Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

jochen

Eine Faszination und ihr Depot-Effekt

emp- und befunden von Jochen Schulz

Gern und wie selbstverständlich - in der Pflicht erreichtem Alter gegenüber gründeln - und graben wir tiefer als bisher im Bodensatz von Vergangenem. Warum auch nicht, macht dieses 'Weißt Du noch?' im Rückstau von Erlebtem doch neben Lust auch Sinn. Von erreichter Warte aus erfahren Schritte hinter uns wie auch ehedem eingeschlagene Wege startklärendes und zieldeutendes Hinterfragen. Werte, die einst Richtung vorgegeben und Leben geprägt haben, werden auf Effizienz und Echtheit abgeklopft, ganz nach Ergebnis auch zur Auskofferung zukünftiger Wegstrecken.

Bei aller altersbedingten Bilanzierung von Verflossenem werden exotische Lebensabschnitte besonders auffällig, jene Phasen nämlich, deren Konturen und Strukturen sich kaum mit denen anderer Zeitläufe decken lassen. Dabei sollte gelten, daß spezielle Sichtweisen (z.B. die unbelastete Optik eines Kindes) bestimmten Strecken Absonderlichkeit zuerkennen - und dies auf Dauer.

Dem, was sich da vormals tat - die jubiläums-schwangere Distanz heute legitimiert zu gepflegter Rückbesinnung - all dem, was sich vor 50 Jahren in, durch und mit Haigerloch vollzogen hat, erwächst vor dem soeben zugegebenermaßen lückenhaft skizzierten Hintergrund Profil allein schon aus dem Umstand, daß die persönliche Option damals für Haigerloch - bei heutigem Licht besehen - sich wahrlich nicht kindgenehm ausnimmt.

Der vormals subjektiv als seriös und definitiv verstandene Entschluß für eine Reise ohne absehbares Ende war fundamental lebensverändernd: Je nach persönlicher Verfassung vollzogen sich zwar unterschiedliche, aber immer riesige Einbrüche in das kindliche Gemüt von damals, z.B. ausgelöst durch den bislang ungeübten Abschied vom Ursprungsnest, durch Abkehr von bis dato Gültigem und Wichtigem, woran man, wenn man es im Bewußtsein jener Zeit befragt, nie mehr so hat anknüpfen können, wie man es denn verlassen hatte. Eine Art Verfremdung war angesagt mit Geschwistern, Freunden, ja sogar mit den Eltern, die genau wie der zukünftige junge Haigerlocher unter Erwartungsdruck gerieten. Bewunderung bei manchen, Unverständnis bei anderen Zurückbleibenden und sonstige Wechselbäder der Gefühle, womit man als kleiner Mensch damals fertig werden mußte, steigerten noch den ungewöhnlichen Charakter des 'Unternehmens Haigerloch ". Doch auch das Objekt der Entscheidung gab sich durchaus bizarr: Haigerloch als erster Schritt in das gewählte 'Lebensabenteuer Afrika'. Afrika, mit dem man sich zwar ständig und krampfhaft zu identifizieren (in Karl-May-Romantik) versuchte, aber als mit dem eher nebulösen als visionären Ziel einer ohnehin schon problematischen Seelensafari (Begeisterung auf Kommando und ohne 'Ortstermin', also ohne griffige Kenntnis wofür), und dies als und zum Preis all der zu buckelnden Veränderungen.

Eigentlich müßte man einen Psychologen mit der Ergründung dessen befassen, was allein schon eine solche Entscheidung im und für das Leben eines jungen Menschen ausgelöst und was sie an möglicherweise bis heute reichenden Zuckungen angezettelt hat. Ich mutmaße mal: Die möglichen Erhebungen könnten sicherlich einem Krimi an Spannung parieren.

Und Haigerloch selbst - die hautnahe Konsequenz der Entscheidung? Dort trassierten zum einen die totale Reglementierung, zum anderen der ausschließlich auf Gemeinsamkeit abgestellte Lebensvollzug nachhaltig einen Weg enormer Exklusivität. Der Ernst, womit die geistlichen Häuptlinge als in der Sache meist mit Eigenerfahrung bestückten Vorturner das Unterfangen in Wort und Verhalten begleiteten, tat bei deren sich erkennbar auf Opferbereitschaft und redliches Mühen stützendem - und deswegen - glaubwürdigem Einsatz (unbeschadet feststellbarer Marotten) ein übriges.

