Abitur 1964 in der Kreuzburg
von Hajo Stenger
Ein Blick auf das heutige Kalenderblatt, 5. Februar 2021, lässt die Gedanken wieder einmal zurückfliegen und zwar in das Jahr 1964. An diesem Tag hatten wir erfolgreich unsere mündliche Abiturprüfung hinter uns gebracht und ein Tag später sollte abends der Abikommers in Wasserlos stattfinden. Alle haben die Prüfungen bestanden, aber die meisten doch mit einigem Zittern. Ich glaube, nur Franz Hohmann brauchte nicht vor der Kommission unter Leitung von Herrn Putschbach aus Wiesbaden auftreten.
Das Lokal in Wasserlos war für uns bestellt. Ob dies nun der Donnerstag, der 6. oder Freitag, der 7. Februar war, weiß ich nicht mehr. Die Entfernung dorthin, ca. 7 km, musste natürlich zu Fuß zurückgelegt werden. Heinrich hatte als besonderes Privileg schon seinen schwarzen VW Käfer mit geteilter Rückscheibe in Großkrotzenburg; diesen hatte er aber zur Fahrt nach Wasserlos nicht benutzt. Die meisten unserer Lehrer waren auch anwesend, aber es herrschte eine etwas gedrückte Stimmung. Und so bestand die ganze Feier nur aus Essen und Trinken sowie vielleicht ein paar flüchtigen Worten von dem ein anderen unserer Lehrer. Ob wir zu diesem Zeitpunkt bereits unsere Zeugnisse erhalten hatten, kann ich auch nicht mehr sagen. Zumindest wussten wir aber, dass wir die Reifeprüfung bestanden haben. Im Hintergrund schwelte freilich die Frage, wer denn nun nach Trier zum Philosophiestudium bei den Weißen Vätern gehen wird. Nur Franz Hohmann hatte ehrlich gesagt, dass er nicht nach Trier gehen wolle. PENG hat zwar immer mal wieder versucht, herauszukitzeln, wer den Weg eines Weißen Vaters wohl einschlagen werde; aber so recht gelungen ist ihm das doch nicht.
Die Abi- oder Kommerszeitung wurde ausgeteilt und das ein oder andere darin verlesen. Man hat sich etwas unterhalten, mal gelacht, mal geblödelt, mal … und so ging der Abend recht schnell wieder vorbei und wir machten uns auf den Heimweg, zu Fuß und das im Dunkeln 7 km! Kein Wunder, dass die meisten von uns bis heute noch eine recht gute Kondition zu Fuß haben. Die nächsten Tage waren dann mit Packen, Ausräumen und Abschiednehmen gefüllt. Da brannte hinter dem Nebengebäude tagelang ein Scheiterhaufen. Und es verbrannte vieles von dem, was uns Jahre zuvor beschäftigt und bewegt hat.
Und wie sieht es 57 Jahre nach diesen Ereignissen aus? Von den 13 Abiturienten haben uns 5 inzwischen für immer verlassen; 2 sind den eingeschlagenen Weg zu Ende gegangen, d.h. sie haben in Afrika als Weiße Väter und Missionare gewirkt; einer hat sich ganz aus unserer Gruppe zurückgezogen und will nichts mehr mit uns zu tun haben. Ja, damals war es noch etwas Besonderes, das Abitur abzulegen: Es eröffnete eine akademische Laufbahn, die auch die meisten von uns eingeschlagen haben. Wenn die Wege auch unterschiedlich waren, so sind sie doch in gewisser Weise ähnlich verlaufen. Nun stehen wir am Ende des Weges und wir alle wissen nicht, welche Wegstrecke noch vor uns liegt, wie lange wir noch voranschreiten dürfen. Die Welt hat sich in diesen 57 Jahren enorm verändert. Schon die Tatsache, dass damals ca. 2,5 Mrd. Menschen die Erde bevölkerten, während wir heute auf die 7 Mrd. zugehen, zeigt, dass etwas passiert ist. Kriege gibt es nach wie vor. Afrika ist nicht mehr der schwarze Erdteil, der auf die Segnungen der Zivilisation wartet. An die Veränderungen in unserer Kirche darf ich gar nicht denken. War die Kirche früher eine die Gesellschaft prägende Institution, so gerät sie zunehmen an den Rand und wird geradezu zu einer Sekte, d. h. einer Gruppe von wenigen, die das Wort Gottes hören und befolgen. Ja, Kirche hat sich in den letzten Jahren buchstäblich geoutet, wenn ich an die vielen Probleme denke, die das Volk Gottes zu lösen hat: Missbrauchsskandal, Machtstrukturveränderungen, Priestermangel, Frauenfrage, Homosexualität, Wiederverheiratung Geschiedener, Kirchenschließungen, Zusammenlegung von Pfarreien u.v.m. War das nicht damals eine heile Welt, wenn wir in der Kapelle knieten und beteten? Wenn wir die dreitägigen Exerzitien zu nutzen versuchten, glaubten wir da nicht, dass wir auf dem richtigen Weg sind, der uns zu einem guten Ende führen wird? Ich glaube, für uns alle ist die Zukunft anders geworden als wir damals dachten, sinnierten und planten.
Trotz alledem bin ich sicher und ich kann das wohl auch von vielen von Euch sagen: Wir sind glücklich geworden und haben ein gutes Leben gelebt, jeder an seiner Stelle. Wie hieß noch unser Abispruch: frei in unendlicher kraft umfasse der wille das höchste, aber vom nächsten zunächst greife bedächtig die tat. Ja, wir waren voller Tatendrang und haben auch die Ärmel hochgekrempelt und Kraftanstrengungen unternommen; die meisten haben ein Studium begonnen und viele sind Lehrer geworden, vier wirkten als Priester, davon 2 als Weiße Väter, andere haben eine qualifizierte Laufbahn eingeschlagen; hohe, wenn nicht sogar höchste Ziele haben wir angestrebt und auch zum Teil erreicht, indem wir mit Vernunft und Verstand, bedächtig unseren Weg gegangen sind. Die Grafik auf der Abiturkarte zeigt ein wirres Liniendurcheinander. Darin möge sich die uns umgebende Welt spiegeln; wirr, aus Sicht des Betrachters unlogisch, aber doch das Wesentliche, nämlich uns selbst einrahmend. In der Tat: Erinnerungen sind die bunten Steine, die auf dem Lebensweg hinter uns liegen; das Gestrüpp drumherum wird ohnehin verwelken!
In diesem Sinne wünsche ich Euch noch viele gesunde Jahre; genießt die Zeit und erfreut Euch am Schönen, das in allen Dingen steckt! Herzliche, liebe Grüße
Stadecken, den 5. Februar 2021