Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

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Was (ihm) Haigerloch bedeutet.,

- offenbart Hans Gutschalk

Als ich mit Beginn des Schuljahres Anfang April 1951 als Obersekundaner in das Kreuzburg-Gymnasium der Weißen Väter nach Großkrotzenburg kam, war mir Haigerloch völlig unbekannt. Auch von Leben und Wirken der Weißen Väter wußte ich bis dahin noch recht wenig.
Sehr wohl hatte ich einige Monate zuvor in meiner heimatlichen Pfarrkirche (Lampertheim) den damals noch jungen Pater Wehmeier predigen hören. Ich war von ihm und seinen mitreißenden Aussagen begeistert und beschloß - in Absprache mit meinen Eltern -, nach der mittleren Reife in die Kreuzburg überzuwechseln. Schnell hatte ich in meiner neuen Klasse Anschluß gefunden. Ich erinnere mich: Die erste Einführung in alles, was ich "von jetzt an durfte und nicht durfte", erteilte mir in den ersten beiden Stunden meines Missionsschüler-Daseins der wortgewaltige Klassenkamerad Meinolf Schänke. Danach erkundigte sich der nicht minder redegewandte Rudolf Vogel nach meinen fußballerischen Fähigkeiten (ich war zuhause aktives Mitglied eines Fußballvereins) und lud mich zum angesetzlen Fußballspiel der O-II gegen eine Auswahl aus U-I/O-I auf dem im Wald unweit unserer Schule gelegenen Sportplatz ein. Wir Obersekundaner gewannen dieses Spiel mit 3:0. Ich war ein wenig stolz darauf daß ich als Mittelstürmer, trotz meines starken Gegenspielers Josef Beck, und trotz des guten (kahlgeschorenen) Tormannes Gottfried Laube alle drei Tore geschosssen hatte. Damit bekam ich auch gleich guten Kontakt mit dem fußballbegeisterten Pater Jetter und mit meinem Klassenlehrer, Pater Fuchs, den ich schon in der ersten Woche zu meinem Seelenführer gewählt hatte.
Meine neuen Klassenkameraden halfen in freundschaftlicher und ungezwungener Weise, mich im Hause, im Klassenverband und mit den mir manchmal sehr streng erscheinenden Regeln zurecht zu finden. Ich denke dabei besonders dankbar an den mit mir unmittelbar vor dem Lehrerpult sitzenden Engelbert Sauter, an Hans Sauter - eine Bank hinter uns - an den unvergessenen Wilhelm Dreher, an Rudolf Vogel und an unseren, auf seine Weise manchmal streng wirkenden, schon damals sehr lebenserprobten Klassendekan Hans Gloger. Glücklich war ich, als durch meine Vermittlung bei Pater 'Zeus' Reichertz mir mein langjähriger Schulfreund aus Viernheim, Hermann Helbig, bereits nach wenigen Wochen in die Kreuzburg nachfolgte.
Gemeinsam haben wir schnell die einzelnen Fraktionen in unserer Klasse aus der Geographie Westdeutschlands ausgemacht. Da waren die Rietberger (Westfalen), die Linzer (Rheinländer, Mosel-und Saaranrainer), die Hessen aus der Gegend Frankfurts, da gab es noch die Zaitzkofener (Bayern) und die stärkste Gruppierung: die Haigerlocher (Schwaben und Badener).
Erst seit dieser Zeit weiß ich, daß es Haigerloch überhaupt auf der Landkarte gibt (übrigens ein wunderschöner Ort, wie ich erst drei Jahrzehnte später feslstellen durfte).
Drei Jahre lang lebte ich Südhesse zuammen mit vielen anderen (vor allem schwäbelnden) jungen Männern als Missionsschüler in Großkrotzenburg. Es war eine nicht immer leichte, doch - wie ich es heute einschätze - die wichtigste Zeit meines sich damals entfaltenden Lebens: Unterricht, Studium, Gebet, geistliche Übungen, viel (manchmal auch zuviel) Stillschweigen, unterschiedliche körperliche Arbeiten am Nachmittag und viel Sport (vor allem Fußball zu allen sich dafür anbietenden Zeiten), gemeinsame Spaziergänge am Sonntag nach der Vesper, Wanderungen und Fahrten, (wer erinnert sich dabei nicht an den Steine sammelden Pater Fuchs mit Rücksack und Hämmerchen?), Karnevalsfeiern, auch die Theateraufführung "Das Opfer" - in Regie von Pater Freckmann, in der ich die Rolle des Teufels spielen durfte. Man denke beispielsweise auch an den Biologieunterricht mit Chorgesang in der freien Natur mit Pater Hirt. Diese vielfältige Mischung gestaltete unser Leben und hat uns zu sittsamen, strebsamen, gemeinschaftsfähigen und gottesfürchtigen Menschen werden lassen, die mit missionarischem Eifer dem großen Ziel 'Afrika' entgegengehen konnten.
Nach dem Abitur im März 1954 endete jedoch für mich diese für mein weiteres Leben so wichige und tief eingreifende Zeit. Ich ging in meine Heimat zurück. Fridolin Bogenrieder, Wilhelm Dreher, Hermann Helbig und Rudolf Vogel haben mich noch zur kleinen Bahnstation von Großkrotzenburg begleitet und mir ein herzliches wie auch trauriges 'Lebewohl' gesagt.
