat sich verändert – nur die Römer sind geblieben. Oh, Dismas,
hasst sie, hasst auch das Haus und die Familie des Heroldes, seine Vaterstadt, seinen vater, - alles
alles. Er hasst, wie es nur der Orientale vermag, jede Faser seines Herzens ist von glühendem Hass
ergriffen, sein ganzes Denken und Tun ist alles von Hass gelenkt. Sie alle hasst er, aber
unvergleichlich mehr noch hasst er einen, einen, vom dem er nur erzählen hörte, dessen Schicksal eng
mit dem seinigen verknüpft ist. Er ist ein Wanderprediger aus Galiläa. Jesus nennt er sich – Jesus
von Nazareth. Die Leute flüstern sich zu: „Es ist der Messias, er tut Wunder über Wunder!“ Dismas
zweifelt daran, aber – er schweigt und denkt. Diesem Jesus gibt er die Schuld am frühen Tod seiner
Mutter, an dem Tode seines Bruders und – an seinem jetzigen Verbrecherleben.
Solche Gedanken bewegen ihn am Lagerfeuer auf einer Lichtung abseits der Straße flackert. Plötzlich
schreckt ihn näherkommender Hufschlag hoch. Ein reiter kommt von Jerusalem nach Jericho hinab
galoppiert. Der Reiter biegt in das winzige Zedernwäldchen ein und zügelt sein Pferd vor ihm, dem
Hauptmann, Führer von über 40 Räubern.
Schweigend hört Dismas den atemlos hervorgebrachten Bericht: „Hauptmann, heute Nacht kommt hier ein
Kaufmannszug vorbei. 11 Mann starkes Geleit. Haben Stoffe aus dem osten geladen. Ich sage, ein
leichter Fang!“ „Gut, unterbricht ihn Dismas, „ihr vier dort fort und die Wegsperre errichtet!“
Dabei erhebt er sich und erst jetzt erkennt man, was für ein Hüne von Gestalt er ist. Stolz wirft er
den Kopf zurück und schaut die spärlich vom Feuer erhellten Gestalten an. Kaum 31 Jahre alt und er,
nur er, ist Hauptmann. Sie alle gehorchen ihm bedingungslos. Manchmal, in stiller Stunde zur
Nachtzeit unter sternenklarem Himmel, will ihn freilich ein Ekel befallen, ob all dieses Mordens und
Raubens. „Sonst noch was?“ herrscht er den abgestiegenen Boten an.
„Eigentlich nichts Neues in der Hauptstadt, nur – ja, es gab Aufruhr in der Stadt; ein
Wanderprediger ist angekommen. Man hat ihm zugejubelt.“ „Wie heißt der Mann?“ unterbricht ihn Dismas
hastig.
„Das weiß ich nicht mehr.“ Er schaut den aufgeregten Hauptmann verwundert an.
„Hieß er … - Jesus von Nazareth?“ Gespannt lauert der Hauptmann auf die Antwort.
„Ich glaube – ja – natürlich, so hieß er!“ Da funkeln Dismas Augen. „Auf, Baruch, mach zwei Pferde
fertig, du und ich reiten nach Jerusalem!“ Betretenes Schweigen. Keiner wagt ein Wort des
Widerspruchs. Aber alles denken dasselbe: Den Kaufmannszug aufgeben, nur wegen einem Wanderprediger.
Oder hat er ihn vergessen? Nein, das hat er nicht. Abdias wird den Überfall leiten. Damit ist Dismas
auch schon in sein Zelt gekrochen und hat sich umgezogen und einen schmalen Dolch unter dem weiten
Umhang geborgen.
Baruch bringt die Pferde. Auch ihm sieht man nicht mehr den Räuber an. Dann reiten sie schweigend
nach Jerusalem hinauf. Dismas spürt die Kälte der Klinge auf der bloßen Haut; ein Hassgefühl mit
seltsamer Erregung gepaart durchbebt ihn. Er greift nach dem Dolch und murmelt die Worte: „Diese
Klinge muss sich heute oder morgen – irgendwann einmal – aber sie muss sich in SEINEM Blut röten!“
Stickige Luft erfüllt die enge, feuchte Kerkerzelle. Nur hoch oben dringt ein schwacher Lichtschein
ein. Dumpf vor sich hinbrütend hockt Dismas auf einem Bündel fauligen Strohs. Baruch lehnt mit dem
Rücken in einer Ecke des Verlieses. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken – er schläft .Wie gerne
möchte Dismas schlafen – er kann nicht. Immerzu muss er denken und überlegen. Sein ganzes Leben
sieht er wieder deutlich vor sich. Er möchte vergessen, alles. Er könnte vielleicht auch alles
vergessen, nur dieses eine nicht: diese Augen, diesen Blick. Jesus hatte ihn angeschaut, als er eben
an ihm vorüber schritt. Sein Hass beginnt zu schwinden – warum? Er vermag es nicht zu sagen. Und
plötzlich weiß er mit klarer Deutlichkeit: Dieser Mensch ist unschuldig! Dann kommt es ihm mit einem
Mal zu Bewusstsein, was er gesündigt hat. Er birgt das Gesicht in die Hände und trockenes
Schluchzen, erst ganz leise, dann heftiger werdend, schüttelt seinen Körper – er weint, weint zum 1.
Mal in seinem Verbrecherleben.
Dismas hat Durst. Er leidet unbeschreibliche Qual. Tief schneiden die Stricke in das Fleisch ein.
