Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Tagebuch

Tagebuch 1961/62

Klaus Weiß

Zu meiner Person

Ich, Klaus Weiss, besuchte die Grund- und Hauptschule in Rotenberg, einem kleinen Dorf bei Stuttgart. Aus dem Dorf war noch nie jemand aufs Gymnasium gegangen. So hatte ich vor, die Hauptschule abzuschließen und einen Beruf zu lernen.

Nun stellte sich meine Mutter schon seit Längerem vor, dass ich Priester werden könne. Diese Vorstellung traf sich auch mit der Ansicht meines Lehrers, dass ich eine weiterführende Schule besuchen sollte. So setzten sich meine Eltern mit unserem Stadtpfarrer in Verbindung. Durch dessen Vermittlung hatten sie schon Kontakt mit dem Knabenseminar in Rottenburg aufgenommen, da kam eines Tages ein Missionar der Weißen Väter in unsere Gemeinde und hielt einen Vortrag über seine Missionsarbeit. Dazu führte er einen selbstgedrehten Film mit verwackelten Bildern vor, der Palmen, Affen, tanzende Afrikaner und schilfgedeckte Rundhütten zeigte. Dies sprach mich ungemein an und ich meldete mich anschließend bei dem Pater. Dieser erreichte tatsächlich meine Aufnahme im Missionshaus in Haigerloch. Obwohl ich bereits 13 Jahre alt war, fing ich in der Sexta an. Ich stellte aber bald fest, dass es noch andere „Spätberufene“ in der Klasse gab, weshalb wir uns immer sehr gut verstanden. Auch die strengen Regeln und die Unberechenbarkeit von Pater Buse schweißten uns zusammen.

Das Tagebuch fing ich erst in der Quarta aus einer Laune heraus an. Es war die Zeit, als uns die Auswirkungen der Pubertät zu schaffen machten.

Diese Tagebucheinträge sind eine Auswahl aus meinen Erlebnissen über ein Jahr in Haigerloch, wobei Dinge, die ich in den Ferien erlebte und mit meiner Familie zu tun haben, ausgelassen wurden.

Das Tagebuch enthält kaum Hinweise auf meine wahren Gefühle gegenüber dieser Art von „Pädagogik“, da man bei Entdeckung der Aufzeichnungen schwerwiegende Konsequenzen fürchten musste.

Die Atmosphäre von Repression und Heuchelei hatte sicher mit der Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit von Pater Buse zu tun. P. Vogt stand ihm nicht viel nach. Die Übertretung der Regeln war immer ein Akt jugendlicher Auflehnung gegen diese Art von Verständnislosigkeit und Unterdrückung. Wenn man sich heimlich in die Stadt schlich, um ein Bier zu trinken oder heimlich ins Kino zu gehen, fühlte man sich als Mensch, auch wenn man einen seichten Film anschaute.

Nach fast 50 Jahren sehe ich manche Dinge in milderem Licht, ich würde aber trotzdem kein Kind einer solchen Institution anvertrauen. Dennoch bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie das Schulgeld von DM 60 aufbrachten, was ihnen nicht leicht fiel und mir damit die Grundlagen eines guten Lebensweges ermöglichten.

Ich muss auch anerkennen, dass sich mehrere der Patres uns pubertierenden Jungens gegenüber verständnisvoll zeigten und ihre Aufgabe gut machten, wobei wir Sechzehnjährigen es ihnen nicht immer leicht machten.
[In Klammern stehen Erklärungen, die ich später zum besseren Verständnis einfügte].

Die Klassenkameraden Untertertia 1961

  • Bippus, Hans-Werner (Rottweil)
  • Günder, Alfons (Killer)
  • Huppertz, Eugen
  • Kunert, Gerhard (Pfullingen)
  • Lohmüller, Meinrad (Rottenburg)
  • Moritz, Peter (Frankfurt)
  • Ott, Franz
  • Steim, Werner (Haigerloch)
  • Teichmann, Bernhard
  • Thoma, Josef
  • Weiss, Klaus (Stuttgart)
  • Wissel, Alfred (Königshofen)
  • Wasmer, Anton (Todtnau)

29.Mai 1961

Heute kam ich wieder von den Pfingstferien zurück. Nach meiner Ankunft in Haigerloch packte ich meine Koffer aus, dann holte ich mein Radio ab, das ich zur Reparatur abgegeben hatte. Aber leider konnten sie es nicht reparieren. Ein Transistor und ein Kondensator fehlten. Ich muss mich jetzt hinter das Fach Griechisch setzen.

29.Mai 1961

Frl. Scherzinger, unsere Englisch- und Deutschlehrerin ist krank. P.Buse hält statt ihrer Stunden jetzt Griechisch. Wie sehr wir das „liebten“, weiß nur der, der schon einmal Griechisch bei P.Buse gehabt hat.

31.Mai 1961

Am Nachmittag mussten die dritte und vierte Klasse 300 Zentner Kohlen vom Binnenhof in den Keller tragen. Wir brauchten vier Stunden dafür. Anschließend konnten wir eine Dusche nehmen. Aber als zwei Mitschüler und ich geduscht hatten, war schon alles von anderen aufgegessen.

1.Juni 1961 - Fronleichnam

Um 8 Uhr hielt P. Bumiller in der Hauskapelle ein Hochamt. Nach dem Frühstück gingen wir in die Schlosskirche, um an der Prozession teilzunehmen. Wegen des Regens fiel sie aber aus, ebenfalls der Spaziergang nach dem Kaffee. Im Freistudium musste ich Griechisch lernen. Am Abend sahen wir zwei Schulfilme.
[Im „Freistudium“ konnte man genehmigte Bücher lesen, im „Studium“ musste man Hausaufgaben erledigen].

2.Juni 1961

Ich musste allein im Schulladen verkaufen, da P.Buse nicht da ist. [Ich hatte das Amt des „Ladenministers“].

3.Juni 1961

Von zu Hause bekam ich ein Paket mit Strümpfen und Bananen und DM 5 Taschengeld.

4.Juni 1961 – Sonntag

Wir haben heute Exerzitien. Das sind sogenannte Einkehrtage, in denen wir auf den vergangenen Monat zurückschauen sollen und bis zum Mittagessen um 12 Uhr den Mund halten sollen. Ich brachte es aber nicht fertig. Um 10 Uhr hielt P.Vogt einen Vortrag über den Glauben an das Altarsakrament. Einige Klassenkameraden und ich gingen verbotenerweise auf den Rummelplatz nach Weildorf, anlässlich des 40jährigen Bestehens des Weildorfer Sportvereins. Josef Thoma und ich fuhren zweimal Schiffschaukel. Einmal machen wir ein Rennen mit Heide und Ingrid. Unter der Schaukel stand die Weildorfer Jugend und bewunderte Heides grünen Unterrock und ihre schwarze Unterhose und machte Witze über die gute „Aussicht“. Nachher schoss ich mit einem Schuss eine Rose, d.h. ich traf gar nicht, sondern sagte zu dem Fräulein, dass sie mir diese Rose geben solle. Alfred Wissel legte 50 Pfennig auf den Tisch, schoss zwei Rosen und nahm das Geld wieder weg. Zum Schluss nahmen Alfred und ich zwei Bierkrüge als Souvenir mit. Am Abend wurden im Schlafsaal bis 1 Uhr Witze erzählt und Schlager gesungen.

5.Juni 1961

Klaus Kury hat mir einen Brief geschickt, in dem er schreibt: „Mich reut es gar nicht, dass ich von Haigerloch weg bin. Bei uns gibt es keine Petzer wie bei Euch“. Klaus Kury wurde nämlich im Februar dieses Jahres entlassen, weil er, Alfons, Werner und Alfred sich fast jeden Tag mit Mädchen trafen. Klaus und Alfons gingen in der Nacht, bevor Klaus Kury rausflog, am Haus von Felizitas Mayer vorbei. Außerdem klauten sie in unserer Küche Kuchen, da sie Hunger hatten. [Die eingehenden Briefe wurden vom Pater Superior geöffnet und gelesen].

