Was gestern Sinn und Gemüt anregte ...
- sucht Reiner Schiechtriemen
Wir unterschätzen gemeinhin de Sinnträchtigkeit eines Spruchs wie "Neckermann
macht's möglich!", den die gegenwärtige Techno- und Fluggeneration schon gar
nicht mehr kennt, weil alles selbstverständlich geworden ist. Von der Leichtigkeit
der heutigen Forlbewegungsmöglichkeiten, allenfalls durch Autobahnstaus
gebremst, profitieren auch unsere Ehemaligentreffen.
Ich brauche nicht lange nach Motiven dafür in meinem Inneren zu graben; ich
komme einfach, auch nach Haigerloch, obwohl ich gar kein Haigerlocher bin,
sondern Linz, Rietberg, die Kreuzburg und Trier durchlaufen habe... - Kurz! Zu
kurz? P.A.E (PAF ?) hat immer die mangelnde Besonderung an meinen Aufsätzen
bemängelt.
Unübersehbar sind die Ausfälle unter uns, nachdem die Generation unserer
Lehrer fast geschlossen abgetreten ist. Ich freute mich, noch unseren alten
Superior aus Rietberg, P. Albert Straub, wiederzusehen.
Manch einen von uns haben Krankheit und Zipperlein nachdenklich gemacht.
Diese sind nichts anderes als Alarmsirenen unseres Bruders Esel (um mit Br.
Eduard selig zu reden). Je länger und lauter sie heulen, desto dringlicher, etwas
zu tun; nicht einfach zum Doktor zu laufen, sondern die Verantwortung für die
Gesundheit in die eigene Hand nehmen! Entgegen dem Motto: "Doktor, hier bin
ich! Mach' mich wieder gesund, aber tu' mir nicht weh, und erwarte nichts von
mir!” Ich experimentiere seit drei Jahren mit einer Ernährungsweise, die den
Primaten abgeguckt wurde. Dazu rief mich neulich eine Affenforscherin auf, da
z.B. Schimpansen und Orang-Utans genetisch zu 98,5% mit uns identisch sind.
Mit unserem wachsenden Alter hängt es zusammen, daß viele nicht mehr
berufstätig sind. Damit sind sie auch nicht darauf angewiesen, ihren Urlaub in die
Schulferien des Sommers zu legen. Wie wäre es denn, wenn unser Treffen in die
wärmere Jahreszeit gelegt würde, sonntags begänne und den Montag als
Schwerpunkt hätte? Ich gehöre zu denen, die immer noch gerne singen, weil dies
den Bruder Esel noch mehr zum Schwingen bringt. Sicher bin ich nicht der
einzige, der das querformatige 'Lieder der Jugend' aus der Kreuzburg gerettet hat
über die vielen inzwischen durchlaufenen Stationen. Hast Du, Werner - oder sonst
jemand - noch Deine Klampfe und würdest Du sie zum nächsten Treffen
mitbringen? Wer hätte denn noch Künstlerisches anzubieten? Wenn ich mir
vorstelle, was wir in unseren jungen Jahren nicht alles auf die Beine (sprich:
Bühne) gestellt haben. Damals, als wir noch die 'Eingeborenen von Eselia' waren!
Vor knapp zwei Jahren, zu Gast bei Jupp Stamer in der Kommunität des PISAI
(Päpstliches Institut für Arabisch und Islamistik in Rom), sang ich zum erstenmal
wieder nach Jahrzehnten das 'Sancta Maria' aus dem alten Abendgebet. Den Text
dazu bekomme ich wieder spielend zusammen:
Sancta Maria, succurre miseris, Iuva pusillanimes, refove flebiles, ora pro populo, interveni pro clero, intercede pro devoto femineo sexu: sentiant omnes tuum iuvamen, quicumque celebrant tuam admirabilem maternitatem.
Seitdem singe ich ab und zu dieses rührende Lied. Schon seit langem war das alte Abendgebet dem eh verpflichtenden Abendgebet aus dem Brevier gewichen. Heute noch das zu suchen, was jetzt und früher Gemüt und Sinne anregte, tue ich für mich nicht als billige Nostalgie ab. Auch deshalb fahre ich nach Haigerloch.