Mein Weg nach Haigerloch
1.Plädoyer für einen emotional/solidarischen Kraftakt
„Haigerloch“, nestbeschmutzungsfreier Sammelbegriff für die unterschiedlichsten unseren
Aufenthalt damals charakterisierenden und kommentierenden Funktionen (Haus mit besonderer Mission,
Erlebnispark, Kraftbude, Wolke 7, Trainingslager, Früh-/ oder Mistbeet, Ideologieschmiede,
Menschenveredelungsstätte, Heilanstalt, Auffanglager für Fernwehanfällige,
Haierles-Klitsche, Tränental, Tugendbeschleuniger, Gehorsamsversuchsanstalt) dieses Haigerloch
hat nun leider endgültig dicht gemacht. Wohl ließe sich jetzt spaßeshalber eine
Umfrage darüber ausloben, welcher Begriff wohl am besten klingt, nicht aber, welcher am ehesten
zutrifft, hat doch jeder von uns seine eigenen Erfahrungen in und mit dem Haus gemacht; auch
könnten die heute geltenden Beurteilungen morgen schon wieder ganz andere sein, aufgrund
veränderter Kriterien. Jede Berichterstattung ist halt immer auch Interpretation.
Es bleibt für die vor verschlossenen Toren Bedauernden, was ja unbedingt positiven Bezug zu
Haus und dem einstigen Leben dort signalisiert, immerhin eine ganze Menge gutes Erinnern an das, was
uns das Haus noch bis neulich geboten hat: Die Erinnerung an früher von Menschen und Fakten.
Und exakt dieses Erinnern nimmt Freddy nun zum Anlass seiner Bitte, dem „Wir-Bezug“, der
locker/losen Zusammengehörigkeit, die wir im Laufe der Jahre in vielerlei Begegnungen im
Gemäuer unserer Kindheit mit ganz unterschiedlichen Ritualen zuerst erlebt und dann später
zelebriert haben, altersgerecht neues Futter zu geben. Das könnte eine (kurze) Rückschau
sein, warum, wie und mit welchen Erwartungen wir damals nach Haigerloch gegangen/ gekommen sind.
So könnten wir bei historischem Objektbezug in einer Art von „imaginärem Sitzkreis“ in
Tuchfühlung bleiben zu gemeinsamer Geschichte, und damit zu uns selbst, solange dies noch geht.
Und wer dann etwa auch noch Eindrücke von ehedem in den dicken Schichten seiner vom
Gedächtnis gestapelten Ablagen aufstöbert, bitte ja nicht in den Müll damit, sondern
einfach mit dazu packen!
Der vom Alter gereifte bedächtig-genüssliche Dank der Lebens- und Leidensgenossen von
damals ist ihm gewiss - wie das Wissen darum, dass uns nicht mehr unbegrenzt viel Zeit dazu
verbleibt. Doch warum nicht uns selber einer doch sehr speziellen und ersprießlichen
Geschichte erhalten – mit der Preisgabe unserer Spezialitäten aus Haigerloch - unbeschadet, wer
sie sich zu Gemüte führt.!
2. Teil: Ich und Haigerloch
Da mich mein Leben eigentlich von Anfang an stark getackert hat, sind mir schon recht frühe
Ereignisse und Umstände wie Nähte erinnerlich geblieben. Da mein Verbleib damals in
Haigerloch ursächlich damit zusammen hängt, darf ich meine Entscheidung als kleiner Junge,
dorthin zu gehen, ausweisen als dem Zufall gedankt, meiner eigenen Geschichte bis dahin geschuldet
und von heftig belastenden kriegs- und nachkriegsbedingten Umständen beeinflusst.
Vor Haigerloch habe ich eine frühe, sonnige Kinderzeit in einer ‚Künstlerfamilie mit
ganzem Programm‘ erleben dürfen: die Mutter Schauspielerin, mein Vater Journalist und
Kinderbuchautor. Beide waren - in meiner Bewertung heute – dazu auch noch Lebenskünstler
– anthroposophischer, nonkonformistischer Prägung - also alles andere als
konservativ-katholisch. (Ich bringe dies hier so dezidiert ein, weil ich so manches davon im Verlauf
von Kindheit und Jugend innerlich verdauen und bewältigen musste). Ich sehe heute diese Zeit
damals als liebevoll, annähernd anti-autoritär und fern ab jeder religiösen Bindung.
