Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Weihnachtsbrief von Bischof Martin Happe, 2019

Kopf

Der Herr der Heere wird auf diesem Berg
fur alle Völker ein Festmahl geben.. "
(Jesaja 25, 6)


Liebe Freunde in der Heimat,
Der oben zitierte Satz ist der Anfang der heutigen Tageslesung (Mittwoch der 1. Adventswoche) Als ich ihn heute Morgen gelesen habe, habe ich sofort an das gedacht, was augenblicklich das Leben unserer kleinen katholischen Gemeinde in Nouakchott ausmacht, Hauptstadt der Islamischen Republik Mauretanien. Die Sonntagsgottesdienste, die wir in unserer Kathedrale feiern, sind ein wenig wie dieses Festmahl, von dem Jesaja schreibt.
Die Gläubigen, die da zusammen Eucharistie feiern, kommen zwar nicht aus allen Völkern, aber ich würde sagen, dass wir bis zu 40 Nationen spielend auf die Reihe bringen. Das ergibt dann eine Versammlung von etwa 300 bis 400 Erwachsenen im Kirchenschiff und zwischen 60 und 1OO Kindern, die ihren Platz rechts vom Altar haben. Links befinden sich die Orgel und ein sehr internationaler Kirchenchor, der in den Sprachen aller Herren Länder singt. Wenn die offizielle Sprache dieser Gemeinde auch Französisch ist, gibt es auch jedes Mal die eine oder andere Lesung, Fürbitte oder Teile der Predigt in Englisch, Porlugiesisch oder einer afrikanischen Sprache.
Diese von Leben sprühenden Gottesdienste ziehen so viel Menschen an, dass wir uns entschlossen haben zum goldenen Jubiläum unserer Kathedrale zwei Seitenschiffe anzubauen um so vielen Gläubigen wie möglich zu erlauben, am Sonntag in der Kirche einen Platz zu finden Wenn man sicher gehen will, sollte man eine Viertelstunde vor Beginn des Gottesdienstes da sein. Da sind wir ùbrigens bei einer anderen Konstante angelangt. Wenn der Gottesdienst auch um 1O Uhr beginnt und bis etwa 11.30 Uhr dauert, sind viele Kinder schon um 9 Uhr da und tollen im schattigen Innenhof herum. Die ersten Erwachsenen kommen gegen 9.30 Uhr, aber viele bleiben nach der Messe, um sich mit Landsleuten oder in Gruppen mit gemeinsamen Interessen zu treffen.
Das kann ohne weiteres bis 14.30 oder 15 Uhr dauern. Für die Kinder gibt es dann ein verspätetes Mittagessen, aber als Entschädigung die Möglichkeit, weiter mit ihren Kameraden im Innenhof herumzutollen. Viele von ihnen leben nämlich in sehr ärmlichen Bedingungen in Vorstadtvierteln wo der ganzen Familie ein oder zwei Zimmer zu Verfügung stehen. Da ist nicht viel mit drauBen spielen!
Soviel zum Fest für alle Völker. Jetzt möchte ich aber noch ein paar Gedanken zum heutigen Tagesevangelium mit Ihnen teilen. Da ist auch von einem Essen fUr viele die Rede, speziell fùr "Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere Kranke". Als es anfängt zu dunkeln, wollen die Jünger sie fortschicken, damit sie sich in den umliegenden Dörfern zu essen kaufen könnten. Jesus aber sieht die Sache anders; er hat "Mitleid mit diesen Menschen". Dieser Text aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 15) hat 1948 dazu geführt, dass Kardinal Frings die Fastenaktion MISEREOR ins Leben gerufen hat. Im Jahr darauf haben alle anderen deutschen Bistümer mitgemacht. Die meisten Leute waren damals nicht reich! Aberdie Hoffnung des Neuanfangs nach dem Krieg hat sie bereit gemacht zu teilen. Ich habe vor ein paar Jahren mal in einer Radiosendung den Satz aufgeschnappt: "Die Reichen geben, die Armen teilen". Wie oft habe ich in meinem Leben feststellen können, dass dem so ist! So noch wieder im November dieses Jahres am Welttag der Armen, den unser Papst Franziskus ausgerufen hatte. Die Gläubigen unserer Josefs-Kathedrale haben den Aufruf zu spenden so ernst genommen, dass über Hundert Pakete mit Nahrungsmitteln zusammengestellt werden konnten, die dann von kleinen Gruppen unter ihren Landsleuten, aber auch an arme Mauretanier verleilt wurden.
Man muss wissen, dass der weitaus überwiegende Teil der Gläubigen, die an den Gottesdiensten teilnehnnen, Migranten ist, die als Gelegenheitsarbeiter ihr Leben fristen. Die haben nicht nur in einer Einmal-Aktion die verteilten Lebensmittel zusammengetragen, sondern haben beispielsweise auch ehrenamtlich die Anstreicherarbeiten erledigt, die bei der Renovierung der Kathedrale jetzt angefallen sind.
Und jetzt möchte ich zum Kern meiner diesjährigen Weihnachtsbotschaft kommen. Es macht mich traurig, wenn ich bei meinen Deutschlandaufenthalten immer wieder feststellen muss, dass die Kirche sich viel zu viel um sich selbst dreht und Nabelschau betreibt. Hier dagegen sind sich die paar Tausend Katholiken, die für eine mehr oder weniger langen Zeitraum Gäste der Islamischen Republik sind, bewusst, dass sie in dieser vom Islam geprägten Gesellschaft eine Rolle zu spielen haben. Es ist vielleicht augenfälliger in einer solchen Gesellschaft als es in Deutschland ist, dass man sich nicht Jünger Jesu nennen kann, wenn man nicht wie er Mitleid hat mit dem Leid unserer Mitmenschen! lch sage den Gottesdienstteilnehmern regelmäBig: "Ganz egal, was Euch hierhergeführt hat, als getaufte Christen bilden wir Ausländer die Kirche Mauretaniens! Wir haben als Aufgabe, dass weiterzuführen, was Jesus initiiert hat: Gottes Vaterliebe für alle Menschen sichtbar werden zu lassen!" Und dann fordere ich sie auf, sich in der einen oder anderen Tätigkeit unserer kleinen Kirche zu engagieren.
Da gibt es eine ziemliche Auswahl: Kinderbetreuung, Nachhilfestunden, Büchereien, Tagesstätte flür schwerbehinderte Kinder, Kurse aller Arl fUr alleinerziehende Frauen in Slumvierteln, Offene Tür fUr Flüchtlinge und Migranten und dergleichen mehr.
Vielleicht können wir uns an Weihnachten nicht darauf beschränken, das Kind in der Krippe zu sehen, sondern auch den Jesus, der nach seiner Auferstehung seinen Jüngern gesagt hat. "Wie mich derVater gesandt hat, so sende ich Euch!" (Joh. 20, 21). Das ist der Weg den ich sehe, damit auch Deutschlands Kirche wieder in Freude ihren Glauben leben und bezeugen kann!
Das sind meine Wünsche für Sie fürs neue Jahr 20201
Frohe Weihnachten wünscht


Martin Happe
Bischof von Nouakchott


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