Beinah-Liebeserklärung eines 64-Jährigen
- Werner Isenmann gesteht
Zwei Eigenschaften haben mich als Kind und Junge besonders gekennzeichnet: zum einen war ich
unbändig wild, zum anderen habe ich jeden Dreck wie ein Magnet angezogen.
Als ich im Alter von 14 Jahren meiner Mutter offenbarte, daß ich zu den Weißen Vätern wolle, hat sie
erst einmal tief Luft geholt. "Ausgerechnet du....", meinte sie, -man muß wissen: meine Mutter,
gebürtige Schwarzwälderin, war eine herzhafte Frau. Entsprechend herzhaft und deutlich war auch ihr
hier absichtlich nicht zitierter Ausdruck. "Ausgerechnet du.... ", sagte sie, "... und zu den Weißen
Vätern?/ - Na ja, dann muß ich dich wenigstens nicht in eine Erziehungsanstalt bringen!" Das war der
Start zu meiner 'Weiße-Väter-Laufbahn'.
Doch was dann in der Rückschau von heute folgte, war ein Phänomen. Die Patres, sie, unsere Lehrer
und Erzieher von damals, waren keine ausgebildeten Pädagogen. Sie verfügten über keine Kenntnisse
der Entwicklungspsychologie, von Pubertätsbewältigung, von Typenlehre, von Verhaltensmustern, von
Konflikt- Therapie... von all jenen Bereichen, ehe man heute als Pädagoge studieren muß. Und dennoch
haben wir uns sehr wohl gefühlt, haben die teilweise fast brutale Disziplin akzeptiert. Ja, dennoch
ist aus uns allen -auch aus denjenigen, die nicht bei den Weißen Väern geblieben sind - etwas
Vernünftiges geworden.
Am meisten für mein Leben habe ich bei der Lernstoffvermittlung davon profitiert, daß der Stoff des
entsprechenden Faches nicht einfach nur durchgepaukt wurde. Alles im Unterricht wurde in einen
großen Zusammenhang gestellt, wurde mit entsprechenden Hintergründen erklärt und jeweils auf Werte
bezogen - eine Lehrmethode, die heute von den Erziehungswissenschaftlern ganz hoch angesetzt wird.
Ich denke dabei nur an unseren Mathematikunterricht. Dort erfuhren wir, daß die alten Mathematiker
nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Philosophen waren. Mit den Sprachen haben wir gleich
die dazugehörenden Kulturen und Philosophien mitgelernt. Auch die Religion wurde nicht als
Imperativ, als Katalog von Geboten abgespult. Religion und ihre Werte wurden in der Gemeinschaft von
Patres und Mitschülern gelebt; sie fanden ihr konkretes Betätigungsfeld in der ganz praktischen
Verantwortung füreinander.
Dies alles mag wohl stark verklärend und sehr idealisierend klingen. Natürlich gab es auch
zwischenmenschliche Probleme - horizontale wie vertikale -, natürlich haben wir auch Streiche
gemacht, die gegen die Disziplin verstießen. Entscheidend dabei war jedoch, wie man damit umgegangen
ist.
Als ich nach einigen Jahren erkannte, daß ein zölibatäres Leben doch nicht meiner Persönlichkeit
entsprach, stellte sich die Frage: Und was nun?
Ich wollte etwas mit Menschen zu tun haben; dies deswegen, weil ich auf eine ganz andere Art und
Weise etwas vom Inhalt des Evangeliums weitergeben wollte. So wurde ich denn Sozialarbeiter beim
Caritasverband, landete also im Dienst der Kirche. Hätte ich jedoch meine Lebensschule nicht bei den
Weißen Vätern durchgemacht, hätte ich sicherlich die 38 Berufsjahre als Nichtkleriker in einer von
Klerikern bestimmten Welt nicht ohne Schaden an Leib und Seele überstanden; auch wäre ich mit
Sicherheit aus der Kirche ausgetreten. Die Weite jedoch und die interkulturelle Dimension des
Evangeliums, wie sie uns von den afrika-erfahrenen Lehrern und Erziehern vermittelt wurden, haben
mir geholfen, immer klar zwischen Kirche und Evangelium zu unterscheiden. Ich lernte ' verstehen,
daß Kirche, wie wir sie erleben und wie sie von den meisten klerikalen Funktionären praktiziert
wird, nicht immer und nicht unbedingt etwas mit Geist und Botschaft des Evangeliums zu tun hat. Ich
habe mir meinen kleinen 'WeißeVäter-Kosmos' erhalten und mir damit eine Grundlage gegeben, womit ich
dann auch all die Kompensationen (sexueller) Frustrationen mancher Leute einigermaßen ertragen
konnte.
Und nun fragen unsere Freunde, Josef Beck und Reinhold Becker, was es denn auf sich habe, daß wir
alle zwei Jahre - und dies auch noch jetzt als alte Knacker nach Haigerloch kommen. Meine ganz
persönliche Antwort darauf ist folgende: Ein Baum, der sich von seinen Wurzeln löst, geht ein!.
Darum sind diese Begegnungen in Haigerloch für mich existentiell.
Ich hoffe nur, daß viele von uns noch einige Jahre Gesundheit und Kraft besitzen werden, sich in
Haigerloch zu begegnen -auch dann, wenn der Kreis in Zukunft notgedrungen allmählich immer kleiner
werden wird.
Der Letzte möge dann die Türe hinter Haigerloch zumachen!