In den folgenden Jahren meiner Berufsfindung (eigentlich war ich ja von zuhause weggegangen, um Priester und Afrikamissionar zu werden) habe ich die äußere Bindung an die Weißen Väter aufgegeben. Innerlich jedoch konnte ich die in den drei Jahren meiner Kreuzburg-Zeit gewachsenen Wurzeln nicht ausreißen. Ich behielt noch Kontakt mit einigen Freunden: Rudolf V, Hermann H. und Jochen Schulz (Abi-Jahrgang 1956), der in der Zwischenzeit in Lampertheim eine zweite Heimat gefunden hatte.
Erst 9 Jahre später (29.06.1963) brachte mich ein besonderes Ereignis wieder den Weißen Vätern näher. Mit meiner Frau war ich von Emmerich aus zur Priesterweihe der ehemaligen Kreuzburg-Scholaren aus den Abiturklassen 1956/57 nach Lampertheim gekommen. Kaum einer kann ermessen, was in mir losbrach, als mir Jochen nach seiner Weihe in der Wohnung meiner Eltern den Primizsegen spendete.
Doch wieder vergingen Jahre, in denen ich mich mehr auf mein intensives Arbeiten als auf die Weiße-Väter-Familie konzentrieren mußte. Erst als mein Freund Hermann Helbig krank aus Afrika zurückgekommen war, ging mein Blick wieder in Richtung 'Weiße Väter'. Von da an besuchte ich zusammen mit meiner Familie auch mehrmals Pater Fuchs in Trier. Schließlich war es dann Wilhelm Dreher, - meine Kinder behaupteten von ihm, der liebe Gott schaue ihm aus dem Gesicht - der mich in den Kreis der alten Freunde zurückholte.
Es war am Tag, als Hermann Helbig in Viernheim beerdigt wurde. Zunächst stand ich lange in der Kirche vor seinem offenen Sarg und sprach still mit meinem toten Freund. Dann sah ich am Altar Wilhelm und einige andere ehemalige Kreuzburger zusammen mit einem afrikanischen Bischof. Ich spürte die Bewegung in meinem Innern. Auf dem langen Rückweg vom Friedhof zur Kirche trafen sich mein und Wilhelm's Blick. Sekunden später lagen wir uns in den Armen. Weder die vielen Menschen der Trauerprozession, noch der Umstand, daß Wilhelm noch das Meßgewand trug, störten uns in diesem Augenblick. Später saßen wir, Rudolf V. und ich, noch eine Weile in Helbig's Weinstube mit den alten Freunden zusammen. Es dauerte dann nur noch kurze Zeit, bis ich erstenmals zu einem Treffen des Haigerlocher Freundeskreises fuhr. Fridolin Bogenrieder war zu der Zeit Hausoberer des Missionshauses. Ich reiste aus dem Sauerland mit der Bahn an und stieß zu meiner Freude auf der letzten Strecke mit der ’schwäb'sche Eisenbahne' auf den aus Trier kommenden Pater Fuchs.
Mein erstes Wochenende in Haigerloch wurde zu einem wunderschönen und auch tiefen Erlebnis. Ich sah nach einer langen, viel zu langen Zeit wieder viele altbekannte Gesichter, spürte ein ehrliches und brüderliches Miteinander. Ich war erstaunt darüber, daß ich nicht wie ein verlorener Sohn aufgenommen wurde, sondern als einer, der schon immer dem Kreis zugehörte.
Von da an kam ich mit meiner Frau (anfangs auch mit den Kindern) immer wieder zu den Treffen nach Haigerloch, wo nacheinander einige meiner alten Schulfreunde aus der Kreuzburger Zeit als Superioren eingesetzt waren: Fridolin Bogenrieder, Wilhelm Dreher, Hans Sauter und Reinhold Becker. Vielen 'alten Kameraden' durfte ich nach vielen Jahren und Jahrzehnten dort in froher Herzlichkeit begegnen, jetzt zuletzt nach 45(1) Jahren Josef Beck, an den ich trotz so langer Zeit eine gute Erinnerung bewahrt hatte.
Inzwischen können wir beide, meine Frau, die sich ebenfalls in der 'Weiße-VäterFamilie' sehr wohl und angenommen fühlt, und ich uns Haigerloch nicht mehr wegdenken. Die Harmonie und die Wärme, das Verständnis und das Zusammenfinden von Gleichdenkenden, die spürbare Freude, die gemeinsame Feier der Eucharistie, auch das gemütliche Zusammensein mit Klönen und Auffrischen von Erinnerungen, das alles hat eine geistige Heimat geschaffen, die wir nicht missen wollen. Nach jedem Treffen fahren wir innerlich gestärkt ins Sauerland zurück.
Wenn die Schilderung meines Erlebens von Großkrotzenburg vor weit über 4 Jahrzehnten und der dann folgenden Jahre meines 'Rückzuges' bis zu dem eben geschilderten Tag in Viernheim zu weit ausgeholt erscheinen mag, auch wenn ich in meinem Bericht zu tief in mein Innenleben habe blicken lassen, so war es mir doch wichtig, dies in diesem Umfang zu tun. Wie sonst hätte ich darlegen können, was mir Haigerloch (neben unseren Treffen auch das schöne, romantische Städtchen mit seiner herrlichen Umgebung) inzwischen bedeutet?
Mit Haigerloch hat sich für mich ein Kreis geschlosssen. Daran hätte ich vor 20 Jahren nie geglaubt. Ich bin Gott und allen, die mir zu dieser Rückkehr zu den Weißen Vätern verholfen haben, (besonders Egon Schmid und Werner Isenmann) dankbar, daß es so gekommen ist. Das macht mich für den Rest meines Lebens und auch für den Ruhestand, den ich jetzt nach einem reibungsvollen Arbeitsleben mit, an und für Menschen, angetreten habe, überaus glücklich.