6.Juni 1961 – Schulfrei

Schulfrei wegen der Einweihung des Landtagsgebäudes in Stuttgart. Morgens um ½ 2 weckte uns Alfons. Daraufhin aßen wir den ganzen Kuchen von Alfons, dazu noch eine Dose Ananas von Hans-Werner und tranken zwei Flaschen Saft von Meinrad. Am Nachmittag machten wir mit P.Vogt eine Wanderung über das Laibertäle nach Kilchberg. Sie dauerte sechs Stunden.

7.Juni 1961

Der P.Superior [Buse] hat uns gedroht, er würde uns auf alle Schlafsäle verteilen, wenn wir weiter so reden würden wie gestern. Peter Edele, kurz „Scotchman“ genannt, hat uns gestern um 4 Uhr reden gehört und alles an P. Superior berichtet. Scotchman wohnt und arbeitet als Hausangestellter im Missionshaus. Aber er wusste nicht, dass wir in der Nacht gegessen hatten, sonst …

8.Juni 1961

Heute sehen wir uns den Film „Der große Zug nach Santa Fe“ an.

10.Juni 1961

Ich war gerade beim Studieren, als mich vor einer ¼ Stunde mein Klassenkamerad Alfons aus dem Studiersaal holte und mich aufs WC schleppte. Dabei flüsterte er mir zu: „Klaus Kury ist in der Stadt“. Dabei übergab er mir einen Zettel mit diesem Wortlaut: „Lieber Klaus, ich bin mit meinem Kumpel heute und morgen Vormittag bis 12 Uhr in Haigerloch. Sei bitte heute Abend um 11:30h am Fenster von deinem Schlafsaal. Wenn nicht, dann bitte morgen um 10:30, also nach dem Studium am Progymnasium. Also bis später, Klaus Kury“.
Man kann sich denken, wie aufgeregt ich war. Ich sagte zu Alfons, dass er mich wecken solle. Er weckte mich pünktlich um ½ 12 und wir gingen dann zusammen in den Studiensaal [= Klassenzimmer]. Klaus Kury und sein Freund Dieter standen vor dem Fenster und begrüßten uns. Wir fanden diese Stelle aber zu gefährlich, da P. Vogt genau über unserem Studiensaal schläft. Wir schickten dann die beiden ans Fenster des WC. Wir unterhielten uns über mancherlei Dinge und steckten eine Zigarette an. Um ½ 1 verabschiedeten wir uns und Alfons und ich schlichen wieder auf unseren Schlafsaal. Wenn das P.Superior wüsste, würden wir sofort rausfliegen.

1.Juni 1961 – Sonntag

Um 9 Uhr sah ich Klaus Kury und Dieter mit dem Fahrrad zum Butzengrabenwäldchen fahren. Heide habe ich auch in der Nähe gesehen. Während ich im Studiensaal der Quinta Aufsicht führte, hörte ich Klaus mit den Mädchen reden. Das Wäldchen ist nur 150 m vom Haus entfernt.
Ganz wohl ist es mir heute nicht wegen gestern Abend. Hoffentlich erfährt P. Superior nichts davon. Wir werden hier bei den Weißen Vätern sehr kurz gehalten. Wenn man darüber mit Freunden spricht, sagen die Patres, wir würden Opposition betreiben. Als Alfred und ich einmal einen Spaziergang durch die Stadt machten, drohte man uns gleich mit Entlassung, wenn das noch einmal vorkommen sollte. Wenn man im Haus beim Reden erwischt wird, muss man gleich spülen oder abtrocknen.
Beim Mittagessen habe ich erfahren, dass einige Schüler Klaus Kury gesehen haben. Alfons und ich stellten uns dumm.

12.Juni 1961

Heute Morgen in der Griechischstunde fragte P.Buse Alfons: „Bist du gestern mit Klaus Kury zusammengekommen?“ Alfons stritt das ab. Er sagte nur, dass er glaubte, ihn am Sonntag Morgen gesehen zu haben. Wir haben dann sofort einen Brief an ihn geschrieben, dass er ja nichts über unser Treffen schreiben solle. [Ausgehende Briefe wurden auch gelesen, deshalb wurden sie heimlich eingeworfen].

14.Juni 1961

Heute kommt endlich Frl. Scherzinger von ihrer Krankheit zurück. Wir haben uns riesig gefreut.

15.Juni 1961

Josef Schwörer und ich wurden vom Vorbeteramt durch Raimund Pousset und Schnell abgelöst, wie P.Schröter sagte, wegen des Stimmbruchs.

17. Juni 1961- Tag der deutschen Einheit.

Heute ist schulfrei. Daher beschlossen die oberen „Fünf“ (Patres) eine Wanderung zu unternehmen. 10 Minuten vor 6 Uhr wurde aufgestanden. Nach Messe, Frühstück und Proviantverteilung setzte sich die Kolonne mit P. Vogt an der Spitze und P. Herrmann am Ende in Bewegung. Wir wanderten durch das Dörfchen Trillfingen über Wachendorf, wo übrigens das Schloss von Ow steht. Von diesem Schloss stammt der berühmte Minnesänger Harthmut von der Aue. Gegen 1 Uhr erreichten wir Rottenburg. Der Weg war ca. 25 km lang. In einem Mädcheninternat bekamen wir von den Schwestern einen Teller Suppe und einige Schnitten Weißbrot. Die Eltern eines Mitschülers aus Rottenburg, Familie Lohmüller, schenkte uns 22 Flaschen Obstsaft. Das war prima!
Herr Ganser zeigte uns den Bischofsdom von Rottenburg. Danach brachen wir zum Weggental auf, einem Wallfahrtsort bei Rottenburg. Nach einem längeren Gebet und einer kurzen Rast traten wir den Heimweg an. Um 16:14 bestiegen wir in Rottenburg den Zug in Richtung „Heimat“.

18.Juni 1961

– Sonntag Heute ist Besuchstag, da können uns Eltern und Verwandte besuchen. Dieses Mal hatte ich keinen Besuch. Beim Mittagessen verkündete P.Buse, dass diejenigen, die keinen Besuchen haben, um 2 Uhr Freistudium hätten und um 4 Uhr einen Spaziergang machen sollten. Wir, die wir keinen Besuch hatten, waren sehr wütend. Da beschlossen Josef Thoma, Alfred Wissel und ich in die Stadt zu gehen. Unterwegs trafen wir Benito, einen Italiener, der bei uns im Haus wohnt. Wir gingen gemeinsam durch die Stadt und landeten schließlich im „Schlösse“ [Brauereigaststätte]. Wir tranken dort drei Bier, Alfred verspielte 50 Pfennig, Josef gewann 50 Pfg und verspielte 60 Pfg. Danach gingen wir wieder ins Missionshaus zurück. Doch statt um 2 Uhr Freistudium zu machen, gingen wir zu Benito und hörten Schlager. Benito übersetzte die italienischen Lieder, es ging ziemlich vergnügt zu. Als wir dann um 5 Uhr dort weggingen, liefen wir P.Superior in die Hände, der gerade mit Herr Elser sprach. Wir sagten, wir kämen gerade vom Schlafsaal. Er ließ uns dann laufen, aber am Montag gab er uns in der Geistlichen Lesung vor aller Öffentlichkeit eine deutliche Warnung. Auch Alfons und Franz Ott bekamen eine, da sie verbotenerweise in der Stadt waren. Wenn P.Buse wüsste, dass wir im Wirtshaus waren, und bei Benito Schlager gehört hatten, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen.
Anschließend gingen wir spazieren, schauten Heide und Ingrid beim Baden zu und vertilgten zusammen 9 Eis.

21.Juni 1961– Fest des hl.Aloysius

Heute ist wegen des Festes unseres Hauspatrons nicht nur schulfrei, sondern ein hoher Feiertag im Missionshaus. Während des einstündigen Essens durfte ich mit Alfons Günder und Josef Schwörer Kellner spielen. Unsere ganze Lehrerschaft war anwesend. Es gab Erbsen- und Gelberübengemüse mit Kartoffelpüree. Außerdem bekam jeder ein Schnitzel und eine Flasche Sprudel. Zum Nachtisch wurden Erdbeeren mit Eis serviert. Nach dem Essen gingen Alfred und ich zu Benito. Der Spaziergang führte uns über Weildorf und zurück durch Haigerloch, vorbei am Badeplatz. Roland Sauer, kurz „Schwob“ genannt, klaute dort den Mädchen einen Schwimmring und einen Schuh. Da liefen ihm die Badegäste alle nach und jagten ihm die Beute wieder ab.