Nach vier/fünf Jahren auf diesem erwähnten Sonnenhang fiel meinem Vater plötzlich
ein, sich scheiden und seine bisherige Frau mit zwei kleinen Kindern sitzen zu lassen. Dies hatte
zur Folge, dass meine manchmal überkandidelte Mutter sich ihrerseits von allem trennte, was sie
irgendwie an ihr Leben mit meinem Vater erinnerte. Und so landeten meine ältere Schwester und
ich in einem Waisenhaus. (Dazu nur so viel: Der Heimaufenthalt dort hat mir später eine ganzes
Menge Haigerlocher Treibens“ nicht nur leichter ertragbar, sondern in der Bewertung
‚erlösend-angenehm‘ gemacht - und hatte somit seinen Sinn, den ich allerdings erst in einer
späten Rückschau erkannt und vor allem anerkannt habe. Auf jeden Fall kannte ich mich von
Anfang an aus in vielen der geführten und nicht geführten Gruppenprozessen.)
In dieser Zeit verstarb meine Mutter – wohl an Herzeleid. Doch erst unmittelbar vor Kriegende wurden
meine Schwester und ich – quasi per Zwangsvollstreckung – der Sorge meines inzwischen wieder
verheiraten Vaters unterstellt und siedelten um vom Heim in eine andere, uns fremde Familie, in der
wir alles andere als willkommen waren, was wir auch zu spüren bekommen haben. Allerdings befand
sich im Gefolge der neuen Frau meines Vaters eine zwar leicht gestörte, doch gütige und
gläubige, junge Frau, die uns das Beten beibrachte und dafür sorgte, dass wir am Leben der
katholischen Gemeinde (Gottesdienst, Gruppenstunden etc.) teilnahmen, für mich willkommene
Gelegenheiten, meinem „Zuhause“, was ja keines war, zu entkommen. Diese Frau, die ich wegen ihrer
bigotten Art nicht mochte – sie starb später als Augustiner-Nonne in Offenburg - war immerhin
ein ganzes Stück richtungsweisend für mein Leben – wofür ich ihr bis heute dankbar
bin.
Und genau hier kommen nun die Weißen Väter ins Spiel. Ich, damals 10 Jahre Haigerloch)
wurde wegen Unterernährung nach Bad Imnau, nahe Haigerloch, „kinderlandverschickt“. Von dort
aus besuchte meine Erholungsgruppe auch den damals schon haarlosen, ausgestopften Löwen des in
Freddy’s Webseite erwähntem Afrika-Museums. Und dort habe ich dann auch sofort Feuer gefangen,
als ich auf dem Schulhof eine fröhliche Horde von Jungs - ungefähr in meinem Alter -
herumspringen sah und erfuhr, dass man sich in diesem Heim auf ein Leben als Missionar in Afrika
vorbereite. Ich wusste zwar nicht, was das war. Doch fand mein Kindergemüt die Information
dermaßen aufregend und spannend – „auch als Perspektive für mich“ ,sage ich heute, dass
ich unmittelbar danach über meinen Heimatkaplan alle Hebel in Bewegung setzte/setzen
ließ, um auch dorthin zu kommen, von wo ich einen für mich so tollen Eindruck mitgenommen
hatte. Ich muss mich wohl der Sache durchaus gewachsen gefühlt haben: Heimweh war bei meinen
häuslichen Gegebenheiten nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Ich war froh, von dort weg zu kommen.
Zudem – das darf ich spaßig vermerken – fühlte ich mich mit dem geistlichen Personal
(Patres) so was wie verwandtschaftlich liiert, war ich doch inzwischen Messdiener, der zwar nur als
„Verzierung“ im sonntäglichen Hochamt in Aktion treten durfte, aber immerhin schon mal an der
untersten Sprosse der kirchlichen Hierarchie angekommen war. Und „Afrika“ und „Mission“ – das
hörte sich für mich an wie: „Spannung und Abenteuer“ – war also eh ein Thema für
Leute wie mich, deren Sicht aufgrund ihres Alters und mangels Erfahrung noch nicht getrübt war.
Und so kam es, dass ich mit meinem Köfferchen schon ein halbes Jahr später auf ureigensten
Wunsch und auf selbsttätige Veranlassung als Mini-Missionar (so fühle ich mich in der Tat)
in Haigerloch eintrudelte.
Dort begann nun eine für mich recht abenteuerliche Reise, die sich in ihrem Verlauf
dermaßen spannend gestaltete, dass ich heute bei ihrer Nachbetrachtung meine, noch immer „auf
Strecke“ zu sein, denn Haigerloch wurde mir in der Tat – und dies bis heute – zu „meiner Heimat“.
Dies durch das Zutun der Patres und Brüder, deren Verhalten, wenn schon mal nicht in meinem
Sinne, ich - im Gehorsam erprobt und sicherlich auch manchmal mangels anderem – aushalten und oft
sogar auch verstehen konnte; wobei das Verstehen dann aber den Gehorsam eher überflüssig
machte.
