Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Vom Kind zum Mann - von Steigreifspielen zum Theater

von Hajo Stenger

Das Durchschnittsalter der Knäblein in Haigerloch dürfte wohl zwischen 12 und 13 Jahren gelegen haben. Die jüngsten kamen nach der 4. Klasse Volksschule mit etwa 10 Jahren im Missionshaus an. Allerdings gab es eine große Zahl ältere Schüler, die dort ihre gymnasiale Laufbahn begannen. So war das auch bei mir der Fall. Ich hatte in Frankfurt 3 Jahre lang die Mittelschule besucht und kam dann mit 12 Jahren kurz nach Ostern 1956 dort an. Entwicklungspsychologisch war ich eigentlich mitten in der Pubertät. Als ich dann mit 15 an Ostern kurz vor dem 16. Geburtstag regulär nach Krotzenburg wechselte, war ich schon ein „Halbstarker“, wie man damals sagte, und das wirkte sich freilich auch auf das Leben im Internat, der Kreuzburg, aus. Es soll hier nur ein kleiner Aspekt, vielleicht nur ein Randphänomen, dieses Erwachsenwerdens betrachtet werden, nämlich das Theaterspielen. Wenn ich mich recht erinnere, war Theaterspielen in Haigerloch eine kaum ausgeübte Profession. Wir haben gelegentlich an Fastnacht bzw. anlässlich eines eher seltenen Bunten Abends Theater aufgeführt. Da gab es keine Bühne, keinen großen, dazu geeigneten Raum und auch kaum Anregungen seitens der Patres.


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Abb. 1: Einer der wenigen (Fastnachts- )Theaterauftritte 1959 in Haigerloch. Im Exerzitiensaal wurde eine provisorische Bühne errichtet; vlnr. Günter Welde, Josef Guillard, Otto Martin, Heinrich Parusel, Hajo Stenger. Was damals aufgeführt wurde, ist mir heute nicht mehr bekannt.

Als wir dann nach den Sommerferien 1959 wieder aus der Heimat in die Kreuzburg zurückkehrten, stellen wir nach Rückfragen bei den älteren Schülern fest, dass es hier regelmäßig Theateraufführungen gab. Zuständig dafür war P. Freckmann (PAF). Und so erlebten wir im November 1959 ein für unsere Verhältnisse perfektes Theaterspiel „Das heilige Experiment“ von Fritz Hochwälder. Es ist dies eine Darstellung des Scheiterns des Jesuitenstaates in Paraguay an den weltlichen Interessen der spanischen Kolonialherrschaft. PAF hatte damit ein


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Abb. 2: Szenenbild aus Das heilige Experiment; man beachte die professionelle Kulisse; stehend in der Mitte Berthold Hirt als Bischof

Stück ausgesucht, das mit dem Thema „Mission“ zu tun hatte. Und von daher war es gerade für uns Missionsschüler ideal geeignet. Die Aufführung selbst war mehr als gelungen. Vom Bühnenbild mit Beleuchtung bis hin zu den Schauspielleistungen der Schüler und den Requisiten war alles optimal. Ein professionelles Schauspielensemble hätte das nicht besser machen können. Bedenkt man die im Grunde bescheidenen Möglichkeiten im KreuzburgInternat, so ist das Tun von PAF und den beteiligten Schülern ganz hoch anzusetzen. Es fanden auch Aufführungen für Besucher von außerhalb statt. Meist war die Aula dann bis auf den letzten Platz gefüllt und es gab auch kräftigen, lang anhaltenden Beifall.



PAF hat freilich in seinem Unterricht das Theaterstück behandelt und interpretiert. So wurde Theater für uns Wirklichkeit. Wenngleich hier Jesuiten auftraten, waren doch Parallelen zur Missionsarbeit der Weißen Väter in Afrika erkennbar, zumal Anfang der 60er Jahre die meisten Staaten des schwarzen Kontinents noch von ihrem Kolonialherrn abhängig waren.
Das Bild auf der Rückwand, die Palme, blieb noch ein gutes Jahr dort und diente als Horizont für die Weihnachtskrippe 1960 (siehe: Internatsleben, Weihnachtskrippe in der Kreuzburg).Lange konnte man noch die farbig bemalten Hocker und den Tisch im Nebenraum der Bühne finden.
Eine solche Theateraufführung war mit einem enormem Zeit- und Kraftaufwand verbunden. Dies galt primär für PAF. Aber auch die beteiligen Schüler hatten ihren Beitrag zu leisten. Ich glaube, alle Beteiligten haben das gern getan, denn dieses Theaterspielen war eine willkommeine Abwechslung im monotonen Einerlei des Missionshaus-Alltages. Denn in aller Regel verging ein Tag wie der andere. Fernsehen war zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Fremdwort im Missionshaus. Radiohören war allenfalls illegal möglich. Die Welt draußen rauschte nur in Form der Züge, die auf der neben dem Haus verlaufenden Bahnstrecke dahineilten, vorbei. Und oft erwachte dann jenes Fernweh, das einen gelegentlich überkam. Die zweimaligen Spaziergänge in der Woche, am Mittwoch und am Sonntag brachte da auch keine große Abhilfe, zumal anfangs der Ausgang nur im Klassenverband erlaubt war. Gott sei Dank, die Gedanken sind frei – das war eines unserer Standardlieder bei Dr. Leucht gewesen – und daher waren viele oft in der Fantasie in einer ganz anderen Welt. Und dann haben eigentlich zahlreiche den Schritt getan und sind ausgebrochen. Mit 35 Schülern hatten wir an Ostern 1959 mit OIII in der Kreuzburg begonnen und schon ein Jahr später, im Herbst 1960 bestand unsere Klasse nur noch aus 22 Schülern.