24.Juni 1961

In den letzten Tagen ergriff P.Buse immer strengere Maßnahmen. Für jeden Schlafsaal ernannte er einen, der jeden aufschreiben sollte, der nur einen Laut von sich gibt. Das galt vom Abendgebet bis zum Bettenmachen am Morgen. Das Ergebnis war, dass ich zweimal spülen und abtrocknen musste. Als Alfred nach Hause schrieb, dass wir stundenlang Kohle tragen mussten (siehe 31.5.61), holte ihn P.Buse auf sein Zimmer und beschimpfte ihn. Heute mussten wir das Heu einbringen. Obwohl ich im Laden [ich war Ladenminister] genug zu tun hatte, musste ich trotzdem auch mithelfen. Um 2 Uhr fingen wir an, um 4 Uhr gab es eine Schnitte Brot und 2 Becher Tee. Da orakelte P.Vogt, um 6 Uhr würden wir todsicher fertig sein. Tatsächlich waren wir erst um 7 Uhr fertig. Danach duschten wir. Das auf ½ 7 angesetzte Abendessen gab es eine Stunde später. P.Buse hatte heute wieder mal seine „fünf Minuten“. Ich durfte 1 Wort 10 mal, 2 Sätze je 5 mal, und eine Hausarbeit drei mal abschreiben. Alfons erzählte mir, er hätte Heide „zufällig“ in der Stadt getroffen. Tatsächlich trifft er sich mit ihr regelmäßig, will es aber nicht zugeben. Sie sagte ihm, dass Klaus Kury ihr geschrieben hat. Von ihr erfuhr er auch, dass P. Buse mit der Mutter von Klaus Kury telefoniert habe und dass er folglich nicht mehr so schnell in Haigerloch auftauchen kann.

25.Juni 1961

Heute badeten wir zum ersten Mal in diesem Jahr. Das waren Alfons, Alfred Wissel und Peter. Dort waren auch Frl. Eger und noch einige andere Mädchen, darunter auch Heide. Natürlich geschah das ohne Wissen der Patres. Wenigstens eine Sonnenseite des Missionshauses, wenn auch unter großen Gefahren und Ängsten.
Frl.Eger mit ihrer Freundin Margarete und ihren Geschwistern vor der Brauerei Maier.

27.Juni 1961

Heute Abend ließ P.Buse in der „Geistlichen Lesung“ ein gewaltiges Donnerwetter los: „Liegt euch gar nichts am Ruf des Missionshauses? Einfach badenden Mädchen zuzuschauen und das noch mit Erlaubnis einen Tertianers (Franz Ott). Und dieser sagt auch noch `So, hier bleiben wir stehen´“. Dass wir sogar selbst gebadete hatten, wusste er allerdings nicht. Wir wissen nicht, wer uns verraten hat. Hier ist übrigens unser Tagesplan:
  • 06:15 Aufstehen
  • 06:30 Hl. Messe
  • 07:30 Bettenmachen und Studium
  • 07:45 Frühsport
  • 07:55 Frühstück
  • 08:20 Unterricht
  • 12:45 Freistudium
  • 12:55 Besuchung [Gebet]
  • 13:00 Mittagessen
  • 13:30 Erholung
  • 14:30 Studium
  • 15:30 6. Schulstunde
  • 16:00 Kaffeepause
  • 16:15 Handarbeit
  • 17:00 Studium
  • 18:45 Abendessen
  • 19:40 Geistliche Lesung
  • 20:00 Segen oder Freistudium
  • 20:30 Abendgebet und Bettruhe
Mittwoch Nachmittag:
  • 14:00 Spaziergang
  • 16:00 Kaffeepause
  • 16:30 Studium
Sonntag:
  • 06:40 Aufstehen
  • 07:00 Morgengebet
  • 07:10 Freistudium
  • 08:00 Hl.Messe
  • 09:00 Frühstück
  • 10:00 Studium
  • 10:30 Freie Zeit
  • 11:55 Besuchung [Gebet]
  • 12:00 Mittagessen
  • 12:30 Erholung
  • 14:00 Spaziergang
  • 16:00 Kaffeepause
  • 16:30 Freistudium
  • 18:25 Segen
  • 18:45 Abendessen
  • 19:20 Erholung
  • 19:30 Freistudium
  • 20:00 Abendgebet und Bettruhe

27.Juni 1961

Heute gingen Alfred Wissel und ich wieder zu Benito und hörten Schlager. Er zeigte uns eine Arztrechnung von Dr. Mayer. Wir mussten beide grinsen. Als er nach den Grund fragte, sagten wir nichts. Die Tochter des Arztes Felizitas Mayer fanden alle in der Klasse sehr attraktiv. Im Winter fuhr sie gern mit uns Schlitten. Auf dem Gang fing uns P. Buse ab. Wir versicherten, dass wir gerade aus dem Schlafsaal kämen. Heute Abend wurde M.M., ein Sextaner, entlassen, da er beim Stehlen erwischt wurde. Er sperrte sich daraufhin in der Hauskapelle ein und warf den Schlüssel zum Fenster raus. Nach langem Zureden ergab er sich und P. Buse fuhr ihn nach Hause, denn er wohnte in der Nähe.

2.Juli 1961

Heute sind Exerzitien. P. Vogt hält eine Ansprache über Wahrhaftigkeit. Er meinte, man solle jeden an P. Buse melden, der „schlechte“ Bücher liest. In den Ferien solle man nicht jeden Film anschauen und nicht den Kontakt mit Mädchen suchen. Am Nachmittag musste ich mit Peter Moritz die Sexta und die Quinta beim Spaziergang führen. Wir wandern nach Stetten zum „Eyachpokalspiel“. Mit Nowack und Loges bin ich Schiffschaukel gefahren. Als Aufsichtspersonen haben wir natürlich nichts bezahlt. Auf dem Rückweg sahen wir Sabine, die mir gut gefällt.

7.Juli 1961

Heute sahen wir den Film „Amsel, Drossel, Fink und Star“, und zwar in der Brauereigaststätte Maier zusammen mit anderen Schulklassen aus Haigerloch. Zu Beginn der Vorstellung fing ein Volksschullehrer an wie ein Rohrspatz zu schimpfen. Als Roland Sauer („Schwob“) dazu eine Bemerkung machte, geriet er erst richtig in Fahrt. P.Herrmann schämte sich für uns. Der Film wurde in Russland gedreht und zeigte Vogelaufnahmen. Von dem Film bekamen wir nicht viel mit, denn vor uns saß Frl. Eger, deren Vornamen ich nicht weiß, Ingrid und Margret. Alfred und ich steckten ihnen Papier ins Genick und banden ihre Jacken zusammen. Margret haben wir das Haar gekämmt, was sie sich gern gefallen ließ.

10.Juli 1961

Heute besuchte uns unsere frühere Biologielehrerin Frl. Aldejohann, die jetzt nach ihrer Heirat Frau Sickinger heißt. Am Nachmittag schickte mich P. Buse zum Friseur, der mir den schönen Rundschnitt, den mir Alfred Wissel mit dem Rasierapparat gezaubert hatte, wieder entfernen musste. Alfred hatte der halben Klasse einen Rundschnitt verpasst. Als P.Schröter mich einmal fragte, wer diese Frisur gemacht hatte, antwortete ich „der Rasierapparat“. Er gab sich mit dieser Antwort lachend zufrieden. P. Schröter ist allgemein beliebt bei den Schülern. Heute sagte P. Superior, wir bräuchten die Mädchen nicht meiden, sollten aber keinen Kontakt mit ihnen suchen. Der Mann sucht das Gegenstück seines Lebens in der Frau und umgekehrt, der Priester sucht es aber in Gott.

16.Juli 1961

Heute habe ich Frl. Eger und Margarete heimlich fotografiert. In der Klasse bestellten einige die Fotos, ohne sie vorher gesehen zu haben.

17.Juli 1961

Heute Abend sahen wir den Film über den Krüger-Nationalpark, den die südafrikanische Botschaft dem Missionshaus ausgeliehen hatte. Er gefiel uns recht gut.