Aber kein Laut kommt aus seinem Mund. Seine Augen hängen wie gebannt auf dem Mann links neben ihm.
Unter dessen Kreuz stehen wohl ein paar Verwandte von ihm. Über seinem Haupt steht auf einer Tafel:
I.N.R.I.
Plötzlich beginnt Baruch am anderen Kreuze mit von Hass und Wut entstellter Stimme zu keuchen
langsam – mühsam: „Wenn du Christus bist, so hilf dir selbst und uns!“ Sein Gesicht ist dabei
grässlich verzerrt. Dismas hat mit lähmendem Entsetzen zugehört. Weiß er denn nicht, dass es der
König, der Messias, der Gesalbte ist? Warum der am Kreuz hängt, weiß auch er nicht. Aber er glaubt …
Darum verweist er Baruch dieses reden: „Fürchtest auch du Gott nicht, da du doch dieselbe Strafe
erleidest? Wir freilich mit recht, denn wir empfangen, was wir verdient haben; dieser aber hat
nichts Böses getan!“ Dann wendet er sich bittend an Jesus und seine Stimme zittert dabei: „Herr
gedenke meiner, wenn du in dein reich kommst!“ Da trifft ihn nochmals dieser Blick. Seine Augen
senken sich tief in die Dismas‘ hinein, als wollten sie ihn durchbohren und Jesus, der König am
Kreuze, spricht klar und deutlich das erlösende Wort: „Wahrlich, ich sage dir: heute noch wirst du
mit mir im Paradiese sein!“ Da dringt aus den gequälten Brust des Schächers ein abgrundtiefes
Stöhnen der Dankbarkeit und des Friedens, dann brechen seine Augen – einen letzten Blick auf Jesus
von Nazareth gerichtet – das letzte der Kinder von Bethlehem hat heim ins Vaterhaus gefunden.
Anmerkungen
Wie aus dem Datum eingangs ersichtlich, schrieb ich diesen Text im Rahmen einer kurzen Serie von drei Erzählungen als Fünfzehnjähriger in Haigerloch. Das etwas großzügig formulierte op. I (opus) lässt darauf schließen, dass ich wohl - wie als echter Schriftsteller! - weitere Texte in Planung hatte. Tatsächlich fand ich nach vielem Umräumen noch zwei weitere Texte. So gibt es jetzt neben diesem „Schwert oder Kreuz (I)“ noch „Ein Römer sucht Gott (II)“ und „Rufus Weg“ (III). Alle Texte haben als Zentralmotiv die Kreuzigung auf Golgatha, nehmen aber Nebenfiguren in den Fokus, die sich entweder auf Golgatha zu oder von dort wegbewegen. Tonfall und Duktus der kleinen Erzählungen orientiert sich wohl an der damaligen Erbauungsliteratur und den Heiligenlegenden.-- Dieser Text spiegelt gewiss die intensive religiöse Erziehung wider, die wir genossen haben. Anstoß zu dieser kleinen Erzählung war, wie aus der kommentierenden Nachschrift unter den Text hervorgeht, die Predigt meines Heimatpfarrers Kwasniok in St. Aposteln (Frankfurt), der am Fest der Unschuldigen Kinder anmerkte: „Wer weiß, was aus den Kindern geworden wäre …?“ ich habe mir also daraufhin Gedanken gemacht, was hätte sein können. Dem Pfarrer habe ich den Text nie vorgelegt; hätte ich eigentlich machen können. Er hätte sich bestimmt gefreut, dass seine Worte wirksam waren.
Dieser, wie auch die anderen beiden Texte versuchen immer, die Bibel als erzählerische Vorlage zu nehmen, um den dort auftretenden Figuren eine eigene, sehr persönliche Geschichte und Tiefe zu geben. Und Figuren und ihre Lebenswege zu verknüpfen; hier also eines der unschuldigen Kinder den Schächer am Kreuz werden zu lassen. Dass der Text wieder etwas dramatisch-schwülstig ausfällt („Oh!“), seien Ort und Zeit geschuldet.
Dismas musste ja ein Verbrecher werden, wenn er als eintägiges Baby schon das Verbrechertuch umgebunden hatte – gäb vielleicht psychoanalytisch was her?! Wie weltmännisch ich wusste, „wie nur der Orientale mit jeder Faser seines Herzens zu hassen vermag“. Und auch schon dem Dativ wird knallhart der Todesstoß versetzt – „wegen dem Wanderprediger“. Aus meinem recht unpassenden „Alexander“ hat mir eine andere Schrift manchmal „Dismas“ gemacht; jemand muss den Text also gelesen haben. Ich habe dann den Namen überall mit Bleistift korrigiert. Der Tradition, nicht der Bibel nach, werden die beiden Männer Dismas und Gesmas genannt. Mein „Baruch“ hätte also „Gesmas“ sein müssen. Nur im Lukasevangelium geht Dismas mit Jesus ins Paradies ein. Bei Markus und Matthäus schmähen beide Verbrecher am Kreuz. Mir war die Tradition damals nicht bekannt, dem korrigierenden Mitschüler dagegen zumindest etwas. Über die Rezeption der Texte im Missionshaus weiß ich nicht mehr allzu viel. Ich muss diese drei Geschichten jedenfalls im Kreise der Kameraden vergeben (deshalb die Namenskorrektur) oder sogar vorgelesen haben. Freddy beispielsweise kann sich dunkel an „Ein Römer sucht Gott“ erinnern; mein Bruder Meinolf (ein Jahr unter mir) dagegen ganz und gar nicht.