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Abb. 5: vlnr. oberste Reihe: Franz Lienen, Theo Stüer (†), Rudi Schäfer, Heinrich Parusel, Toni Dieckers, Franz Pfaff, Reinhard Scheid, Josef Hück, Günther Mayer, Hajo Stenger, Franz Hohmann – mittlere Reihe: Werner Wanzura (Weißer Vater), Adalbert Unterstaller, Bruno Holzhauer, Günter Welde, Franz Scholz – untere Reihe: Adalbert Graf, Otto Martin, Franz-Josef Eulenbach (†), Alber Schrenk (Weißer Vater in Afrika), Hubert Bonke (Weißer Vater in Afrika), Gustl Teichmann

Und auf diese 22 Schüler mit ihrem Klassenlehrer P. Zender kam nun die Aufgabe zu, das Theatergeschehen an der Kreuzburg in die Hand zu nehmen. Warum dieser Wechsel stattfinden sollte, ist mir bis heute nicht klar. Möglicherweise haben sich Patres intern daraufhin verständigt, dass PAF nur alle zwei Jahre die Theaterkultur im Haus in die Hand nimmt. P. Zender war ebenfalls staatlich geprüfter Deutschlehrer, allerdings hatte er bei weitem nicht die Erfahrung und die Qualitäten eines PAF. Die Art von P. Zender – heute würden wir ihn vielleicht als Softy bezeichnen – kam bei uns Schülern damals nicht so gut an. Er war sehr linientreu und wollte bei seinen Oberen in keiner Weise (negativ) auffallen. Er machte uns dann den Vorschlag, für Ende 1960 einen Quizabend zusammenzustellen. Das lag natürlich bei weitem nicht in der PAFschen Tradition und konnte sich in keinster Weise mit PAFs Engagement und Können messen. Trotzdem machten wir mit und versuchten im Dezember 1960 eine kleine Unterhaltungsschau auf die Beine zu stellen. Derartige Quizveranstaltungen waren zu dieser Zeit im Radio – und soweit schon vorhanden im Fernsehen - noch sehr beliebt. Hans-Joachim Kuhlenkampff gehört damals zu den beliebtesten Moderatoren in deutschen Landen und er war denn auch unser Vorbild.



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Abb. 10: Bühnenauftritt der PAFschen Klasse; leider sind mir die Namen der Mitwirkenden nicht mehr bekannt.

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Abb. 11: Ein besonderer Höhepunkt war dieses DreiSzenenstück: Es wurde das Verhalten in einer Schulklasse zu verschieden Zeiten (1910 – 1940 1960) demonstriert. 1910 war man noch züchtig und sang fromme Lieder; 1940 ging es zackigmilitärisch in NS-Manier zu; 1960 sind alle gesitteten Verhaltensweisen dahin und eine Laszivität macht sich breit. Lehrer links ist Franz Süßegger; besonders fällt Köbes = Jakob Weber durch seine exzentrische Art auf (dritter von rechts); 1. Schüler von links ist Andreas Wasserfuhr; 4. Schüler von links ist Bernd Stehle.

Im gleichen Jahr, also im November 1961 hat PAF wieder die Regie für einen Heiteren Theaterabend übernommen. In Form kleiner Sketche und kurzer Szenendarbietungen stellte PAF ein unterhaltsames, lustiges und abwechslungsreiches Abendprogramm zusammen. Freilich waren Bühnenbild, Maskerade, technisches Umfeld, Aufführung und Regie wieder höchst professionell.


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Abb. 12: PAF hatte mir die Rolle eines Frankfurter Straßenkehrers zugedacht, der lethargisch im Frankfurter Dialekt seine Arbeitsunlust bekundet..