21.Juli 1961

Der letzte Schultag. Packtag! Dazu hatte wir von 17:30 bis 18 Uhr Zeit. P. Buse hatte verboten, heute in die Stadt zu gehen. Eine Ausnahme galt nur für die, die ein Paket zur Post bringen mussten. Ich „lieh“ mir deshalb ein Paket von Joseph Thoma aus und konnte so ungehindert und rechtmäßig in die Stadt gehen. Unterwegs traf ich Josef Seidler. Zusammen gingen wir in das Radiogeschäft gegenüber dem Gasthaus „Dreikönig“. Wir ließen uns Musik von mehreren Radios vorspielen und gingen dann wieder weg.
Am Abend machten wir Hans-Werner Bippus, Peter Moritz, Alfons Günder und ich bis ½ 10 Uhr Unsinn im Schlafsaal. Da kam P. Buse reingefegt und schrie: „Keiner fährt morgen früh nach Hause" [Es war der Ferienbeginn].

22.Juli 1961–Samstag

Um ½ 5 Uhr wurden wir geweckt. Nach dem Frühstück rief P.Buse den Schlafsaal der UIII in den Studiensaal und ordnete an, dass wir vier, die gesprochen hatten, die Heizungsrohre sämtlicher Schlafsäle putzen müssten, erst dann dürften alle anderen nach Hause fahren. Wir arbeiteten mit Hochdruck und waren um 8 Uhr fertig. Allerdings konnten die Missionsschüler, die in Richtung Eyach fuhren, deshalb nicht den ersten Zug nehmen. Der nächste fuhr erst um 10:30 h. Ich ließ mir daher meine Fahrkarte über Hechingen umschreiben und konnte so schon den Zug um 08:30 h nehmen. [Es folgen Einträge für die Sommerferien]

05. September 1961 - Anreise

Nach dem Eintreffen der Klepfer begann das große Erzählen und Übertreiben. Josef, Alfred und ich gingen ins „Schlösse“, tranken einige Biere und gingen wieder heim.

10. September 1961

Heute sagte P. Buse, dass jeder, der aus den Ferien kein Führungszeugnis mitgebracht hatte, an seinen Pfarrer schreiben müsse. Es war uns aufgetragen worden, am Anfang und am Ende der Ferien zu unserem Pfarrer zu gehen, um ein sogenanntes Führungs- oder Sittenzeugnis zu bekommen. Ich brachte keines und schrieb auch nicht an den Pfarrer, was aber keine Folgen hatte.

11. September 1961

Heute Morgen ist der Sextaner Gerhard Wissmann, der Bruder von Rolf Wissmann abgehauen. Den ganzen Morgen hatte er vor lauter Heimweh geweint. In der Großen Pause war er verschwunden. Per Anhalter fuhr er zu seiner Oma nach Empfingen. Dort holten ihn seine Eltern wieder nach Hause.
Heute Nachmittag mussten wir Heu machen. Dabei ärgerten wir Scotchman. Wir sollten einen Wagen voller Heu, auf dem er oben saß, schieben. Dabei brachten wir den Wagen so zum Schwanken, dass er es mit der Angst zu tun bekam. Als er runtersprang, um uns zu verhauen, rannte wir weg und lachten.

17. September 1961

Heute Morgen um 01:15 h weckte uns Alfons. Wir rauchten einige Zigaretten und erzählten uns die Filme, die wir in den Ferien gesehen hatten. Danach griffen Alfons und Peter zur Gitarre und wir sangen alle Schlager, die wir kannten. Gegen 5 Uhr mussten wir aufhören, denn um diese Zeit standen die Patres auf.

20. September 1961

Statt eines Spaziergangs (Mittwoch !) müssen wir im Garten mit dem Spaten umgraben. Zuerst bedienten wir uns an den Tomaten und machten dann eine Drecksschlacht, sobald Bruder Mathias weg war. Danach gingen Alfred und ich zum Fotografen, um die Bilder der fotografierten Mädchen abzuholen. Wir gaben riesig an, indem wir sagten, dass wir nur die harmlosen Bilder zeigen würden.

27. September 1961

Heute Abend gingen wir, Alfred, Franz, Alfons und ich in die Stadt. Wir gaben vor, eine ältere Frau, die in der Küche arbeitet nach Hause zu bringen, was wir auch machten. Alfred machte alle Mädchen an, die uns begegneten. Da P. Buse einige Tage verreist ist, gehen wir nun öfters in die Stadt.

08. Oktober 1961

Heute hat Alfons Geburtstag, er wird 16 Jahre alt und wir gedachten das ordentlich zu feiern. Von zu Hause hatte er sich Nescafe, Milch, Zucker und Kuchen schicken lassen. Um ½ 12 in der Nacht gingen wir in das Krankenzimmer und holten dort einen Wasserkocher, der P. Vogt gehörte. Leider passte aber das elektrische Kabel nicht in die Schukosteckdose. Deshalb montierten wir die Abdeckung der Steckdose ab und steckten den Stecker direkt rein. Als das Wasser kochte, weckten wir noch Franz Ott und wir vier tranken auf dem Boden Bohnenkaffe aus unseren Zahnbechern und verzehrten den Kuchen („Kalter Hund“). Dann wachte auch Peter Moritz auf und nahm an der Feier teil. Er hatte zufällig ein Döschen Maxwell-Kaffee und noch einen Kuchen in seinem Pult im Klassenzimmer.
Wir wollten uns gerade eine Zigarette (Marke HB) anzünden, als wir eine weiße Gestalt hinter uns auftauchen sahen. „Was ist hier los?“ donnerte er. Es war ein Bruder, der erst seit einer Woche im Missionshaus war. Er ging wieder raus und wir räumten sofort alle Sachen weg. Kurz darauf kam er wieder herein und blies die Kerze aus, die wir angezündet hatten. Wir beratschlagten, wie wir uns aus der Affäre herausreden könnten, falls er uns verriet. Bald darauf kam er zum dritten Mal herein, machte das Licht an und schaute, ob wir alle schliefen.
Als die Patres um 05:30 h Anbetung hielten, brachte Alfred den Kocher und das Kabel wieder ins Krankenzimmer, während wir die Abdeckung an der Steckdose wieder anbrachten. Den ganzen Sonntag saßen wir alle wie auf Kohlen. Der Bruder hat uns aber zu unserer unsagbaren Erleichterung nicht verraten.

15. Oktober 1961 - Besuchstag

[Besuch meiner Mutter mit meinem Bruder.] Sie fuhren um 16:16 wieder ab. Auf dem Heimweg traf ich Alfred, Manfred Mauz und „Schwob“. Wir entschlossen uns, ins Kino zu gehen. Gespielt wurde der Film „Gehen Sie nicht allein nach Haus, Schlagerparade 1961“ mit Vivi Bach, Bill Ramsey, Peggy Brown u.a. Leider mussten wir um 18:10 h das Kino verlassen, da um 18:20 h Andacht war.

17. Oktober 1961

Heute sahen wir in der Brauerei Maier den Film „Und sie zerbrachen nicht“. Der Film handelt von einem französischen Pater, der Arme und Verbrecher von der Straße holte und für sie sorgte. Der Film war interessant und spannend.
Neben mir saß Franz. Er rückte mit dem Stuhl immer weiter nach hinten und griff dabei einem der Mädchen unter den Rock. Alfred, der links von mir saß, bemerkte es zuerst und schaute hinüber. Das Mädchen gab ihm ein Zeichen, nichts zu verraten, aber Alfred sagte es mir trotzdem.

25. Oktober 1961

Während des Oktobers ist jeden Tag Segen. Da müssen wir zwei Gesetze des Rosenkranzes beten. Früher war es sogar ein ganzer Rosenkranz.