Zur Heimat wurde mir Haigerloch vor allem durch das kameradschaftlich/mitbrüderliche
Miteinander mit meinen „Lebensgefährten“. Die tatkräftige Hilfe - durch erklären,
abschreiben – dies absolut nicht im Einklang mit der Hausregel (die fast himmelhoch über den
göttlichen Geboten stand!) ließ mich z.B. die durch den Ausfall von fast zwei
Grundschuljahren am Ende des Krieges entstandenen Lücken peu à peu schließen. Doch vor
allem habe ich durch diese Freunde, was sie in der Tat waren, aber eigentlich nicht sein durften,
aufbauende Akzeptanz erfahren. Ich wurde spürbar „Gleicher unter Gleichen“, was ich ja nicht
kannte. Auch bekam ich durch sie etwas ganz Geschwisterliches geschenkt, quasi ein Stück
Familie, die mir abhanden gekommen war und die ich übrigens damals in Haigerloch nie
erwähnt habe, weil ich mich ihrer schämte und auch Angst hatte, meine Daseinsberechtigung
dann zu verlieren, wenn bekannt würde, aus welchem Sündenpfuhl ich denn stammte! (Ich
vermute, mein Kaplan muss wohl beim Fragebogen über die Aufnahmebedingungen ins Missionshaus
schwer getricks haben, denn nie kam der heftige Aufnahme-Hinderungsgrund zur Sprache, dass meine
Eltern nicht kirchlich getraut waren und ich somit unehelich. Erst später (im Priesterseminar)
wurde mir dieser ursündige Zustand/Misstand, für den ich ja nun wahrlich nichts konnte,
aufs Brot geschmiert. Man hatte wohl inzwischen etwas gründlicher Aktenstudien betrieben.
Zur Frömmigkeit in Haigerloch, deren Ausübung einen recht üppigen Teil unseres
bewussten und aktiven Lebens beanspruchte, möchte ich sagen:
Ihre Bedeutung konnte ich schon als kleiner Junge an den zahlreichen und nicht enden wollenden
Gebetszeiten feststellen, die ich als zum Marschgepäck eines zukünftigen Missionars
gehörig voll anerkannt habe. Außer an Rosenmontag, da bekam ich mit der Frömmigkeit
so meine Probleme. An diesem einen Tag im Jahr, an diesem Tag, den ich in meiner kindlichen
Unbekümmertheit mit eitler Freude vereinnahmte, fiel es mir schwer, nachmittags in voller
Besetzung für die Schlechtigkeiten und Laster der unzüchtigen Menschen „da draußen“
auf die Knie zu gehen und zu beten, von denen ich meinte, weil man ihnen so viel suspekt angehauchte
Beachtung schenkte, sie kämen von einem anderen Stern (also heute Alliens!) und wollten unsere
Erde zerstören.
Doch da gab es zum Glück ja noch das „Miserere!“,
mein ganz persönlicher frommer und geliebter“ Nachtisch“, den ich zur Illustration meines
kindlichen Gemütes und dessen frommen Ausbrüchen hier zur Sprache bringen möchte.
Soviel schon vorab: Mit diesem Psalm ist meine kindliche Frömmigkeit voll auf ihre Kosten
gekommen. „Miserere me, Deus…“ diesen ellenlangen Bußpsalm rezitierten wir jeden Tag nach dem
Mittagessen in Prozessionsform beim feierlichen Gang vom Speisesaal zur Kapelle, wo wir der Toten
gedachten, vorbei an der etwas unbeteiligt dreinschauenden Büste des Nährvaters Josef.
Doch vielleicht war dies auch der einem Arbeiterpatron angemessene Gesichtsaudruck. Anfangs wunderte
ich mich darüber, dass meine gleichaltrigen Prozessionsteilnehmer dermaßen laut die
Psalmverse schmetteren, bis ich mitbekam, dass dies weniger Bußgeschrei wegen schlimmer
Vergehen war, sondern dass hier ein stimmgestützter Wettbewerb darum tobte, wer denn den
lateinischen Text des Psalmes am besten beherrschte, was zur Folge hatte, dass man den Text
möglichst hörbar seiner Umgebung präsentierte. Abgesehen davon, dass ich nie
verstanden habe, warum hier gebüßt wurde und wofür - ob denn da jemand eben zu viel
gegessen oder einem anderen etwas nicht gegönnt hatte? – also abgesehen davon habe ich diesen
feierlichen Bußgang sehr gemocht und hoch eingeschätzt. Wahrscheinlich weil ich mich da
als „Hänfling“ der ich war, nicht gerade als Mönch ersten Grades, aber doch immerhin von
der Ernsthaftigkeit her, mit der ich da unterwegs gewesen bin, als ernstzunehmenden
Nachwuchsmönch einschätzte; sagen wir mal :“als Klösterling!
Jochen Schulz 29.6.2018