Vom Strohsack, vom Stallduft an heiliger Stätte -
und anderen Episoden
- erzählt Klaus Litt
Als ich Ende Januar 19-18 zum erstenmal das Missionshaus in Zaitzkofen um die
Mittagszeit betrat, kamen gerade Schüler und Patres mit ernsten Gesichtern, das
Misere' betend, in zwei Reihen die breite Treppe herunter und verschwanden in
der Kapelle. Mein Staunen löste sich erst, als kurze Zeit später eine muntere
Bubenschar herausströmte, um die Post in Empfang zu nehmen und danach ins
Freie hinauszustürmen. Am nächsten Tag schon war ich beim Fußballspiel dabei.
In den lauen Nächten der Sommermonate ließ sich vom See im Schloßpark herauf
stets lautes Froschkonzert vernehmen, das die ganze Nacht dauerte. Kaum war
einmal etwas Ruhe eingekehrt, fing doch tatsächlich einer der Frösche erneut mit
seinem Gequäke an, wodurch sich alle anderen bemüßigt fühlten, auch ihrerseits
einzufallen.
Sofort nach der Rückkehr aus den Sommerferien bestand die erste Beschäftigung
für alle Schüler im Stopfen der Strohsäcke. Dafür lag im Hof ein riesiger Haufen
Stroh. Jeder von uns sollte möglichst recht viel davon in seinem Sack
unterbringen, der ihm ja ein ganzes Jahr lang als Matratze zu dienen hatte. Im
Laufe des Jahres wurde das Stroh im Sack dermaßen kurz und klein gelegen, bis
schließlich nur noch Häcksel übrigblieb. Wer da beim Stopfen mit Stroh gespart
hatte, lag ab Weihnachten auf dem Bettrost, was verständlicherweise nicht sehr
angenehm war.
Wenn so viele junge Menschen in einem Saal schlafen, wie wir es in Zaitzkofen
erlebt haben, geht das nicht immer ohne deutliche Begleitgeräusche. Dabei kam es
schon einmal vor, daß jemand von uns, der zu laut gewesen war, sich am nächsten
Morgen im Treppenhaus wiederfand und dann ganz verschämt sein Bett - unter
dem schadenfrohen Grinsen der anderen - wieder in den Schlafsaal zurückschieben
mußte. Das Silentium wurde dabei weitgehend eingehalten, so gut es eben ging.
Der gute Wille war auf jeden Fall vorhanden; und das genügte doch, oder nicht?
Nie wurden die Übeltäter gefunden.
Einmal wurde einem Schnarcher ein Glas Wasser in den Mund gekippt. Damit
waren wir allerdings wohl etwas zu weit gegangen. Wir merkten es sofort, als der
Junge keine Luft mehr bekam und wild um sich schlug. Sofort, unserer Schuld
bewußt, halfen wir ihm, indem wir ihm kräftig auf den Rücken klopften. Dieses
Experiment wurde nie mehr wiederholt.
Überhaupt kein Problem jedoch, einen Feuerlöscher in Marsch zu setzen, hatte
zunächst ein Mitschüler auf dem Speicher des Hauses. Probleme gab es eigentlich
dann erst, als er den Vorgang stoppen wollte. Mit ganzer Kraft drückte er gegen
die Öffnung des Feuerlöschers, konnte jedoch nicht verhindern, daß der sich
dennoch entleerte. Für uns andere war es lustig anzusehen, wie der Mitschüler
und auch ein Teil des Speichers eingeschneit waren.
An einem Sonntag, während des Hochamtes, holte mich der Bruder, der den Stall
betreute, aus der Kapelle. Er brauchte meine Hilfe, weil eine Kuh am Kalben war.
Meine Aufgabe bestand darin, das Kälbchen an einem Seil ans Licht der Welt zu
ziehen. Mit einer etwas strengen Duftnote in den Kleidern kehrte ich nach
vollbrachter Tat in die Kapelle zurück. Viele in meiner Umgebung rümpften die
Nase.
Eines schönen Tages erhielten wir ein Schreiben des für uns zuständigen
Unterrichtsministeriums in München. Darin ging es um das Verhalten bei
Bränden, vor allem um deren Verhütung. Was war der Anlaß dafür gewesen? In
der kalten Jahreszeit mußten wir Schüler während der nachmittäglichen
Handarbeitszeit Holz und Kohlen in die Räume des Hauses verteilen und auch die
Asche entsorgen. Irgendeiner von uns schüttete dabei jedoch die noch glimmende
Asche nicht in die dafür vorgesehenen Kübel, sondern in die Kohlenkiste. Mitten
in der Nacht alarmierte uns das laute Geschrei eines Paters. Mit dem Silentium
war es zunächst einmal vorbei. Der Flur stand voller Rauch. Schnell wurde die
Brandstelle ausgemacht. Auch ein Feuerlöscher war sofort zur Stelle, doch konnte
keiner damit umgehen. Der Pater schlug das Gerät mit der Spitze auf den Boden,
aber ohne den gewünschten Erfolg. Schließlich versuchte es ein Schüler mit dem
anderen Ende. Und siehe da, jetzt konnte die Löscharbeit beginnen. Viel war nicht
passiert. Ein verräuchertes Klassenzimmer und ein dunkler Fleck auf dem Holz
des Bodens blieben uns noch lange erhalten.