29. Oktober 1961

Heute Abend nach der Abendandacht beginnen um 19:30 Uhr die Jahresexerzitien mit dem ersten Vortrag. Sie dauern bis Mittwoch Morgen. Während dieser Zeit sollen wir kein Wort miteinander sprechen, jeder soll sich mit sich selbst beschäftigen. Während des Essens wird ein erbauliches Buch gelesen, es heißt „Feuer hinter Namugongo“. Der Tagesplan ist folgender:

Montag und Dienstag Morgen:
  • 06:30 Aufstehen
  • 06:50 Morgengebet
  • 07:00 Hl. Messe
  • 07:50 Frühstück, Bettenmachen, „Freie Zeit“
  • 08:30 Erster Vortrag, Besinnung
  • 10:30 Zweiter Vortrag, Besinnung
  • 11:45 Studiensaal
  • 11:55 Besuchung und Gewissenserforschung
  • 12:00 Mittagessen
  • 12:45 Bettruhe oder „Freie Zeit“
Montag Nachmittag:
  • 14:00-14:45 Handarbeit
  • 14:45 Dritter Vortrag, Besinnung
  • 15:30 Kaffee und „Freie Zeit
    Dienstag Nachmittag:
  • 14:30 Singstunde
  • 15:00 Vierter Vortrag, Besinnung
  • 16:00 Kaffee und Handarbeit
Montag und Dienstag Abend:
  • 17:15 Fünfter Vortrag und Besinnung
  • 18:30 Segensandacht
  • 18:45 Abendessen und Erholung
  • 19:30 „Freie Zeit“
  • 20:00 Abendgebet und Nachtruhe.
In der „Freien Zeit“ können wir einzeln für uns auf dem Hof herumgehen oder in der Kapelle beten. Exerzitienmeister ist P. Jetter, der auch die Vorträge hält.
Das Silentium strictissimum hielt ich bis Montagmorgen durch. Außer zwei haben es alle in unserer Klasse gebrochen. In den Vorträgen, die sehr langweilig waren, habe ich heimlich gelesen oder gezeichnet. Dass die Exerzitien auf schulfreie Tage fielen, trug nicht wenig dazu bei, dass die meisten kein großes Interesse daran hatten. In der „Freien Zeit“ legte ich mich mit Hans-Werner aufs Bett und wir lösten Kreuzworträtsel. In der „Handarbeit“ musste ich im Garten arbeiten. Dabei erspähten wir im Garten des Nachbargrundstückes auf der Wäscheleine Socken und einen BH. In der „Abenderholung“ schlichen Alfred und ich dorthin und holten den BH, den Alfred in seinem Schrank versteckte.

01. November 1961

Um 07:20 findet heute Morgen der letzte Exerzitienvortrag statt. Beim Frühstück durften wir wieder reden wie sonst. Darüber freuten sich alle. Weniger erfreut waren aber einige bei der Austeilung der Zeugnisse am Spätnachmittag. Auch ich war nicht zufrieden. Als ich das Zeugnis abholte, sagte P.Superior zu mir: „Das wirst du noch nicht erlebt haben, dass du in Mitarbeit ein „Noch Befriedigend“ hast. In Griechisch hab ich dir noch eine 3 gegeben, aber ob das auch an Ostern der Fall ist?“ [Es folgen die Zeugnisnoten]
Nun sind die drei schlimmsten Dinge des längsten Tertials vorbei: der Rosenkranzmonat, die Exerzitien und das Halbjahreszeugnis.

07. November 1961

Um 18 Uhr wurden im allwöchentlichen „Wochenrat“ der Patres die Ämter neu verteilt. Ich hatte seit Pfingsten 1960 das Amt des Ladenministers inne als Nachfolger von Eberhard Rotzinger, der aus dem Missionshaus entlassen wurde. Jeden Dienstag und Freitag musste ich mit P. Buse zusammen verkaufen. Die Schüler mussten ihre Wünsche auf einen Zettel schreiben und erhielten dann ihre Waren. Während der „Handarbeit“ schrieb ich es dann in ihre Kontohefte. Mein Nachfolger wird Josef Elser. Ich erhielt jetzt nur noch das „Ehrenämtchen“ Schlafsaalordner. Da muss ich den Papierkorb leeren und im Winter heizen. Das findet aber nicht in der Zeit der „Handarbeit“ statt, weshalb ich gern darauf verzichten würde. Von den Tertianern erhielt außer dem Klassenordner sonst niemand ein Amt.

10. und 11. November

Alfred und ich klauten aus dem Schaukasten des Kinos an der Eyachbrücke zwei Bilder von Freddy Quinns Film „Weit ist der Weg“. Uns plagte aber das Gewissen und wir wollen das nicht mehr tun.

09. November 1961

Heute sagte mir P. Superior, er hätte am Sonntag in Stuttgart zwei Stunden Aufenthalt und wollte bei der Gelegenheit meine Eltern besuchen. Ich schrieb daraufhin eine Karte nach Hause, um meine Eltern darauf vorzubereiten. Am Morgen waren wir in dem Film „Olympiade 1960“. Er lief in einem der Kinos von Haigerloch.

13. November 1961

Heute erzählte mir P. Superior, er hätte gestern meine Eltern nicht erreicht, da er einer Andacht in der Eberhardskirche in Stuttgart beigewohnt hätte.

22. November 1961 – Besuchstag und Buß- und Bettag

Leider bekomme ich keinen Besuch. Dafür schickte mir aber meine Mutter mit dem letzten Paket 2 DM. Nach dem Mittagessen gingen Alfred und ich ins „Schlößle“. Um 5 Uhr gingen wir ins Kino und sahen den Film „Das große Wunschkonzert“. Leider mussten wir schon um 18:15 rausgehen, da wir beim Segen, der um 18:30 Uhr stattfand als Messdiener dienen sollten. Als wir im Missionshaus ankamen, erfuhren wir, dass der Segen heute ausfällt. Wir haben uns richtig geärgert.
Heute musste ich übrigens zum ersten Mal auf dem Schlafsaal einheizen, aber nur, damit es die Eltern bei ihrem Besuch schön warm haben. Als es gestern Nacht minus 8 Grad hatte, wurde nicht geheizt, zu meinem Glück und zum Ärger der anderen. Diese Woche (19.-25.11.1961) muss ich in der Quarta Aufsicht führen.

24. November 1961

Pater Herrmann wurde heute krank. Er hatte zu hohen Blutdruck, was den Durchbruch eines Blutgefäßes zur Folge hatte. Dafür hielt P.Buse statt der Biologiestunde Griechisch. Der ganze Stundenplan wurde umgeworfen, denn die 22 Schulstunden von P. Herrmann können nicht so leicht ersetzt werden. P.Buse erklärte, dass er erst die Antwort des Provinzials abwarten müsse, ob er eine neue Lehrkraft zugeteilt bekommt. Vorerst übernimmt er die Quinta in Deutsch, P.Schröter die Sexta, in der Quinta gibt er Religion. P. Vogt gibt in der Quarta und bei uns Religion. Darüber sind wir nicht besonders erfreut. Oberlehrer Schäfer gibt bei uns Biologie, was uns besser gefällt.

30. November 1961

Seit einigen Tagen fühle ich mich nicht mehr wohl. Nachts konnte ich nicht schlafen und tagsüber hatte ich Kopfweh. Deshalb ging ich zu P.Vogt, dem Krankenpater. Der Fieberthermometer zeigte 38,7°, Deshalb musste ich mich aufs Krankenzimmer legen zu R. Albus und Sauer. Dort las ich einen Karl May aus. Am nächsten Abend hatte ich 39,8° Fieber.

5. Dezember 1961

Zum Abendessen darf ich heute aufstehen, musste mich aber nach der Nikolausfeier um 19:45 h wieder hinlegen.
Bei der Nikolausfeier bekam jeder von uns einen Teller voller Süßigkeiten. Danach wurde das Nikolauslied gesungen. Als es verklungen war, kam der Ruprecht hereingefegt und schlug auf uns drauf, so dass wir unter die Tische verschwanden. Danach kam der hl. Nikolaus hereingeschritten und setzte sich auf seinen Thron, der neben dem Ofen errichtet war. Hier verlas er Gedichte über die Patres und die Schüler, die wir selbst gedichtet hatten. Unser Organist Birringer musste ein Präludium von Bach vorspielen. Als Nikolaus hinausgegangen war, wurden die Pakete verteilt, die uns die Eltern geschickt hatten.

8. Dezember 1961

Heute ist das Hauptfest der Missionsgesellschaft, das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä. Deshalb ist schulfrei und ein hoher Feiertag. Seit Dienstag habe ich kein Fieber mehr. Morgen darf ich aufstehen und wieder in den Schlafsaal umziehen.