Als Miniklösterling übernahm man in Teilbereichen Verantwortung für das Funktionieren des Gesamten , absolvierte religiös / liturgische Offizien en masse, unterwarf sich Vorschriften , die sich allein schon dadurch von den Spielregeln des üblichen Zusammenlebens unterschieden , daß sie alle beim lieben Gott persönlich festgezurrt waren, dem man bei richtiger Einstellung und in strikter Observanz Freude bereitete und den Mißachtung beleidigte - dies alles in der sakramentalen Supervision der obligatorischen Wochenbeichte. Spiegel eines bestimmten Gottesbildes? - dies wohl nicht; doch Ausfluß einer umfassenden Radikal-Pädagogik allemal, und diese vorrangig ausgelegt auf das gutgemeinte Grobziel 'Anpassung' mit Fernwirkung für einen möglichst störungsfreien Ablauf auf zukünftigen, bereits abgesteckten Lebens- und Aktionsfeldern; damit letztlich für unser kindliches Wesen doch nicht so ganz ohne die Gefahr einer Grusel-Spiritualität.

Die Rückschau auf diese Anforderungen an einen noch nicht dem Kindesalter entwachsenen Menschen, bei je besonderem geschichtlich/erbmassigem Vorlauf mit im Wesen verankerten Eigenheiten, im Korsett des individuellen Entwicklungsstadiums, vor dem auch hinter Internatsmauern spürbaren Hintergrund gesellschaflsrelevanter Veränderungen (immerhin war gerade der 2. Weltkrieg zu Ende gegangen, den wir alle, so jung wir auch waren, auf irgendeine Art mitbekommen hatten), sowie im Dunstkreis gruppenbestimmender Chemie, - der Rückblick auf dies alles, in der Dichte der Umstände und auf der Plattform einer dafür inadäquaten Altersstufe, macht aus dieser Phase mehr als nur einen Erinnerungsposten neben anderen, mehr auch als nur eine abwechslungsreiche Galerie froher und ernster Betroffenheiten.

Der Blick durch die Brille meiner Lebensgeschichte folgert die Wertung: Im Zusammenwirken von persönlicher Befindlichkeit und Einstellung, von offensichtlich durchgängig wohlwollender Begleitung durch die Erzieher und von hilfreichem Flankenschutz der Mitschüler gestaltete sich diese Lebensetappe zu einer überaus prägnanten und prägenden Zeit, die sich in der Tat nicht wegstecken läßt. Doch warum auch? Müßig, - und dabei beileibe nicht fatal - da über Alternativen sinnieren zu wollen!

Ich bedauere nur - und dies, weil ich sie gern wiedergesehen hätte - daß mancher meiner mir einst liebgewordenen Mitschüler verschollen oder bewußt stumm bleibt. Verstehen läßt sich letzteres schon u.a. im Bedenken , daß ein dermaßen tief gekerbter Lebensabschnitt - auch unter Einschluß dessen, was alles er infolge davon noch zeitigte - gänzlich doch wohl noch nicht aufgearbeitet wurde. Wer läßt denn schon vorhandene Traumata freiwillig hochleben? Ähnlich deute ich die bei Begegnungen ganz selten aber immerhin (und dann ganz leise) gestellte Frage, ob denn der vor einem halben Jahrhundert ernsthaft ins Auge gefaßte Weg nicht letztlich doch der richtige gewesen sei. Die Frage mag dafür stehen, daß die Intensität der persönlichen Zielfixierung damals in ihrer engen und verpflichtenden Anbindung an die uns ständig nahegebrachte 'höhere Berufung' bis heute nicht gestattet , die erhaltenen Spuren des Haigerlocher Parcours dem eigenen Lebensweg zu schrittfestem Untergrund einzubringen.

Doch müßte das bisher eh nur bescheiden Angedachte nicht allzu einseitig bleiben ohne den Behalt jener Mitschüler, die sich mit in jener Arena getummelt haben? Die räumliche Nähe zu ihnen jeden Tag machte bald die zurückgelassenen Freunde vergessen. Sie wurden zu Eltern-, Geschwisterersatz; sie waren die neue und ganz andere Familie, unabdingbar für Leben und Entwicklung. Sie dienten als Vorbilder; sie waren auch Lieferanten abschreckender Beispiele (doch auch dann fanden sie oft noch heimlich Bewunderung). Sie machten Mut, korrigierten Fehlverhallen, gaben Lebens- und Lernhilfen. Nebenbei fungierten sie als Seelentröster (je nach Anlehnungsbedürfnis), als Ersatz-Beichtväter, oft wirksamer als die eigens dafür bestellten Profis. Manches Alltagsproblem ließ sich locker und doch verbindlich mit ihnen klären. Im Sog ihres Beispiels geriet man wie selbstverständlich in die Verantwortung für andere, zumal für Jüngere und Schwächere, die schon durch ihre Gegenwart Gleiches für sich anmahnten.

