Träume sind Schäume - oder doch nicht?
Ich stehe wieder einmal in meiner Werkstatt und werkele am Nachbau einer kleinen historischen Tragorgel aus dem 18. Jahrhundert, dessen Original in der ehemaligen HeiligGeist-Kirche zu Rosenheim steht. Keine Eile treibt mich an, sodass ich in aller Gemütsruhe handwerkeln kann. Ein Blick durch das Fenster fällt auf die jetzt zur Herbstzeit bunte Hecke, die unser Grundstück umrahmt. Und damit erwachen freilich Gedanken an frühere Zeiten und wie sollte es auch anders sein an Haigerloch. 1957 saß ich damals als Pennäler im Quartasaal. Dieser große Raum war vom Speisesaal kommend der zweite Raum mit Fenstern auf die gegenüber liegenden Schlossgebäude. Und diese Zeit mussten wir hier verbringen, denn die „heilige Regel“ schrieb diese Studienzeit ab 14.30 Uhr verbindlich vor. Klar, dass man dazu nicht immer Lust hatte und viel lieber draußen Fußball gespielt hätte. Vokabeln lernen und Matheaufgaben lösen, war auch nicht jedermanns Sache. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Gedanken ihre eigenen Wege gingen und die Realität hinter sich ließen. Vorn am Pult saß der Tertianer, der dazu abgestellt war, die Knäblein zu bewachen, dass sie keinen Unsinn machen und vielleicht das obligate Lernen vernachlässigen. Hat der Aufpasser einen erwischt und aufgeschrieben, so stand dem Pönitenten eine Strafe bevor, so zum Beispiel in der nächsten Mittagspause Kartoffeln schälen oder im Garten Unkraut rupfen.
Trotz dieser drohenden Strafen fanden die meiste doch Möglichkeiten, den Geist frei schweifen zu lassen. Hierbei half schon ein Blick durch die Fenster: Da erschien auf der anderen Seite des Eyachtales der Schlosskomplex mit großem Wohnhaus, Scheune und prächtiger Schlosskirche garniert in bunter herbstlicher Farbenpracht. Und diesen Ausblick habe ich tief im Herzen genossen. Das war für mich als Großstadtkind etwas Besonderes: Natur und Kultur. Ich gebe zu, damals war ich noch zu jung, um alle Kräfte aus diesem Erlebnis auszuschöpfen.
Dennoch ließ ich die Gedanken frei schweifen: Ich sah mich als herrlich gekleideten Fürsten in diesem wunderbaren Gebäudeensemble dahin schreiten; ich sah mich in die einmalige Schlosskirche eilen, um dort die Orgel wunderbar erklingen zu lassen; ich sah mich, wie ich mich an den aussagestarken Gemälden und Skulpturen der Kirche erfreute; ich sah mich als Hofkaplan, der ein festliches Hochamt in dem Gotteshaus bei himmlischer Musik zelebriert – alles wunderschöne Träume.
Aber die Realität war eine andere; jetzt mussten Vokabeln gepaukt werden; Rechenaufgaben wollten
gelöst werden. Es bestanden glücklicherweise kleine Ablenkungsmanöver, die man so hinter dem Rücken
des Vordermannes starten konnte, sodass der Aufpasser einen nicht erwischte. So skizzierte ich
kleine Orgelbaupläne, die ich irgendwann einmal verwirklichen wollte. Dass die oben geschilderten
Gedanken und Wünsche auch bei anderen in den Köpfen herumgeisterten, wurde immer wieder manifest. So
erinnere ich mich an Pit Klein; er war mit seinem kleinen Bruder aus Aschaffenburg in das
Missionshaus gekommen. Er war nach meiner Meinung zeichnerisch und konstruktiv enorm begabt. Da es
bekannt war, dass ich mich für Orgeln interessierte, hat er mir aus alten Uhutuben – diese waren
damals noch aus dünnem Bleiblech – Orgelpfeifen zusammengerollt und geschickt in einem Gehäuse aus
Pappe aufgestellt. Für mich ein perfekt anregendes Gebilde. Aber alles musste rasch in meiner
Pultbank versteckt werden.
Was aus meinem künstlerischen Klassenkameraden Pit geworden ist, habe ich leider nie erfahren.
Irgendwann musste er unsere Klasse verlassen, weil seine schulischen Leistungen nicht den
Anforderungen entsprachen. Er war einer der vielen Mitschüler, die mit uns nur ein kleines Stück des
gemeinsamen Weges gegangen sind, um dann eigene Bahnen einzuschlagen. Und wenn sie später nicht den
Kontakt zur Vergangenheit aufgenommen haben, sind sie aus dem „Missionshausgedächtnis“ gefallen.
Freilich ist das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit individuell. Oft möchten auch Einzelne ihre
Vergangenheit ablegen wie ein altes zerschlissenes Gewand, aber dass diese Vergangenheit uns geprägt
hat und immer noch prägt, ist unwiderruflich. Was wären wir wohl für Menschen geworden, die nicht
irgendwie von Haigerloch und den dortigen Erfahrungen geprägt worden sind?
Stadecken im Herbst am 25.Oktober 2025
Hajo Stenger