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heimatjahrbuch

Hans-Joachim Stenger 75 Jahre

Christian Goldschmitt

Folgender Artikel von Christian Goldschmitt erschien 2018 im Heimatjahrbuch des Landkreises Mainz-Bingen
unter der Rubrik "Personen/Lebensbilder"

Typisch rheinhessisch feierte Hajo Stenger seinen 70. Geburtstag mit fast 70 Gästen aus ganz Deutschland in der Straußwirtschaft Huster in Groß-Winternheim. In Frankfurt am Main geboren ist er ein waschechter Hesse. Allerdings ging er auf eigenen Wunsch schon mit 13 Jahren in ein Internat ins schwäbische Haigerloch, weil er als Missionar in Afrika wirken wollte. Nach dem Abitur folgte das Philosophiestudium in Trier, anschließend Theologie in Hörstel und London. Seinen theologischen Abschluss machte er bei den Jesuiten in Frankfurt. Nach kurzer pastoraler Tätigkeit in Königstein und Frankfurt zog es ihn nach Mainz, wo er Geschichte, Politikwissenschaften und Pädagogik studierte und mit dem Staatsexamen abschloss. Mit einer Dissertation über Mainzer Altentagesstätten promovierte er im Fach Erziehungswissenschaften. In den letzten Studienjahren hatte er seine Frau Mechthild, eine gebürtige Mainzerin kennengelernt, die er 1976 in der Ostkrypta des Mainzer Domes heiratete. Das Fach Pädagogik führte ihn in das Studienseminar für berufsbildende Schulen in Mainz. Sodann unterrichtete er zunächst in Worms und dann ab 1979 in Ingelheim. Durch Zufall hatte die junge Familie Stenger ein Baugrundstück in Stadecken-Elsheim erwerben können; dies erwies sich als Glücksfall, da Mechthild Stenger schließlich am Gymnasium Nieder-Olm tätig war und Herr Dr. Stenger an die BBS Ingelheim wechseln konnte. Neben seinem Unterricht in den Fächern Religion/ Ethik, Sozialkunde, Deutsch und BWL war er zehn Jahre Mitglied im örtlichen Personalrat, davon vier Jahre als Vorsitzender. Lange Jahre hat er als Pressereferent über das Schulgeschehen berichtet und im Archiv der Schule geforscht. Als Ergebnis konnten in mehreren Heimatjahrbüchern des Landkreises MainzBingen entsprechende Beiträge veröffentlicht werden. Zudem war Oberstudienrat Dr. Stenger über 30 Jahre an der Arbeitsstelle für Religionspädagogik in Mainz tätig. Hier hat er unzählige Religionslehrer - die meisten aus Rheinhessen kommend - und Studenten beraten und ihnen entsprechende Hilfen für den Unterricht zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat er zusammen mit drei anderen Fachkollegen ein Religionsbuch geschrieben, das in ganz Deutschland Verbreitung gefunden hat. Ein ausgeprägtes Hobby begleitet Dr. Stenger seit seinem Aufenthalt in Haigerloch: Im Nachbarort dort hatte er einen Orgelbaubetrieb kennengelernt und seitdem eine besondere Liebe zum Pfeifenorgelbau entwickelt. Im Lauf der Jahre hat er in seiner knapp bemessenen Freizeit sieben Orgeln gebaut. Zwei davon stehen in Rheinhessen: die 8registrige Chororgel mit barockisiertem Gehäuse im Altarraum der katholischen Pfarrkirche Johannes Evangelist in Groß-Winternheim und seine über 50registrige, sechsmanualige Hausorgel in der Stadecker Talstraße. So hat jetzt Mechthild Stenger, die seit ihrem Studium in Mainz nebenberuflich als Organistin tätig ist, die Gelegenheit, direkt im eigenen Haus zu üben. Als Mitglied der Internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde e.V. ist Stenger Leiter des Arbeitskreises Hausorgel und hat mit 400 Orgelfreunden aus 15 Ländern Kontakt. Zweimal jährlich erhalten diese Orgel-Interessierten Post aus Stadecken-Elsheim: im Frühjahr das Infoblatt „Hausorgel aktuell" und zum Jahresende das umfangreiche Heft „DIE HAUSORGEL" mit verschiedenen Beiträgen über Hausorgeln und deren Bau. Von Stadecken aus werden Treffen und Tagungen für die Hausorgelfreunde geplant und organisiert. Für den Theologen Stenger war ein besonderes Engagement in der örtlichen Kirchengemeinde Elsheim selbstverständlich. So übernahm er zusammen mit seiner Frau zunächst die Kommunionvorbereitung für einige Grup314 Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 2018 Personen / Lebensbilder