9. Dezember 1961

Gestern gab es Pellkartoffeln und Quark. Unser Tisch und ein anderer haben nur einen kleinen Teil gegessen, weil es uns nicht schmeckte. Das gefiel P. Vogt überhaupt nicht. Deshalb bekamen wir zur Strafe heute Morgen keine Butter [= Margarine]. Außerdem wurden unsere beiden Tische ganz nach vorne gesetzt. An unserem Tisch, an dem ich Tischoberst bin, sitzen 2 Sextaner, 1 Quartaner und 1 Quintaner. Alle essen wenig, da in letzter Zeit das Essen nicht mehr schmeckt. Einige Tage darauf wurden unsere Tische wieder nach hinten gesetzt.

20. Dezember 1961

Packtag Um 13:30 dürfen wir unsere Koffer packen. Dafür hatten wir bis 16:50 Uhr Zeit. Aber ich war schon nach einer Stunde fertig, obwohl ich noch alle Bücher aus dem Klapppult in den Spint bringen musste. Danach gingen Alfred und ich in die Stadt. Von meinem Sparkonto hob ich auf der Post DM 5 ab. Um 17 Uhr durften wir einen Bildband über Weihnachten ansehen und das Weihnachtsoratorium von Bach hören. Auf dem Schlafsaal war es abends ruhig, nicht wie am 21.7.61 vor den Sommerferien. [Weihnachtsferien werden übersprungen].

08.Januar 1962

Stuttgart Hbf ab 14:24 über Tübingen und Eyach nach Haigerloch. Nach meiner Ankunft packte ich den Koffer aus und räumte mein Pult im Studierzimmer ein. Mit Alfred machte ich noch einen Bummel durch die Stadt, wobei wir uns unsere Ferienerlebnisse erzählten.

09.Januar 1962

Obwohl es für die Jahreszeit recht warm ist, ist noch immer nicht aller Schnee geschmolzen. Deshalb fuhren wir heute Schlitten. Alfons Günder schenkte mir einen Schlitten, da er zwei hatte, einen als Geschenk von Klaus Kury.

14.Januar 1962

Nach den Ferien bekamen wir einen neuen Lehrer in Religion und Turnen: Pater Wirthensohn aus Baden-Baden. Er bekam auch gleich einen Spitznamen, nämlich „Kili Watch“. Vorgestern starb P.Beiter in Frankfurt, er war früher Lehrer in Haigerloch. Von jeder Klasse wurden nun 5 Mann zu seiner Beerdigung nach Geislingen, seinem Heimatort abgeordnet. Zu diesen fünf gehörte auch ich. Nach dem Rosenkranz für den Verstorbenen hielt P. Bumiller einen Vortrag über den Verstorbenen. Danach gingen wir zum Friedhof. Der Leichenzug war sehr lang. Gerhard Kunert und ich durften den Kranz tragen und auf das Grab legen. Danach kehrten wir mit dem Omnibus wieder zurück.

15.Januar 1962

in unserem Studiensaal ging es heute laut her, da von irgendjemand Stinkbomben geworfen wurden. In der Quinta war es noch schlimmer. Das brachte P. Buse in Rage. Er sagte, dass er jeden Schüler, den er beim Reden im Studiersaal oder auf den Gängen erwischen würde, nach Hause schicken würde. Wer unter dem Bett etwas liegen lasse, müsse in der Mittagserholung Holz spalten. Von der Quinta müssen diese Woche alle außer vier Mann mit Aufgaben von P. Buse strafstudieren. Außerdem ordnete er an, dass die betroffenen Klassen bis Ostern die Tische decken müssen.

17.Januar 1962 - Mittwoch

Nirgendwo liegt jetzt noch Schnee, nur unsere Eisbahn ist noch toll vereist. Sie führt von der Straße den Berg runter, ziemlich am Ende gibt es eine scharfe Kurve, die von Hecken, Pfählen und Stacheldraht gesäumt wird. In der 10-Uhr-Pause fuhren wir dort heute Morgen wieder runter. Zwei besonders Mutige, Jackel (Hans-Jakob) aus der Quarta und Gerhard Kunert fuhren im „Bob“, d.h. Jackel lenkte den ersten Schlitten und hatte die Füße in den Kufen des zweiten verkeilt.
Da sie ein schnelles Tempo hatten, schafften sie die Kurve nicht und rasten in die Hecke. Hans-Jakob traf mit dem Rücken auf einen Pfosten, der zweite Schlitten knallte ihm auf die Brust. Er bekam kaum noch Luft. Da kam P. Buse angerannt und schrie, dass er nie erlaubt hätte, die Bahn zu befahren, was überhaupt nicht stimmt. Nun wurde Hans-Jakob mit einem Krankenauto wegen innerer Verletzungen ins Krankenhaus gefahren.

23.Januar 1962

Heute gingen Alfred und ich in die Stadt, um Prospekte für einen Radio zu holen, denn ich wollte mir schon länger einen neuen Apparat kaufen. Mir gefiel ein Braun für DM 89, ein Sonderangebot. Das Geschäft hatte aber schon alle Radios dieses Typs verkauft. Der Verkäufer telefonierte nun mit dem Lieferanten in Stuttgart, wo der Typ noch vorrätig war. Ich bestellte ihn gleich. Während der „Geistlichen Lesung“ kam P. Buse plötzlich zornig hereingesprungen und schrie: „Wer war heute Nachmittag in der Stadt?“. Ich dachte, nun ist es aus, denn wir hatten keine Erlaubnis. Da hoben sich einige Hände von Schülern, die Erlaubnis hatten (z.B. der "Postminister", der die Pakete von der Post abholt). „Wollen nicht noch andere die Hand heben“ schrie er noch zorniger. Alfred und ich meldeten uns immer noch nicht. „Wie ist es mit dir, Anton, willst du nicht aufzeigen, du warst doch auch in der Stadt!“ Peter Edele „Scotch“ war zufällig in der Stadt und hatte verraten, dass er einige Schüler gesehen hatte.
Uns hat er aber nicht gesehen. Hans-Werner Bippus, der gesehen wurde, musste jetzt sein ganzes Geld abgeben und einen Brief nach Hause über diese Vorkommnisse schreiben. Hans-Werner wollte zuerst aus Wut DM 20 in den Lokus werfen, dann warf er sie aber in den Opferstock, damit sie P. Buse nicht bekäme.

24.Januar 1962 - Mittwoch

Heute muss ich beim Spaziergang als Aufsicht mit der Sexta und Quinta gehen. Ich gab Roland Sauer den Auftrag, DM 100 für den Radio für mich auf der Post abzuheben, was er auch für mich tat.

25.Januar 1962

Gestern Abend in der „Geistlichen Lesung“ erklärte P. Buse, dass keiner ohne seine Erlaubnis in die Stadt dürfe und dass er gut aufpassen werde. Dabei sollte ich aber heute meinen Radio abholen. Nun schlich sich Alfred bei strömenden Regen durch den Garten und in die Stadt, wobei ich Schmiere stand. Nach einer halben Stunde kam er wieder mit dem Radio. Keiner hatte etwas bemerkt. Wir wollen diese Geschichte den anderen vorerst nicht erzählen, nur Anton Wasmer haben wir es gesagt. Mit dem Gerät Braun T31 bin ich sehr zufrieden. Es hat 6 Transistoren, einen Anschluss für einen Plattenspieler, Kopfhörer und eine Taste für automatisches Abschalten. Es gibt ein halbes Jahr Garantie. Leider kann ich die Garantiekarte nicht abschicken, da die Antwort sonst ins Missionshaus geschickt würde, direkt in die Hände von P. Buse.