Viele Eleven haben hier mitgespielt. Leider mussten die Frauen-/Mädchenrollen ebenfalls von Missionsschülern gemimt werden. Anderes konnten die Patres wohl nicht verantworten. Für uns wäre es freilich ein Vergnügen gewesen, mit netten Mägdelein aus dem Dorf zu üben und aufzutreten. Ich glaube, das wäre damals nicht ohne jegliche Folgen geblieben. Dennoch hat PAF durch diese Anregungen viel zur Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen beigetragen: Man lernte, vor einer größeren Gruppe aufzutreten. Man gewann Erkenntnisse über sein eigens Ich, sein Verhalten in der Öffentlichkeit. So etwas war enorm wichtig, lebten wir doch irgendwie in einer geschlossenen Käseglocke und nur mit kontrolliertem Zugang zur Außenwelt. Ein Jahr später, im November 1962, kam wieder P. Zender zum Zug; er inszenierte das Theaterstück Die Freiheit des Gefangenen von Edzard Schaper (ursprünglich Roman 1950); religiöse Probleme Gewissensfreiheit und staatliche Autorität.
Eine nachhaltige Erinnerung hat das Stück bei mir nicht hinterlassen; Inszenierung und Aufführung haben auch keinen bleiben Eindruck hinterlassen und konnten nicht an die Qualitäten der PAFschen Aufführungen heranreichen.
In meiner privaten Bilddokumentation ist dies das letzte Foto von einem Theaterstück in der Kreuzburg. Sicher gab es später noch weiteres Theaterspiel, allerdings hat sich für uns ab 1963 der Schwerpunkt gewandelt: Es ging in Richtung Abitur und da durfte es keinerlei Ablenkungen mehr geben. Das war wohl auch berechtigt, denn zu dieser Abschlussprüfung musste man in allen schulischen Fächern fit sein. Da gab es kein Abwählen, kein Setzen von Schwerpunkten, keine Auswahl von Prüfungsthemen. Erst am Morgen des Abiturtages erfuhr man, in welchem Fach man geprüft wurde und da musste schon einiges im Hinterkopf parat liegen. Also blieb einem nichts anderes übrig, als sich frühzeitig mit Repetitionen zu beschäftigen.
Dennoch, eines ist sicher, das Theaterspiel war ein wichtiger Moment im Laufe unserer Missionsschülergeschichte. Und ich bin dankbar dafür, dass uns diese Chance geboten wurde, wobei freilich PAF ein besonderer Dankesgruß gen Himmel geschickt werden muss. Zwar wäre damals auch mehr möglich gewesen, aber der uns zur Verfügung stehende Rahmen war eng gesteckt.

Stadecken-Elsheim, 2. Juli 2015 Hajo Stenger

Ergänzungen von Rudi Schäfer und Gustl Teichmann

PS: Mag sein, dass in der Erinnerung einiges durcheinander geriet, daher bin ich dankbar für Hinweise und Ergänzungen, die ich gern einbaue bzw. diesem Bericht anhänge.

Ergänzungen Hans-Gerd Dauster:

Zu dem Bericht von den beiden vielleicht noch einige Ergänzungen:

Abb. 2 denke ich, sitzt in der Mitte Reinhold Boden, der dann auch kniend (rechts) zu sehen ist in Abb. 4.

Abb. 9: Am Tisch sitzen: Raimund Krause (+), war Pastor der Diözese Trier, u. a. Kaplan in Saarlouis und hatte damals mein neues Haus eingesegnet, mit dem Rücken zum Betrachter müsste Hans-Joachim Wagner sein, in der Mitte einer der Schmidt-Brüder, ich denke es ist Hans und ganz rechts Alfred Zirwes.

Abb. 10: von links (soweit ich es deuten kann - war ja meine Klasse): Klaus Iffland, Berthold Hirt, Raimund Krause, ? , Albert Heuser (+), Klaus Schnabel, ?, Alfred Zirwes, ?,?, : Sitzend Hans-Joachim Wagner und HG Dauster. Damals hatte PAF mit uns einen auf Mexikanisch gemacht.

Abb. 11: v.l. Franz Sießegger, dann die Paare: Andreas Wasserfuhr (+) - Klaus Tuchen - Klaus Iffland - Alfred Zirwes Victor Garnreiter ? - Bernd Stehle - Jakob Weber - Albert Heuser (+)

Abb. 16: v.l.: Bernd Stehle, Klaus Schnabel, Jakob Weber, Berthold Hirt, Klaus Iffland, ? evt. Franz Sießegger

Abb. 17: Berthold Hirt, Fahrrad: Jakob 'Köbes' Weber und Klaus Schnabel, Gitarren: Klaus Iffland, Gerd Beutner und ?

Auch Edmund Seemann wurde durch den Bericht zu einer Ergänzung animiert:

Der Bericht von Hajo Stenger über die gekonnten Inszenierungen von PAF in der Kreuzburg haben mich zu einer kleinen Ergänzung animiert. Es waren ja keine einfachen und nur unterhaltsame Geschichtchen, die wir dem Publikum vorspielten, sondern wirklich anspruchsvoll. Denken wir nur an "The First Legion" von Emmet Lavery von unserer Klasse 1957 aufgeführt - 1951 verfilmt: Beichte eines Arztes-Die Erste Legion. Die Klasse nach uns hat sich Molière "Der eingebildete Kranke" ausgesucht.