pen. Daraus ergab sich alsbald die Organisation der alljährlichen ökumenisch durchgeführten Sternsingeraktionen. Da die Pfarrei Schwabenheim, zu der Elsheim gehört, durch Neubaugebiete stark gewachsen war, hatte Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel sonntägliche Wortgottesdienstfeiern eingeführt. Hier wurden natürlich entsprechende ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht. Dafür war Stenger geradezu prädestiniert. Aufgrund seiner theologischen Vorbildung ist es ihm gelungen, diese sonntäglichen Wortgottesfeiern neu zu beleben. Als besonderen Gottesdienst gestaltete Stenger mit viel Fantasie die alljährlichen Weihnachtswortgottesdienste an Heilig Abend in der Elsheimer Walburgakirche. Diese fanden letztendlich so viel Zuspruch, dass das kleine Kirchlein die zahlreichen Besucher gar nicht mehr fassen konnte. In den 1990er Jahren wurde die St. Walburgakirche zu Elsheim umfassend restauriert. Die umfangreichen Arbeiten gingen zunächst sehr schleppend voran. Erst als der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates Dr. Stenger die Organisation der Bauarbeiten in die Hand nahm und den intensiven Kontakt mit dem Ordinariat in Mainz suchte, gelang es, das kleine Gotteshaus zu einem wahren Schmuckkästchen zu machen. So hat sich das besondere Engagement und der persönliche, zeitintensive Einsatz gelohnt. In der von Stenger zusammengetragenen und redigierten Festschrift ,250 Jahre St. Walburga zu Elsheim" wird auf 160 Seiten umfassend über Vergangenheit und Gegenwart des Elsheimer Gotteshauses berichtet. Nach der Wiedereinweihung der Kirche musste eine weitere Aufgabe in Angriff genommen werden, denn die zuvor zur Sicherung ausgebaute EngersSchlaad-Orgel von 1844 sollte wieder in der Kirche ihren Platz finden. Jedoch fehlten zunächst die finanziellen Mittel. Die Beauftragung zum für dieses Projekt zuständigen Orgelsachverständigen seitens des Mainzer Ordinariats spornte Stenger an, sich dieser Aufgabe mit voller Kraft zu widmen. So konnte er innerhalb von zwei Jahren die Kosten für die Restaurierung des Instrumentes zusammenbringen. Abschließend hat er wieder eine 250-seitige Festschrift zusammengestellt: „Die St. Walburga-Orgel zu Elsheim. Von Orgeln, Kirchen-Musik und Menschen im StadeckenElsheimer Land." Neben diesen kirchennahen Betätigungen hat Stenger öfter Beerdigungsfeiern für Menschen gestaltet, die keiner Kirche angehören. Zu seinem 60. Geburtstag hatte Hajo Stenger den mit ihm befreundeten Mainzer Domorganisten Albert Schönberger zu einem Kirchenkonzert in St. Walburga, Elsheim, eingeladen; und nicht nur das, sondern auch die Mitglieder des Jahrgangs 1943/44 aus der Ortsgemeinde waren herzlich willkommen. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine feste Institution, denn seitdem sind viele Jahrgangsevents entstanden: Fahrten, Museumsbesuche, Feste u.a.m. Einzigartig war beispielsweise 2006 der Besuch der Adam Elsheimer Ausstellung im Städel in Frankfurt. Dies war besonders bemerkenswert, weil die Wurzeln dieses Barockmalers nach Elsheim reichen. Und so wurde dann auch zusammen mit der Ortsgemeinde und weiteren Interessierten von Stenger eine Adam-Elsheimer-Initiative ins Leben gerufen, die die Feierlichkeiten zum 400. Todestag im Jahr 2010 plante und maßgeblich durchführte. Inzwischen werden die bis heute regelmäBigen Aktivitäten dieser Gruppe von Elma Degreif mit großem Einsatz fortgeführt. Seine oben erwähnte Hausorgel konnte Stenger nach dem Eintritt in den Ruhestand 2007 nun weiter ausbauen. Und so ist wahrscheinlich die größte von einem Laien gebaute Pfeifenorgel Deutschlands in der Stadecker Talstraße entstanden: 2300 Pfeifen und 6 Manuale. Zu der feierlichen Einweihung durch den Mainzer Domorganisten Albert Schönberger im August 2008 waren 250 Orgelfreunde aus ganz Deutschland nach Stadecken-Elsheim angereist. Der Klang des Instrumentes ist auf zwei CDs festgestalten. Eine erste Tonaufnahme entstand 2008 mit Albert Schönberger. Ausgangspunkt ist das nur in Elsheim und einigen wenigen Orten des Bistums Mainz