28.Januar 1962 - Sonntag

Auf den Spaziergang nahm ich meinen neuen Radioapparat mit. Dabei gingen wir immer im Abstand von 200 m hinter der Gruppe. Ich steckte das Gerät in die Innentasche meiner dicken Winterjacke, trotzdem konnten wir alles gut hören. Wenn Mädchen vorbeikamen, drehten wir die Lautstärke auf. Was haben wir gelacht !
Am Abend kam P.Buse in den Studiersaal und sagte: „Ich hoffe, dass ihr mir den Radio herausgebt“. Mir lief es heiß und kalt über den Rücken und ich wurde knallrot. Sollte alles Geld und alle Gefahren umsonst gewesen sein ? Da stand Alfred auf und sagte: Der Radio gehört mir“. Alfred besaß, wie mehrere andere, eine japanische „Radio-Rakete“. Das ist eine Art Detektor, der ohne Stromversorgung betrieben werden kann und mit dem man nur über Kopfhörer Musik hören kann. Er braucht allerdings eine lange Antenne. Daher legten wir im letzten Jahr mit Hilfe von Blumendraht aus der Gärtnerei eine lange Antenne vom Blitzableiter auf dem Dach, der als zusätzliche Antenne wirkte, in den Schlafsaal. Die Drahtantenne lief an der Außenwand runter und wurde durch ein dünnes Loch im Fensterrahmen in den Schlafsaal geführt. Dort versteckten wir die Drähte in den Fugen der Holzdielen. Die Antenne endete dann in einer kleinen Schleife neben dem Bett. An die Schleife wird die Klammer der RadioRakete angeschlossen. Leider Gottes entdeckte P.Vogt unsere Konstruktion und meldete sie an P.Superior.
So opferte Alfred für mich seine Radio-Rakete, die DM 10 gekostet hatte. Ich fand das sehr nett von ihm.
Wir wunderten uns, dass P. Buse keinen Tobsuchtsanfall bekam wie im letzten Jahr, als er die Radioraketen von Anton Wasmer, Werner Steim und mir konfiszierte. Damals mussten wir nach Hause schreiben, außerdem drohte er allen Besitzern von Radio-Raketen den Rauswurf an. An diesem Abend wurde wahrscheinlich im benachbarten Schlafsaal ein Tonbandgerät versteckt, das unsere Gespräche aufzeichnete. Wir haben nichts Schlimmes erzählt, aber wir haben halt gesprochen. Am nächsten Tag schimpfte P. Buse mit uns und sagte, er wisse durch eine Tonbandaufnahme, wer gestern Abend gesprochen habe. Ich war auch dabei.

1.Februar 1962

Beim Frühstück heute Morgen gab P.Buse bekannt, dass um 10 Uhr ein Mann kommt, der einen Vortrag mit Dias über Biologie hält und dass das Progymnasium ebenfalls kommen würde. Dabei räusperten sich Meinrad Lohmüller und Hans-Werner Bippus ziemlich laut, weil sie – wie uns allen klar war – an einige Mädchen des Progymnasiums dachten. Sofort warf sie P. Buse raus, sie durften den Vortrag nicht sehen.
Nachmittags spielten dann diejenigen, die unter 14 Jahre alt waren, gegen die Pfarrjugend Haigerlochs Fußball. Die anderen unter 14 Jahren sollten die Mannschaft des Missionshauses auf dem Sportplatz unterstützen. Da in der Untertertia keiner unter 14 Jahren ist, sollten wir stattdessen bei P. Buse Griechisch haben. Da protestierte Peter Moritz laut an seinem Tisch. Sofort musste er auf Anweisung von P. Buse den Saal verlassen. In der Griechischstunde erklärte uns P. Buse, dass er mit uns auf den Sportplatz gegangen wäre, wenn das mit Peter Moritz nicht vorgefallen wäre. Das hat ihm aber keiner geglaubt.

2.Februar 1962 – Mariä Lichtmess

Im Hochamt und bei der Prozession darf ich ministrieren. Heute ist schulfrei und Wandertag. Die Sexta und Quinta gehen mit P. Schröter, wir gehen mit P. Wirthensohn. Natürlich nahm ich meinen Braun T 31 mit. Zuerst ging es durch Trillfingen, dann bogen die Quartaner mit P. Wirthenson nach rechts ab. Wir aus der Untertertia bogen dagegen nach links ab, da es dort näher nach Imnau war, dem Ziel unserer Wanderung. Dort kamen wir auch über eine Stunde früher an. Viele kauften dort was zum Essen. Nachdem die Quartaner angekommen waren, gingen wir die Eyach entlang nach Hause. Dort meldete P. Wirthensohn den Vorfall an P. Buse. Dieser holte Franz Ott, unseren Klassensprecher in sein Büro und beschuldigte ihn als Haupträdelsführer. Danach warf er Peter Moritz aus dem Missionshaus raus. Am Montag muss er nach Hause fahren. Dabei zählte P. Buse Peter Moritz gegenüber diejenigen auf, von denen er wisse, dass sie nicht Priester werden wollten: Wissel, Bippus, Huppertz, Steim, Ott und mich. Bei Alfons Günder und Meinrad Lohmüller sei es noch zweifelhaft. Die Rädelsführer seien Moritz, Bippus, Wissel, Ott und ich.

3.Februar 1962

Nach der Hl.Messe rief P. Buse Alfred Wissel in sein Büro. Er fragte ihn direkt, ob er überhaupt noch Priester werden wolle. Alfred wollte nicht lügen und sagte klar „Nein“. „Dann kannst du am Mittwoch heimfahren. Deinen Eltern schreibst du sofort einen Brief, dass sie vorbereitet sind“. Als Alfred mir das beim Frühsport erzählte, war ich sehr deprimiert. Ich hatte nun meinen besten Freund verloren. [Alfred wurde zum militanten Antiklerikalen. Er hat seiner Familie nie etwas über Haigerloch erzählt und möchte sein Leben lang nichts mehr von den Weißen Vätern hören. Ähnlich hat sich Peter Moritz geäußert, den ich 1963 in Frankfurt besuchte].

4.Februar 1962 - Sonntag

Peter und Alfred feierten heute in der Stadt tüchtig Abschied mit Bier und gebratenen Hähnchen statt mit den anderen spazieren zu gehen. Ich hatte den ganzen Tag über Angst, P. Buse würde mich auch auf sein Büro holen wie Peter und Alfred, um mir dieselbe Frage zu stellen. Das war aber nicht der Fall.

6.Februar 1962

Heute muss Alfred leider heimfahren, Peter ist schon gestern abgereist. Er fuhr mit dem Zug um 7 Uhr. Mit beiden habe ich mich ausgezeichnet verstanden.

7.Februar 1962

Nach dem Abendessen rief mich P. Buse auf sein Zimmer. Ich ahnte gleich, worum es ging. Er fragte gleich: „Es gibt Gerüchte, dass du nicht nach Rietberg gehen willst, wie steht es damit?“. Ich antwortete fest, dass das überhaupt nicht stimmt. Nun fuhr er fort: „Heute Mittag sagten es mir zwei Patres, die es auf getrenntem Weg erfahren haben“. Nachdem er mich ermahnt hatte, rief er Hans-Werner in sein Büro und fragte ihn dasselbe.

8.Februar 1962

Besichtigung der Brauerei Zöhrlaut in Haigerloch.

10.Februar 1962

Heute erhielt ich den ersten Brief von Alfred. Er schrieb mir, dass er sich gleich am nächsten Tag am Humanistischen Gymnasium in Aschaffenburg angemeldet habe und er bereits am nächsten Tag dort zur Schule gegangen sei. Der Empfang zu Hause sei bei weitem nicht so schlimm gewesen wie er befürchtet hatte. Am Morgen kam Pater Generalrat Cauwe zur Visitation. Er ist einer der fünf Obersten der Gesellschaft der Weißen Väter in Rom. In den Jahren davor visitierte uns P. Provinzial Gypkens. P. Cauwe ist sehr groß und ein gebürtiger Belgier.

15.Februar 1962

Heute haben wir den ganzen Tag schulfrei; das ist so Sitte bei einer Visitation. Zum Glück liegt noch Schnee. Am Morgen musste ich zu unserer Englisch-Lehrerin Frl. Scherzinger nach Hause gehen, um ihr auszurichten, dass heute die Schule ausfällt. Danach fuhren Eugen, Gerhart Kunert und ich bis 11 Uhr Ski auf einer Wiese bei Weildorf. Nachmittags stand ein Spaziergang auf dem Programm. Wir konnten aber die Schlitten und Ski mitnehmen. Als auf einer Wiese Gerhard über 7 Meter über eine Schanze sprang, machte er Skisalat. Die Ski gehörten aber Roland Sauer. Zu Ehren von P. Cauwe machten wir heute einen Bunten Abend mit einem Programm, das wir schon am vorletzten Sonntag aufgeführt hatten. Alfons spielte auf der Gitarre, ich auf dem Akkordeon den Marsch „Wien bleibt Wien“. Es ging aber nicht fehlerfrei ab. Seidler und Pousset spielten ein nettes Theaterstück „Musikalischer Wettbewerb“.