Dadurch, daß man sich rund um die Uhr, jeden Tag und Jahre lang auf der Pelle saß, lernte man sich bis in die letzten Persönlichkeitsnischen kennen. Ein diese Lebens- und Notgemeinschaft tragendes Vertrauen baute sich auf. Und dies, obwohl Intimität nicht vorgesehen war und nur stattfand in Tag-, Nacht und Albträumen. Alles war Gemeinschaft: das Essen, das Lernen, das Beten, das Schlafen. Sogar auf der Toilette stand oder saß man noch - nur durch dünne Bretter getrennt - nebeneinander. Spaziergänge fanden nur im Rudel stall. Persönliche Nähe ('Partikularfreundschaft ' hieß das Unwort dafür) war verpönt; - ob deswegen, weil der sonst durchaus jesuitisch angehauchte Lavigerie in diesem Punkt lutherische Schlagseite zeigte und der menschlichen Natur nicht allzuviel Gutes zutraute? 'Semper tres!' -jener Grundsatz, der auch dem sittlich reifen Weißen Vater in der verordneten Dreisamkeit stets und ständig gleich zwei Aufpasser aufhalst. 'Semper tres' -jene Verhaltensregel, die uns damals jedoch nachhaltig den hohen Stellenwert verdeutlichte, der den anderen (nicht dem anderen!), also dem Leben in Gemeinschaft zuerkannt war. Übrigens für uns in der damaligen Zeit genauso lebenswichtig wie für die Missionare in der Abgeschiedenheit des afrikanischen Busches, wahrscheinlich noch bedeutsamer, hat doch Nestwärme im kindlichen Alter hochvitale Bedeutung. Und diese Wärme fanden wir mit- und untereinander.

Das Leben auf engem Raum und im Gleichschritt der Umstände schweißte auf Gedeih und Verderb zusammen; dies selbst noch im Koller, den das vereinnahmende 'Kollektiv' durchaus auslösen konnte. Die Konflikte aus täglichem An- und Miteinander mit ihrer schier schicksalhaften Unausweichlichkeit waren unter der lebenserhaltenden Knute ihrer Bewältigung noch wie zusammenschmiedende Hammerschläge. Alles, was getragen hat, alles, was zu tragen war, angefangen vom lebensverändernden Entschluß für Haigerloch bis hin zum altersungemäßen, nach außen abgeschotteten, paramonastischen Gemeinschaftsleben, auch die einem strengen Internat eigene Art, Freude zu bereiten und zu erleben, gaben dieser Zeit Reichweite bis heute und ihr sie von anderen Epochen unterscheidendes Gesicht. Die bewußte Rückbesinnung darauf produziert Affinität mit Weg und Weggenossen.

Und darum finden wir uns vom 'Damals' Gleichbetroffene, leben Begegnung auch mit den wenigen, oft kaum mehr mit dem Leben kommunizierenden Erziehern (Patres und Brüder), Lehrern, Seelenführern. Nicht um abenteuerliche Kindheitsträume aufzuwärmen und weiterzuträumen: dies wäre eine Bankrotterklärung an das eigene Leben, an geknüpfte Beziehungen, an den originären Auftrag von Haigerloch; und wer es theologisch mag: an den gott-betriebenen, ureigenen Lebensentwurf.

Im Rückblick verbrämen auffrischende, lang gereifte Verinnerlichungen zurückliegende Pfade; wichtiger jedoch: sie beleben harte Lebensbausteine, indem sie deren Wert aktualisieren und ihre Bedeutung bei veränderter Lebensgeographie als eigengeschichtliche Treppenstufen noch nicht gelaufenen Distanzen anbieten. Der regelmäßig praktizierte Rückblick auf die Zeit von einst und darauf, wozu sie Fundament gab, steht gleichermaßen auch als verfaßte Anerkennung an jene Pflasterer, die diese Steine verlegt haben.

Meine bis heute ungebrochene Faszination für Haigerloch hat ihren Ursprung in der Zeit vor nun 50 Jahren. Mein Dank dafür an zahlreiche 'weise' Weiße Väter und Weggefährten bleibt zur Veranschaulichung noch exemplarisch zu belegen. Ich werde dies nach hole wenn ich das meinen interessierten Kindern gegebene Versprechen 'auf einen Blick zurück zu den 'Anfängen' einlöse.

Heute nur soviel dazu: Wie bekannt, habe ich einen breiten Streifen (immerhin 25 Jahre) an Weiße-Väter-Leben erfahren und aus Überzeugung mitgelebt. Am Beginn dieses Lebens (1947) stand Haigerloch!

Gott sei Dank, sowie Betreibern und Begleitern, wäre ich doch ohne dieses so nachhaltige Geschehen und seine Veranstalter kaum der, der ich heute bin - (glücklich)