Die Klepfer

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Öffentliche Schule - Internatserziehung

Ein Vergleich von Klaus Weiß (damals Oberstufenschüler in Stuttgart)

Als Klaus Weiß nach seinem Abgang von den Weißen Vätern von der AdK-Redaktion in Großkrotzenburg angefragt wurde, ob er bereit wäre, die Erziehung im Internat mit der an einer öffentlichen Schule zu vergleichen, hat er zugestimmt, weil er ja beide System kannte. Heraus kam ein bemerkenswertes Dokument. Aus Gründen der Lesbarkeit wurde es transkribiert.

Als ein aufmerksamer Leser dieser Schülerzeitschrift und als Ihr ehemaliger Mitschüler freue ich mich, in Ihrem wirklich ausgezeichneten Schulorgan einmal zu Wort zu kommen. Die Redaktion bat mich zu einem Vergleich zwischen der Missionsschule und einer öffentlichen Schule Stellung zu nehmen, besonders aber, im Sinne des Leitgedankens dieser Ausgabe Jugendinteressen hier und Jugendprobleme dort zu betrachten. Fünf Jahre lang habe ich selber die Freuden und Leiden eines Missionsschülers geteilt und nun besuche ich schon im dritten Jahr ein öffentl. Gymnasium.Ich hoffe daher,daß ich Ihnen ein getreues Bild von dem Leben an einer Schule draußen geben kann.
Wenn man nun einen Vergleich ziehen will zwischen Ihrer oder unserer Schule, so verbindet sich damit unwillkürlich die Frage nach dem Sinn einer Internatserziehung. Nicht selten nämlich höre ich in meinem Bekanntenkreis die Meinung, daß der Mensch durch die Erziehung in einem Internat kaum einer Vermassung entgehen könne. Andererseits ist man gerade manchmal in Ihren Reihen der Auffassung, die Jungens draußen hätten kaum die Möglichkeit, konzentriert zu arbeiten und andererseits außerdem würden sich die Lehrer die Führung der Jugendlichen nicht aus vielleicht verständlichen Gründen nicht so angelegen sein lassen wie gerade Ihre Lehrer und Patres.
Diejenigen, die einer Internatserziehung aus dem genannten Grunde skeptisch gegenüberstehen, kann ich meist ziemlich leicht von der Wirklichkeit überzeugen, indem ich ihnen den Theaterzirkel, die Konzert- und Theaterbesuche und anderes aus dem Gymnasium Africanun aufzähle, was ein Beweis ist, daß es zumindest in Ihrem Internat ein großes Gebiet an persöhnlicher und individualistischer Entfaltung gibt. Dabei übersehen sie auch oft den großen Vorteil, daß Sie zu Ihren Patres und Lehrern ein viel persöhnlicheres Verhältnis haben, als es an unseren Schulen möglich ist. Diesen Vorzug darf man nicht unterschätzen, und zudem ist er für Sie von besonderer Bedeutung, da die meisten von Ihnen dasselbe Ziel vor Augen haben im Gegensatz zu den Absolventen anderen Schulen.
Wie steht es aber nun mit den anderen Vorwürfen? Ist die Jugend an den öffentlichen Schulen wirklich nur sich selbst überlassen? Dazu möchte nur sagen, dass hier bei uns die Stadtverwaltung, das Jugendamt, und viele andere Institutionen Vorbildliches geleistet haben um der Jugend einen Weg zu ebnen, nicht nur sich geistig weiterzubilden oder ihren Neigungen undd Hobbies zu frönen, sondern sie schufen auch ausgezeichnete Möglichkeiten zur Unterhaltung und Tanz. Darüber werde ich aber nachher noch Genaueres berichten.
Zunächst möchte ich Ihnen ein Bild über die von Schülern verwalteten Institutionen an unserer Schule geben.Da ist zunächst der Schülerrat. Er hat die gleichen Aufgabenbereiche und setzt sich auch genauso zusammen wie ihre SLV. Deshalb brauche ich auch nicht näher darauf einzugehen. Daneben besteht hier noch eine Einrichtung, die an Ihrer Schule unbekannt sein dürfte, nämlich der ASK (American School Kommittee). Als seine wichtigste Aufgabe sieht es der ASK, der ganz von Schülern verwaltet wird an, jährlich einen Austauschschüler aus unseren Reihen für unsere Partnerschule in den USA zu bestimmen und dazu noch einen möglichst großen Teil des Geldes für die Überfahrt von ihm und unserem amerikanischen Gast zu beschaffen. Dafür arbeiten unsere Schüler an einem Nachmittag im Jahr als Autowäscher, Babysitter, Kellerentrümpler und anderes. Aus dem selben Grunde findet eine große Friendship-Party mit Lehrern, Freunden und Schülern statt, zu der uns die 7th Us Army ihre Band zur Verfügung stellt und deren Erlös ebenfalls dem AK zufließt. - Zu erwähnen wäre noch, dass die Schülerräte unserer Stadt zusammengeschlossen sind im Stuttgarter Schüler-Parlament, das sich tatkräftig für unsere Interessen einsetzt. Vielleicht darf ich hier ein bezeichnendes Beispiel anführen:
Als im letzten Jahr die Straßenbahn eine Tariferhöhung für Schülerfahrkarten durchsetzen wollte, rief das SSI und er AStA, nachdem eine Vorstellung beim Oberbürgermeister erfolglos geblieben war, zum Straßenbahnstreik auf Einige tausend Schüler besetzten daraufhin - Transparente mit sich führend und Flugblätter an die Bevölkerung verteilend - die Schienen, Haltestellen und Wägen der Straßenbahn während der Hauptverkehrszeit. Dadurch wurde für mehrere Stunden der gesamte Straßenverkehr Stuttgarts und der Autoverkehr in der City lahmgelegt, bis die Polizei eingriff. Es ist zwar bitter, aber um der Vollständigkeit willen muss ich berichten, dass sich die Herrn von der Straßenbahn nicht einschüchtern ließen und wir darauf hin 9 DM pro Monat zu zahlen hatten. \\ Soweit ein Überblick über die Dinge soweit sie unmittelbar mit der Schule zusammenhängen. Was macht aber die Jugend hier nach dem letzten Klingeln? Wo liegen dann ihre Interessen? Dass dann der erste Gedanke den Schulaufgaben gilt, bedürfte keiner besonderen Erwähnung. Aber wo findet man sich, nachdem man den werten Papa überzeugt hat, dass es heute unmöglich vor [? unleserlich] Uhr geht? Zu den beliebtesten Treffpunkten gehören die Jugendhäuser. Tischtennisplatten, Fotolabore und Instrumente stehen den dafür Interessierten, meist die Jüngeren, zur Verfügung. Am Abend spielen für uns Ältere "The Sharks" oder "The Firestrings" oder "The Darktown Jazz Band" (Stuttgarter Bands) oder je nachdem finden auch Theateraufführungen, Ausstellungen, Aussprache- oder Tanzabende statt.
Eine ziemlich neue Errungenschaft in unserer Stadt ist der Club Voltaire, wo sich die literarisch, philosophisch, überhaupt musisch aufgeschlossene Jugend zusammenfindet. Wer nur Unterhaltung sucht, wird Mitglied des "Young People Club" oder der "Tangente" oder besucht einfach eines der vielen Jugendtanzlokale unserer Stadt. Am meisten Beliebtheit erfreuen sich jedoch die von den Schulen und vom SSP häufig durchgeführten Tanzzüge und Riverboat Shuffles. Es würde zu weit führen, wollte ich nun alle die Interessen und Treffpunkte der Einzelnen aufzählen, zumal auf unseren Schulen, eben aus diesen Möglichkeiten heraus ein ungleich größerer Individualismus herrscht als das trotz allem in einem Internat möglich ist. So sind zum Beispiel viele in allen Arten von Vereinen als Mitglieder, andere sind aktiv beim Roten Kreuz, und etliche an unserer Schule verdienen am Abend ihr Taschengeld als Taxifahrer oder Babysitter. (Das SSP hat eigens für die Schüler einen Babysitting-Vermittlungsdienst eingerichtet).
Vielleicht darf ich am Schluss noch ein anderes Problem ansprechen, weil über dessen Auffassung und Behandlung an unseren beiden Schulen eine allzu große Diskrepanz besteht: Das Verhältnis zum anderen Geschlecht. Wie ich aus meiner Zeit im Missionshaus noch weiß und wie ich immer wieder aus Gesprächen mit Schülern des GA erfahre, werden Freundschaften, Tanzkurs, überhaupt die Fragen, die damit zusammenhängen, oft ganz übergangen oder kurz abgetan. Sie werden mir zugestehen, dass sich solche Probleme nicht lösen, indem man sie nicht zu beachten sucht. Und die gegenseitige Beziehung ist immer noch das Problem der Jugend und wird es auch immer bleiben. Vielleicht sind Sie darüber anderer Ansicht, aber es wird Sie bestimmt interessieren, wie unsere Lehrer dazu stehen. Schon in der Untersekunda ist an unserer Schule ein Tanzkurs mit der Klasse, wenn nicht gerade obligatorisch, so doch erwünscht. Das geschieht nicht nur um gutes Benehmen und Bildung zu lernen, sondern um möglichst frühzeitig ein gesundes und natürliches Verhältnis zum schöneren Geschlecht zu finden und ihnen gegenüber nicht "verklemmt" zu werden. Dieser Kontakt wird weiter offiziell gepflegt auf den jährlich stattfindende Schulbällen oder Riverboat Shuffles, die von einem Jungen- und Mädchengymnasium zusammen organisiert werden. Ich halte das persönlich auch für sehr vernünftig, aber das ist, wie gesagt, meine persönliche Meinung.
Ich hoffe, dass ich Ihnen in diesen Zeilen einen einigermaßen vollständigen Einblick in andere Verhältnisse geben konnte und hoffentlich auch etwas Verständnis weckte. Schließlich haben wir vorerst einmal das selbe Ziel vor Augen, wenn unser Weg dorthin auch über verschiedene Straßen führt.

Eberhard-Ludwig-Gymnasium
Stuttgart

Im folgenden Brief geht es vordergründig um die Rücksendung einiger Dokumente, es wird aber auch ausdrücklich erwähnt, dass der Vergleich von Klaus nicht so gut angekommen ist.