18.Februar 1962 - Besuchstag

[…] Nachdem meine Mutter und mein Bruder weggefahren waren, gingen Franz Ott und ich ins Schlößle. Das Bier war etwas kalt und darum lag Franz am nächsten Tag mit Fieber im Bett.

22.Februar 1962

Besuch der Maco-Spinnerei Heinrich Maier in Karlstal.

26. Februar 1962

- Geburtstag Heute werde ich 17 Jahre alt. Am Besuchstag hatte mir meine Mutter ein Päckchen dagelassen, das ich erst heute öffnen durfte. Darin waren 17 Mohrenköpfe, Schokolade, Kaugummi und anderes. Mit mir hat mein gleichaltriger Klassenkamerad Franz Ott Geburtstag. Leider können wir den Geburtstag nicht feiern, das ist nicht vorgesehen.

6.März 1962 - Fastnacht

P. Buse ordnete neulich an, dass wir entgegen den bisherigen Gewohnheiten den Fastnachts-Umzug in Haigerloch nicht anschauen und überhaupt nicht in die Stadt dürften. Lediglich zwischen 13 und 16 Uhr dürfen wir uns auf dem Gelände des Missionshauses „austoben“. Am Abend sollten wir Theaterstücke aufführen, die wir schon lange geprobt hatten. Wir alle hatten eine große Wut. P. Buse gab die Erklärung, dies geschehe wegen der Flutkatastrophe in Hamburg. Wir glauben, dass er das machte, damit wir kein Mädchen sehen. [Die Flutkatastrophe hatte am 16./17. Februar 1962 stattgefunden].
Auch bei den Spaziergängen dürfen wir jetzt nicht mehr durch die Stadt gehen.
Als Ersatz beschlossen Alfons und ich eine private Feier abzuhalten. Alfons hatte von zuhause Nescafe, Kuchen, Ananas, Zucker und Milch. Ich blieb bis 12 Uhr wach, indem ich Radio hörte. Dann weckte ich Alfons und wir zogen mit unseren Vorräten ins Apothekenzimmer. Dort kochten wir Kaffee und ließen es uns bei schmissiger Karnevalsmusik gut gehen. Unser Gelage dauerte bis 2:15 h. Danach gingen wir zu Bett.
Am Nachmittag ging ich mit einigen Klassenkameraden in die Stadt. Eugen kaufte sich eine Flasche Wein und trank sie auf einen Zug leer. Natürlich hatte er einen Rausch. Nach unserer Rückkehr zwangen wir ihn, Kaffee zu trinken und sich ganz unauffällig ins Bett zu legen.
Um 16:30 fanden die traditionellen Fastnachtsfeiern statt. Die Sexta spielte „Der Blumentopf“ und „Der Angelschein“, die Quarta „Pitt und Pott“, die Quinta „Die verlorene Brieftasche“ und wir „Das Testament“ von Herbert Kranz. Es geht um eine Erbschleicherei. Ich spielte Herrn Grünkern, einen Winkeladvokaten.

18.März 1962 - Besuchstag

Heute ist der zweite Besuchstag des Quartals. Leider bekam ich keinen Besuch, da mein Bruder wegen Blinddarm im Krankenhaus liegt. P. Buse gab bekannt, dass alle, die keinen Besuch hatten, zur Aussendungsfeier von P. Luckner nach Trillfingen müssten. Ausgerechnet mich bestimmte er zum Führer. Dabei hatte Hans-Werner Bippus P. Buse gefragt, ob er mich einladen dürfe, mit ihm und seinen Eltern während des Besuchstages zu sich nach Hause zu fahren. P. Buse erlaubte es nicht mit der Begründung, ich sei beim Spaziergang als Führer eingeteilt. Viele, die keinen Besuch hatten, gingen beim Spaziergang einfach nicht mit. Nach der Aussendungsfeier, die von 13:20 - 14:30 dauerte, ging ich mit Eugen Huppertz und Josef Thoma in die Brauerei Maier und sahen fern, um noch was von diesem Tag zu haben.

19.März 1962

- Namenstag und Silbernes Priesterjubiläum von P.Buse. Heute feiert P.Buse die 25. Wiederkehr seiner Priesterweihe, obwohl sie eigentlich schon am Dienstag war.
Der Morgen verlief wie ein gewöhnlicher Sonntag. Das Mittagessen dauerte aber über 2 Stunden. Es waren alle Patres und Lehrer anwesend außer Frl. Scherzinger, die krank war. Sogar Herr Oberlehrer Biegelmeier, ein früherer Lehrer war da. Beim ihm hatte uns früher beeindruckt, dass ihm beim Singen immer das Gebiss herausfiel, er ist aber meist beim Fallen wieder aufschnappte. Während des Essens durfte ich ein Gedicht aufsagen. P. Bumiller hielt eine Ansprache auf Griechisch und Latein. Zum Mittagessen gab es Erbsen- und Möhrengemüse, Fleisch, Kartoffelpüree, Sprudel, Obstsalat, Bananen, Orangen und Zwieback.
Zum Nachmittagskaffee stiftete P. Buse jedem ein Stück Cremetorte. Insgesamt kostete ihn dies DM 60. Bis 18 Uhr war dann frei.

23.März 1962

Heute Nachmittag wollte ich mein Radio abholen, das in der Reparatur war. Leider war der Laden geschlossen, dabei stand mein Radio auf dem Ladentisch. Zum Glück war während der Handarbeit frei, deshalb gingen Hans-Werner und ich es holen. Beim Rückweg ging Hans-Werner zufällig einige Meter voraus. Plötzlich wurde er von P. Wirthensohn von weitem gerufen. Ich warf mich sofort hin, damit er mich nicht sehe. Hans-Werner musste anschließend auf sein Zimmer kommen, wo der Pater sich mit ihm „aussprach“.
Neulich verfassten die Patres über uns Tertianer die „Charakterzeugnisse“. Dafür rief uns P.Buse alle einzeln in sein Zimmer und befragte uns. Mich fragte er: „Sollen wir dich nach Rietberg schicken oder willst du zu Hause bleiben? Stimmt das, was dir vorgestern Alfred Wissel schrieb? (Alfred nannte P. Buse einen Bärbeißer). Was hat Alfred in den Sommerferien bei dir zu Hause gemacht? Mit welchen Patres kommst du nicht aus ? Undsoweiterundsofort. Ich entgegnete ihm wahrheitsgemäß, dass ich nach Rietberg wolle. Danach belehrte er mich, dass wir vorsichtig sein sollten mit dem sechsten Gebot. Habt ihr nicht einmal ein Pulver eingenommen? Hans-Werner und Pousset kauften einmal in der Apotheke Hirschhornsalz. Ott und ich haben es dann mit Wasser angerührt und jeder trank einen halben Becher. Es zeigt sich aber bei keinem irgendeine Wirkung. Wir rätseln nun alle, wer das P. Buse verraten hat. Ich sagte zu P. Buse, dass ich nichts wüsste, außer dass Hans-Werner mal eine Spalt-Tablette zerrieben und mit Wasser angerührt hätte. Die Verhöre mit P. Buse sind sehr gefährlich, denn er ist dabei immer sehr freundlich und liebenswürdig und raucht dabei eine Zigarre. Man darf ja nicht darauf reinfallen.

6.April 1962

Heute wird in der Untertertia heftig gepackt, denn morgen dürfen wir, die UIII nach Hause fahren. Das nächste Schuljahr werden wir in Rietberg (Westfalen) verbringen.
Zum Abschied überreichten wir unseren Lehrerinnen Blumenstöcke, die DM 7,50 und DM 13 kosteten. Von beiden bekamen wir je eine Tafel Schokolade. Als wir Frl.Dr.Schmitz das Geschenk überreichten, gab sie jedem noch einen halben Pfannenkuchen.
Gegen 17 Uhr gab es Zeugnisse mit dem Stempel „Der Schüler wird nach OIII versetzt.“