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bekannte Weihnachtslied „Oh, wie ruhst Du hold und warm". Der Kirchenchor Elsheim singt das Lied und Schönberger improvisiert in seiner einzigartigen Genialität über diese Melodie und über weitere Weihnachtslieder. In dem beigefügten Booklet hat Stenger die Ergebnisse seiner Lied-Recherchen ausführlich dargestellt. Diese CD hat eine weite Verbreitung gefunden und so wurde ein Stück Rheinhessen über die Grenzen hinaus dokumentiert. Jüngeren Datums ist die zweite Orgel-CD: „Orgelklang und Weinseligkeit im Selztal." Hierzu konnte Stenger den jungen Orgelvirtuosen Dr. Frank Markus Hollingshaus gewinnen. Elf Weingüter aus Stadecken-Elsheim und Groß-Winternheim beteiligten sich an diesem Projekt. Sie haben Wein zur Verfügung gestellt und Hollingshaus hat meisterlich über diese Weine improvisiert. So wurde beispielsweise aus dem „zarten Schmelz" in der Weinbeschreibung ein „Cantilene" auf der Orgel und aus der „spritzigen Säure" ein temperamentvolles„Scherzo". Damit entwickelte sich der in Rheinhessen gewachsene Wein zur klanglichen Botschaft über die Grenzen hinweg. Selbstverständlich hat Hollingshaus auf vier besonderen Orgeln im Selztal gespielt: Engers-Schlaad-Orgel in St. Walburga, Weigle Orgel in der evangelischen Paulskirche zu Elsheim, Hausorgel Stenger, Kohlhaas-Orgel in Groß-Winternheim. Zu dem zuletzt genannten Instrument in Groß-Winternheim hat der Barockliebhaber Dr. Stenger eine besondere Beziehung. Bereits 1989 hatte der damalige Groß-Winternheimer Organist Alex Kloos Stenger auf den miserablen Zustand der Kohlhaas-Orgel angesprochen. Daraufhin hat Stenger das Instrument eingehend untersucht und ein umfangreiches Gutachten erstellt; außerdem wurden einige Orgelbauanstalten wegen Restaurierungsangeboten angeschrieben. Die Summe von etwa 200.000 DM konnte die Gemeinde damals nicht aufbringen, zumal zunächst weitere wichtige Reparaturarbeiten an der barocken Kirche anstanden. Und so musste das Projekt 01 Hajo Stenger. Foto: privat 01 vorerst verschoben werden. Im Jahr 2000 wurde die Orgelfrage erneut aufgegriffen. Stenger wurde als Orgelsachverständiger für das Projekt Groß-Winternheim vom Mainzer Ordinariat bestätigt. Auf Anregung von Stenger wurde dann zunächst der Orgelausschuss wiederbelebt und später am 1. April 2004 ein Orgelverein gegründet. Hier wirkte Stenger zusammen mit dem Orgelverein als ständiger Motor für das geplante Projekt. Und so ist es wider Erwarten gelungen, 2010 den Auftrag zur Restaurierung an die Fa. Müller aus Merxheim zu erteilen. Unter der Betreuung von Stenger konnte dann eine fachgerechte Restaurierung und Teilrekonstruktion durchgeführt werden, sodass das Instrument im September 2012 zur großen Freude der Gemeinde feierlich wieder eingeweiht werden konnte. Zweifelsohne hat Stenger Spuren in Rheinhessen hinterlassen und dazu gehören auch seine drei Kinder; denn alle sind als Lehrer an verschiedenen Schulen in Rheinhessen tätig und wohnen mit ihren Familien nach wie vor in Stadecken. Im Laufe der Jahre hat Stenger seit 1995 regelmäßig Beiträge über StadeckenElsheim und rheinhessische Besonderheiten, 316 Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 2018 Personen / Lebensbilder sowie, über Orgeln, Kultur, Land und Leute in Rheinhessen veröffentlicht, inzwischen sind es 36 Artikel in den Heimatjahrbüchern des Landkreises. Dazu kommt eine Vielzahl von Zeitungsberichten und Informationen über lokale Geschehnisse, sowie eine große Fülle von orgelkundlichen Publikationen. Gerne führt Stenger auch Besucher und Gäste durch die kirchlichen Baulichkeiten in Elsheim und über den Adam-Elsheimer-Weg durch die Elsheimer Weinberge. Und so bleibt zu hoffen, dass Dr. Hajo Stenger noch lange für sein geliebtes Rheinhessen wirken kann.

2018
HEIMATJAHRBUCH
LANDKREIS MAINZ-BINGEN
62. Jahrgang
ab 1957 als Heimatjahrbuch des Landkreises Bingen erschienen. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Landkreises Mainz-Bingen.
Herausgegeben in Zusammenarbeit mit der ,Vereinigung der Heimatfreunde am Mittelrhein e.V." und der Kreisverwaltung Mainz-Bingen.
ISSN 0171-8304